paarios

Carpe Diem

5 Tage über Bündner und Veltliner Pässe

Eigentlich war es im Herbst 2015 als Vorbereitung und Konditionstest für meine Veloreise Armenien-Iran von 2016 geplant. Schlechtes Wetter und ein früher Wintereinbruch machten damals aber einen Strich durch die Rechnung. Vergessen ging es aber nicht, und im Hinblick auf eine weitere längere Tour für 2018 schien es mir angebracht, meine Möglichkeiten zuvor doch noch zu prüfen. Und als die Wetterfrösche Ende August eine ganze Woche Schönwetter ankündigten, hiess es, schnell handeln!

21.August

Per Bahn von Sursee nach Landquart (530 m.ü.M.)und auf der ausgeschilderten Veloroute durch das Prättigau nach Klosters: die ersten 20 km auf sehr guten Velowegen und verkehrsarmen Nebenstrassen, aber ab Küblis wird es strenger. Die Route folgt in einem ständigen Auf und Ab  (mehr Auf!) der wilden Landquart, meist auf Schotterwegen, die in einzelnen Steilstücken auch mit Betonstreifen oder Rasengitter gesichert sind. Landschaftlich super, aber mit etwas Gepäck kraftraubend; einige Stellen sind zum Fahren ganz einfach zu steil! Ab Klosters-Platz auf der Kantonsstrasse über den Wolfgang-Pass (1’630 m) nach Davos.
Ab Davos (1’530 m) 15 lange Kilometer zur Flüela-Passhöhe (2’382 m.ü.M.) und rassige Abfahrt ins Unter-Engadin nach Susch (1’425 m.ü.M.). Da es trotz anderer Prognosen leicht regnet, verzichte ich auf die schöne, von früher her vertraute malerische Route jenseits des Inn und fahre auf der Kantonsstrasse bis Zernez (1’475 m.ü.M.).
Übernachten im gemütlichen und günstigen B&B Adler und feines Nachtessen im Hotel Spöl

von Küblis nach Klosters

 

Abfahrt ins Unterengadin

22.August

Start um 9 Uhr  zum Ofenpass: durch Lärchenwald, über Alpweiden und Geröllfelder und umgeben von zackigen Gipfeln eine Traumstrecke mit wenig Verkehr und ohne Steilstrecken. Der Nationalpark zeigt sich von der besten Seite! Und bei der Abfahrt von der Passhöhe  (2’150 m.ü.M.) in die Ebene von Tschierv hinunter kommt auch noch richtiges „Tremola-feeling“ auf. In Santa Maria (1’395 m.ü.M.) lohnt sich ein Spaziergang zur Besichtigung der Graffiti an den traditionellen Häusern. Schade, dass sich auch noch der Verkehr durch diese engen Gassen zwängen muss!
Die echte Herausforderung dieser Etappe beginnt erst jetzt: mit anfänglich über 15% geht es steil zum Dorf hinaus Richtung Umbrail! Zum Glück wird es aber ausserhalb der Häuser wieder „flacher“. Mit meinem Tourenvelo  mit Saccochen bin ich aber weiterhin der Exote neben den zahlreichen „Gümmelern“ mit ihren superleichten Rennvelos oder Mountainbikes. Erst vor Kurzem wurde zum Glück auch der oberste Abschnitt der Strecke asphaltiert, aber der lange Aufstieg von rund 1’100 m ist trotz einigen Trinkpausen noch schweisstreibend. Auf dem Umbrail (2’500 m.ü.M.) lohnt sich neben dem Zvieri-Plättli auch die Freilicht-Ausstellung zur Zeit des 1.Weltkriegs, als sich hier jenseits der Grenze die Front zwischen Italienischen und Österreichischen Truppen monatelang trotz ständigem Beschuss kaum bewegte. Heute verunstalten statt alter Festungsbauten Hotelkästen und Skilift-Masten den Horizont um das gegenüber liegende Stilfser Joch.

Nach den Strapazen die Belohnung: 20 km Abfahrt hinunter nach Bormio. Die Strasse ist teilweise sehr eng, einzelne Tunnels und Galerien kaum beleuchtet, Ränder ungesichert, dafür spektakuläre Tiefblicke –  und  hier führt immer mal wieder der Giro d’Italia durch? Wahrscheinlich „nur“ im Aufstieg!
Im abendlichen Bormio wimmelt es am frühen Abend von Touristen, aber im Hotel Gufo mitten in der malerischen Altstadt ist gerade noch ein Zimmer frei, und es bleibt noch genügend Zeit zu einem ausgedehnten Spaziergang und feinen Pizzocherie mit einem kräftigen Rotwein dazu.

am Ofenpass
auf dem Umbrail
hinunter nach Bormio

 

 

 

 

 

 

 

23. August

Von den Weltcup-Skirennen her ist ja Santa Catarina bekannt, aber das Tal dorthin ist ja eine Sackgasse. Auf einer regionalen Karte in Bormio entdecke ich aber, dass von dort her eine kleine Strasse über den Gavia-Pass ins Valle Camonica hinüber führt, von wo man über einen weiteren Übergang dann wieder ins Veltlin zurück gelangen kann. Also ausprobieren!
Von Bormio (1’210 m.ü.M.) gehts mit ständig wechselnden Steigungen durch kleine Dörfer und viel Wald gut 13 km in das mit Hotels,Restaurants, Ferienwohnungen, Souvenirläden und Freizeitparks voll gestopfte Santa Catarina (1’730 m.ü.M.) hinauf. Der Gavia-Pass scheint bei Gümmelern, Mountainbikern und Töff-Fahrern sehr beliebt; auf der engen Strasse sind vor allem 2-Rad-Fahrer mit und ohne Motor unterwegs. Landschaftlich ein Genuss mit Aussicht in die Talflanken mit abgelegenen Bauernhöfen und darüber Felszacken mit dem ersten (oder noch letzten) Schnee, körperlich für mich mit Tourenvelo und Gepäck und teilweise steilen Abschnitten eine rechte Herausforderung. Zum Glück habe ich  in Santa Catarina nochmals reichlich Wasser geladen! Die letzten 2 km sind endlich flacher. Die Passhöhe (2’620 m.ü.M.)mit den zwei Beizen scheint ein Radfahrer-Mekka zu sein: In der kleineren stösst man fast nur auf Vertreter dieser Sportart; die ganze Decke des Hauptraumes ist verziert mit Radfahrer-Trikots, der Giro d’Italia war ebenfalls schon einige Male hier, und wenn man den Gava 100 Mal bezwungen hat, wird man sogar Mitglied des „Cento Gava“-Clubs. Mir reicht das Eine Mal!
Die Abfahrt ins Valle Camonica ist mindestens so spektakulär wie diejenige vom Umbrail oder Stilfser Joch nach Bormio. Ab Ponte di Legno kann man 12 km durch Felder und zwischen kleinen Dörfern auf separatem Radweg gemütlich bis Incudine fahren und ist nur für die letzten 7 km bis Edolo (675 m.ü.M.) auf die verkehrsreiche Hauptstrasse. Ab hier geht es nochmals hinauf  nach Galleno (925 m.ü.M.), ein von Hotels, Läden, Ferienwohnungen, Autos und Touristen überquellender Mega-Ort. Welche Erholung, danach in rassiger Fahrt durch Wälder hinunter ins Veltlin nach Tresenda (375 m.ü.M.)sausen zu dürfen. Allerdings folgt nun der unangenehmste Abschnitt: im dichten Abendverkehr auf der Hauptstrasse bis Sondrio. Da  immer noch Touristensaison ist, finde ich nur noch im Hotel Schenatti am westlichen Stadtrand schliesslich ein Zimmer, bzw. eine Wohnung für 100 Euro!

oberhalb Santa Catarina
geschafft !
Abfahrt ins Valle Camonica

 

 

 

 

 

 

 

 

im Valle Camonica

24. August

Start mit frischen Brötchen und Espresso, danach eine Stunde Stadtbesichtigung per Velo und Weiterfahrt auf der Hauptstrasse westwärts Richtung Comersee. Nach 26 km Pause in Morbino bei frischen Trauben und Gebäck. Auf der Nordseite der Adda (Etsch) geht es auf  ruhigeren Strassen flach weiter über Dubino zum malerischen Lago di Mezzola. Hier bin ich mit 200 m.ü.M am tiefsten Punkt der ganzen Tour. Ein altes Strässchen ist als Radweg markiert und führt neben der Alten Bahnlinie mit ihren Tunnels direkt dem See entlang, der auch bei einem kurzen Bad  eine willkommene Abkühlung bringt. Ab Giumello geht es dem Damm der Mera entlang praktisch verkehrsfrei weiter bis zur Brücke von Gordona. Die Mera hat sehr viel Wasser, das aber ganz eigenartig grau ist. Erst in Chiavenna erfahre ich aus den Zeitungsschlagzeilen vom Bergsturz bei Bondo im Bergell vom Vortag. Vorerst geht der Veloweg nun aber kurvenreich und steil in die Hügel bei Prato Camportaccio hinauf. Auf der Hauptrasse ginge es viel einfacher, aber dieser Abstecher durch Naturwiesen und Gebüsch ist trotzdem lohnend.
Die malerische Altstadt von Chiavenna (320 m.ü.M) lockt zum Bleiben, aber dann wären am nächsten Tag gleich 1’800 Meter zu überwinden. Und obwohl sich nach 66 km und heissen 35 Grad langsam der innere Schweinehund meldet, trete ich doch nach eineinhalb Stunden wieder in die Pedale. Gleich zu Beginn geht es schon steil aufwärts. Nach 2 Stunden und einigen Trinkpausen erreiche ich schliesslich das heutige Tagesziel Campodolcino (1’100 m.ü.M); der erste Ort seit Chiavenna, wo die Häuser nicht an den steilen Hängen kleben, sondern sogar Platz für ein Sportfeld besteht. Entsprechend ist hier auch ein grösserer Ferienort entstanden, von wo aus auch noch mit einer Bergbahn durch einen Tunnel Madesimo (laut Werbung älteste Wintersportort Italiens) mit dem Pizzo Groppera erreicht werden kann, von wo aus Roger Schawinsky mit seinem Piratensender der SRG Konkurrenz machte. Im Hotel Europa am oberen Ende des Ortes (Corte) finde ich ein ruhiges günstiges Zimmer mit allem nötigen Komfort

Sondrio

 

Gallivaggio
(Valle San Giacomo)
am Lago Mezzola

 

 

25.August

Um 07.30 ist es noch kühl und  schattig, aber bestens für den Start zum letzten grossen Aufstieg. Auf der alten Passstrasse geht es durch den Wald zunächst zum Dörfchen Isola mit dem gleichnamigen Stausee hinauf ,um schliesslich auf 1’450 m.ü.M. vor dem Tunnel nach Madesimo wieder in die Hautstrasse einzumünden. Auch auf der Strecke zum Splügenpass folgen zunächst einige Tunnels, bevor man auf ca. 1’850 m bei Stuetta die Hochebene mit dem Stausee erreicht. Mächtige Steinhäuser prägen noch das Bild des Dörfchens Montespluga und erinnern an die Glanzzeiten des Passverkehrs. Nochmals einige steile Serpentinen, und nach 60 km ab Campodolcino ist auf 2’114 m.ü.M. die Passhöhe mit dem alten Zollgebäude erreicht. Auch hier sind neben Autos und luxuriösen Motorrädern praktisch nur Rennvelos und Mountainbikes unterwegs. Bei den einzigen Fahhrrädern mit Gepäck, die ich bei der Talfahrt kreuze, handelt es sich um E-bikes!
Die lange Talfahrt von den kühlen 6 Grad auf dem Pass in die Sommerhitze von  schon wieder über 30 Grad in Splügen lässt alle Mühen des Aufstiegs vergessen. Auf der signalisierten Veloroute geht es dem Hinterrhein entlang talwärts mit den spektakulären Abschnitten durch die Rofla- und Via Mala-Schluchten, mit Zwischenhalt in Zillis zur Besichtigung der Kirche mit der berühmten bemalten Kasetten-Decke.
Ein Abstecher über steile Schotterwege zum Kulturingenieur-Kollegen Ruedi Küntzel in Paspels treibt nochmals den Puls in die Höhe; nach Dusche und einem kühlen Bier im Schatten der Reben stosse ich in Rothenbrunnen wieder auf die Veloroute. Sie führt mit dem „Polenweg“ hoch über den Rheinauen durch Wald und schliesslich einen Golfplatz nach Domat/Ems  und Chur. Nach kurzer Irrfahrt durch die Stadt kann ich gerade noch knapp mein Velo in den Zug hissen, und schon geht es heimwärts. Zum Glück habe ich die SBB-App und kann mein Billet so noch im Fahren lösen, während ich mich vom Schweiss abtrockne . . .

letzte grosse Talfahrt !
Rheinauen bei Rhäzüns
Rofla-Schlucht

. . . und die Bilanz:
                                    eine tolle Trainings-Tour in grossartiger Umgebung

 

                                                . . .  und noch bereit für eine neue Veloreise im 2018 !                          

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

One comment on “5 Tage über Bündner und Veltliner Pässe”

  1. Salü Peter
    ich habe kurz in deiner website geschnüffelt (5-Tages-Passfahrt GR/Veltlin).
    Sehr gute Reportage -> Gratulation! (und Hut ab vor deiner körperlichen Fitness .. beneidenswert!)

Schreibe einen Kommentar zu Peter Hahn Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.