Auf Umwegen von Belgrad nach Tirana

ein Reise-Tagebuch

Balkan 2010

Kreuz und quer von Belgrad nach Tirana

Mit dem Velo einen Monat lang quer durch den West-Balkan

31. August – 30. September 2010

Eindrücke aus Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Albanien und Mazedonien
25 Etappen mit 2’000 km und 19’100 Höhenmetern, 127 Stunden im Sattel

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und für NICHT-Lesefaule geht’s hier weiter :

BALKAN 2010                    Tagebuch einer einmonatigen Reise mit dem Velo

  1. August Zürich – Belgrad (Surčin) 7.3 km / Anreisetag

Alles bereit! Statt wie vor einem Jahr mühsam das Velo in Karton einpacken und trotz Voranmeldung am Flughafen für den Transport noch nichtangekündigte happige Zusatz-gebühren bezahlen zu müssen, habe ich diesmal den leicht teureren Flug bei SWISS gebucht und erhalte dafür am Flughafen für die Fr. 110.- (Velotransport) gleich auch noch gratis eine komfortable Kartonbox, für die ich nur den Lenker gerade stellen und die Pedalen abnehmen muss. Und der Retourflug Belgrad-Zürich am 1. Oktober gehört auch schon dazu, falls ich unterwegs meine Route ab Ohrid anders wählen sollte!

Die Wetteraussichten sind für die Schweiz wie für Serbien nicht sehr verheissungsvoll: kühl, windig, zeitweise Regen, aber es kann ja nur besser werden, und der September hat sich für mich im Südosten als Reisemonat bisher bewährt.

Bei der Ankunft ist es auf dem Flughafen Belgrad zwar gerade trocken, aber dunkle Wol-ken und kühler Wind wirken nicht gerade einladend für IMG_0001beine einmonatige Velotour. Aber da ich ja für den Ankunftstag damit rechnete, gleich im nahen Surĉin eine Unterkunft zu finden, kann ich es ruhig angehen. Und nach den ersten 7 Kilometern in leichtem Regen und kräftigem Gegenwind finde ich mit meinem sehr rudimentären Serbisch-Wortschatz gleich am Rande von Surĉin ein unscheinbares Motel mit Zimmer für 25 Euro.

Zum Reisbeginn zieht es mich nach den guten Erinnerungen vom Vorjahr doch nochmals nach Belgrad, was gleichzeitig die Gelegenheit bietet, diesmal auch das öffentliche Transportsystem zu erleben. Mit einem der sehr häufigen Busse und danach einem Tram komme ich so für 42 Dinar (ca. 60 Rappen ) nach 10 km zum Hauptbahnhof der Hauptstadt. Beim Gang durch die Strassen im Zentrum kommt es mir schon fast wie ein Heimkommen vor, aber leider lädt bei diesem Wetter kein Kaffee zum gemütlichen Ge-nießen im Freien ein. So beschließe ich den Rundgang eben in einem gemütlichen Re-staurant an der Kneza Mihaila und kehre nach 22 Uhr mit einem Bus zum Hotel zurück. Meine Haltestelle finde ich nur dank Hilfe von Mitfahrern, denn die Beschriftungen der Haltestellen sind nachts nirgends zu lesen.

  1. September (Mi) Surčin – Šabac

87,4 km (mit Umwegen!) / Fahrzeit: 5.6 Std / Höhenmeter: weitgehend flach !

Die erste Etappe beginnt tatsächlich kalt und mit Regen. Also erstmals gleich das kom-plette Regenzeug anziehen, im ersten Kaffee in Surĉin einen heissen türk. Kaffee, bei der nächsten Bäckerei gleich auch noch feine Brötchen posten, und dann auf der Hauptstrasse Belgrad – Sremska Mitrovica westwärts. Im starken Verkehr werde ich von den Lastwagen ständig wieder geduscht, aber nach den ersten 10 km wird es langsam IMG_0027ruhiger, und dazu zeigen sich am Himmel erste blaue Flecken. Nur der Wind bläst mir weiterhin kräftig ins Gesicht. Schliesslich kann ich auch die Hauptstrasse verlassen und auf einer wenig befahrenen Landstrasse durch ausgedehnte Felder zur Save fahren. Zwischen den Bäumen gibt es immer mal wieder einen kurzen Blick auf die verbliebenen Altläufe des Flusses, dessen nördliche Uferbereiche ein grosses Naturschutzgebiet bil-den. Ab Obreţ ist die „Strasse“ (gemäss Karte) eine sich durch dichtes Gebüsch winden-des Strässchen von maximal 3 Metern Breite, auf dessen überwiegend belagsfreien Ab-schnitten ich slalomartig, aber nicht immer erfolgreich um die teils recht tiefen Wasserla-chen kurve und dabei immer wieder Heer von winzigen Fröschen aufscheuche, die hier ihren Frieden hatten. Nur kurz ein Betonweg mit hochbeladenen Mais-Anhängern, dann wieder einsame Pfade. In Grabovci schliesslich eine staunende alte Frau, die am Strassenrand die weidende Schweinemutter mit ihrem Nachwuchs hütet. Die Karte zeigt ab hier eine direkte Verbindung zur Save-Brücke bei Šabac, aber bei der Weggabelung fin-det sich kein Wegweiser Richtung Šabac. Also nachfragen „Nein, da ist nur ein Fussweg, mit dem Velo fahre geht das nicht!“ Aber wozu habe ich schliesslich mein geländegängi-ges Aarios? Das wird wohl gehen! Zuerst noch kurz Beton, dann Schotter, im Wald eine Verzweigung, und nach 2 km stehe ich an der Save bei einigen Ziegen und einem kläf-fenden Hund. Vorsichtiger Rückzug und bei der letzten Gabelung um eine Absperrung auf den zweiten Weg. Die Himmelsrichtung stimmt, das Strässchen ist recht gut…. , aber nach 3 km stehe ich auch hier mitten im Wald auf einem Kehrplatz vor einer Baracke; der weiterführende holprige Pfad mit Wurzeln und Bachgräben ist für ein Velo mit Gepäck wirklich unmöglich, dabei wäre doch in höchstens 2 km Entfernung die Hauptstrasse No-vi Sad – Šabac! Also zurück nach Grabovci und an den schmunzelnden Leuten vorbei zur Strasse, die weit nördlich von Šabac auch in die Hauptstrecke einmündet. Manchmal sollte man den Einheimischen eben doch vertrauen, obwohl nach bisherigen Erfahrun-gen für sie der „richtige“ Weg unabhängig von der Distanz einfach derjenige ist, den sie mit dem Auto fahren würden, selbst wenn es schliesslich eine Autobahn ist.

Die sehr stark befahrene Hauptstrasse kann ich glücklicherweise in Klenak wieder ver-lassen und so die breite Save über die Eisenbahnbrücke IMG_0038queren. Im Stadtzentrum mit seinen teilweise schön restaurierten Häusern aus dem frühen 20. Jh. finde ich in einer ruhigen Seitenstrasse auch bald ein Hotel; zwar nur ein Doppelzimmer und mit ca. 70 Franken nicht billig, aber da es schon bald dunkelt, bin ich nicht wählerisch. Nach Klei-derwäsche und Duschen folgt ein kleiner Stadtrundgang mit Nachtessen in einem fast leeren Kellerlokal. Für das kleine Privatkonzert einer 5-köpfigen Musikergruppe bedanke ich mich zum Abschluss mit einer Bierrunde und kehre müde und satt ins Hotel zurück. Die Wetteraussichten sind recht gut, und morgen geht‟s aus der Save-Ebene in das hü-gelige Tal der Drina.

  1. September (Do) Šabac – Mali Zvornik

96.2 km / Fahrzeit: 5.3 Std / Höhenmeter: ca. 80 m

Nach dem Morgenessen (in den meisten Hotels im Balkan eine Ausnahme!) schaue ich mir die Innenstadt zuerst nochmals bei Tag an und besuche auch das „Volks-Museum“. Im Kassehäuschen ist niemand, eine Putzfrau räumt mir die Treppe zu den Ausstellungs-räumen frei: Exponate aus dem täglichen Leben im 19.Jahrhundert mit starken deut-schen und k&k- Einflüssen, Arbeitsgeräte, Waffen, Gemälde von Politikern und vor allem Dokumente aus der Zeit des 2. Weltkrieges mit Aktionen der Partisanen und den blutigen Repressionen der Besatzer. Nachdenklich und erleichtert kehre ich um 9 Uhr wieder in die sonnige Gegenwart hinaus.

IMG_0042Der Himmel ist wolkenlos, aber auf der Strasse weiter westwärts bin ich wieder im kräfti-gen Gegenwind. Zum ersten Mal geht es leicht auf- und abwärts, und allmählich werden die bewaldeten Hügel des Drina-Gebietes deutlicher erkennbar. Der Verkehr ist eher mässig, und der Belagsrand ausserhalb der Fahrbahnmarkierung ist ideal für das Fahr-rad. Es hat nur wenige, langgezogene Dörfer, dazwischen Wiesen und Felder mit Mais, Tabak und Obst In Loznica decke ich mich mit Früchten, Yoghurt und Schokolade ein und schaue beim Picknick am Bachufer den Hunden zu, welche im Bach auf Rattenjagd sind. Zwei Romafrauen, die mir unbedingt die Zukunft lesen wollen, treiben mich aber schon bald wieder zur Weiterfahrt.

Zurück auf der Hauptstrasse stosse ich zum ersten Mal auf die Drina; die Abfallhaufen zwischen den Uferbäumen dämpfen allerdings die Vorfreude auf die nächsten rund 100 km, welche ich diesem berühmten Fluss nun folgen sollte. Nach einem Nickerchen im Kurpark von Banja Koviljaĉa bin ich wieder zuversichtlicher: flussaufwärts häufen sich die Ausblicke auf eine naturnahe Flusslandschaft mit Auenwäldern.

Der heutige Etappenort Mali Zvornik steht dann aber wieder in krassem Gegensatz dazu: verlotterte und vielfach leerstehende Industrieanlagen, düstere Häuser, wenig einladende Kaffees. Erst ganz am Ende zwischen Bäumen ein grosses Hotel. Doch der Parkplatz ist leer, die Eingangstüre mit Karton verklebt, und aufs Läuten reagiert natürlich auch nie-mand. Also an der Bushaltestelle nachfragen: Das nächste Hotel flussaufwärts wäre 42 km entfernt, aber 7 km zurück gibt es beim einzigen offiziellen Grenzübergang nach Bosnien tatsächlich ein Hotel. Dort kann ich denn auch mein Velo im Magazin des Ladens über Nacht einschliessen und in Ruhe ein KaraĊorĊeva mit Shopska Salat essen.

  1. September (Fr) Mali Zvornik – Bajina Bašta

98.7 km / Fahrzeit: 5.6 Std / Tagesaufstiege: ca. 640 m

Die alte Verhaltensregel fürs Essen in anderen Regionen sollte wohl auch hier schon besser befolgt werden: „Cook it, peel it, or just forget it!“ Bei den Pfirsichen am Vortag hatte ich das nicht beachtet, und das Resultat war Durchfall die ganze Nacht, dazu fast unerträgliche Hitze, die mich jede Stunde zu einer kalten Dusche zwang. Die kühlen 12 Grad zum Start tun mit deshalb richtig wohl.

Am bosnischen Ufer der Drina liegt Zvornik. Mit seinen neueren Hochhäusern, die wohl nach dem starken Beschuss währende des Bosnienkrieges erstellt wurden, wirkt es viel freundlicher als sein kleiner Bruder auf der serbischen Seite. Offenbar bietet die Stadt auch viele Arbeitsmöglichkeiten, denn an der alten Eisenbrücke herrscht dichter Fuss-gängerverkehr. Aber schon mein Griff zum Photoapparat wird von aufmerksamen Grenz-beamten sofort unmissverständlich unterbunden. Grenzübergänge sind ja sogar in EU-Mitgliedsländern des Balkans (Bulgarien/Rumänien) so tabu wie Militäranlagen, Brücken und Kraftwerke.

Morgen an der Drina
Morgen an der Drina

Dem serbischen Ufer entlang geht es zunächst steil hinauf zum Damm, der hier die Drina auf 25 km Länge staut. Im Morgenlicht mit letzten Nebelschwaden eröffnet sich eine wunderbare Aussicht über den See mit dem Dorf Divić und seiner Moschee.

Im Gegensatz zum starken Verkehr Richtung Sarajevo auf dem Gegenufer bin ich hier auf der Strasse fast immer allein und kann die Fahrt in aller Ruhe geniessen. Steile Waldhänge, einzelne Wiesen, kleine Auenwälder, nur ab und zu einige Häuser. Offene Futterspeicher, mit grossen Schieferplatten gedeckte Ställe und mächtige Heuhaufen erwecken den Eindruck einer heilen Welt aus früheren Zeiten. In krassem Gegensatz dazu aber die geradezu auffallende Gleichgültigkeit vieler Menschen gegenüber den hier doch eher seltenen Touristen. Während ich ein Jahr zuvor entlang der Donau überall auf offene und fröhliche Menschen traf, wirken die Menschen hier mehrheitlich abgestumpft und passiv. Eine Folge der düsteren Kriegesvergangenheit oder einfach der rauhen Umgebung?

In Ljubovija ist am frühen Nachmittag Zeit für Picknick und eine kleine Siesta am Drina-Ufer. Die Talsohle ist jetzt immer mal wieder breiter, die Felder mit Mais, Tabak, Beeren und Klee üppiger und die Häuser schöner. Dann folgen wieder enge Talabschnitte mit ständig wechselnden Aussichten hinter jeder Windung der kurvenreichen Strasse. Nochmals ein ausgedehnter Kaffeehalt bei Rogaĉica, und kurz vor 17 Uhr taucht neben der Strasse auch das Wahrzeichen von Bajina Bašta auf: die alte Kontrollstelle der Drina, ein Holzhaus auf einem Felsen mitten im Fluss. Im Stadtzentrum finde ich im Hotel „Dri-na“ ein günstiges und gutes Zimmer (1„900 Dinar, ca. 26 Fr.). Das Nachtessen am Drina-Ufer beschränkt sich angesichts meines Magenproblems auf eine Omelette mit Käse. Dafür kann ich die herrliche Aussicht auf den nächtlichen Fluss im Mondschein genies-sen. Schwer vorstellbar, dass nur wenige Kilometer flussaufwärts die Wärter am Stau-damm von Peruĉac keine 20 Jahre früher die Ĉetnik-Kommandeure bei Višegrad ersu-chen mussten, weniger Leichen in den Fluss zu werfen, da diese die Turbineneinläufe verstopften…..

  1. September (Sa) Bajina Bašta – Višegrad

69.4 km / Fahrzeit: 4.7 Std / Tagesaufstiege: ca. 1‘150 m

Heute kommt die erste Bergetappe. Mit Cola, Kaffee und Biskuits versuche ich zuerst einmal die Verdauung auf normal zu schalten, und dann geht‟s gleich aus der Stadt her-aus steil aufwärts durch den Tara Nationalpark, aus dichtem Morgennebel in einen wol-kenlosen Himmel. Trotz nur 20 Grad treiben mir die 800 Höhenmeter mit 16 kg Gepäck und 15 kg Velo allen Schweiss aus den Poren. Auf 1070 m.ü.M. ist nach 16 km die Passhöhe erreicht: Nadelwälder, offene Weiden, einige Ferienhäuser. Und dann folgt der erste grosse Genuss: eine fast 9 km lange kurvenreiche Abfahrt durch Tannenwälder bis zur Verbindungsstrasse Uţice-Višegrad. Ab Kremna geht es dann sanft ansteigend auf breiter Strasse Richtung Sargan-Pass hoch. Vor dem Tunnel treffe ich auch zum ersten Mal auf Radfahrer: eine serbische Gruppe mit (gepäckfreien!) Tourenvelos, die das Wo-chenende zu einer Rundfahrt durch das Gebiet des Nationalparks nutzen. Statt des Tun-nels wähle ich die alte Strasse üben den 950 Meter hohen Pass. Die jetzt praktisch ver-kehrsfreie Strasse ist zwar gut, aber immer wieder durch Schutt aus Steinschlägen be-deckt, so dass die Abfahrt bis nach dem Tunnel grösste Konzentration erfordert. Au f der Hauptstrasse dann aber kann man so richtig sausen lassen (50 km/h), dazwischen muss ich aber immer wieder anhalten, um die Aussicht hinunter in das enge Tal mit der kühn angelegten Eisenbahnlinie aufzunehmen. In Mokra Gora gibt es dazu auch noch die his-torischen Eisenbahnwagen und Dampflokomotiven zu besichtigen. Die als Erweiterung der noch unter Österreich-Ungarn erstellten „Bosnische Ostbahn“ 1925 eröffnete Schmalspurbahn verband schliesslich bis Sarajevo mit Uţice, wurde aber 1980 einge-stellt. Seit gut 10 Jahren wird sie aber als sehr attraktive Museumsbahn touristisch wie-der mit altem Rollmaterial betrieben und soll bald auch wieder bis Višegrad verkehren.

Das unwegsame Gebiet des Zlatibor-Gebirges bot sowohl im 2. Weltkrieg als auch in vielen früheren Kriegszeiten Rebellen Schutz gegen übermächtige Besatzer. So ist es denn nicht erstaunlich, dass sich hier Denkmäler und Erinnerungstafeln für vergangene Helden häufen.

Die Grenzstation zu Bosnien-Herzegowina (BiH) taucht wenige Kilometer unterhalb Mokra Gora in der engen Rzav-Schlucht auf. Neben der offiziellen Tafel von BiH erinnert kurz darauf auch eine lädierte Tafel daran, dass ich mich nun in der Republika Srpska befinde, die sich ja trotz aller Friedensabkommen weitgehende als selbständig betrachtet und von einem Zusammenschluss mit Serbien träumt. Die Spuren des Bosnienkrieges verfolgen mich denn auch ab hier bis Sarajevo. Neben wenigen neueren Häusern fallen in jedem Dorf noch die rauchgeschwärzten Hausruinen auf, die düstere Zeugen der ur-sprünglich der starken muslimischen Bevölkerungsgruppe sind. Immerhin zeigen neben gepflegten Gräbern auf muslimischen Friedhöfen auch vereinzelte neue Moscheen, dass ein bescheidener Wiederaufbau im Gange ist.

Um halb fünf erreiche ich schliesslich Višegrad. Die Drina hat hier nur sehr wenig Was-ser, was den recht trostlosen Eindruck noch verstärkt. Viele Häuser sind baufällig, auch wenn noch überall TV-Schüsseln zeigen, dass sie bewohnt sind. Der grosse Vergnü-gungspavillon am Zusammenfluss von Rzav und Drina dämmert mit zerbrochenen Scheiben vor sich hin, der Park ist völlig verwildert, nur auf dem Sportplatz vertreiben sich Kinder vergnügt die Zeit. Die berühmte osmanische Brücke, welche dem Roman des Nobelpreisträgers Ivo Andric den Namen gab, ist wirklich die einzige Sehenswürdigkeit der einst bedeutenden Stadt. Der aus der Region stammende Mehmed Pasha liess sie um 1575 in Erinnerung an seine Herkunft bauen, und mit nur geringen Schäden überleb-te sie sogar den 2. Weltkrieg. Und fast wie im Roman scheint dies Brücke noch Treff-punkt zu sein, wo die Älteren gemütlich spazieren oder auf der Kapija in der Brückenmit-te beim Schwatz hocken und die Jungen sich bei den Mädchen wichtig machen, heute aber vor allem mit heulenden Töffli oder lautem House-Gestampfe aus den CD-Geräten. Das Andric – Denkmal neben dem Brückenbeginn wird offenbar noch gepflegt. Der eben-Balkan 2010 6

falls aus dem Roman bekannte Gasthof ist auch restauriert, nur beherbergt er jetzt statt Gäste einen neuzeitlichen „Dragstore“.

Vom einzigen Hotel der Stadt gleich neben der Brücke habe ich auch am Abend eine wunderbare Aussicht auf dieses beleuchtete kulturgeschichtliche Baudenkmal, während auf der Strassenseite der Lärm von Discomusik und heulenden Töffs die Nacht be-herrscht. Die Weiterfahrt morgen wird mir leichtfallen…

  1. September (So) – Višegrad – Sarajevo

107.5 km / Fahrzeit: 6.6 Std / Tagesaufstiege: ca. 580 m

Entlang der Drina geht es auf einer grossartigen Hauptstrasse wieder flussaufwärts. Der „Partisanski Put“ wurde erst kurz vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens erstellt und folgt mit zahlreichen Tunnels und Brücken der hier wieder gestauten Drina durch eine enge eindrückliche Schlucht. Ab Ustipraĉa steigt die Strasse erstmals wieder an, die über die Romanija nach Sarajevo führt. Ich wähle 9 km weiter eine kleine Nebenstrasse, die weiterhin dem Flüsschen Praĉa folgt. Eine Tafel warnt gleich zu Beginn vor dem 20 km langen Abschnitt Mesići- Hrenovica: Allgemeine Gefahr, eng, Steinschlag, maximal 20 to, …., für mich ja ohne Bedeutung. Nachdem ich in Mesići mit der ersten Verzweigung in einer Sägerei und vor einem kläffenden Köter lande, zeigt mir ein Mann freundlich den richtigen Weg auf den richtigen Weg. Die nächsten 20 km sind die schönsten der bishe-rigen Tour: das Trassee dereinstigen Ostbosnien-Bahn, folgt als nun knapp 3 m breite Schotterstrasse mit etwa 40 Tunnels dem wilden Flüsschen. Alle Tunnels haben natürlich kein Licht, der längste misst etwa 650 Meter; und natürlich sind die Tunnels nie gerade, so dass man nur bei kurzen Tunnels überhaupt den Ausgang sehen kann. Da reicht mein LED-Licht nirgends hin, es ist einfach nur schwarz. Also Fahrrad stossen und mit der Lampe immer versuchen, die rechte Tunnelwand noch zu sehen. . Unterwegs treffe ich ein einziges Auto (Fischer) an. Dafür kommen mir aus einem der letzten Tunnels zwei junge Bosnier entgegen, von denen mir einer gleich anbietet, mich am folgenden Tag in Sarajevo zu führen. Mal überlegen.

Wie sich in Hrenovica das Tal weitet und ich wieder Asphaltstrassen antreffe, bedaure ich fast, dass dieser Abschnitt schon zu Ende ist. Für eine kurze Strecke bin ich hier wie-der im eigentlichen Bosnien. Offensichtlich erwartet man hier auch schon Touristen. Dass allerdings der Ortsplan der Streusiedlung Praĉa als „City Map“ angeschrieben ist, wirkt doch etwas zu grossspurig!

Das alte Bahntrasse ist abseits der Strasse immer mal wieder sichtbar. Der Scheiteltun-nel am Vite-Pass dient bis zur Fertigstellung eines neuen Strassentunnels denn auch wieder als mit Lichtsignal geregelte Hauptstrasse. Meinen ersten Querungsversuch hin-ter dem letzten Auto einer Kolonne muss ich nach 50 Metern aber abbrechen: die Rück-lichter verschwinden in der Ferne, und in der verbleibenden Dunkelheit wäre ich wegen den vielen Löchern mit meiner schwachen Lampe wieder zum Fussmarsch gezwungen, und dabei hätte ich bald noch den blendenden Gegenverkehr zu beachten. Während ich mich zurück beim Tunneleingang schon mit zusätzlichem Licht und einer hellen Jacke auf den nächsten Versuch vorbereite, blinkt mir ein wartender Automobilist und weist mich vor sein Fahrzeug ein. Dank ihm kann ich in der folgenden Grünphase mit bester Flutlichtbeleuchtung von hinten den Tunnel passieren. Ich zeige mich dankbar, indem ich die 2 km mit maximalem Tempo abstrample. Die lange Abfahrt nach Pale hinunter gibt Gelegenheit zum Verschnaufen. Die Tunnels verfolgen mich schliesslich noch bis Sara-jevo, nun aber glücklicherweise meistens beleuchtet. Insgesamt komme ich an diesem Tag wohl auf knapp 100 Tunnelfahrten! Im dichten Verkehr erreiche ich gegen 18 Uhr schliesslich Sarajevo und finde nach kurzem Fragen auch gleich in der Altstadt (Bašĉaršija) das Hotel Oasiz. Das Velo kann ich in einem leeren Zimmer auch sicher un-terbringen. Nach Waschen und Dusche verabrede ich mich telefonisch mit Hasan, dem jungen Bosnier vom Nachmittag, für einen Stadtrundgang am folgenden Morgen. Balkan 2010 7

Heute ist auch gerade der 27. Tag des Ramadan, einem der wichtigsten Tage im Fas-tenmonat: die muslimischen Familien strömen zu den zahlreichen Moscheen, auch die grossen Vorhöfe sind dichtgedrängt mit Leuten, die den langen Predigten der Imame zu-hören und beten. Bis weit über Mitternacht hinaus herrscht Betrieb in allen Kaffees und Restaurants der Innenstadt. Überall leuchten schon die bunten Lichterketten für Bayram, das Ende des Ramadan in drei Tagen. Hätte es Schnee, so würde ich glauben, ich sei kurz vor Weihnachten irgendwo in Spanien oder Portugal!

  1. September (Mo) Sarajevo

Stadtbesichtigungen einmal zu Fuss !

Mein bosnischer „Fremdenführer“ Hasan erscheint um halb neun im Hotel Oasiz, und wir setzen uns zunächst einmal in ein Strassenkaffee zur Programmbesprechung. Ich hätte ihn auf mindestens 18 Jahre geschätzt, aber er ist erst 16, kommt aus Hrenovica und besucht in Sarajevo eine technische Schule für Elektroniker und spricht gut englisch. Sein Vater führte als Offizier im Bosnienkrieg Flüchtlingsgruppen durch die Berge in das angeblich sichere Goraţde und kam im letzten Kriegsjahr ums Leben. Seit dem Tod der Mutter lebt er in dem abgelegenen Ort bei der Grossmutter, erledigt dort die schwerere Hausarbeit und fährt jeweils auf Mittag mit dem Bus zur Schule. Die Rolle des Fremden-führers hat er sich allerdings etwas zu leicht vorgestellt, und zu zahlreichen Fragen zur Vergangenheit und einzelnen Sehenswürdigkeiten kann er keine genaueren Auskünfte geben. Aber trotz bescheidenem Wissen gibt er sich grosse Mühe. Im Gespräch mit ihm kann ich vor allem viel über seine Herkunft und die Traditionen in seinem Dorf erfahren, was mir mehr nützt als die Attraktionen der Stadt. Gemeinsam besuchen wir den Friedhof mit der Grabstätte von Alja Izetbegoviĉ, die Gazi-Husrev-Beg-Moschee und den Markt. Und schliesslich bringt er mich auch zu einer Apotheke und erklärt dort einer Cousine mein trotz mitgenommenen Medikamenten immer noch anhaltendes Magenproblem. Ich erhalte ein „garantiert wirksames“ Medikament, kaufe aber misstrauisch doch noch ein Kohlepräparat.

Ich habe alle Mühe, Hasan am Mittag zum Abschluss wenigstens seine eigenen Ausla-gen zu bezahlen, da er partout nichts will. Aber er ist sehr dankbar für meine Tips, wo und wie er sich die für Touristen wohl nötigen Informationen beschaffen soll, hofft er doch auf Grund einer kurzen Besprechung mit der Managerin des Oasiz bereits auf künftige Führungsanfragen.

Sarajevo ist heute eine pulsierende Stadt mit unglaublichem Charme durch den Mix von Orient und Okzident. Das kühle Wetter mit kurzen Regenschauern stört mich deshalb keineswegs. Am Nachmittag besuche ich einzelne der von Hasan empfohlenen Punkte in Ruhe nochmals. Besonders eindrücklich:

– das Alja Izetbegovic- Museum mit ausführlicher Dokumentation des Bosnienkrieges und besonders auch der Belagerung von Sarajevo

– der grosse Friedhof mit ausschliesslich Opfern aus dieser Zeit

– die Ruine der Bibliothek, in welcher damals die grösste Büchersammlung Bosniens verbrannte

– die Markale (Markthalle) mit der Tafel zur Erinnerung an die Opfer des verheerenden Granat-Einschlages vom …..

– die Synagoge, heute ein Museum zur vergangenen jüdischen Tradition in Sarajevo

– die alte orthodoxe Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert

– das Museum zum Attentat auf Prinz Ferdinand von 1914

Den interessanten Touristentag beschließe ich mit einem letzten Rundgang durch die Bašĉaršija und einem kleinen Nachtessen. Hoffentlich nützt das Wundermedikament wirklich! Balkan 2010 8

  1. September (Di) Sarajevo – Mostar

135.2 km / Fahrzeit: 6.7 Std / Tagesaufstiege: ca. 1‘120 m

Nach dem teilweise regnerischen Montag strahlt am Dienstag wieder die Sonne, und ich starte nach einem letzten Spaziergang durch die Bašĉaršija gegen 10 Uhr Richtung Wes-ten. Zunächst geht es in dichtem Verkehr auf mehrspuriger Strasse durch die neueren Stadtviertel mit den bekannten markanten zwei hohen Bürogebäuden (UNIS-Türme), dem schlichten Denkmal zur Erinnerung an die Belagerung 1992 – 1995 und vielen mo-derneren Bauten aus Stahl und Glas. Die Tramlinie begleitet mich bis weit in die Vorstäd-te hinaus. Vor Ilidţa verunsichern die Wegweiser den Radfahrer, denn Richtung Mostar scheint man auf eine Autobahn zu gelangen. Der irrtümliche Abstecher gegen Ilidţa bringt mich dafür zur ersten Begegnung mit anderen Radtouristen: eine 4-köpfige polni-sche Gruppe auf dem Weg von Split nach Montenegro. Nach weiteren 5 km wird die „Au-tobahn“ dann doch zu einer 2-spurigen Hauptstrasse mit immer weniger Verkehr. Am markanten, im Bosnienkrieg heftig umkämpften Berg Igman vorbei steigt die Strasse all-mählich aus der Ebene von Sarajevo gegen den Ivan-Pass, der Wasserscheide zwi-schen Schwarzem Meer und Adria. Zum Glück gibt es kurz vor dem Scheiteltunnel eine Baustelle mit Lichtsignal. So kann ich beim Tunneleingang eine Rotphase abwarten, um dann den unbeleuchteten 650 Meter langen Tunnel nur mit etwas Gegenverkehr passie-ren zu können.

Nach kurzer Mittagspause folgt eine fast 30 km lange Abfahrt von 830 m.ü.M in das Tal der Neretva hinunter mit der Stadt Konjic auf ca. 250 m.ü.M. Vom trotz Spätsommer küh-len Sarajevo wechselt man so in das milde, tagsüber sogar heisse Mittelmeerklima. Kon-jic besticht vor allem mit einer wunderbaren Bogenbrücke über die junge Neretva, der ich die nächsten Tage bis an die Adria folgen werde. Mit kleinem Auf und Ab geht es zu-nächst gut 30 km einem Stausee mit unendlichen Seitenarmen entlang. Und die Strasse nimmt hier sicher immer diejenige Windung, die man sicher nicht erwarten würde.

Im vorgesehenen Übernachtungsort Jablanica hält mich ausser dem vorgesehenen Ho-tel nichts zum Bleiben, also ziele ich nach einer kurzen Stärkung um 16 Uhr 50 trotz vor-gerückter Zeit gleich das gut 45 km entfernte Mostar an. Ausgangs der Stadt eröffnet sich nach einem Aufstieg ein kurzer Blick auf die im 2. Weltkrieg schwer umkämpfte Ei-senbahnbrücke (Schlacht an der Neretva, 1943, Titos Partisanen gegen Deutsche, Italie-ner und serbische Tschetniks), deren Ruine als bedeutendes jugoslawisches National-denkmal auch nach dem Zerfall noch viele Besucher an-lockt.

Der heftige, warme Gegenwind macht die Fahrt zu einem ziemlichen Wettlauf gegen die nahende Dämmerung, aber trotzdem kann ich die landschaftliche Schönheit der engen Neretva-Schlucht geniessen. Gefährlich ist wieder einmal vor allem der Gegenverkehr: in Kolonnen wird an den unmöglichsten Orten überholt, und ein Radfahrer auf der Ge-genrichtung wird dabei kaum zur Kenntnis genommen. Da habe ich die Autos von hinten doch viel lieber; die habe ich immer auf dem Spiegel im Auge und mache so gegebenen-falls nach extra weit innen fahren dann noch einen Sicherheitsschlenker gegen den Rand, so dass sie mich mit deutlichem Abstand überholen.

Erst nach 35 km ohne ein Haus taucht dann kurz vor 7 Uhr doch wieder ein Dorf auf und das Tal weitet sich. Gerade mit der einbrechenden Dunkelheit komme ich im Zentrum von Mostar mit der berühmten (nach dem Bosnienkrieg wieder aufgebauten) Brücke an.

Mit freundlicher Hilfe im islamischen Informationszentrum neben der Brücke finde ich schliesslich auch das in einem Reiseführer empfohlene Musilbegovic- Haus, einen alten, traditionellen bosnischen Familiensitz, der gleichzeitig Museum und Hotel ist. Für diese Nacht ist zwar nur noch ein (für bosnische Verhältnisse!) teures Doppelzimmer frei, und erst für die zweite Nacht kann mir ein Einzelzimmer versprochen werden. Bei der Regist-rierung sieht der Chef aber, dass ich nur 4 Monate jünger bin als er. Dafür und dafür, dass ich als Radfahrer unterwegs bin (er ist früher auch Rad gefahren) und mich zudem bemühe, mich auch in seiner Sprache zu verständigen, gibt er mir das Doppelzimmer zum Preis des Einzelzimmers, das auch erst noch gleich für beide Nächte (Total 100 Eu-Balkan 2010 9

ro inkl. reichhaltiges Morgenbuffet). Darüber hinaus spendiert er mir auch noch gleich ein Bier. Alt sein hat eben schon auch Vorteile!! Das traditionelle Haus ist schlicht grossartig und wohl das schönste Hotel in Mostar: Grosses Zimmer, alles in Holz, mit Teppichen ausgeschlagen, riesiges Himmelbett, …. da könnte man träumen…

Nach den heutigen 135 km geniesse ich zunächst einfach die Dusche und anschliessend einen ruhigen Abendspaziergang durch diese Stadt mit ihren vielen Moscheen, Kirchen und engen Gässchen mit Handwerksbuden.

  1. September (Mi) Besichtigung Mostar und Ausflug nach Blagaj

27.0 km / Fahrzeit: 1.3 Std / Tagesaufstiege: ca. 50 m

Wieder einmal habe ich zu üppig gegessen, dazu ist es für mich schon ungewohnt heiss, und die Fernbedienung der Klimaanlage im Zimmer bekomme ich überhaupt nicht in den Griff. Ein Tag Erholung ist also sicher gerade recht.

Der Hausherr hat mir bereits am Vorabend einen Abstecher in das etwa 12 km entfernte Blagaj mit seinem Derwisch-Kloster empfohlen. Da das Dorf am Rande der hier breiten Talebene liegt, benutze ich für den Abstecher auch wieder das Velo. Das Kloster liegt hinter dem Dorf am Fuss einer gut 500 Meter hohen fast senkrechten Felswand direkt am Ufer der Buna, die hier als eine der grössten Karstquellen mit 43 m3/sec direkt aus dem Berg tritt. wurde von im 16. Jh. liess Sultan Mehmet-Khan die Tekija („Kloster“) für den Sufi-Orden der Khalwatyyah bauen, die hier bis 1952 lebten. Heute kommen Vertreter des Ordens noch an 3 Tagen pro Woche hierher zum Gespräch und Gebet. Zum Glück ist heute gerade kein solcher Tag, so dass ich das verbliebene Wohngebäude mit allen möblierten Räumen besichtigen kann. Mit der eindrücklichen Umgebung ist es heute ein Ort der totalen Ruhe und Erholung. Im Sommer dürfte allerdings der Strom von Besu-chern der benachbarten Restaurants am Buna-Ufer diese Ruhe erheblich stören.

Auf dem Weg zurück Richtung Dorf folge ich noch einer Hinweistafel zum Velagic-House: auf einem Treppenweg gelangt man zu dieser sehr gut erhaltenen Residenz am Buna-Ufer mit historisch möbliertem Wohnhaus, verwinkelten Nebengebäuden, einem Gäste-haus auf einer idyllischen Flussinsel. Die Familie pflegt immer noch die traditionelle Ho-nigproduktion. Bei einem Glas Tee ergibt sich mit einem jungen Velagic auf französisch eine anregende Diskussion um die jüngste Vergangenheit in Bosnien und insbesondere auch das Versagen des Westens. Auch wenn man vielerorts einen gewissen Auf-schwung feststellen kann, in den Menschen werden die Wunden noch lange Folgen zei-gen.

Zurück in Mostar nutze ich den Nachmittag zu ausgiebigen Spaziergängen und Besichti-gungen. Beidseits der wieder aufgebaute Neretva-Brücke konzentrieren sich Restaurants und Souvenir-Shops. Die Zerstörer dieser Brücke (November 1993) sollte man schon alleine wegen ihrer Dummheit lebenslang einsperren, denn sie ist heute die Hauptattrak-tion und sorgt für einen gewaltigen Touristenstrom. Dafür sorgen auch die Männer, wel-che nach eifrigem Geldsammeln mit Kopfsprung von der Brückenmitte 19 Meter tief in die tiefblaue Neretva hinab springen. Die Teilung der Stadt ist deutlich sichtbar: auf der vorab kroatischen Seite stehen die mächtigen Kirchen und auch einige moderne Schul- und Verwaltungsgebäude, auf der bosnischen Seite vor allem ältere Gebäude und die Moscheen mit ihren schlanken Minaretten (gute Aussichtstürme!). Im Hinblick auf Bay-ram sind die meisten Gräber auf den Friedhöfen mit Blumen geschmückt. Auf dieser Stadtseite finden sich zwischen instand gestellten Häusern auch noch zahlreiche Ruinen, aus denen inzwischen Bäume wachsen. Das Musilbegovic- Haus ist denn auch eines der wenigen historischen Gebäude, welches den Krieg unbeschadet überstanden hat. Nach einer ausgiebigen Besichtigung der Räume dieses Hauses bin ich besonders glücklich, in diesem lebenden Museum wohnen zu dürfen.

Wie schon in Sarajevo trifft es einen der seltenen Schlechtwettertage glücklicherweise auf einen Ruhetag: am Nachmittag wechseln ständig Sonnenschein und Regenschauer. Balkan 2010 10

Trotzdem reichte es am Abend für ein Nachtessen auf einer Terrasse über der Neretva mit Blick auf die beleuchtete Brücke und die mächtigen Mauern der Häuser am bosni-schen Ufer. Von einem deutschen Touristenpaar erhalte ich dabei auch noch einen guten Tip für Dubrovnik: Übernachtung in einem Frauenkloster gleich vor den Stadttoren. Mor-gen geht es also weiter Richtung Kroatien mit der dalmatinischen Küste.

  1. September (Do) Mostar – Neum

83.1 km / Fahrzeit: 4.6 Std / Tagesaufstiege: ca. 170 m

Heute ist Bayram, das Ende des Ramadan und damit einer der grössten Festtage. Zum ersten Mal weckt mich der Ruf des Muezzin um 05.30 Uhr. Im Fernsehen wird seit dem frühen Morgen ein Konzertanlass aus Sarajevo mit hunderten von Musikern und Sän-gern, ein interessanter Mix aus Tradition und Moderne. Überall gehen die Leute mit Blu-men zu den Gräbern.

Für mich beginnt der Tag wieder mit einem reichhaltigen Frühstücks-Buffet (eine Rarität im Balkan!)im Musilbegovic- Haus, und um 9 Uhr geht es wieder aufs Velo. Am Vorabend habe ich es gründlich gereinigt und Ketten und Kränze geölt: es läuft wieder „wie ge-schmiert“. Und auf einem kurzen Abschnitt gibt es sogar parallel zur Hauptstrasse einen Radweg! Mostar liegt schon fast auf Meeresehöhe (etwa 50 m.ü.M.) Und ab Mostar bin ich definitiv im Mittelmeerklima gelandet. Dies zeigt sich schon an den Verkaufsständen entlang der Strasse: Verkauften die Kleinbauern bis Jablanica an ihren improvisierten Ständen Honig, Beeren, Tomaten und etwas Pflaumen, sind es nun vorwiegend Trau-ben, Feigen und Melonen.

Nach Buna, wo der gleichnamige Fluss nach nur 9 km Länge in die Neretva mündet, zwängt sich die Neretva nochmals durch eine Bergkette. Bevor sich vor Ćapljina wieder eine weite Ebene öffnet, ist am Westufer noch die mittelalterliche Stadt Pociteli mit ihren nach dem Bosnienkrieg (hier waren es jetzt die Kroaten, die sinnlos zerstört haben) schön restaurierten Häusern zu besichtigen. Immer häufiger wehen nun am Strassen-rand kroatische Fahnen: in der zweiten Phase des Bosnienkrieges herrschte hier eben-falls ein oft brutaler Sezessionskrieg gegen die zuvor verbündeten Bosniaken, und kroa-tische Anführer werden mit Denkmälern verehrt. In Ćapljina beschließe ich, statt der Hauptstrasse bis zur Grenze zu folgen einmal die kleine Nebenstrasse zu nehmen. Die-se erweist sich allerdings als eher gefährlicher: Viele Schlaglöcher, Kurven und an Rad-fahrerungewohnte Automobilisten fordern höchste Konzentration! Neben einer total ver-rosteten Brücke über die Neretva (da der Bus auch noch drüber fährt, wird sie wohl auch mich noch tragen können!) geniesse ich eine Mittagsruhe, bevor es wieder auf die Hauptstrasse und zur Grenze geht.

Ab Metković, der ersten kroatischen Stadt, ist die Neretva schiffbar, ab und zu verkehren Frachtschiffe. Die Stadt Opuzen mit ihrem schlanken Kirchturm sieht aus der Ferne schon wie eine der bekannten kroatischen Küstenstädte aus den Ferienprospekten aus. Da es aber erst 15 Uhr ist und eigentlich nichts besonderes zu sehen gibt, beschliesse ich, den kleinen Pass an die Küste gleich noch hinter mich zu bringen. Sollte tatsächlich wie nach Prognose schlechtes Wetter kommen, so muss ich dann wenigstens nicht noch mit Regenschutz Sauna spielen, es ist nämlich mit gegen 30 Grad schon tropisch ge-nug.

Im Aufstieg sieht man weit über die von Bewässerungskanälen durchzogene Küstenebe-ne der Neretva mit den intensiven Obstkulturen (v.a. Mandarinen). Auf der „Passhöhe“ treffe ich nach Sarajevo zum ersten Mal wieder auf Radtouristen. 3 Österreicher, die mit dem Bus nach Mostar gekommen sind und nun der Küste folgen wollen; 2 Fahrradkurie-re und ein Fussballer. Der Fussballer muss allerdings mangels Kondition in Dubrovnik schon abbrechen und heimkehren: keine Ausdauer!

Ich fahre noch bis Neum und übernachte somit schon wieder in Bosnien- Herzegowina. Dieser schmale Küstenstreifen bringt es auf seiner Hauptstrasse mit allen Windungen Balkan 2010 11

gerade mal auf knapp 9 km. Der einzige Küstenort Bosniens hat neben gewaltigen Ho-telkästen, vielen “Apartmani” und Ferienhäusern vor allem einige Läden wo alle Auslän-der einkaufen, da Kroatien viel teurer ist als Bosnien. Mir genügt ein ausgedehnter Spa-ziergang durch diese Wunderwelt zum Strand hinunter für ein feines Nachtessen und wieder ein Verdauungsspaziergang hinauf zum Hotel Zuzana.

  1. September (Fr) Neum – Dubrovnik

71.2 km / Fahrzeit: 3.7 Std / Tagesaufstiege: ca. 690 m

Seit dem kurzen Pass vom Vortag folge ich nun bis Dubrovnik der Küste, nach Plan heu-te noch gemütliche 70 km. So gemütlich wie erwartet wird es allerdings nicht, denn an der steilen Küste geht es ständig auf und ab. Zudem hat es auf der „Magistrale“ viel Ver-kehr, vor allem Cars, Wohnmobile und PW‟s mit Wohnwagen. Es ist eben immer noch Feriensaison, und von der in der Karte vermerkten Autobahn von der slowenischen Grenze bis Dubrovnik ist an beiden Tagen nichts zu sehen. Aber trotz Verkehr und an-strengenden Aufstiegen kann ich mich immer wieder über die Aussicht freuen: pittoreske Föhren und unbekannte Sträucher mit dekorativen Samenkapseln vor dem blauen und grünen Meer mit den unzähligen Inseln, Buchten mit Muschel- und Fischzuchten, die Kleinstadt Ston auf der Halbinsel Pelješac mit der über 5 km langen Festungsmauer, die von den Dubrovnikern im 14.Jh. von Ufer zu Ufer über die Berghänge gebaut wurde und so die Halbinsel absperrte. Bei einem Kaffeehalt bei Doli kreuze ich eine Gruppe italieni-scher „Gümmeler“, die mit ihren Rennvelos von Dubrovnik zum Wallfahrtsort MeĊugorje in der Nähe von Mostar unterwegs sind (natürlich ohne Gepäck, dafür mit Begleitfahr-zeug). Ich ziehe meine gemütliche Reiseart vor, wo ich jederzeit anhalten, schauen, pho-tographieren und ruhen kann. So schalte ich denn rund 30 km vor meinem Tagesziel an einer Bucht mit Kiesstrand auch eine längere Pause ein und geniesse mein erstes Bad im glasklaren Wasser.

Die Erfrischung ist bei gegen 30 Grad und weiterem Auf und Ab von kurzer Dauer. Über die moderne Tudjman- Brücke und einem letzten Aufstieg komme ich kurz nach 3 Uhr schweissnass über der Stadt Dubrovnik an und zwänge mich durch stockende Kolonnen in die Stadt hinunter. Das von dem deutschen Paar in Mostar empfohlene Frauenkloster finde ich tatsächlich direkt gegenüber dem imposanten Hotel Hilton-Imperial. Ja, Zimmer hat es, 150 Kuna (ca. 27 Franken) pro Nacht. Bei dieser Lage muss ich zusagen, auch wenn mein Zimmer leider nicht auf den ruhigen Klosterhof, sondern zur lärmeigen Stras-se hinaus liegt. Dafür kann ich meine Wäsche direkt dort vors Fenster hängen und gut abtropfen lassen. Für die Passanten ist das Regen, es tröpfelt ohnehin gerade wieder.

Dubrovnik überquillt von Touristen!! Eigentlich eine wunderbare Stadt voll historischen Bauten, vollständig eingefasst mit wuchtigen Stadtmauern von gut 2 km Länge, der Zu-gang von der Landseite nur durch 3 monumentale Tore, ….. aber in dem Touristenge-dränge findet man kaum ein Durchkommen! Ich geniesse zunächst einmal ein grosses und langes Bier am Hafen und behalte mir die Besichtigungen für Samstag vor. Für heu-te gehe ich nur noch zu einer Folklore-Darbietung beim ehemaligen Lazarett: sehr gut, aber wegen dem wieder einsetzenden Regen leider in einem heissen Saal statt im lau-schigen Innenhof.

11 September (Sa) Besichtigungstag Dubrovnik

(mein Aarios hat Ruhetag vor den kommenden Bergetappen!)

Bereits um 8 Uhr morgens laden die Reisebusse wieder Heerscharen von Touristen vor dem mächtigen Stadttor aus. Ich löse bei der Tourist Info gleich ein Billet für den einstün-digen „City walk“ und erlebe so in einer kleinen Gruppe einen interessanten Spaziergang durch die Altstadt mit vielen Hintergrundinformationen. Die ursprünglich auf einer Insel Balkan 2010 12

mit Eichenwald („dub“) gegründete Siedlung wurde bereits im 12.Jh. durch Zuschüttung der Meerenge mit dem Festland verbunden (heutige Hauptgasse „Stradun“). Mit der „Dubrovnik Card“ habe ich anschliessend auch Zugang zu diversen Museen sowie zum Rundgang auf der mächtigen Stadtmauer. Von hier oben bieten sich ständig wechselnde Ausblicke über stille Wohnquartiere, enge Gassen mit kleinen Geschäften, die grossen Plätze mit Kirchen und Palästen sowie über den Hafen mit mächtigen Kreuzfahrtschiffen und die Insel Lokrum. Die Stadtbefestigungen mussten sich allerdings über die Jahrhun-derte der autonomen Stadtrepublik Ragusa hinweg nie wirklich bewähren: mit geschick-ter Diplomatie konnte sich dieses Handelszentrum sowohl die Türken als auch Venezia-ner und Bourbonen auf Distanz halten; mit grossen Ketten wurde es auch den Piraten verunmöglicht, in den Hafen zu gelangen. Der Reichtum sammelte sich so über lange Zeit an und fand in den Kirchen und Prachtbauten einen bleibenden Ausdruck. Die im 15.Jh. vom Neapolitaner Onofrio della Cava erstellte Wasserversorgung belieferte die Stadt mit Wasser aus einer 12 km entfernten Quelle (Onofrio Brunnen beim Pile –Tor), und in den in den Fels geschlagenen riesigen Kornspeichern („Rupe“, im Ethnographi-schen Museum zu sehen) konnten Getreidevorräte für ein Jahr gelagert werden. Erst mit Napoleon fand diese Blütezeit ein Ende. Wohl am meisten hatte diese als UNESCO Weltkulturerbe aufgeführte Stadt in der Zeit des Kroatienkrieges 1991-92 gelitten, als sie während 9 Monaten belagert und von den Bergen und vom Meer her beschossen wurde. Auch wenn heute alle Schäden behoben sind, so halten doch eindrückliche Bilder und Filme die Erinnerung wach. Sehr interessant ist auch die Plakatausstellung im Ethnogra-phischen Museum, welche den kroatischen Nationalismus der Ustascha und den Kampf von Titos Kommunisten zwischen 1935 und 1955 dokumentiert.

So klappere ich fast alle Sehenswürdigkeiten der Stadt ab, bei Sonnenschein und Hitze in den Straßen und Plätzen, bei Regenschauern wieder in einem der Museen. Ein Schwarzes Risotto mit einem halben Liter guten Rotwein beschliesst in einem engen Gässchen den langen Sightseeing-Tag. Laut Internet sind die Wetteraussichten für die kommenden Tage wieder sehr gut, so dass ich mich doppelt auf die wieder ruhigeren Tage in Montenegro freuen kann.

  1. September (So) Dubrovnik – Nikšić

104.3 km / Fahrzeit: 6.9 Std / Tagesaufstiege: ca. 1‘210 m

Eigentlich wolle ich wegen der längeren Etappe und den Aufstiegen in der kühlen Mor-genfrische starten, aber ich habe am gestern um Mitternacht mein Notizbüchlein am In-ternet liegenlassen und muss deshalb bis zur Öffnung der Tourist Info um halb neun war-ten, während bereits wieder neue Touristenströme die kurze Ruhe stören. So komme ich in der strahlenden Morgensonne schon beim Aufstieg zur „Magistrale“ hinauf wieder ins Schwitzen. Trotzdem bin ich froh, nach einigen Kilometern auch den dichten Verkehr ver-lassen zu können. Ein Wegweiser nach Trebinje fehlt zwar (wohl auch eine Nachwehe des Krieges!), aber die angegebene Distanz von 27 km dürfte wohl für diese Stadt in der (ehemals?) feindlichen „Republika Srpska“ gemeint sein. Fast ohne Verkehr geht es auf sehr guter Strasse aufwärts über Brgat Richtung bosnischer Grenze. Die fast baumlosen Hügel weisen zwischen den Kalkfelsen nur etwas dürres Gras, einzelne Büsche und ab und zu eine Föhre auf, im Talkessel zur Bucht von Cavtat liegen kleine Dörfer. 11 km nach dem Start kommt der kroatische, 500 Meter weiter der bosnische Grenzposten, und bei km 14 erreiche ich schliesslich auf 400 m.ü.M. den höchsten Punkt der Bergkette. Durch eine einsame Karstlandschaft windet sich die Strasse mit kurzen Gegensteigun-gen allmählich in das fruchtbare Popovo Polje mit seinen ausgedehnten Rebkulturen hinab. Trebinje bemüht sich offensichtlich um etwas touristische Attraktivität: Reste der Stadtmauern werden instand gestellt und mitten drin steht auch eine intakte Moschee, obwohl die Bevölkerung seit dem Bosnienkrieg fast nur noch aus Serben besteht und die osmanische Brücke über die Trebišnjica seither einen serbischen Namen trägt. Nach Balkan 2010 13

einem kurzen Rundgang und einem kräftigen „domaĉa kafa“ (der türkische Kaffee hat sich über alle ethnischen Konflikte in ganz Südosteuropa gehalten!) decke ich mich in einem grossen Kaufhaus mit Proviant ein. Auf der Weiterfahrt entlang dem gestauten Fluss regnet es immer mal wieder; man weiss nie, ob man besser mit Regenjacke und –hose schwitzen oder leicht durchnässt frieren soll. 15 km weiter ist es aber definitiv Schluss mit frieren: in weiten Kurven geht es von 300 m.ü.M. aufwärts, und dazu scheint immer kräftiger die Sonne. 12 km weiter kündigt eine grosse Tafel mit EU-Flagge den Grenzposten an, und nach einem Kilometer zeigt sich die EU in ihrer ganzen Pracht: von der bisherigen zweispurigen Strasse wird man auf eine kleine Ebene hoch geführt, wo eine gigantische mehrspurige Zollstation mit riesigem Lastwagenparkplatz auf Kunden wartet. Heute ist weit und breit kein Fahrzeug in Sicht, mein Pass bringt den Grenzbeam-ten wenigstens eine kleine Abwechslung. Offenbar rechnet die EU nicht in absehbarer Zeit mit einer Aufhebung der Grenzen in diesem Gebiet, dass sie sich derart in dieser abgelegenen Ecke des Balkans engagiert! Wieder auf der ursprünglichen Strasse folgt 500 m weiter der montenegrinische Grenzposten mit grossen Willkommenstafeln. Die Beamten überreichen zur Begrüssung eine kleine Übersichtskarte des Strassennetzes von Montenegro mit den wichtigsten Verkehrsregeln und einigen drastischen Unfallbil-dern. Hoffentlich bleibt es die kommenden Tage bei den Bildern! Die Landschaft macht dem Landesnamen alle Ehre: Schroffe Felsen (zwar nur grau, nicht schwarz), tiefe Täler, ein richtiges Bergland. Auf 1„034 m.ü.M. erreiche ich mit dem Ilino Brdo den höchsten Punkt für heute. Die Strasse ist ausgezeichnet, und trotz einigen Gegensteigungen wird die Fahrt durch die Hügellandschaft zu einem wahren Genuss. Nur in der letzten Abfahrt zum Slansko-See kurz vor Nikšić wird mir der Weg von einem äusserst aggressiver Hund versperrt, der hier seine Ziegen und Schafe zu verteidigen glaubt. Natürlich ist mein Ult-raschall-Hundeschreck irgendwo unten im Gepäck, und so bin ich sehr froh, dass gerade ein grosser Lastwagen kommt, in dessen Schutz ich an der Blockade vorbei komme.

Es dämmert bereits bei der Einfahrt in die zweitgrösste Stadt von Montenegro. Ich habe zwar einen Hotelnamen notiert, aber keine Ahnung, wo das sein könnte, und ein Stadt-plan ist auch nirgends zu sehen. Also mit den paar Worten serbisch einfach fragen! Und einmal mehr erlebe ich die Freundlichkeit dieser Menschen. Der Mann erklärt mir nicht nur den Weg, sondern führt mich auch gleich noch zum Hotel und erklärt, wo ich an-schliessend ein Restaurant finden kann. Das Hotel „Sindĉel“ ist gut, ruhig gelegen und doch fast im Zentrum. Zwar muss ich ein Doppelzimmer (45 Euro) nehmen, aber es ist gut eingerichtet und vor den nächsten strengeren Etappen schätze ich vor allem gute Dusch- und Waschgelegenheiten. Eigenartigerweise hat ja Montenegro den Euro als Währung, ohne selber dabei zu sein. Die bekannten Auswirkungen bez. Preisen hat es dennoch: es ist deutlich teurer als die übrigen Balkanländer, aber für Schweizer Verhält-nisse eben doch noch billig (ein solides Nachtessen 10 – 12 Euro, Espresso 60 Cent, …)

  1. September (Mo) Nikšić – Pluţine

70.8 km / Fahrzeit: 4.6 Std / Tagesaufstiege: ca. 770 m

Nach 10 Tagen und bald 900 km ist vor den kommenden Bergstrecken ein kleiner Servi-ce angebracht. Im Garten vor dem Hotel kann ich das Velo gründlich reinigen und wa-schen und Kette und Kränze ölen. Schien die Stadt am Vorabend nach 22 Uhr fast aus-gestorben, so herrscht jetzt um 9 Uhr morgens ein Riesenbetrieb. Statt dem frühen Start streife ich darum zuerst durch den Markt mit seinem reichhaltigen Angebot von Obst, Gemüse und Honig und leiste mir am zentralen Freiheitsplatz mit der Reiterstatue des montenegrinischen Königs Nikola I zwei Espressi und feines Gebäck.

Mein geöltes Aarios scheint wie von selbst zu fahren. Schon bald beginnen jedoch die Steigungen, aus der Zeta-Ebene zunächst auf die rund 300 Meter höher liegende Ebene von Jasenovo Polje hinauf. Ab hier gleicht die Landschaft immer mehr Bildern aus Kana-da oder den Rocky Mountains, einfach ohne die ganz hohem Berge: viel Fels, Gebüsch, Balkan 2010 14

Nadelwald, dazwischen Wiesen, ab und zu ein Haus oder auch nur einige Pferde, Ziegen oder Schafe. In dieser Region wurden seinerzeit mehrere Winnetou-Filme gedreht. Auf der sehr guten Strasse gibt es kaum Verkehr. Kurz nach dem Javorak-Pass (1234 m.ü.M.) begegne ich einem anderen Solo-Fahrer aus der Ukraine, der unterwegs nach Budva an der Adria ist. Für die Mittagspause mache ich einen Abstecher zu einem „etno celo“ in der Ebene von Brezna: ein einsames Haus in einer fast steppen-artigen Land-schaft, daneben eine einfache Hütte mit den traditionellen Einrichtungen der Vorfahren, dazu einige kleine „cabins“ für Touristen, und schliesslich eine Blockhütte als Restaurant mit einheimischen Spezialitäten. Touristisch wird die Gegend vor allem für Wanderungen und Canyoning in der nahe gelegenen Komarnica-Schlucht genutzt. Die nächsten 20 km geht gemütlich mit leichtem Auf und Ab weiter, bis schliesslich in einem erstmals wieder steilen Aufstieg ein Wegweiser die Abzweigung zum berühmten Piva – Kloster weist. Das ursprüngliche Kloster aus dem 16. Jh. mit der dreischiffigen Basilika wurde in den 70-er Jahren wegen dem Piva – Stausee Stein um Stein abgebaut und hier an neuem Standort mit allen farbigen Fresken wieder aufgebaut. Leider ist photographieren im Innern verbo-ten, und ein junger Mönch achtet darauf, dass ich das Verbot auch sicher einhalte. Zum zweiten Mal in Montenegro treffe ich hier auch wieder auf Tourenfahrer: 2 Polen auf dem Weg von der montenegrinischen Küste durch die Berge wählen den kleinen Zeltplatz neben dem Kloster für die Nacht. Ich treffe sie später gleich noch zwei Mal. Ich ziehe den letzten steilen Aufstieg vor, um dann 300 Meter tief in die Schlucht der gestauten Piva nach Pluţine hinunter stechen zu können. Auch dieser Ort entstand erst in den 70-er Jahren als Ersatz für die ursprüngliche Siedlung, die ebenfalls dem Stausee zum Opfer fiel. Dem Kraftwerkbau verdankt er denn auch seine Bedeutung; im einzigen Hotel „Piva“ (18 Euro für Zimmer inkl. Morgenessen) treffe ich denn ausser einem deutschen Motor-radfahrer auch nur Arbeiter von Spezialfirmen aus der Hauptstadt. Am Abend ist es hier auf 830 Metern recht kühl. Der nächste Winter kündigt sich auch schon an, und zwar in Form von gewaltigen Holzstössen, die überall neben den Wohnblocks im Entstehen sind; in der Dämmerung dröhnen von überall her die Motorsägen. Aber so nach 22 Uhr ist der Ort wie ausgestorben, und ein weiteres Glas des guten Rotweins „Vranac“ führt in einen tiefen Schlaf.

  1. September (Di) Pluţine – Ţablijak

61.5 km / Fahrzeit: 5.5 Std / Tagesaufstiege: ca. 1‘550 m

Ich will die morgendliche Kühle nutzen, um am Dienstag den Aufstieg nach Trsa vor der Hitze zu schaffen und starte deshalb bereits vor halb 8 Uhr. Bis zur Brücke über den schmalen Stausee hinunter ist es bitter kalt, aber schon die ersten 100 Meter auf der steilen Strasse Richtung Trsa wärmen mich total auf: 400 m aufwärts, immer zwischen 9 und 12 %, die Strasse knapp 3 Meter breit, gegen 10 Tunnels, meist in den Kehren. Und nach jeder Strassenkehre wird der Tiefblick auf die gestaute Piva imposanter. Schliess-lich mündet die Strasse in ein schmales Tal und erreicht schliesslich 800 über dem Stau-see die östliche Piva – Hochebene mit der Siedlung Trsa. Das grosse Heldendenkmal aus Beton fehlt auch hier nicht und „ziert“ die fast baumlose Landschaft. Vor dem Kaffee „Milogora“ mit dem bike&bed – Zeichen stärke ich mich mit heissem Kaffee und einer ganzen Rolle Choco – Kekse. Auf kurviger Strasse geht es durch eine sanfte Hügelland-schaft Richtung Durmitor weiter. Die wenigen verstreuten Häuser mit den riesigen Heu-haufen und ab und zu einer Schafherde oder einigen frei weidenden Kühen und Pferden zeugen von einer extensiven kleinbäuerlichen Landwirtschaft, dazwischen eine verblie-bener Genossenschaftsbetrieb mit den riesigen Ställen, die aber grösstenteils nun leer stehen. Grosse Holzschlitten am Strassenrand lassen die harten Winter in diesem bergi-gen Hochland erahnen. Die grenzenlos scheinende Weite verstärkt den Eindruck von Einsamkeit, und von den tiefen Schluchten nebenan hat man keine Ahnung mehr. Ein auf die Strasse gemalter Halbkreis und ein am Strassenrand aufgestellter Basketball-Balkan 2010 15

Korb zeigen, dass auch hier die Moderne allmählich Einzug hält. Einzelne steinfreie Flä-chen sind als Heuflächen sauber mit den zusammengetragenen Steinen eingefasst. Die Berge erinnern mit ihren steilen Grasflanken und bizarren Kalkgesteinsfalten an das Sän-tis-Massiv und die Kreuzberge in der Ostschweiz. Besonders am Prutaš zeigt sich ein-drücklich diese Faltung des Durmitor – Gebirges. Durch eine Schafherde mit ausnahms-weise friedfertigen Hütehunden hindurch erreiche ich auf 1’870 m.ü.M. den Prijespa – Pass, aber meine Gipfelfreude ist verfrüht, es geht nochmals 200 Meter hinunter, und erst eine Stunde später zeigt mir eine Tafel an, dass ich jetzt tatsächlich mit dem „Dobri Do“, bzw. Sedlo – Pass auf 1’906 m.ü.M. nun den höchsten Pass von Montenegro er-reicht habe. Wanderer aus Polen und Tschechien starten von hier aus gerade zu Berg-touren auf den markanten doppelgipfligen Sedlo („Sattel“) oder auf den nahegelegenen Bobotov Kuk, mit 2’522 m der höchste Gipfel des Landes. Das zentrale Durmitor ist Nati-onalpark und mit einigen einfachen Zeltplätzen und Berghütten im Sommer beliebtes Tourengebiet.

Für die lange und rasante Talfahrt in die Ebene von Ţablijak hinab packe ich mich warm ein und grabe sogar die Handschuhe aus dem Gepäck. Ab der Baumgrenze auf ca. 1500 m wird es glücklicherweise wieder wärmer. Die rasende Abfahrt nach Ţablijak ist ein Ge-nuss, der Anblick des Ortes aber dann eher ein Schock. Orts- und Raumplanung schei-nen hier völlig unbekannte Begriffe zu sein: kreuz und quer in der Hochebene mit kleinen Wäldern werden mitten in offenen Weiden Ferienhaussiedlungen mit gebaut, jeweils 10 bis 30 identische Häuschen in leuchtenden Farben mit weithin glänzenden Metalldä-chern. Der Ort scheint vor allem ein Wintersportgebiet zu sein (oder zu werden wollen). Bisher gibt es zwar nur 3 – Skilifte und Sesselbahnen, aber wenn die so weiter machen, werden wohl in den nächsten Jahren Montenegriner auch in den Ski-Weltcup-Wertungen auftauchen.

Seit dem Start in Pluţine habe ich keine 20 Autos angetroffen, aber hier bin ich nun wie-der zwischen Cars, Off-Rohadern und Wohnmobilen mit Touristen. Im Tourist Info im Ortszentrum empfiehlt man mir statt einem teuren Hotel ein Privatzimmer, und so kann ich fast im Zentrum für 12 Euro ein 2-Bett-Zimmer mit einfachem Bad beziehen.

Trotz grassierender Bauwut gibt es zum Glück (noch) schöne Wandergebiete und echte Natur-wunder, von denen aus man nicht gerade an Neubauten schauen muss. Der Crno Jezero mit seinen 2 kleinen See-Teilen mitten in Nadelwäldern zwischen felsigen Gipfeln ist so ein Bijou. Die Zeit reicht noch für einen Ausflug, und ich leiste mir deshalb am spä-ten Nachmittag noch eine 3-stündige Wanderung um diese beiden Seen und fühle mich dabei in die kanadische Wildnis versetzt. Die beiden Seen sind nur durch eine kleine Felsrippe getrennt. Dabei soll das Wasser aus dem kleine See zur Piva versickern, wäh-rend das jenige des grösseren Sees in die Tara sickert. Ein besonderes Naturschauspiel soll jeweils im Frühjahr stattfinden, wenn bei Schneeschmelze die Karstquellen aus dem Berghang sich mit lautem Knallen explosionsartig in den kleineren See ergiessen. Das Nachtessen in einem kleinen Restaurant verbringe ich in Gesellschaft eines französi-schen Paares aus der Bretagne, das mit seinem Wohnmobil jedes Jahr 9 Monate auf Weltreise ist und gerade 2 Wandertage hinter sich hat. Sie können nicht verstehen, dass ich nicht mit Wanderschuhen, sondern auf dem Velo den Balkan erkunde, da sehe man ja nichts. Haben die eine Ahnung!

  1. September (Mi) Ţablijak – Kolašin

97.9 km / Fahrzeit: 5.6 Std / Tagesaufstiege: ca. 650 m

Zunächst führt die Route nochmals durch diese parkähnliche Hochebene, glücklicher-weise wieder mit ganz wenig Verkehr und allmählich auch wieder weniger Neubauten. Nach einer kleinen Krete öffnet sich der Blick in die Tara – Schlucht mit dichtem Wald. Die Schlucht soll mit bis zu 1„300 Metern Tiefe der tiefste Canyon Europas und der zweit-tiefste der Welt nach dem Grand Canyon sein. Auf der passähnlichen Strasse hinunter Balkan 2010 16

quietschen meine Felgenbremsen derart laut, dass ich die alte Frau, die neben einigen Schafen Wolle verspinnt, fast in die Flucht jage und so wohl eines der schönsten Photo-Sujets meiner Reise vermassle. Am Abend ist also wieder dringend Veloreinigung ange-sagt!

Die Bogen-Brücke aus dem Jahre 1940 über die Tara – Schlucht galt bei der Erstellung als Meisterwerk der Baukunst und überstand den Weltkrieg glücklicherweise mit nur we-nig Schaden. Mit ihrer eleganten Kurve ist das schlanke Bauwerk heute eine touristische Attraktion. Von ihrer Mitte aus kann man 170 Meter tiefer deren Schatten über der glas-klaren Tara sehen. Von hier bis zum Zusammenfluss mit der Piva und damit zum Beginn der Drina an der bosnischen Grenze gilt die Tara als sehr beliebte Riverrafting – Strecke von 63 km Länge. Jetzt im Herbst scheint es nur ein friedliches Flüsschen zu sein, aber im Frühsommer wird die Tara mit der Schneeschmelze zu einem anspruchsvollen Wild-wasser.

Der Verkehrsknotenpunkt mit Brücke und Rafting zieht offenbar auch Velo-Touristen an: an den Kiosks decken sich verschiedene Gruppen vor allem aus Ländern Osteuropas mit Proviant und Souvenirs ein. Aber auf der Strasse durch die Schlucht in Richtung Mojko-vac bin ich sofort wieder ganz allein unterwegs. Die 30 km entlang der Tara mit ständi-gen Blicken in das blaugrüne Wasser zwischen Felsen und steilen Waldhängen mit bis zu 400 Jahre alten Schwarzföhren gehört zum schönsten der Reise, und ich kann jeder-zeit anhalten und ungehindert photographieren. Im einzigen etwas breiteren Abschnitt der Schlucht möchte ich auch das Dobrolovina – Kloster besichtigen, aber die Kirchentüre ist geschlossen, und im Haus scheint momentan auch niemand zu sein.

Nach einer letzten Kurve mit grossem Denkmal für einen verunglückten Motorradfahrer öffnet sich die Schlucht mit Ausblick in die Ebene von Mojkovac. Eigentlich habe ich den Ort als heutiges Etappenziel vorgesehen, aber ausser einem schönen Hauptplatz mit kleinem Park und Denkmälern gibt es hier kaum etwas Sehenswertes. Also nur Kaffee-halt mit Süssgebäck und Yoghurt, und dann 25 km weiter Tara aufwärts bis Kolašin. So werde ich am folgenden Tag für die ebenfalls interessante Etappe in die Hauptstadt Pod-gorica haben. Ein lohnender Entscheid, denn in Kolašin finde ich durch die freundliche Angestellte im eigentlich längst geschlossenen Tourismusbüro ein gemütliches Privat-zimmer (15 Euro) und auf Empfehlung des Vermieters auch noch eine gute Beiz mit tra-ditionellem Essen. Ich wähle Kacamak, eine Art Polenta aus Kartoffeln, Mais, Rahm und etwas Käse, gut gewürzt, dazu wieder einen feinen Vranac und zum Schluss bei ange-regtem Gespräch mit einem Touristenpaar aus Florenz den süssen türkischen Kaffee. Zurück in meinem Zimmer versuche ich bei einer serbischen Seifen-Oper im Fernsehen meine minimalen Sprachkenntnisse etwas zu vertiefen. Wahrscheinlich habe ich nicht alles richtig verstanden, aber unterhaltsam war es auf jeden Fall. Dabei sollte ich mich wohl schon eher auf die bald notwendigen albanischen Wörter konzentrieren….

  1. September (Do) Kolašin – Rijeka Crnojevica

111.1 km / Fahrzeit: 6.2 Std / Tagesaufstiege: ca. 600 m

Kolašin ist ein wirklich schöner Ort, der sich anders als Ţablijak mit mässigem Wachstum zum Wintersportzentrum entwickelt hat. In der Fussgängerzone im Ortszentrum wirken Kaffees, Bars und viele kleine Läden einladend; nur das moderne Verwaltungszentrum mit seinen spitzen Betonaufsätzen wirkt eher deplaziert. Vor der Bäckerei stosse ich nach der Tara – Brücke zum dritten Mal auch wieder auf die beiden polnischen Velofah-rer vom Piva – Kloster und ein junges russisches Paar aus dem westsibirischen Ufa. Sie kamen per Flugzeug nach Podgorica und am Vor-habend mit der Bahn nach Kolašin, um nun auf umgekehrter Route von hier nach Nikšić zu radeln.

Nachdem ich auf dem Tourismusbüro am Vorabend eine lokale Karte studieren konnte und mir der Vermieter betätigte, dass die Nebenstrasse ebenfalls befestigt sei, entschied ich mich an Stelle der Hauptstrasse mit den weniger hohen Crkvine – Pass für diese zwar Balkan 2010 17

etwas strengere, aber sicher ruhigere und schönere Variante. Und so führt mein Weg statt neben qualmenden Lastwagen wieder der jungen Tara entlang durch ein friedliches Tal und ohne Verkehr mit wenig Steigung nach Matešvo, Jabuka, Tuzi, …., kleine Dörfer mit kaum mehr als 20 Häusern, von denen rund ein Drittel noch bewohnt sind, ebenso viele zerfallen und der Rest wohl nur noch als Ferienhaus benutzt werden. Die Abwande-rung scheint auch hier kaum aufzuhalten. Neben einer bescheidenen Landwirtschaft gibt es wohl nur in der Holzverarbeitung Beschäftigung. Die jetzt nur noch als sanfter Bach fliessende Tara sieht wohl im Frühjahr oder nach Gewittern anders aus; eine Strassen-brücke bei Jabuka sieht jedenfalls zwischen ihren verschobenen Widerlagern schon eher wie eine Hängebrücke aus, und die Warntafel wegen den „Bodenwellen“ ist auch schon von herabgestürztem Schutt zerbeult. Bei Veruša wendet sich das Tal westwärts; die Berge am Ende des Tales bilden die Grenze zu Albanien und sind das Quellgebiet der Tara. Die Strasse selbst geht weiter südwärts und erreicht nach wenigen Kurven auf 1245 m.ü.M. die Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer.

Damit beginnt eine der längsten und auch schönsten Abfahrten der Tour. Nicht nur die Landschaft, auch das Klima ändert sich sehr schnell: war es auf der Nordseite trotz wol-kenlosem Himmel herbstlich kühl, so macht sich hier ein warmer und trockener Wind im-mer stärker bemerkbar. Zuerst noch durch steile Waldtäler, dann aber durch immer offe-neres und zunehmend kahles Bergland geht es mit vielen engen Kurven. In Ljeva Rijeka erinnern am Friedhof vor der grossen Kirche mehrere Denkmäler und Namenlisten an die verlustreichen Kämpfe während dem 2. Weltkrieg in diesem Berggebiet. Auf der Ge-genseite macht U.S.Aid auf die getätigte Entwicklungshilfe zur Förderung des Kräuteran-baus aufmerksam. Auffallend für mich sind die Mauern der Häuser; ohne sichtbare Mör-telspuren sind die grossen Natursteine fast nahtlos zusammengefügt, an den Hausecken und Türumfassungen oft mit andersfarbigen Steinen verziert.

Immer häufiger muss ich feststellen, dass meine Albanien-Karte 1 : 400’000 von frey-tag&berndt, die auch ganz Montenegro abdeckt, nicht sehr zuverlässig ist. Leider fehlen auf diesen Nebenstrassen ab und zu auch Wegweiser, aber es gibt überall freundliche Leute, die gerne Auskunft geben und weiter helfen. Nochmals 200 Meter Gegenaufstieg, und dann gibt es nur noch Abfahrtsgenuss. Die schmale Strasse ist grösstenteils so gut, dass die Bremse nur in den Kurven nötig wird. Da es aber auch kürzere Teile voll Schlaglöcher gibt, ist neben der Aussicht auch immer aufmerksame Vor-Aussicht nötig. Erstmals seit Matešvo tritt auch die Bahnlinie Podgorica – Belgrad wieder in Erscheinung, welche in diesem Gebiet grösstenteils durch Tunnel verläuft. Mit einer riesigen Eisenbrü-cke überquert sie hier die tief eingefressene Moraĉa, in dieser kargen Landschaft ein Bild wie aus einem Western-Film. Schade, dass nicht auch gleich noch ein Zug in Sicht ist. In Bioće stosse ich auf nur noch 90 m.ü.M. wieder auf die verkehrsreiche Hauptstrasse und erreiche bei gut 30°C und mit heftigem Gegenwind nach knapp 15 km auf die Hauptstadt Montenegros. Podgorica, das frühere Titograd, liegt in der weiten Moraĉa – Ebene. Sie wurde unter italienischer und deutscher Besatzung im 2. Weltkrieg durch britische Bom-bardierungen zu 80% zerstört und hat deshalb kaum noch historische Sehenswürdigkei-ten zu bieten. Ausser einer schmucken Fussgängerzone fallen vor allem grosse, teils still liegende Industriebauten und in den Aussenquartieren teils recht skurrile Wohnblocks und Plattenbauten auf. Während es unter Tito in diesem wichtigen Industriezentrum Voll-beschäftigung und einen bescheidenen Wohlstand gab, bestimmt neben grosser Arbeits-losigkeit heute vor allem Spekulation und damit verbundene Bauwut das Leben in der Stadt. In der Innenstadt wachsen neben wuchtigen Büro- und Verwaltungsgebäuden aus der Tito-Zeit nun auch immer mehr Einkaufszentren und Gebäude aus Stahl und Glas in die Höhe. Als Sehenswürdigkeiten fallen mir einzig die elegante Millenniumsbrücke über die Moraĉa, das zierliche Puschkin-Denkmal und das Regierungsgebäude auf sowie der Sportpalast. Immerhin gibt es wie in den meisten Städten Osteuropas auch hier noch einige grössere Parkanlagen, wo man sich vom Lärm und Gestank des chaotischen Ver-kehrs erholen kann. Balkan 2010 18

Nach einer kurzen Stadtführung durch einen gut deutsch sprechenden Einheimischen und einem feinen Burek (mit Käse gefüllte warme Blätterteigrollen, dazu kaltes Yoghurt: sehr gut!) entscheide ich mich deshalb zur Weiterfahrt. Nach 5 km auf der falschen Strasse unternehme ich schliesslich kurz nach 17 Uhr einen zweiten Anlauf und verlasse die Hauptstadt Richtung Cetinje mit dem neuen Tagesziel Rijeka Crnojevica. Es dämmert schon, als ich nach zwei Aufstiegen endlich die Hauptstrasse verlassen kann und auf kurvenreicher Panoramastrasse in das Tal der Crnojevica eintauchen kann. Fast wie aus Vogelsicht windet sich das Flüsschen tief unten silbrig glänzend um die vulkanähnlichen Bergkuppen dem in der Ferne knapp sichtbaren Shkoder – See zu. Mit Einbruch der Dunkelheit erreiche ich kurz nach 19 Uhr den Ort: eine dem Zerfall nahe Fischfabrik, ein grosses Kriegsdenkmal mit endloser Namensliste, dann eine Strasse mit mehrheitlich dem Zerfall nahen Wohnhäusern und kleinen Läden. Der Ort hat offenbar schon deutlich bessere Zeiten gesehen. An einer alten Handelsstrasse gelegen war der einst wichtige Marktflecken auch Sommerresidenz der Königsfamilie. Das schon in Podgorica durch grosse Tafel angekündigte Restaurant „Stari Most“ scheint heute auch geschlossen, aber auf Nachfrage hin finde ich das im Lonely Planet empfohlene „Kuĉa Perjanik“, allerdings ebenfalls geschlossen. Über das Handy finde ich aber doch noch den Eigentümer, der nach zehn Minuten mit dem Auto kommt und mich in der kleinen Gaststube im Erdge-schoss gleich mit einem Muster aus seiner reichen Grappa – Auswahl und einem Bier begrüsst. Vom geräumigen Zimmer im Obergeschoss aus sehe ich gleich auf die Haupt-attraktion des Ortes hinaus, die alte osmanische Steinbrücke über den Fluss. Der Wirt bedauert, dass er mir kein Nachtessen anbieten kann, da seine russische Frau gerade in Moskau sei. Aber er empfiehlt mir fürs Nachtessen einen Freund weiter unten am Fluss, wo es zwar wie überall nur Fisch gebe, aber dafür den Besten. Anhand der Beschreibung find ich nach zehnminütiger Wanderung zwar dank einem kleinen Lichtlein das Haus am anderen Ufer, aber der dortige Wirt auch gerade angefahren. Natürlich bin ich der einzi-ge Gast. Kaum hat er mit Kochen begonnen, sitzen wir aber zunächst 20 Minuten in völ-liger Dunkelheit: der Strom ist wieder einmal im ganzen Ort ausgefallen. Immerhin, am Tag zuvor sei es das Wasser gewesen, so dass der Kaffee mit Mineralwasser gemacht werden musste. Aber der gebratene Karpfen aus dem Fluss ist mit etwas Verspätung vorzüglich geworden! Dazu diskutieren wir eine Stunde lang in einem Gemisch aus fran-zösisch und serbisch über Montenegro und die jüngste Vergangenheit. Interessant seine Aussagen zum Angriff auf die kroatische Küstenregion: die echten Montenegriner wollten nie gegen Kroatien kämpfen, viele hätten den Dienst in der Volksarmee verweigert; die Angreifer seien nur die Serben gewesen, die hier als Eingewanderte auch bald die Über-zahl hätten. Nach der Rückkehr zu meinem Gastwirt wird die Diskussion dann mit einigen Gästen bei unzähligen Schnäpsen in einem Gemisch von englisch, russisch und serbisch fortgesetzt, und hier erhalte ich von einem offensichtlich nicht ungebildeten Mann, der damals als Soldat in der Armee war, eine ganz andere Erklärung: „die jugoslawische Volksarmee hat Dubrovnik zu keinem Zeitpunkt beschossen, das ist alles übelste Propa-ganda der Kroaten!“ – Wie soll es da in absehbarer Zeit einmal wirkliche Versöhnung geben?

  1. September (Fr) Rijeka Crnojevica – Murići

46.4 km / Fahrzeit: 3.3 Std / Tagesaufstiege: ca. 820 m

Ich erwache mit etwas sturmem Schädel. Das Testen der verschiedenen Schnäpse am Vorabend blieb nicht ohne Nachwirkung. Der von innen steckende Schlüssel bestätigt mir immerhin die etwas vage Erinnerung, doch aus eigener Kraft schliesslich das Bett gefunden zu haben. Eine kalte Dusche und ein kräftiger Kaffee bringen mich schnell wie-der in Form, so dass ich nach kurzem Morgenspaziergang durch um 9 Uhr zur nächsten Etappe starten bei Tag wesentlich freundlicher wirkenden Ort mit schöner Uferpromena-de. Balkan 2010 19

Wie konnte ich bei meiner Reiseplanung auch nur übersehen, dass Montenegro selbst in Meeresnähe immer gebirgig ist! Über drei kleine Pässe erreiche ich gegen Mittag in Vir-pazar am Ufer des Shkoder – Sees. Ein eifriger Werber kapert mich gleich für eine Boots-tour auf dem See, und da ich heute ja nur bis Murići will, kann ich mir diese ausgedehnte Pause gut leisten. Mit einigen weiteren Touristen aus Russland, Deutschland und Italien geht es auf einem flachen Motorboot zwischen riesigen Seerosen-Teppichen auf den See hinaus. Der See inklusive breite Küstenbereiche ist im montenegrinischen Teil Na-turschutzgebiet. Die Tour mit ist total lohnend, der Bootsführer machte neben dem vor-gesehen Besuch der osmanischen Gefängnisinsel („türkischer Alcazar“) und eines nur vom See her zugänglichen Fischerdorfes auch noch einen Abstecher in die Mündung der Moraĉa, wo der See so flach ist, dass er den Motor aus dem Wasser nehmen muss und nur noch mit dem Paddel stacheln kann. Der See hat jetzt im Herbst Tiefstand und ist mit Ausnahme einer etwa 100 Meter tiefen Stelle mit unterirdischen Zufluss nur 4 – 6 Me-ter tief; im Winter und Frühjahr bei Schneeschmelze steigt der Wasserspiegel jedoch um 3 – 5 Meter und damit vergrössert sich die Seefläche um gegen 50 % grösser. Sogar mein gestriger Etappenort liegt dann am See.

Obwohl mir der Werber aus verständlichem Eigennutz versichert, es gebe wegen dem Naturschutzgebiet auf der weiteren Strecke nirgends ein Hotel, entscheide ich mich um 16 Uhr zur Weiterfahrt. Schliesslich habe ich ja zur Not auch mein Zelt dabei!

Und gleich vom Beginn an geht es nach einer Tafel mit verschiedenen Warnungen wie-der steil hinauf. Bereits nach dem ersten kleinen Dorf treffe ich kaum mehr ein Auto an und fahre mit fast ununterbrochener Aussicht auf den See den Hängen des Rumija – Ge-birges entlang, dass den Shkoder – See von der Adria trennt. Es ist um 30° heiss, und die Strasse führt ständig auf und ab. Erst gegen 18 Uhr erreiche ich die Abzweigung nach Murići, und das bedeutete zum Schluss des Tages wieder eine steile Abfahrt auf holpri-ger Strasse durch ein Dorf mit Esel, Hühnern, Schafen, bis ich schliesslich am 250 Meter tiefer liegenden Seeufer das Restaurant mit kleinen Hütten zum Übernachten erreiche. Den Wiederaufstieg vom nächsten Tag will ich mir lieber noch nicht vorstellen!

Ich bin ausser einem alten italienischen Paar der einzige Gast. Die kleinen Blockhütten (25 Euro inkl. Morgenessen) sind gut eingerichtet, jedes Zimmer mit einer Terrasse, auf der ich meine Wäsche trocknen und die schon wieder kreischenden Bremsklötze des Fahrrades abschleifen kann. Leider gibt es hier keinen Ukljeva, den besonderen Fisch des Sees, von welchem in der Fangsaison bis zu 4 Tonnen täglich gefischt werden, aber die Forelle (Pastrmka) im grossen Freiluftrestaurant ist auch sehr gut, besonders mit ei-nem feinen Vranac und dazu mit Aussicht auf den friedlichen See mit den bekannten Klosterinseln, von denen ein schwaches Blinken zeigt, dass sie auch noch bewohnt sind.

  1. September (Sa) Murići – Shkodër

60.9 km / Fahrzeit: 4.0 Std / Tagesaufstiege: ca. 780 m

Der Samstag beginnt mit einem Morgenbad. Wegen dem flachen Ufer muss ich zwar auf dem steinigen Seegrund weit hinaus waten, bis ich endlich schwimmen kann, aber das Bad bei gut 20° und die nur von einem leise tuckernden Fischerboot kurz unterbrochene Morgenstille tun gut. Ein reichhaltiges Morgenessen auf der Restaurantbühne, und los geht‟s. Die Wäsche vom Vorabend hätte ich mir wohl sparen können, denn bis ich wieder auf der Strasse oben bin, ist mein Veloleibchen schon wieder schweissgetränkt. Die Landschaft ist jetzt recht abwechslungsreich: einmal fast kahle Berghänge, dann wieder Wäldchen, Gebüsch, Reben, Wiesen, Obstbäume. Bei Ostros folgt auch noch ein aus-gedehnter Kastanienwald mit mächtigen Bäumen, die die ganze Strasse überdecken. Die seltenen Ortstafeln sind zweisprachig, serbisch und Albanisch, denn die Bevölkerung ist hier bereits albanisch, was sich auch in den Moscheen äussert, deren schlanke Minarette blendend weiss leuchten. Ein letztes Mal geht es in einer langen Steigung hinauf bis Balkan 2010 20

zum Stegvaš, dem Übergang auf die Adriaseite der Rumija – Bergkette und Standort ei-ner grossen Sendeanlage. Die grosse Tafel an der Strasse gibt fälschlicherweise eine Meereshöhe von 916 m.ü.M. an, aber mein Höhenmesser bestätigt die Messung in Google Earth von 473 m.ü.M. 450 m weiter östlich auf der Krete folgt die Grenze zu Al-banien, aber in den Bergen gibt es keine Verbindung zum Nachbarland. Die Strasse führt in weitem Bogen in die Küstenebene nach Vladimir hinunter, wo es bereits wieder über 32° heiss ist. Wenigstens gibt es ab hier keine Steigungen mehr. Auf der Hauptstrasse Budva-Bar folgt 7 km weiter der Grenzübergang Sukobin/Muriqan, eine von der EU er-stellte gemeinschaftliche Grenzstation der beiden Länder. Der Übergang ist denn auch absolut formlos.

Zum ersten Mal treffe ich nun auch ständig auf Radfahrergruppen, und bis Shkodër nimmt die Zahl der Radfahrer ständig zu: Radfahren scheint hier tatsächlich sehr verbrei-tet zu sein, gemäss Reiseführer allerdings eine Sonderfall in Albanien. Kurz hinter der Grenze taucht auch schon der erste Minibunker auf, die in der Hoxha-Ära im ganzen Land verteilt wurden und heute fast als Wahrzeichen Albaniens gelten. An der aus dem Shkoder – See kommenden Buna (oder Bojana), die auf langer Strecke auch die Grenze bildet, werden Stangengerüste sichtbar, in welche Netze für den Fischfang befestigt wer-den können. Kurz vor Shkodër taucht am anderen Ufer das Wahrzeichen der Stadt auf, die gewaltige Rozafa – Festung auf dem Hügel, von dem aus die osmanischen Herrscher den Durchgang zur Stadt kontrollieren konnten. Der Übergang über den Fluss (immerhin eine stark befahrene Hauptstrasse!) ist nur im Einbahnverkehr über eine schmale Eisen-brücke mit klappriger Holzfahrbahn möglich. Immerhin ist nebenan doch eine neue Brü-cke nun im Bau.

Die zweitgrösste Stadt Albaniens mit gut 120„000 Einwohnern ist dank grosszügigen, geraden Strassen recht übersichtlich. Da aber nirgends ein Stadtplan hängt, muss ich mich doch wieder zum Hotel durchfragen. Glücklicherweise sprechen viele Leute hier italienisch, denn meine ein-geübten Albanisch-Sätze sitzen nach dem langen Gebrauch von serbisch noch zu wenig. Das Hotel Rozafa ist ein siebenstöckiger Kasten direkt am Zentralplatz. Eingang und Hotelhalle mit Empfang geben den Eindruck eines Grand-Hotels, und ich erhalte erst nach Intervention des Autopark-Wächters die Erlaubnis, mein Velo in einer Ecke der Halle zu deponieren anstatt es im kleinen Veloständer am Stras-senrand zu lassen. Aber die Lifte sind alle ausser Betrieb, und schon ab dem 1. Stock fühlt man sich im grosszügigen Treppenhaus eher auf einer Baustelle. Doch die Zimmer sind glücklicherweise gut, und ich habe vom 3. Stock aus eine schöne Aussicht zum zentralen Boulevard und der gegenüberliegenden Hauptmoschee. Jenseits hat die Stadt einen kleinen Kern mit schön restaurierten alten Häusern und einer grossen Fussgän-gerzone. In anderen Stadteilen stossen Tradition und Neuzeit aber oft brutal aufeinan-der: hübsche, aber leicht baufällige kleine Häuser aus der osmanischen Zeit mit ge-schwungenen Fenstern und den alten Rund-Ziegeln, und gleich dahinter ein neuer sechsstöckiger Wohnblock. In den Parks sitzen die Männer in der Wiese am Boden beim Schach-, Domino- oder Kartenspiel, die Frauen auf den Bänken beim Plaudern und da-zwischen spielen die Kinder. Auch am späten Abend herrscht auf den grosszügige Strassen und Kreisel noch dichter Verkehr mit grossem Fahrrad-Anteil. Überall sitzen die Leute vor den vielen kleinen Kaffees und Bars oder auch der eigenen Wohnung auf der Strasse, meistens rauchend, und diskutieren oder sind auch hier beim Schach oder Domino. Auch in den unzähligen Coiffeursalons sowie bei kleinen Schuhmacherbuden, Schneiderateliers und Velomechaniker – Buden herrscht Hochbetrieb. Shkodër wäre so richtig eine Stadt zum Verweilen, und so beschliesse ich, mir morgen einen eher gemütli-chen Tag zu machen und nur bis Koman zu fahren. Dafür kann ich vielleicht morgen noch einen kleinen Abstecher hier in der Gegend machen, um am Montag muss ich für die Fähre nach Fierzë dann auch nicht so früh aufstehen.

Im Restaurant Tradita, einem Bau aus dem 17. Jh. mit grossem Innenhof lasse ich mir ein „echt albanisches“ Essen servieren: viele kleine Gänge mit eingelegten und gefüllten Peperoni, verschiedenen Gemüsen, verschiedenen Fleischhäppchen, scharfen Saucen, Balkan 2010 21

Reis….. , keine Ahnung, was es genau ist, aber auf jeden Fall ausgezeichnet, besonders auch mit dem guten Rotwein und natürlich einem kräftigen Kaffee und Raki zum Ab-schluss.

In einem der vielen Internets berichte ich wieder einmal in die Schweiz. Trotz grossem Durst muss ich aber danach ohne das erhoffte Bier zu Bett gehen, denn um 23 Uhr schliessen alle Lokale, und wenig später ist die Stadt wie ausgestorben. Also schnell in die Klappe, denn in wenigen Stunden wird mich wohl der Muezzin von der nahen Mo-schee auch schon wieder wecken.

  1. September (So) Shkodër- Koman (mit Abstecher Mes, total 18 km)

74,2 km / Fahrzeit: 5.0 Std / Tagesaufstiege: ca. 700 m

Der Sonntag beginnt gemütlich. Nach kleinem Morgenessen im Hotelgarten starte ich mit leichtem Velo (d.h. ohne Saccochen) auf holprigen Strassen nordwärts, um die osmani-sche Brücke in Mes zu besichtigen. Im Dorf Rhetina gerate ich in ein Verkehrschaos: am sonntäglichen Viehmarkt will sich neben Personenautos und Pferdekarren auch noch ein grosser Tanklastwagen den Weg bahnen, da gibt es nur noch zu Fuss oder eben mit dem Velo ein Durchkommen.

Die Brücke in Mes (Urë e Mesit) über den im Herbst ausgetrockneten Kir stammt aus dem 18. Jh. und war Teil eines alten Handelsweges von Shkodër in den Kosovo. Mit 108 m Länge ist sie eine der längsten Brücken dieser Art und weist als Besonderheit in der Mitte auch noch einen Richtungswechsel auf. Die beidseitig des steilen Mittelbogens fla-cheren Abschnitte machten den Zugang auch bei Hochwasser möglich. Das Fehlen der sonst üblichen Abfallhalden und gute Informationstafeln zeigen, dass das Bauwerk auch heute als Touristenattraktion geschätzt und gepflegt wird.

Auf der baufälligen Betonbrücke nebenan naht unterdessen eine laut hupende Wagenko-lonne. Sonntag ist Hochzeitstag, und dazu gehören die lauten und in Schrittempo fah-renden Autos. Eine etwas ungewöhnliche Spezialität dabei: Unterwegs werden den win-kenden Leuten am Strassenrand nicht Feuersteine oder sonstige Süssigkeiten, sondern Zigaretten zugeworfen!

Auf der Rückfahrt schaue ich mit in Rhetina den Viehmarkt noch näher an. Anbieter und Käufer stehen in Gruppen mit Schweinen, Schafen, Ziegen, Kühen, Pferden und Hüh-nern. Schweine und Hühner werden direkt im offenen Kofferraum dargeboten, Schafe werden nach dem Kauf un-zimperlich an den zusammengebundenen Beinen in den klei-nen Anhänger oder auf das Motorrad geladen. Die Leute stört es keineswegs, wenn ich mich mit der Kamera dazwischen dränge, und ich muss mich vielmehr wehren, um nicht endlos Bilder machen zu müssen. Daneben braucht es einige Hartnäckigkeit meiner-seits, zwei Burschen abzuwehren die unbedingt mein Handy gegen ihres tauschen wol-len.

Um Mittag mache ich mich in Shkodër schliesslich zur Weiterfahrt bereit, lasse mich aber bei einer Bäckerei doch nochmals von zwei alten Albanern zu einem gemeinsamen Kaf-fee überreden, bevor es dann um halb eins wirklich los geht: 18 km über Asphaltstrassen der schlimmsten Art, ca. 80% Flickstellen und der Rest zusammengedrückt, dazu ab und zu leichter Regen, so dass ich nie weiss, ob ich nun den Regenschutz (und damit die Sauna) wirklich doch noch auf mich nehmen soll. Die Landschaft wirkt unter dem inzwi-schen grauen Himmel trostlos: die weite Schotterebene des Flusses Drin, ab und zu eine Fabrik, von der man nicht weiss, ob sie im Zerfall oder im Aufbau ist, neben der Strasse die Geleise der einzigen Bahnlinie im Norden Albaniens, Abfallhaufen, Staudämme mit schmutzigem Wasser, dahinter kahle Berghänge. Schliesslich doch noch ein guter Stras-senabschnitt bis Qyrsaç, und dann beginnen schon die Berge. Während die wenigen Au-tos die direkte Strasse nach Pukë und Richtung Kosovo neben, steige ich auf der Ne-benstrasse zum „Liqeni i Vaut të Dejës“ hinauf, der untersten Staustufe des Drin. 120 Meter über der Ebene eröffnet sich hier eine völlig andere Landschaft: ein zwischen be-Balkan 2010 22

waldeten Hügeln sich hinwindender See, darüber inzwischen auch wieder blauer Him-mel. Die Strasse windet sich in ständigem Auf und Ab durch das anfänglich noch breite Tal, dazwischen geht es auch mal über einen kahlen Bergkamm bis zum nächsten Ab-schnitt des Sees. Nur selten ein Haus und einige flache Felder und noch seltener ein Auto. Allmählich nehmen die Abschnitte mit Schotter anstelle von Asphalt zu, das Tal wird enger und die Berge werden beidseitig steiler und höher. Nach 35 km ab Seebeginn taucht Koman auf, einige verstreute Häuser, und dahinter der mächtige Damm der nächsten Staustufe, wo für die Weiterfahrt nur noch die Fähre hilft. Die schönen Häuser bei der Kirche am Fluss erweisen sich beim Näherkommen als Schule und Verwaltung, das Hotel „Vila Francese“ finde ich trotz seiner Grösse erst im zweiten Anlauf. Zwei alte Herren (d.h. etwas älter als ich) empfangen mich am mächtigen Gittertor. Einer kann et-was englisch, der andere recht gut italienisch, so dass ich mir meine mühsam erarbeite-ten Albanischbrocken für später sparen kann. Im Eingangssaal ein grosser Billardtisch, eine Sitzgruppe, ein laufender Fernsehapparat, überall offene Bücher und angebrauchte Teetassen: eine Art überdimensioniertes Wohnzimmer mitten im Gebrauch. Freie Zim-mer hat es, ich bin nämlich der einzige Gast, und in freundlichem Eifer machen sie mir schnell ein Zimmer bereit, erklären mir die Dusche und wo im „Dorf“ es ein gutes Nacht-essen gibt, denn dort gingen sie ebenfalls hin. Bereitwillig gibt mir einer auch sein Handy, damit Paula dann das sonntägliche Telefon von der Schweiz aus billiger machen kann, und so melde ich per sms diese Nummer: ab 22 Uhr anrufen, kein Problem, dann seien sie auf jeden Fall im Hotel!

Von den etwa 30 Häusern des Ortes sind mindestens 5 Bars und Kaffees. In der Abend-dämmerung kommen Ziegen- und Schafherden von den umliegenden Hängen zurück, und bereits in völliger Dunkelheit finde ich zu Fuss schliesslich auch das empfohlene Re-staurant hinter der Brücke. Unter den Bäumen erhalte ich für rund 15 Franken eine riesi-ge Portion Rindfleisch, gemischten Salat, warmes Fladenbrot, einen halben Liter guten Rotwein und ein Bier. Wetterleuchten und Donnerrollen künden ein Gewitter an, und so verzichte ich lieber auf den gewohnten Kaffee. Ja ja, das Hotel sei offen, kein Problem, erklären mir die Gastgeber, während sie sich beim Wein angeregt mit dem Wirt unterhal-ten. Tatsächlich, das Hotel ist offen, man könnte problemlos alles abtransportieren, aber von den Beiden ist auch um 22 Uhr noch nichts zu sehen. Dafür ein gewaltiges Gewitter mit totalem Stromausfall …, und so telefonieren wir dann um 23 Uhr eben doch teuer über unsere Handies. Kurz nach Mitternacht tauchen die Patrons (mit ihrem Handy) ebenfalls auf, mit meiner Taschenlampe kann ich ihnen den Weg weisen. „Hotel bezah-len? Nicht jetzt, das geht morgen auch.“ Mein Hinweis, dass ich wegen der Fähre um 8 Uhr starten will, nützt nichts: „Dann sind wir auf jeden Fall auf!“………… ?

  1. September (Mo) Koman – Hotel Alpina (in der Nähe von Dardhë)

44.8 km / Fahrzeit: 3.5 Std / Tagesaufstiege: ca. 1‘250 m

Am Montag ist um 8 Uhr noch Totenstille. Ich notiere meine Pass-Daten auf einen Zettel, lege die vereinbarten 1400 Leke (ca. 20 Franken) auf den Billardtisch und mache ich auf den Weg zum oberen Stausee. Die Fähre sollte um 9 oder 10 (je nach Auskunftsperson!) fahren, ich weiss nicht, wie lang ich für diese Steilstrecke auch schlechter Schotterstras-se brauche und fahre deshalb gleich an der Kaffeebar an der Brücke vorbei, wo eine Touristengruppe mit Kleinbaus genüsslich den Espresso schlürft. Im Tunnel leuchtet mir freundlicherweise wieder ein Bus, so dass ich zwar bereits verschwitzt, aber mit viel Zeit zum Beobachten um halb 9 auf dem Damm ankomme.

Vier verschiedene Kaffees und ein Gemischtwarenladen verkürzen die Wartezeit für alle die Leute, welche von hier ins etwa 40 km entfernet Fierzë und die Region Valbona mit dem Hauptort Bajram Curri gelangen wollen. Mit viel Gehupe kommt um 9 Uhr ein kleiner Kahn von Fierzë an, zu welchem mich sofort ein Mann überreden will. Nein Danke, ers-tens sieht er aus, wie wenn er kaum den Sommer überstehen dürfte, und zudem ist es Balkan 2010 23

sehr eng. Da warte ich lieber die grosse Fähre ab, die schliesslich um 10 Uhr auftaucht und an der sehr improvisiert wirkenden Landungsstelle PW’s und eine Reihe von Last-wagen mit Chrom-Erz entlädt.

Für mich samt Velo kostet die gut 30 km lange Strecke auf 2 1/2-stuendiger Fahrt 1„000 Leke (12 Franken) und ist ein grossartiges Erlebnis. Zwischen steilen Felsen, die oft kaum 50 Meter Durchfahrt lassen, tauchen unerwartet wieder kleine Felder oder sogar eine Siedlung auf, die auch nur über das Wasser die Verbindung zur Aussenwelt hat. Ein norwegischer Fjord kann kaum eindrücklicher sein! Ausser Einheimischen, für welche die einmal täglich verkehrende Fähre Arbeit oder Einkauf ermöglicht, ist nur noch eine Wan-dergruppe des DAV auf dem Weg nach Valbona unterwegs.

Nach der genussreichen Fahrt beginnt für mich um halb zwei wieder der Ernst der alba-nischen Berge, in Form von 2 km auf und ab über Schotter und durch vom gestrigen Gewitter noch volle Wasserlöcher bis Breglumë zur gut ausgebauten Hauptstrasse Baj-ram Curri – Tirana. Im ärmlichen Dorf einmal mehr ein Bild des albanischen Wandels: vor der prächtigen katholischen Kirche die übriggebliebene Kuppel eines der unzähligen 1-Mann Bunker aus der Ära Enver Hoxha, welche in Resten immer noch ganz Albanien „zieren“.

Unter dem mächtigen Damm der dritten Staustufe beginnt die eigentlich Bergetappe. Ei-ne Kehre nach der andern geht es vom Kraftwerk an unerbittlich aufwärts. Gemäss der Albanien-Karte des österreichischen Verlages freytag&berndt sollte die ganze Etappe bis Kukës 73 km und etwa 1100 Höhenmeter betragen. Sollte….. In Wirklichkeit geht die Strasse nach den ersten 500 Höhenmetern immer wieder um eine Kuppe in eines der unendlich vielen Seitentäler hinein, zuhinterst dann weit unten über eine Brücke, auf der anderen Talflanke wieder hoch ins Haupttal hinaus, und das ein ums andere Mal. Uns so fahre ich eben immer wieder in so ein (zwar sehr schönes!) Tal hinein in die Tiefe, wäh-rend auf der gegenüberliegenden Flanke meine kommende Strecke in schwindelnde Hö-hen entflieht und verfluche dazu diese Kartenverfasser. Mit dem vorgesehenen Etappe-nort Kukës wird es für diesen Tag definitiv nichts! Dank schönem Wetter kann ich aber doch noch immer die tolle Aussicht auf den See und die wechselnden Farben der Berg-hänge geniessen. Auch hier stosse ich entlang der Strasse immer wieder auf schwarze oder marmorne, oft auch noch mit Plastikblumen geschmückte Tafeln, die an Verkehrs-opfer erinnern. An vielen Stellen dürfte wohl das Verfehlen einer Kurve erst einige hun-dert Meter tiefer in einer Schluckt oder im See enden. Umso erstaunlicher, wie in steilen Hängen vereinzelte saftig grüne Felder und Häuser zu sehen sind, zu denen nur ein steiler Fussweg führt.

Hier treffe ich erstmals auf Kinder, vor deren Aufdringlichkeit in Reiseführern gewarnt wird. Zu-erst sind es 2 Knaben, mir Nüsse entgegen strecken. Ich fahre so schnell ich kann die Steigung hoch und höre sie ständig hinterher eilen. Während einer die Verfol-gung abbricht, gibt der zweite nicht auf, aber ich selber kapituliere schliesslich in einer Kurve und steige ab. Er streckt mir keuchend die Nüsse entgegen, will aber gar nichts dafür. Stattdessen will er nur mein Velo inspizieren und wissen, woher, wohin, warum… Mein Wortschatz reicht knapp für eine etwas mühsame Unterhaltung mit dem 10-jährigen, der hier auf einem kleinen Bauernhof lebt und jeweils nur am Morgen Schule hat. Also für mich eine positive Überraschung. Wenige Kilometer weiter ist es jedoch an-ders: zwei Mädchen versperren den Weg und bieten Trauben an. Da ich ohnehin Zwi-schenverpflegung brauche, nehme ich 2 Trauben und will ihnen dafür 100 Leke (mehr als auf dem Markt) geben, aber weit gefehlt. Schliesslich kann ich sie erst mit 250 Leke mühsam abschütteln. Und wieder ein Stück weiter vermeide ich zwei Mädchen mit einer Tüte Nusskerne nur mit einer rasanten Durchfahrt.

Nachdem Kukës für heute schon abgeschrieben ist und es schon gegen Abend geht, möchte ich wenigstens den in der Karte fast ebenso gross angeschriebenen Ort Kryezi an der von Shkodër her kommenden Strasse erreichen, aber auf Nachfrage kann mir niemand sagen, wie weit es bis dort noch sei. So erscheint es fast als Geschenk des Himmels, als nach 45 km und schon 1200 Höhenmetern in der Einsamkeit plötzlich ein Balkan 2010 24

Hinweis auf ein Hotel „Alpin“ auftaucht. Hier erhalte ich sicher kompetente Auskunft! Aber der Wirt kennt keinen solchen Ort, und bis Kukës sei es auf jeden Fall noch so 50 – 70 km. So wird aus dem Kaffeehalt um halb sechs auch gleich der heutige Etappenort, und mit vier Österreicheischen Töff – Fahrern auf dem Weg von Griechenland durch die alba-nischen Berge nach Salzburg wird es beim Erfahrungsaustausch ein sehr angenehmer Abend. Von ihnen erhalte ich auch eine unabhängige Bestätigung, dass diese Karte wirk-lich schlecht ist und auf Strassenklassierung und Distanzangaben kein Verlass ist.

  1. September (Di) Hotel Alpina – Kukës

85.3 km / Fahrzeit: 5.6 Std / Tagesaufstiege: ca. 1‘500 m

Die Töff- Fahrer müssen am Morgen bereits um zwanzig nach fünf noch im Dunkeln weg, um die Fähre ab Fierzë um 7 Uhr nach Koman zu erwischen. Ich genehmige mir am Dienstag noch Schlaf bis nach 7 Uhr, denn nach Karte soll es ja nur noch etwa 13 km bis nach „Kryezi“ hinauf gehen, und dann folgt die Abfahrt von 1260 Meter nach Kukës hin-unter auf etwa 350 m.ü.M. Ja, wer den Karten glaubt, ist eben selber schuld………….

Während in der Gaststube die letzten Pilzsammler, die sich hier frühmorgens noch bei einem Kaffee aufwärmen, ihre Zigaretten fertig rauchen, starte ich zum vermeintlich letz-ten Aufstieg. Zwar geht es nicht mehr in so tiefe Täler hinein wie am Vortag, aber doch ständig auf und ab, und die 10°C vom Morgen steigen schon bald wieder auf gute 25° C. In einem lockeren Föhrenwald fallen mir an den Ästen 20 – 30 cm hohe helle taschenar-tige Gebilde auf, die in grosser Zahl auf jedem Baum zu sehen sind. Ich vermute Vogel-nester, aber von Vögeln ist nichts zu sehen und nichts zu hören (erst in der Schweiz er-fahre ich auf Nachfrage bei der Vogelwarte Sempach, dass es sich um Nester des Pi-nienprozessionsspinners handelt, einer Raupe, die allerdings eher selten auch in der Südschweiz vorkommt und in grossen Kolonien lebt). Auf 920 m.ü.M geht es über einen kleinen von Bunkern gesäumten Pass, und nach kurzer Abfahrt stosse ich auf die von Pukë her kommende Strasse, wo gemäss Karte die Ortschaft Kryezi sein sollte: kein Haus weit und breit, nur Wald, also auch nichts mit dem erhofften Kaffee! Eine Vermu-tung bestätigt sich nach kurzem Blick in meine Wörtersammlung: „kryezi“ ist albanisch für „Kreuzung“ und wurde von den Kartenmachern wohl unbesehen aus einer alten albani-schen Karte übernommen und als Ortsnamen verstanden. In einigen Kehren geht es von hier schon wieder aufwärts bis zum „Qafa e Malit“ auf 950 m.ü.M. (nicht 1284 m. wie die Karte behauptet!). Und aus der endlosen Abfahrt wird nichts; zwar geht es auf lange Strecken kurvenreich abwärts, aber jedesmal folgt auch wieder ein Aufstieg von 200 bis 400 Meter. Es wird also wohl wieder ein längerer Tag als vorgesehen, aber zum Glück ist das Wetter ja gut und die Aussicht traumhaft. In Shënmeri kaufe ich in einem kleinen La-den etwas Zwischenproviant und laufe gleich in die ganze Kinderschar, die von der Schule kommt. Ein Bursche führt mich auf Nachfrage auch zum „Restorant“, und in ei-nem kahlen Raum mit einigen Wackeltischen esse ich einen Teller kalte Hörnli mit Ei, während am Nebentisch Arbeiter Raki bechern und nicht verstehen wollen, weshalb ich noch auf den Schnaps verzichte. Die nächste Steigung treibt mir bei bald 30°C auch so schon den Schweiss aus allen Poren. Zum Glück ist die Strasse breit und ohne Verkehr, so dass ich die Steigung durch einige zusätzliche Zick-Zack erleichtern kann. Dazu male ich mir aus, welche Strafen für diese Kartenverfasser wohl gerecht wären: So 40 Mal im Sommer diese Strecke abstrampeln wäre wohl nicht zu viel, die Wahl der Geschwindig-keit könnte man ihnen gnädigerweise selber überlassen…………….

Heute stosse ich zum ersten Mal in Albanien wieder auf Radtouristen, 2 Polen unterwegs von Albanien nach Polen. Offenbar sind neben Schweizern vor allem Polen, Tschechen, Ukrainer und Russen solche Spinner auf 2 Rädern.

In der Ferne wird Kukës sichtbar, aber natürlich geht es trotz von weitem nur noch sanf-ten Hügeln nicht direkt dorthin, sondern zuvor noch mehrmals in versteckte Zwischentä-ler hinab und hinauf. Als Höhepunkt folgen noch 3 km über die Baustelle der mit kuwaiti-Balkan 2010 25

schem Geld entstehenden Autobahn Richtung Kosovo, bis ich doch nach wiederum 73 km und 1300 Höhenmetern so gegen fünf Uhr nach einem kurzen letzten Aufstieg mit dem Sonnenuntergang in Kukës ankomme. Ich quartiere mich im teuren Hotel „Amerika“ mit aussichtsreicher Dachterrasse ein um die Umgebung und vor allem den Start zur nächsten Etappe zu inspizieren. Der heutige Ort ist erst 1973 entstanden, nachdem die alte Stadt dem Stausee zum Opfer fiel. Sie hat auch den Ruf, eine der gefährlichsten Städte Albaniens zu sein. Entsprechend trostlos sieht es vor allem aus der Hotelterrasse aus: Zwar einige schönere Bauten und eine Promenade mit dem als Wahrzeichen errich-teten Turm, aber dahinter Betonblöcke, die oft mehr an Höhlen denn an Wohnungen erinnern. Beim Gang durch die stark belebten Strassen fühle ich mich aber doch noch wohl und habe auch auf dem Weg über die schlecht beleuchteten Hinterhöfe kein ungu-tes Gefühl. Nicht einfach auf vorgefassten Bildern beharren, sondern selber schauen, wie es ist! Das Nachtessen in einem anderen (billigeren) Restaurant bekommt mir jedoch erstmals auf dieser Reise gar nicht gut, und so kann ich nur noch auf schnelle gute Ver-dauung hoffen. Morgen kommt nämlich die happigste Etappe: Kukës – Peshkopi, ca. 65 km Schotter auf und ab. Deswegen und wegen den ersten Kilometern durch Roma- Sied-lungen will ich bereits um 06.20 (nach dem Frühstück) starten.

  1. September (Mi) Kukës – Peshkopi

90.6 km / Fahrzeit: 8.1 Std / Tagesaufstiege: ca. 1‘600 m

Nach einer sehr kurzen Nacht (4 1/2 Stunden Schlaf nach schlechtem Nachtessen) star-te ich bereits um halb sieben zur auch nach Planung wohl strengsten Etappe dieser Tour. Nach 6 km auf guter Strasse durch die Ebene von Kukës und der Umfahrung des Flugplatzes kommt in Nangë aber ein abrupter Wechsel. Die Strasse oder was einmal eine Strasse war besteht nur noch aus einer ständigen Abwechslung von Asphaltflicken, Löchern, Schotter und Wasserlachen und windet sich nach einer Bachquerung gleich steil in das verwinkelte Dorf Bicaj hinauf. Erstaunlicherweise herrscht doch noch reger Verkehr von Kleinbussen, die hier Leute zur Arbeit nach Kukës oder gar Tirana führten. Dass diese Vehikel (meist Mercedes oder Opelbusse) überhaupt noch fahren können, grenzt an ein Wunder. Ich hätte mit meinem Seat längst Auspuff und Stossstangen abge-rissen! Mehrmals muss ich fragen, wenn es nicht ersichtlich ist, ob bei einer Verzweigung die „Strasse“ nach Peshkopi oder nur in den nächsten Steinbruch oder die Abfallgrube führt. Mein Schweiss fliesst trotz Morgenkühle schon in Strömen, und beim Slalomfahren um Wasserlöcher und gröbsten Schotter komme ich zur Erkenntnis, dass es eben zu „hart“ nicht nur 2, sondern 3 Steigerungsformen geben muss: „härter, am härtesten, Al-banien …“ . Völlig unerwartet beginnt plötzlich wieder eine moderne, gut 5 Meter breite Strasse; es muss die Strasse sein, welche mir die beiden Polen vom Vortag wegen ihrer guten Qualität empfohlen hatten, aber diese führt in der Höhe durch die Bergdörfer nach Peshkopi, und ich will ja schliesslich den alten Strassenverlauf dem Drin entlang erkun-den und wähle die kaum 2,5 Meter breite Schotterspur, die hier abzweigt. Deren Verlauf ist so spektakulär, dass sich jeder Chrampf lohnt! Zunächst steilen Hängen entlang, dann in enge Seitentäler hinein, schliesslich in engen Kehren tief hinab in die enge Haupt-schlucht, über Brücken, deren zum Teil fehlende Planken einfach mit 2 Längsspuren aus Brettern notdürftig überdeckt sind ( und auch schon wieder faulen), dann wieder auf den Resten einer alten zerdrückten Pflästerung steil hinauf in einen nächsten Abschnitt der Schlucht, und das über gut 30 Kilometer. Unterwegs total 2 Autos, einige Hirten, ein Rei-ter, viele Esel und Schafe, bei den abgelegenen 2 -3 Schulhäusern einige Schüler beim Spielen, und sonst nur wilde Natur und grossartige Aussichten in die Schlucht oder zu einsamen Siedlungen am Gegenhang, zu denen kaum ein fahrbarer Weg führen dürfte…. Jedenfalls ausgiebig Gründe, um immer wieder anzuhalten und Photos zu machen. Das Fahren auf dem Schotter und über die groben Steine erfordert aber immer volle Kon-zentration und viel Gefühl, denn vor allem auch in den Steigungen dreht bei zuviel Kraft Balkan 2010 26

das Hinterrad trotz grobem Profil und Gepäcklast durch. Bei den Talfahrten begreife ich auch den tieferen Sinn des Begriffes „Drahtesel“, denn auf meinem Aarios wurde ich auch wie auf einem Esel durchgeschüttelt. Einmal mehr bin ich froh, dass mein Velo Stahlrahmen hat und zudem mit den bewährten „Schwalbe Extrem“- Reifen ausgestattet ist. Mit einem gewöhnlichen Rad hätte ich bei dem Gewicht sicher einen Rahmen- oder Reifenbruch oder gleich beides zusammen erlebt!

Nach etwa 30 Kilometer wird das Tal etwas weiter, aber der Pfad keineswegs besser. Dafür zieren hier jetzt die wohl bekanntesten und zugleich absurdesten Bauten Alba-niens die Landschaft: die pilzartigen Einzelbunker, die zu Enver Hoxhas Zelten die letzte stalinistische Hochburg gegen die bösen Abweichler und den kapitalistischen Feind schützen sollten. Zu 10’000-den wurden diese vorfabrizierten Kleinbunker übers ganze Land plaziert. Viele sind mittlerweile recht schief oder wegen der schlechten Betonquali-tät auseinander gebrochen, aber hier mitten in offenem Föhrenwald sind die meisten noch intakt. Eine Geschenkidee für Leute, die schon alles haben: an der Küste sollen angeblich schon einige von verrückten Ausländern gekauft und abtransportiert worden sein, wohl als lauschige Gartenlaube …

Eine grosse Tafel kündigt an, dass die Strasse hierher ab Peshkopi ausgebaut werden soll, mit Baubeginn 2007 und Bauende Dezember 2010. Also schnell noch ein Bild des bisherigen Zustandes schiessen, da ich ja bald auf viel Besseres stossen werde! Das Bild hätte ich allerdings ebenso gut 3 Stunden später machen können, denn von der Realisierung ist auch 40 km weiter nichts zu sehen. Mich erinnert das an die letzte Tour entlang der Donau in Bulgarien und Rumänien, nur dass dort dazu immer noch das EU-Zeichen prangte.

Die aus dem Internet herunter geladenen russischen Militärkarten erweisen sich in die-sem Abschnitt als sehr zuverlässig mit der präzisen Darstellung des Geländes mit Hö-henkurven und einem Strassenverlauf, der jede Kurve erkennen lässt. Nur fehlt aus uner-findlichem Grund ausgerechnet das Blatt von Peshkopi, weshalb ich mich bei der Pla-nung bezüglich Distanzen auf die österreichische Karte verlassen hatte, und der Rest ist ja wohl schon bekannt… Jedenfalls gibt mir ein Bauer die Auskunft, bis zur letzten Brücke sei es noch gut 20 Kilometer, wo es doch nach meiner Planung höchstens 5 sein sollten, und eine halbe Stunde später erhalte ich von einem hilfreichen Autofahrer nochmals die gleiche Distanzangabe, verbunden mit der Bemerkung, ich sei ja ganz schön mutig! In diesem Moment vermag mich dieses „Lob“ nicht wirklich aufzustellen; und so blieb mir bei untergehender Sonne eben nichts anderes übrig, als trotz prekärer Verhältnisse und doch mit grösster Konzentration kräftig in die Pedalen zu treten und durch ersten kleinen Dörfer, drei Bäche und mehrere Schaf- und Kuhherden hindurch diese Schotterpiste hin-ter mich zu bringen.

77 km nach dem Start in Kukës treffe ich in Fushë-Muhurr erstmals wieder auf Asphalt und endlich die Brücke über den Drin. In der Dämmerung und schliesslich hereinbre-chender Dunkelheit mit aufgehendem Vollmond komme ich schliesslich kurz nach 19 Uhr im wieder 350 Meter höher gelegenen Peshkopi an. Und wie überall hier in Albanien zu hilfreichen Leuten: der erste Passant, den ich anspreche, führt mich gleich persönlich zum gewählten Hotel. Und diesmal kann ich wieder mit wirklich gutem Esse (Salat ge-mischt, Pilz – Risotto, der übliche Wein, 2 Espresso, alles für gut 14 Franken) ich diesen bisher härtesten Tag meiner ganzen bisherigen Veloreisen beschliessen: 90 km, davon über 70 auf Schotter und noch Schlimmerem, fast 1`600 Höhenmetern aufwärts und 1`250 abwärts und über 8 Stunden reine Fahrzeit. Aber die Eindrücke überschreiten eben auch alles Bisherige! Und morgen folgt dann eine gemütliche Etappe nach Ohrid in Mazedonien Balkan 2010 27

  1. September (Do) Peshkopi – Ohrid

93.4 km / Fahrzeit: 5.5 Std / Tagesaufstiege: ca. 725 m

Nach der gestrigen Hochleistung starte ich den heutigen Tag mit einem gemütlichen Morgenessen im Hotelgarten und anschliessendem Spaziergang durch Peshkopi. Fast jedes Haus an den grösseren Strassen der Innenstadt ist an der Front durch Kleinge-schäfte, Coiffeursalons, Kaffees oder Billard-Lokale besetzt. In der Fussgängerzone ist eine Stimmung wie an einem Sonntag-Nachmittag, Leute spazieren, plaudern, trinken Kaffee … . Die hohe Arbeitslosigkeit scheint die Menschen nicht besonders zu belasten.

Als Zwischenverpflegung kaufe ich noch schnell einige saftige Birnen und Trauben, be-vor es gegen Mittag weiter geht. Natürlich (Albanien!) geht es auch heute zunächst im-mer wieder steil auf und ab. Der verdrückte Belag ist schlimmer als jede Schotterstrasse, denn hier sieht man die Unebenheiten viel schlechter. Manchmal muss ich fast im Schrit-tempo hinabfahren, damit mich mein Aarios nicht gleich aus dem Sattel wirft. Zur Krö-nung gibt’s auch noch 2 Kilometer Baustelle auf dem rohen Schotterbett der zukünftigen Schnellstrasse. Obwohl es nur 17 km sind seit Peshkopi habe ich in Maqellare, dem letz-ten albanischen Ort, den Kaffeehalt schwer verdient. Die Abzweigung zur Grenze ist nicht signalisiert, dafür komme erstmals wieder auf eine Strasse, welche diese Bezeich-nung auch wirklich verdient: guter Belag ohne Löcher, Randmarkierungen und sogar Mit-telstreifen, dazu flach, und ab der Grenze zu Mazedonien fühle ich mich schon fast im Paradies (s. oben). Nur das Abfallproblem ist gleich wie in Albanien: vor jedem Ort riesi-ge rauchende Abfallhalden und in den trockenen Bachbetten Plastik, Blech, Reifen.

Nach dem Stausee von Debar wird das Tal des aus dem Ohrid – See kommenden Schwarzen Drin immer enger, aber mit Ausnahme einer zweiten Staustufe steigt die Strasse kaum an, und so kann ich erstmals über längere Strecken in den grössten Gän-gen pedalen. Da lohnt es sich sogar, die Reifen wieder etwas härter zu pumpen.

Wohl als Überbleibsel aus der Zeit des Kalten Krieges gilt bei jedem Staudamm oder Kraftwerk ein strenges Photo-Verbot, das auch scharf überwacht wird. Mehrsprachige Tafeln, zwar schon deutlich altersschwach, verbieten Ausländern sogar von weitem schon den blossen Zugang. Etwa 45 km nach Debar öffnet sich das enge dicht bewalde-te Tal in die weite Ebene von Struga mit vielen Dörfern und zunehmend ausufernder Bautätigkeit. Bereits etwas müde von der gestrigen Etappe verzichte ich auf den Besuch dieser mindestens aus dieser Richtung eher düster wirkenden Stadt. Dafür gerate ich auf eine Schnellstrasse mit sehr starkem Lastwagenverkehr und kann erst nach dem Flug-platz bei Podmolje endlich wieder auf die dem Ohrid – See entlang führende ruhige Landstrasse wechseln.

Kurz nach halb sechs erreiche ich das Zentrum von Ohrid. Ein Kellner am Alten Markt-platz empfiehlt mir als Unterkunft das nahe gelegene „Sore Neim“ neben der alten Mo-schee. Für 610 Denar (ca. 16 Franken) habe ich hier an der historischen Durchgangs-strasse „Coce Delcev“ (heute ebenfalls Fussgängerzone) ein sehr gutes Zimmer mit Du-sche und kleinem Balkon, und das Velo kann ich ebenfalls geschützt im ersten Stock un-ten deponieren.

Nach einem ersten Rundgang in der grossen Fussgängerzone und durch die engen Gassen unter dem Burghügel genehmige ich mir in einem traditionellen Restaurant Barsch nach Ohrider Art (mmmhh!), ausgezeichneten Salat und wie immer einen halben Liter guten Rotwein, alles für keine 15 Franken. Den nächsten Tag behalte ich mir noch für ausgedehnte Besichtigungen dieser Stadt vor.

Und Mazedonien ist phantastisch, für mich aus 3 Gruenden: 1. Zum ersten Mal seit Kukës hat es Strassen. die diesen Namen verdienen und sogar ebenso gut sind wie daheim

  1. Es geht nicht ständig noch in irgendein Seitental hinein, bevor man in Luftlinie 200 Me-ter weiter ist.
  2. Es hat zwar auch rechte Berge, aber die Strassen folgen dem Haupttal ab albanischer Grenze mit kaum merklicher Steigung. Balkan 2010 28
  3. September (Fr) Ohrid – Pogradec

41.0 km / Fahrzeit: 2.6 Std / Tagesaufstiege: ca. 400 m

Bei einem kräftigen Espresso lasse ich mir vom Kellner Ohrid und damit auch die histori-sche und kulturelle Bedeutung der Mazedonier erklären. Die im ursprünglich von Illyrern gegründete Siedlung ist seit dem 3.Jh. v. Chr. von Makedonen besiedelt und war früh ein bedeutendes kulturelles und Wirtschaftszentrum. Unter dem Königreich Bulgarien wurde die Stadt Bischofssitz und hier entwickelte Bruder Kyrill mit den Bibelübersetzungen die altslawische Sprache und das kyrillische Alphabet. Nach vorübergehend serbischer Herrschaft stand die Stadt bis 1912 unter osmanischer Herrschaft. Die meisten der zahl-reichen Kirchen waren in dieser Zeit in Moscheen umgewandelt. Bis nach dem 2. Welt-krieg gehörte die Region wieder zu Bulgarien, danach zu Yugoslawien. Seither wurden auch die zuvor überdeckten Kirchenfresken wieder freigelegt und restauriert. Mit Blick auf ihre Vergangenheit sind die Leute sehr stolz. Dass Griechenland, das im Nordosten ebenfalls von Makedonen bewohnt wird, dem Land wegen des Namens den Zugang zu NATO und EU verweigert, selber aber die makedonische Minderheit nicht anerkennen will, ist nicht nur hier unverständlich.

Nach dieser umfassenden Lektion starte ich ausgeruht zum Stadtrundgang und besuche als erstes die mächtige Samuil-Festung, von welcher man den ganzen See und die Stadt mit ihrer Umgebung besichtigen kann. Besondere Sehenswürdigkeiten sind die sehr schön restaurierte Sveti Kliment i Pantelejmon Kirche sowie die daneben liegenden Ausgrabungen, das noch aus griechischer Zeit stammende Amphitheater und ganz be-sonders die auf der kleineren Anhöhe über dem Oberen Tor liegende Muttergotteskir-che. Eine Theologin, die selber ein umfangreiches Buch über diesen Bau geschrieben hat, erläutert mir alle Details der sehr farbenfrohen Fresken, mit denen jeder Fleck in dieser engen Kirche bedeckt ist. Viele der traditionellen Häuser am Hang zum See sind sehr schön restauriert und prägen mit ihren blendend weissen Fassaden und den auskragenden oberen Stockwerken das Stadtbild. Dazwischen stehen aber auch einzel-ne Häuser schon kurz vor dem Zerfall; der fehlende Verputz macht die traditionelle Flechtbauweise sichtbar.

In der Nähe des Hafens und der Parkanlagen herrscht Touristenrummel mit Souvenir-shops und Restaurants. Da die Wetteraussichten gemäss internet eher schlecht sind und ich nach sechsstündigem Spaziergang so ziemlich alles gesehen habe, beschliesse ich, den schönen Abschnitt entlang dem See gleich heute noch unter die Räder zu nehmen. Dem See entlang, nur etwa 30 km, flach, …. (alles gemäss Karte) –, da kann ich mir ja gut zunächst ein Essen und ein Bier leisten. Das Musaka (ein feiner Kartoffel-Eintopf) ist denn auch wirklich gut, aber doch noch mit Folgen.

Zunächst geht es wirklich flach und locker dem See entlang, und so leistete ich mir an einem verlassenen Kiesesstrand auch gleich noch ein Bad. Aber kurz danach kommt es mir schon wieder echt albanisch vor, obwohl die Grenze noch mindestens 20 Kilometer entfernt ist: steil hinauf in die dicht bewaldeten Bergflanken, dazu Strassen voller Flicke. Mit vollem Magen und dem grossen Bier kommt es mir kurze Zeit ebenso hart vor wie die Etappe Kukës – Peshkopi, nur dass ich mir das diesmal eben selber eingebrockt habe. Dass die Strecke bis zur Grenze schliesslich auch gut 10 Kilometer länger wird als ge-plant (die bekannte Karte!), nehme ich inzwischen schon fast als selbstverständlich und entsprechend gelassen.

Trotz fortgeschrittener Zeit leistete ich mir aber trotzdem vor der Grenze noch den Abste-cher nach Svati Naum, dem wohl berühmtesten Kloster von Mazedonien mit entspre-chend vielen Touristen: Eine Klosterkirche mit ebenfalls sehr schöne Fresken aus dem Xl. Jh. und einige Nebengebäude liegen auf einem Felsen über dem See. Neben der schönen Lage waren wohl auch die verschiedenen Teiche mit den kräftigen Unterwas-serquellen in unmittelbarer Ufernähe ein Grund für die Standortwahl. Dass der Weg zum Kloster auf gut 200 Meter Länge dicht mit Verkaufsständen und Imbissbuden gesäumt Balkan 2010 29

ist, gehört so zu diesem „Heiligtum“ wie die Pfaue, die einem in und ums Kloster auf Schritt und Tritt verfolgen.

Kurz nach halb sieben bin ich wieder in Albanien und fahre in der Dämmerung durch die lange Uferpromenade vor Pogradec, wo hinter hohen Umzäunungen alte und neue Villen sichtbar sind. Hier soll auch Enver Hoxha einen Sommersitz gehabt haben. Immerhin werden heute einige Gebäude auch für Verwaltung genutzt. Mein Hotel „Stella“ liegt un-mittelbar am Weg, so dass das lange Suchen heute entfällt. Zimmer und Essen sind sehr gut. Nur der inzwischen völlig bedeckte Himmel und der kräftige Wind schmälern etwas die gute Laune und scheinen die Wetterprognosen zu bestätigen!

  1. September (Sa) Pogradec – Korçe

48.9 km / Fahrzeit: 3.3 Std / Tagesaufstiege: ca. 445 m

Bis jetzt hatte ich ja immer Glück, aber man kann ja nicht immer Glück haben. Und heute Morgen ist es soweit: leichter Regen, kräftiger Wind … es ist nicht zu ändern. Also das Morgenessen noch im Trockenen ausgiebig geniessen, dann alles Regenzeug bereit hal-ten und hinaus ins Wetter. Trotz Regen lasse ich mir aber die grosszügige Uferprome-nade nicht entgehen. Die wachsende Bedeutung des Tourismus zeigt sich in den zahl-reichen neue Hotels und Restaurants sowie den Blumenanlagen und Statuen berühmter Kulturschaffender dieser seit den 90-er Jahren schnell wachsenden Stadt. Einen kurzen Abstecher in die grosszügige Fussgängerzone der Innenstadt mit modernem Kunst-schmuck, und dann geht es zwischen tiefen Wasserlachen und spritzenden Autos im dichten Marktverkehr nach einigen Umwegen auf die Hauptstrasse Richtung Süden. Immer wieder etwas Regen, so dass es ohne Regenüberwurf kaum geht. Der Anstieg nach der grossen Ebene von Pogradec ist nicht lang, aber recht steil. Dafür bläst mir ein böiger Wind entgegen, der bei einem kurzen Zwischenhalt sogar mein Velo umwirft. Da es an diesem Tag keine lange Etappe sein sollte, kann ich das Tempo lange Zeit so wäh-len, dass ich mit dem Regenzeug die Saunagrenze gerade nicht erreiche. Schliesslich verläuft der zweite Teil dann auf einer leicht gewellten Ebene, und der Wind lässt glück-licherweise auch etwas nach. Da ich für die folgenden Etappen später auch wieder Maliq passieren sollte, mache ich gleich heute schon einen Abstecher in dieses Kaff hinein Wie in vielen albanischen Orten: eine löchrige Hauptstrasse, kleine Häuser mit Bäumen, eini-ge Ansammlungen von trostlosen und baufällig wirkenden Wohnblocks, viele kleine Kaf-fees und Läden, und ganz sicher irgendwo eine verlotterte Industrie-Anlage. Ich stärke mich mit 2 Kaffees (türkisch) und einem feinen Burek und nehme wieder die Hauptstras-se unter die Räder.

Bereits um halb zwei komme ich im heutigen Etappenziel Korcë an, und hier mitten in den Markt, d.h. den Basar. In den engen gepflästerten Gassen gibt es zwischen den Auslagen und in der Menschenmenge kaum ein Durchkommen. Und für einmal über-nachte ich nun auch wirklich anders: Mein „Hotel“ ist ein alter Han (Unterkunft für Mensch und Tier) aus der osmanischen Zeit, mitten im Basar und deshalb im Gewühl kaum zu finden. Die Zimmer, oder besser Kammern, sind im oberen Stock um einen fünfeckigen Innenhof mit Brunnen (auch Teil des Basar mit entsprechendem Betrieb und Lärm!), ha-ben ein einfaches Bett, einen wackligen Tisch und eine quietschende Türe, die man mit etwas Geschick sogar schliessen kann. Immerhin habe ich am Ende des Hofes neben den allgemeinen Toiletten (Loch) ein separates Dusch-WC, und sogar heisses Wasser ist vorhanden. All das für 400 Leke (knapp 5 Franken). Man muss eben alles auch auspro-bieren…. Und auf der Laube kann ich mein nasses und verdrecktes Regenzeug aufhän-gen und reinigen.

Danach habe ich reichlich Zeit für einen ausgiebigen Stadtrundgang im Regen.

Die Tourist- Info ist natürlich trotz angeschriebener Öffnungszeit geschlossen, und so orientiere ich mich mal an den überall aufgestellten Infotafeln und gehe so den Sehens-würdigkeiten nach: die Mirahor – Moschee, das älteste Wahrzeichen der Stadt (leider ge-Balkan 2010 30

rade geschlossen), die älteste Schule Albaniens (und grösste Stolz von Korcë), die mächtige orthodoxe Kathedrale, viele Statuen, wenige moderne Bauten, und überall Häuser, bei denen nur das Kabelgewirr vom nächsten Masten verrät, dass in diesen Gemäuern auch tatsächlich noch jemand wohnt. Viel wertvolle historische Bausubstanz wird hier wohl unwiederbringlich verfallen! Korcë hatte eine Blütezeit um 1930, nachdem nach dem 1. Weltkrieg Franzosen die Annexion durch das nahe Griechenland verhindert hatten und sich unter deren Schutz Handel und Kultur breit entfalten konnten Einige schöne Bürgerhäuser aus dem frühen 20. Jh. erinnern noch an diese Epoche.

Am späten Nachmittag ist der Basar schon wie ausgestorben, aber jeden Morgen wird ab sechs Uhr früh schon überall die Ware wieder für den Verkauf ausgelegt. Am frühen Abend ist auch der als Flaniermeile angepriesene „Bulevardi Republika“ dunkel und trost-los und gutes Essen nur in einer Pizzeria zu finden.

Laut Wetterprognosen im internet soll es am Sonntag „nur“ zu 50 % regnen, nachher wieder deutlich mehr. Also muss ich wohl morgen auf den Ausflug nach Voskopoje ver-zichten und gleich weiterfahren, um bis Mittwoch auf jeden Fall nach Tirana zu gelan-gen. Sollte das Wetter die Velofahrt für die Schlucht bis Gramsh ganz verunmöglichen, gäbe es ja notfalls auch noch den Bus über Pogradec nach Tirana oder als Alternative den Ausweg nach Skopje, um von dort her in die Schweiz zu fliegen.

  1. September (So) Ausflug Voskopoje

( mit Bus )

Ich habe eben doch schon wieder Glück! Nachdem es am Samstag zeitweise kräftig reg-nete und ich die halbe Nacht hindurch von meinem „Hotelzimmer“ aus das kräftige Hämmern des aus defekten (oder fehlenden) Dachabläufen auf irgendwelche Blechdä-cher plätschernden Wassers hörte, ist es gegen Morgen doch etwas stiller geworden, und beim Aufstehen ist der Luftdruck tatsächlich auch schon fast 20 Meter höher als am Vorabend. Also doch hier einen Tag verlängern und den Ausflug nach Voskopoje ma-chen? Erst mal einen kräftigen Espresso (mindestens so gut wie in Italien!) und ein fei-nes Süssgebäck aus der „Bukeri“ (Brotladen), und schliesslich fällt der Entscheid ange-sichts erster blauer Flecken am Himmel. Ein freundlicher Passant hilft mir, den Ort zu finden, von wo die Kleinbusse zu diesem etwa 20 Kilometer entfernten Ort fahren und führt mich durch den schon wieder beginnenden Bazar gleich selber zur Haltestelle. Da der Bus erst um 10 Uhr fährt, lädt er mich in der Zwischenzeit zu sich zum Kaffee ein. Er spricht wie viele Albaner gut italienisch, da während der Isolationszeit Albaniens unter Enver Hoxha die italienischen Stationen sehr beliebt waren (und es eben auch die Ber-lusconi – Sender noch sind). Der Mann führt mich zu seiner kleinen Schneiderei, wo er zusammen mit seiner Frau und einer Angestellten die schönsten Marken- Textilien (u.a. Reebok ) herstellt. Bis 1996 hatte er selber einen Textilbetrieb mit 140 Angestellten, aber in der chaotischen Zeit der zusammenbrechenden Finanzpyramiden und des eskalieren-den Kosovo-Konfliktes übernahmen bewaffneten Banden den Betrieb, und er musste von Grunde auf etwas Neues beginnen. Offenbar mit rechtem Erfolg, kann er doch inzwi-schen 2 Söhne studieren lassen. Im Übrigen erfahre ich während dem Kaffee zwischen Näh- und Zuschneidmaschinen und Bergen von Stoffen viel über die jüngere Vergan-genheit der Region. Er bestätigt mir auch die schon früher gehörte Meinung, dass viele Albaner keineswegs Freunde der Kosovaren sind und lieber nichts von einem Zusam-menschluss mit diesen „halbkriminellen Neureichen“ wissen wollen.

Um 10 Uhr startet der Kleinbus und bringt mich in 40 Minuten für 100 Leke (ca. 1 Fran-ken) nach Voskopoje hinauf. Der Chauffeur macht unterwegs sogar extra Abstecher, um einer gehbehinderten Frau ihre Einkäufe vom Bazar direkt vor das abgelegene Haus zu bringen. Unterwegs bin ich froh über den Entschluss, für einmal men Velo ruhen zu las-sen: es geht doch gut 400 Meter hinauf, und echt albanisch eben unregelmässig und teilweise sehr steil! Balkan 2010 31

Voskopoje war im frühen 18. Jh. die neben Istanbul grösste Stadt im osmanischen Bal-kan und sowohl wirtschaftliches als auch kulturelles Zentrum. Der wichtige Karawanen-weg von Istanbul an die Adria und nach Venedig führte hier durch. Ende des 18. Jh. wurde die Stadt aber mehrmals von Banden aus umliegenden Dörfern geplündert und die Leute zur Flucht gezwungen. Statt wie damals eine Stadt mit über 150’000 Menschen ist Voskopoje heute ein Haufen meist einfacher, verstreuter Häuser zwischen Wäldern und Weiden. Von der grossartigen Vergangenheit mit rund 30 Kirchen zeugen heute noch 7 Kirchen, ein ehemaliges Kloster und die teilweise erhalten gebliebenen gepflästerten Strassenstücke. Die riesigen Kirchen liegen versteckt zwischen Bäumen und sind meist nur über kaum erkennbare Pfade zu erreichen. Alle Kirchen sind ge-schlossen, in erster Linie wohl wegen ihrer Baufälligkeit. Immerhin gelingt es mir jeweils, irgendwo eine Mauer zu übersteigen, um so wenigstens die Reste alter Fresken an den Seitenwänden näher betrachte zu können. Das Innere ist aber mit einer Ausnahme über-all dicht verriegelt.

Nach Angabe des Busfahrers vom Morgen sollte um 1 und um 4 Uhr wieder ein Bus nach Korcë hinunter fahren. Um 1 Uhr bin ich jedoch völlig alleine auf dem Dorfplatz. Eine Stunde später kommt wieder der Bus vom Morgen aus Korcë an, fährt dann aber in die Garage. Auf meine Frage, weshalb er nicht um 1 gefahren sei, erhalte ich die Erklä-rung, das sei eben ein „Furgon“ gewesen, ein Kleintransporter (so Typ Ford Transit), aber weshalb dieser offenbar deutlich früher gefahren ist, kann er mir nicht erklären (oder ich verstehe es eben nicht). Im Übrigen fahre um 4 Uhr der „Bus“. Also habe ich noch 2 Stunden Zeit, die ich mit einem Spaziergang über die umliegenden Hügel verbringe. Im-merhin schenkt mir dies neben der Gelegenheit, auf einer einsamen Weide Trauben, ein Bier und Biskuits ( etwas seltsame Mischung, aber das ist die Auswahl im hiesigen „Mini Market“) zu geniessen, dazu Frösche und Pilze zu entdecken und eine Gottesanbeterin zu beobachten, die sich plötzlich auf meinem Hosenbein niedergelassen hat.

Am Dorfplatz stosse ich auf ein junges russisches Paar, das ebenfalls auf den Bus warte. Der Mann ist Ethnologe und verbringt schon den zweiten Sommer in Albanien, da er sich auf diese Kultur spezialisieren will. Von ihm erfahre ich auch, dass es einen örtlichen Führer gibt, der den Besuchern auch das Innere der Kirchen zeigt. Nach 4 Uhr taucht der „Bus“ , aber diesmal ist es eben nur ein Furgon mit etwa 12 – 15 Plätzen, und 18 Passa-giere sind schon drin. Also quetschen auch wir uns noch hinein, und der Chauffeur bringt es tatsächlich fertig, unterwegs noch zwei weitere Passagiere zu verstauen. Nur ein Wunder, dass er nicht selber noch ein Kind auf dem Schoss sitzen hat. Dafür gestikuliert er fröhlich mit 2 kleinen Mädchen neben und hinter ihm, während es kurvenreich zur Stadt zurück geht. Aber die 100 Leke, die ich beim Aussteigen bezahlen will, lehnt er auch ab. Wahrscheinlich hat er schon genug verdient? Da es in Korcë sonst nicht so viel zu sehen gibt (der Bazar ist seit Mitte Nachmittag schon wieder total verlassen), mache ich bei strahlendem Sonneschein nochmals ausgedehnte Spaziergänge durch Strassen und Parks, wo Gruppen von alten Männern Domino oder Karten spielen. Auf Empfehlung eines Dauergastes in meinem „Hotel“ gehe ich zum Nachtessen in ein kleines Restaurant in der Nähe, um statt Pizza oder Pasta heute echt albanisches Essen zu geniessen. Das Tashqebap mit den Fasuli (weisse Bohnen) ist knapp lauwarm, so dass ich es zuerst nochmals aufwärmen lassen muss, der Tomatensalat mit Zwiebel nur ein kleines Muster, der Wein knapp geniessbar: alles ein rechter Flop, so dass ich mich schliesslich wohl oder übel in einer amerikanischen Crêperie beim Dessert erholen muss. Dank schönem Wetter ist heute Abend auch auf dem Bulevardi Republika Betrieb. Jung und Alt jetzt promenieren und unterhalten sich auf den Trottoirs unter den Bäumen, während auf der Strasse vorwiegend Junge ihre Mercedes und BMW spazieren fahren. In keinem ande-ren Land habe ich bisher einen so hohen Anteil an Mercedes gesehen wie in Albanien. Es sind vorwiegend Modelle aus den 90-er Jahren, die wohl bei uns kaum mehr die Kon-trolle bestanden hätten, hier aber dank ihrer Robustheit auch auf den löchrigsten Stras-sen wohl noch viele Jahre fahren werden. Balkan 2010 32

Der Luftdruck steigt immer noch etwas, und so habe ich gute Chancen. auf den nächsten 50 Schotterkilometer von Maliq bis Gramsh nicht gerade in Pfützen und Bächen zu er-saufen. Und Steigungen hat es (nach Karte und Prüfung von Google Earth) auch nicht zu viele. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

  1. September (Mo) Korcë – Gramsh

87.1 km / Fahrzeit: 6.4 Std. / Tagesaufstiege: ca. 560 m

Der Montag beginnt zunächst noch gemütlich. Bis Maliq kenne ich die Strecke ja schon: gute Strasse, flach, kein Wind: so gar nicht albanisch! Deshalb leiste ich mir in Maliq auch gleich nochmals am selben Ort wie 2 Tage zuvor zwei kräftige Kaffee und einen köstlichen Burek, auf den ich allerdings eine halbe Stunde warten muss: das Gas ist ge-rade wieder einmal ausgegangen. Aber ich bin früh dran und habe ja viel Zeit (meine ich!). Und so geht es denn nach neun Uhr gemütlich weiter dem Flüsschen Devol ent-lang: ein sanftes Tal, Strasse mit Asphalt (zwar viele Flicke), sehr wenig Verkehr, ab und zu eine kleine Siedlung, eine Schafherde, ein verlassenes Bergwerk, flach bis leicht ab-wärts: ganz und gar nicht so, wie ich es erwartet hatte. Nach 10 km erstmals ein Dorf: Zanisht, mit einer malerischen Hängebrücke (über die ich zum Glück aber nicht muss), Kaffee-Bar, Handlung, Schulhaus, Tankstelle,.. Und ab hier beginnt das Abenteuer, zu-nächst zwar noch sanft: ohne Belag, viele Wasserlachen und -löcher, meist eng, z.T. zwischen dichtem Gebüsch, aber doch noch gut fahrbar. Nach einer letzten breiteren Stelle des Tales mit einer Verzweigung und einigen Holzkohle-Meilern am Flussufer geht der Erdweg allmählich in einen Steinweg, bzw. teilweise ein altes, sehr grobes Steinbett über, und aus dem Tal wird eine enge Schlucht, durch die der Weg 20 – 100 Meter über dem Wasser führt: oft direkt senkrecht hoch über dem Bach, natürlich ohne irgendwel-che Absperrungen, dafür mit engen Kurven um die zahlreichen Felsrippen herum, da-zwischen in instabilen Bereichen immer wieder riesige Schuttkegel, über die eine provi-sorische (oder doch schon definitive?) Fahrspur führt. Erstaunlicherweise begegnen mir unterwegs auch noch 2 Furgon (Minibusse), die bedenklich schaukelnd ihren Weg su-chen. Ich würde mich auf dieser Strecke wohl nie in ein solches Gefährt getrauen! Echte „Aufsteller“ sind denn auch die sporadisch auftauchenden Gedenksteine von „Verkehrs-opfern“, schwarze Platten mit Lebens- und Todesdaten, einem Photo und viel künstlichen Blumen. An einer Stelle ist offenbar vor einem Jahr ein Fahrzeug mit 4 gleich Burschen von der Strasse abgekommen. Da fühle ich mich auf meinem Aarios trotz Geholper we-sentlich wohler. Zum Glück hat es hier schon über einen Tag nicht mehr geregnet, es ist ja so noch schlammig genug. Am Tag zuvor hätte es für mich wohl ganz einfach eine Zeltnacht gegeben, um diesen Abschnitt zu schaffen. Drei Mal bleibe ich auch jetzt noch ganz einfach stecken und muss das Velo zum nächsten festeren Abschnitt schie-ben. Und schliesslich zeigt sich, dass selbst Marathon-Plus-Reifen keine absolute Si-cherheit geben können: Plötzlich spüre ich einzelne Steine ungewohnt hart und schmerzhaft und muss feststellen, dass das Hinterrad leck ist. Aber anders als bei mei-ner letzten derartigen Panne vor 4 Jahren in Italien habe ich ja hier aus einem kleinen Seitenbach genügend Wasser, und zudem ist es noch nicht spät. Also ganz gemütlich und in aller Ruhe Gepäck weg, Rad weg, sauber alles auslegen (damit ja kein Fehler passiert!) und Ruhe bewahren. Bei genauer Kontrolle finde ich sogar den Bösewicht im Pneu: ein ganz feiner Metallspan (von der Felge?), der wohl aber schon einige Tage im Reifen gesessen und nur gerade erst jetzt unter den harten Schlägen über die Felsen und Steine seinen Weg bis zum Pneu gefunden hat. Nach 1 1/2 Stunden kann ich die Fahrt beruhigt fortsetzen, aber inzwischen hat sich der Himmel bedeckt und ab und zu regnet es leicht. Also auch um halb drei Uhr noch keine Mittagspause, sondern möglichst weiter. Trotzdem muss ich mit den vielen spektakulären Aussichtspunkten die Fahrt im-mer wieder zum Schauen und Photographieren unterbrechen. Balkan 2010 33

Nach 20 km taucht an einer etwas breiteren Stelle der Schlucht erstmals wieder eine Siedlung auf: einige Häuser oder eher Hütten, eine Spelunke, kaputte Traktoren irgend-wo im Gebüsch, … ohne die 2 trostlosen Wohnblocks im Hintergrund fast eine Kulisse für irgendeinen Western! Und keine 100 Meter weiter schon wieder reine Wildnis. Dass es neben den zahlreichen Bergtouren über die Schuttkegel schliesslich trotz dem Fluss auch noch zwei kurze, aber happige Steigungen gibt, ist selbstverständlich, schliesslich bin ich ja in Albanien! Endlich weitet sich die Schlucht etwas, es gibt wieder erste Felder, und 50 km nach Zanisht tauchen wieder erste Asphaltabschnitte auf. Der Fluss bildet im Talgrund eine breite Schotterfläche aus dem reichlichen Geschiebe, das er bei jedem Hochwasser mitbringt. Für einen Stausee, wie er in der Karte eingetragen ist, dürfte die-se Geschiebemenge zu einem grossen Problem werden. Hier führt die „Strasse“ wieder einige Male in enge Seitentäler hinein, um irgendwo weit hinten diese Seitenbäche zu überqueren. Und wie als Krönung holpere ich gegen 19 Uhr bei einbrechender Dunkel-heit auch wieder über ein echt albanische Schlaglochpiste aus Schotter und Asphaltfle-cken in Gramsh ein. Wie überall in Albanien promeniert um diese Tageszeit nahezu die ganze Bevölkerung auf der Hauptstrasse. Wie schon andernorts können wohl einige Leu-te auch hier nur den Kopf schütteln über den spinnigen Ausländer, der statt mit dem Auto auf 2 Rädern durch Albanien reist. Ein freundlicher Polizist zeigt mir gleich mein Hotel, und der Chef des Hotels trägt mir sogar das Velo zur Rezeption in den ersten Stock hin-auf. Duschen, waschen, waschen, waschen …, Erholung beim reichhaltigen Nachtessen mit wohlverdientem Wein, Kaffee und Raki, und dann der erholsame Schlaf. 87 km, von denen über 50 km echte Mountainbike-Strecken waren. Einmal mehr bin ich überzeugt, trotz schlechter Karte richtig geplant zu haben: in umgekehrter Richtung hätte ich diesen Abschnitt auch ohne vorherige Niederschläge kaum in einem Tag geschafft. Für den nächsten Tag hab ich den Rest des Tales, nun aber auf Asphaltstrasse, bis Elbasan und eventuell einen ersten Teil des (letzten) Passes nach Tirana hinüber vorgesehen.

  1. September (Di) Gramsh – Elbasan – Tirana

111.7 km / Fahrzeit: 6.7 Std / Tagesaufstiege: ca. 1‘070 m

Nach der gestrigen Etappe hat heute die Velowäsche erste Priorität, denn auf das Kna-cken und Knirschen in Kette und Zahnrädern kann ich gerne verzichten. Für 100 Leke (1.20 Franken) erhalte ich im „lavash“ ein blitzblankes Velo und dafür total verspritzte Hosen, aber das Wetter ist ja heute gut.

In der Karte ist ab Gramsh talabwärts en grosser Stausee eingetragen, weshalb die Strasse nicht dem Tal folgen kann, sondern seitlich über einige Hügel unbekannter Höhe führen soll. In Google Earth jedoch konnte ich keinen Stausee finden. Aber auch in der mit Schweizer Unterstützung erstellten Bike-Karte Albanien führt die Strecke über Hügel, wenn auch kein Stausee eingetragen ist. Aber trotz übereinstimmender Streckenführung sind eben beide Karten falsch: Die Strasse führt wie bereits in den alten russischen Mili-tärkarten eingetragen dem Fluss entlang, der sich hier in Windungen durch eine breite flache Schotterebene schlängelt. Angesichts der starken Erosion in der Schlucht und der reichlichen Geschiebeführung dürfte sich ein Stausee wohl innert Kürze in einen reinen Geschiebesammler verwandeln. Umso grösser meine Überraschung, als ca. 20 km un-terhalb Gramsh tatsächlich ein riesiger Damm auftaucht. Beim Start in Gramsh habe ich die Höhe eingestellt und stelle nun fest, dass die heutige Strasse am teilweise bewalde-ten Flussbett gut 45 – 50 Meter tiefer als die Dammkrone liegt. Wenn dieser „Stausee“ je gefüllt sein sollte, wären wohl sogar eine Teile der Stadt unter Wasser. Wahrscheinlich handelt es sich um eine gigantische Fehlplanung aus der kommunistischen Zeit Alba-niens. Etwas unsicher werde ich erst, als tatsächlich im Bereich des alten Betonturmes, der wohl den Überlauf bilden sollte, auch noch ein Bagger im Einsatz steht. Meine Er-kundigungen im nächsten Kaffee an der Strecke ergeben, dass das Projekt aber wieder Balkan 2010 34

aktiviert worden sei. Offenbar reichen da meine bescheidenen Ingenieur- (oder Alba-nisch-) Kenntnisse nicht mehr ganz aus!

Ich bin jedenfalls froh, dass mir die gemäss Karte erwarteten Steigungen über die Hügel bis Elbasan erspart bleiben. Bei Cërrik mündet meine Route in die gut ausgebaute Hauptstrasse, welche von der Küste zum Ohrid – See führt. Der Fluss Skumbin bildete früher auch die Grenze zwischen den beiden albanischen Volksgruppen, die Gegen im Norden und die Tosken im Süden, deren Sprachen sich früher etwa so stark unterschie-den haben sollen wie Plattdeutsch und Walliser-deutsch. Vor Elbasan wird die Ebene durch die monumentalen Stahlwerke verunstaltet, welche seinerzeit mit chinesischer Hil-fe erstellt worden waren und zum Teil seit bald 20 Jahren zu Ruinen werden, wo aber ein reduzierter Betrieb immer noch Russ und Rauch ausbreitet. Umso positiver die Überra-schung in Elbasan: eine lebhafte, freundliche Stadt mit einem von noch weitgehend in-takten Stadtmauern eingefassten Kern. Die engen Strassen in der Altstadt sind allerdings oft nur wenig besser als diejenigen auf meinen Bergstrecken.

Um 15 Uhr nehme ich den letzten Pass in Angriff. Vielleicht reicht es sogar noch bis Tira-na, denn ich habe in albanischer Währung gerade noch 100 Leke im Sack, und der letzte Bancomat hier will mir für meine Travelcash – Karte kein Geld ausspucken.

Gut 700 Meter geht es in Serpentinen steil hinauf, und so brauche ich mein letztes Geld auch noch für Zwischenverpflegung aus Trauben und Feigen. Es sieht seit einiger Zeit wieder nach Regen aus, aber glücklicherweise beginnt der erst, als ich nach 2 Stunden den langgezogenen Übergang auf rund 800 m.ü.M. erreiche. Nieselregen und Nebel sorgen für kühle Temperaturen, so dass mir Regenhose und Regenjacke für die steile Abfahrt gleichzeitig als Kälte- und Windschutz dienen. Auf die Besichtigung der Festung in Petrele kann ich unter diesen Verhältnissen getrost verzichten. Trotz rassiger Fahrt beginnt es im Tal bei Mullet schon zu dämmern. 10 km vor Tirana kommt für mich uner-wartet nochmals ein kleiner Übergang (schliesslich bin ich ja in Albanien!), und so muss ich trotz nahezu rennmässigem Pedalen auch noch Licht montieren, um endlich nach 19 Uhr im dichtesten Abendverkehr in der Hauptstadt einzufahren.

Auch hier finde ich wieder hilfsbereite Leute, die mir bei der Suche einer günstigen Un-terkunft helfen. So finde ich statt einem teuren Hotelzimmer für nur 20 Euro eine kleine Wohnung fast im Zentrum. Kurz waschen, duschen, Nachtessen gehen, und dann ganz einfach nur noch schlafen!!

  1. September (Mi) Tirana

Stadtbesichtigung

Bevor ich unbeschwert die albanische Hauptstadt besichtigen kann, muss ich 2 Aufga-ben lösen: nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, an einem Bancomat Geld zu beziehen, steht end-gültig fest, dass meine Travelcash – Karte wirklich leer ist; irgendwo müssen ich oder ein Bancomat einen Fehler gemacht haben, denn gemäss meinen Noti-zen sollte ich noch mit mehr als 100 Euro geladen sein. Mit Telefonaten an die Schwei-zer helpline gelingt es mir schliesslich doch noch, so dass ich endlich wieder über etwas Bargeld verfüge. Als zweites muss ich nun dringend meinen Rückflug sicherstellen und dazu das Büro der Fluggesellschaft Bellair finden. Die Adresse habe ich zwar auf mei-nem Flugbillet, aber da Hausnummern in Albanien nicht gebräuchlich sind, finde ich das Büro erst in den vielen Reklametafeln erst nach langem Suchen. Bereits zweieinhalb Wochen zuvor hatte ich ja die Nachricht erhalten, dass mein vorgesehener und bereits bezahlter Flug Tirana – Zürich mit Bellair für den 1. Oktober gestrichen worden sei und ich mich mit der Gesellschaft in Verbindung setzen sollte. Mehrmalige Anrufe von unter-wegs blieben aber immer unbeantwortet. Umso angenehmer ist aber nun hier die sehr freundliche Bedienung vor Ort, wo man mir Varianten über Italien oder Deutschland oder die Preisrückerstattung anbietet. Die selbst bereits in Betracht gezogene Variante mit Bus nach Podgorica und von dort mit Zug nach Belgrad würde mir zwar sehr gefallen, Balkan 2010 35

aber es wäre doch etwas kompliziert. So bleibt mir nichts anderes übrig, als bereits am Donnerstag nach Milano-Malpensa zu fliegen, von wo ich dann mit dem Bus nach Mendrisio oder Lugano weiter kann. Anders könnte ich erst am Samstag wieder fliegen. Und so organisiere ich nun ein Taxi für den Flugplatz um 19 Uhr Donnerstagmorgen; dort sollte dann auch mein Velo verpackt werden (ca. 45 Euro inkl. Transport).

Den Rest des Tages verbringe ich mit ausgedehnten Spaziergängen und Besichtigun-gen;

– das Wohnhaus des berühmtesten albanischen Malers Sali Shijaku: ein traditionelles osmanisches Haus mit grossem Innenhof und Garten in einem sonst absolut farblosen Quartier. Im Haus ein grosser Innenraum mit Galerien darüber und einer kunstvollen Dachkonstruktion aus Holz. Neben der schönen Möblierung eine reiche Auswahl von Bil-dern des Künstlers.

– der Bazar beim Bahnhof

– die farbigen Wohnblöcke im Zentrum. Der Bürgermeister von Tirana liess in den 90-er Jahren viele der bisher trostlosen Wohnblocks farbig bemalen. Langsam verblassen die Farben, aber das Beispiel scheint doch Schule gemacht zu haben, denn überall in der Stadt begegnet man auch neuen Bauten mit bunten Farben (und viel recht skurriler Ar-chitektur!!)

– der Skanderbeg – Platz mit dem Reiterdenkmal des albanischen Nationalhelden. Der Platz sollte eigentlich schon 2009 in eine grosse Fussgängerzone umgewandelt werden, aber politische Querelen blockieren seither diese Pläne. Als Resultat ist der Platz bis heute nur eine grosse Baustelle, in welcher der Nationalheld recht verloren auf seinem Pferd sitzt.

– die Ethem-Bey-Moschee und der Kirchturm, die beiden Wahrzeichen Tiranas. Die ein-zige alte Moschee in Tirana, die Krieg und Kommunismus überstanden hat, mit schöner Bemalung des Innenraums und Vorhalle. Moderne Gebäude stellen diese historischen Bauten allerdings all-mählich in den Schatten

– die von den Italienern in den 30-er Jahren erstellten Regierungsgebäude am Südrand des Skanderbeg – Platzes und der angrenzende achtspurige Zeremonialboulevard , der am Universitätsgebäude mit der danebenstehenden Mutter-Teresa-Statue endet.

– das Nationalmuseum mit interessanter Führung zur sehr spannenden und für uns doch ganz unbekannten Geschichte

– der Blloku, das Quartier der komm. Prominenz mit der Villa von Enver Hoxha (jetzt das Aus-geh- und Beizenquartier Tiranas)

– die „Pyramide“, ein massiver Betonbau in Form einer niederen Pyramide und eigentlich von Hoxha‟s Tochter als Hoxha-Museum geplant, ist heute eine Art Messe-Zentrum und zeigt schon erhebliche Betonschäden. Eine Installation mit einer Glocke davor ist dage-gen recht pittoresk: die Glocke wurde aus Hülsen gegossen, die nach den Unruhen von 1998 in den Strassen herumlagen

– und immer mal wieder einen feinen Kaffee und gutes Gebäck als Zwischenverpflegung ….

Den letzten Abend geniesse ich bei einem feinen Essen im Blloku – Quartier. Auf dem nächtlichen Spaziergang zurück in meine Wohnung leiste ich mir ein letztes Mal eine der feinen Glacen an einem Stand und freue mich auf Erholung und Wiedersehen zu Hause.

  1. September (Do) Tirana – Schweiz

(Heimreise unter erschwerten Bedingungen…..)

Das Übel hatte sich ja bereits am späten Vorabend angekündigt: Beim Schreiben meines letzten e-mail an Familie und Freunde zu Hause begann erstes Bauchgrimmen, zu wel-chem sich immer mehr Übelkeit gesellte. Nur mit Mühe konnte ich mich gegen Mitter-nacht noch zu meiner Wohnung schleppen (und erwischte dabei zunächst auch noch den falschen Block!), und dann folgte die wohl schlimmste Nacht der letzten Jahre: ab-Balkan 2010 36

wechselnd auf dem WC hockend und vor dem WC kniend, mit kurzen Erholungspausen auf dem Bett, so verbrachte ich die Zeit bis 5 Uhr morgens. Brechkrämpfe ohne Brechen, da hat man wirklich das Gefühl, es zerreisse einem die Speiseröhre!

Ab 7 Uhr mache ich in Zeitlupentempo mein Gepäck bereit, um dann doch noch die am Vortag geschlossene Moschee und den danebenstehenden 100 Meter hohen Uhrturm zu besuchen. Beim Treppensteigen komme ich mir vor wie ein Zittergreis und muss mehrmals Pause machen. Wenigstens lohnt sich die Aussicht über die Stadt, die umlie-genden Berge und den zu Füssen liegenden Skanderbeg – Platz. Anstelle eines guten Morgenkaffees und feinem Gebäck kann ich nur gerade einen Schwarztee zu mir neh-men. Glücklicherweise habe ich mich am Vortag statt für den öffentlichen Bus doch für das Taxi entschieden; den Weg mit Gepäck zur Busstation würde ich unmöglich schaf-fen, bei einer Weiterfahrt mit Velo würde ich wohl im ersten Kilometer vom Rad kippen! Wahrscheinlich war eben die „feine“ Glacé auf dem gestrigen Abendspaziergang doch schon zu alt gewesen und impfte mir irgendeinen bösen Käfer in den Magen! Eigentlich kennt man ja nach einigen Reisen alle die bekannten Vorsichtsmassnahmen, aber am letzten Abend wird man trotzdem allzu schnell leichtsinnig.

Am modernen Flughafen anerbietet sich sofort ein Mann, mir das Fahrrad in Plastik ein-zuwickeln. Auf mein Verlangen sucht er dann aber doch zuerst mit einem Kollegen Kar-ton zusammen, mit dem wir das Velo rundum abdecken und erst dann einwickeln. Dazu muss ich lediglich den Lenker abdrehen und die Pedalen entfernen. Neben 20 Euro er-bettelt er mir dafür noch den Spanngummi (Migros, 3 Franken), der ihm von Beginn an ins Auge gesprungen ist, sowie 200 Leke (2 Fr.) für Zigaretten. Mir ist schon alles egal, wenn nur das Velo gut nach Milano kommt! Nachdem auch noch die 40 Euro für den Transport bezahlt sind, zwinge ich mich, einen der bisher nicht benutzten Energieriegel hinunterzuwürgen, um damit hoffentlich wieder etwas Kraft zu bekommen, aber statt dessen verstärkt sich nur wieder mein Brechreiz. Und so verbringe ich eben auch etwa einen Drittel des 100-minütigen Fluges in einem engen Flugzeug-WC. In Milano-Malpensa kommt zum Glück auch trotz fehlender Vorbestellung gerade ein grosser Bus von Lugano her an, so dass ich auch ohne Voranmeldung das Velo verladen kann. Und im fast leeren Bus kann ich auch gleich die hinterste Bank belegen und so bis Chiasso schlafen, denn liegend ist es halbwegs erträglich. Der Bus fährt bis zum Bahnhof Bellin-zona, so dass ich ab hier für den Intercity nach Luzern-Basel einen Veloplatz reservieren kann. Die zwei Stunden bis zur Abfahrt nutze ich, um gleich das Velo auszupacken, und das ist zu meiner grossen Freude absolut intakt. Und so geht es schliesslich mit dem Zug nordwärts, allerdings auch bis Arth Goldau wieder im glücklicherweise fast leeren Wagen vorne im Velo-Abteil am Boden liegend. Und schliesslich um 22.20 in Sursee: Paula und ich können uns nach einem Monat wieder in die Arme schliessen, ich zwar auf wackligen Beinen, aber beide doch überglücklich! Und beide mit viel Dankbarkeit, dass es immer so gut geklappt hat.

Trotz allem Chrampf gab es im ganzen Monat keinen einzigen Tag, an welchem ich nicht mindestens einmal einfach nur feststellen musste, wie gut es mir geht. Aber eben: „Alles freiwillig … „Ein toller Monat, aber einmal reicht es auch mir …..

  1. Oktober Geuensee Eine Bilanz

Seit 5 Tagen bin ich zu Hause, und damit ist es nun auch Zeit, kurz Rückblick zu halten und eine Bilanz zu ziehen. 4 dieser 5 Tage haben die Glacé-Käfer noch Wirkung gezeigt. Immerhin gab der Arzt gestern Entwarnung, keine Salmonellen, aber akuter Salz- und Eiweissmangel. Zum Wiederaufbau empfahl er mir Isostar und Fleisch und Fisch, und so besorgte ich mir gestern eben gleich das Getränkepulver und begann das Nachtessen gestern mit einem grossen Entrecote. Nach insgesamt 9 kg Gewichtsabnahme seit dem Start am 31. August geht es nun doch langsam wieder aufwärts und ich fühle mich wohl. Und damit in der Lage, mit klarerem Kopf Bilanz zu ziehen: Balkan 2010 37

Es war zweifellos die anspruchsvollste aller meiner bisherigen Touren. 2013 km auf Straßen oder was man so unter diesem Begriff auch noch versteht, 127 Stunden im Sat-tel, etwas über 19 km Steigung, ….. Es war aber sicher auch die faszinierendste Tour: weitgehend unbekannte Gebiete, grossartige und oft wilde Natur, mit Ausnahme von be-kannten Zentren wenige, gegen Schluss gar keine Touristen, freundliche und meistens sehr hilfsbereite Menschen, …….

Als Alleinreisender ist man mehr auf andere Menschen angewiesen, findet aber damit auch eher Zugang zu den Leuten.

Die Routenwahl kann ich im Nachhinein als absolut geglückt bezeichnen: vom Start in Serbien bis zu den letzten Etappen in Albanien war es eine stetige Steigerung und ein ständiges Angewöhnen an eine nächste Anforderungsstufe; ein Start gleich in Albanien auf diesen Strecken hätte wohl schnell zur Kapitulation geführt. Zudem waren viele Stre-cken in der gewählten Fahrtrichtung deutlich besser als umgekehrt, vor allem die beiden Bike – Etappen in Albanien (Gramsh – Korcë würde ich in dieser Richtung gleich völlig ausschliessen!).

Die Tour brachte mir Länder und Völker ins Bewusstsein, deren Entwicklung und vor al-lem jüngere Geschichte mich in nächster Zukunft weiter beschäftigen werden; hier will ich noch viel wissen und werde dazu noch viel lesen müssen und wollen.

Noch einige Ergänzungen zum ehemaligen Jugoslawien: Je länger ich durch diese neu-en Republiken fuhr, umso mehr faszinierte mich deren jüngere Geschichte. In Sarajewo und Dubrovnik musste ich mir eine ganze Reihe von Büchern aufschreiben, die ich nach der Rückkehr zu diesem Thema lesen will. Besonders interessant waren jeweils die Dis-kussionen mit Einheimischen zu diesem Thema, sei es bei einem Glas gutem Vranac (Rotwein) oder bei einem der vielen Grappas. Auffallend auch, wie Tito von fast allen Leuten sehr positiv bewertet wird, auch wenn er als Diktator eingestuft wird. In Serbien und im östlichen Teil Bosniens (Republika Srpska) sind die Leute im Gegensatz zu Ser-bien entlang der Donau (letzte Jahr) aber wie abgestumpft und gleichgültig, alles wirkt verlottert und hoffnungslos. Erst ab Sarajewo waren die Menschen viel offener, sponta-ner und auch interessierter. Hier wurde auf der Strasse wieder zurückgegrüsst oder im Vorbeifahren gehupt. Kroatien wiederum war wohl wegen der vielen Touristen um Dub-rovnik schon wieder gleichgültiger.

Montenegro ist schlicht grossartig: Wer Natur, Wildnis, Berge, Einsamkeit und nette Leu-te gerne hat, kommt hier voll auf seine Rechnung. Und dank den mehrheitlich sehr guten Strassen mit weniger Anstrengungen als in Albanien

In Albanien gibt es noch sehr viel zu entdecken, bevor der Tourismus auch dort zuschla-gen wird. Nach der langen Diktatur und Isolation ist die Entwicklung rasant. Ob die enor-men Erwartungen an Amerika und die EU, die sich überall in aufgehängten Flaggen zeigt, darf aber mindestens bezweifelt werden. Unterdessen zerfallen die wertvollen Zeugen der Vergangenheit mehr und mehr …

Während 31 Tagen hatte ich an nur 6 Tagen einige Stunden Regen. Und 3 dieser Tage waren

Ruhetage in einer Stadt, wo es mich überhaupt nicht störte. Der September hat sich ein-mal mehr als idealer Reisemonat für den Süden gezeigt.

Und eben die Kartengrundlagen: ein leides Kapitel ! Ich wünsche mir immer noch, die Verfasser der Karten von freytag&berndt werden eines Tages ihre Strafe abbüssen und vielleicht auch lernen, dass man Distanzen nicht in einer schon generalisierten Karte misst! Und das DEZA werde ich sicher auch anfragen, wie sie dazu kommen, eine so unsinnige Bike-Karte Albanien auch nur mit einem Franken zu unterstützen …… Die bes-te Strassenkarte von Albanien, die ich gesehen habe, hatten 2 polnische Radfahrer bei Kukës (Karte eines polnischen Verlages), aber in Details dann eben auch rudimentär. Am besten ist die russische Militärkarte, aber zum Stand von etwa 1960. GoogleMaps ist hier auch nur sehr generell, und so bleibt einem für eine wirkliche Abklärung nur eine de-taillierte Prüfung der Satellitenfotos von GoogleEarth (mit Höhenangaben). Das Problem Balkan 2010 38

dabei ist nur, dass man dabei oft Mühe hat, die Strassen überhaupt in den Photos zu fin-den! Zudem sind die dortigen Satellitenfotos teilweise auch schon über acht Jahre alt. Improvisation vor Ort und der Einbau von Zeit- und Kraftreserven bei der Planung sind deshalb unerlässlich!

Von meinem mitgeschleppten Gepäck (laut Flughafen Check-In Tirana: Saccoche mit 17 kg + ca. 2 Kilo Lenkertasche + täglich 1 – 2 kg Getränkeflaschen am Rad) brauchte ich wieder einmal einiges nicht: Zelt, Schlafsack, Mättli (zusammen ca. 3 kg) würde ich wohl nicht mehr mitnehmen; eine Unterkunft in irgendeiner Form findet sich in fast jedem Ort, wenn man keine Ansprüche stellt. Für etwas weniger „anmächelige“ Betten habe ich so-wieso immer den Seidenschlafsack dabei (und mehrmals verwendet!). Mit der allabendli-chen Wäsche hätte sich auch der Sack mit Reservekleidern erübrigt (ca. 1 kg). Dass ich die warme Jacke auch in den Bergregionen nicht brauchte, war allein dem Wetterglück zu verdanken, und die als Notproviant mitgenommenen Knusperstengel und Energierie-gel erleichterten immerhin das sorglose Befahren von unbewohnten Streckenabschnit-ten. Und schliesslich denkt man nach jeder Tour: das und das mache ich ein anderes Mal sicher besser, … nur um bei einer nächsten Reise eben doch fast alles wieder einzu-packen!

Nun bleibt noch die grosse Arbeit des Ordnens und Mistens bei den Photos. Aus den rund 2200 Photos werde ich eine Auswahl von 2 – 300 treffen müssen und dann auch noch diese Auswahl straffen müssen, um sie mit dem durch das i-gotU (ein einfachstes GPS) registrierten Tourenverlauf zu verbinden. Als Resultat sollte dann eine Darstellung in GoogleEarth herauskommen, in welcher neben der Route auch alle Bilder am richtigen Ort erscheinen. Eine Diashow (Picasa) und ein Photobuch sind auch beabsichtigt….. , also langweilig wird es in nächster Zeit mit Sicherheit nicht!

Es war ein Chrampf, aber es war einmalig, grossartig, und es gab in der ganzen Zeit kei-nen einzigen Tag (wohl mit Ausnahme des letzten Tages in Tirana!), an dem ich nicht mindestens einmal mir sagen musste: „Herrgott, geht’s mir gut, dass ich all das erleben darf!“. Ich bin restlos zufrieden und würde es sofort wieder machen, wenn auch nicht ge-rade heute oder morgen. Ich kann nur Jedem wünschen, auch so schöne Erlebnisse zu haben. Es muss ja nicht gerade in dieser Art sein¨!

Und mit dem Reisetagebuch habe ich vielleicht ein wenig das Interesse für diese bei uns kaum bekannte Gegend geweckt, — und gleichzeitig einige Vorurteile beseitigt.

Abschliessend möchte ich allen danken, von denen ich unterwegs per mail oder sms Rückmeldungen erhalten habe. Es tut gut, den Kontakt zum Alltag nicht ganz zu verlie-ren.

Dovidshenje ! Mirëpafshim ! Tschüss !

PS: Ironie des Schicksals (?): Mein Aarios hat mich 2009 und 2010 rund 5„000 km durch den ganzen (ach so gefährli-chen!) Balkan getragen, ohne dass je einmal etwas gestohlen wurde. Aber nach 2 Wo-chen in der „sicheren“ Schweiz ist es auf dem Schulhausplatz Geuensee beim Velo-ständer spurlos verschwunden (und trotz intensiver Nachforschung nicht mehr aufge-taucht. Auch wenn es viele Strassen kennt, ist es vermutlich noch nicht sehr weit weg. Und so muss ich mich nun eben an ein neues Tourenrad gewöhnen …

Bilder zur Reise: http://picasaweb.google.com/pemanz/Balkan2010# Balkan 2010 39

Hilfreiche Infos (neben internet , GoggleEarth, etc. )

Reiseführer:

Western Balkans (lonely planet)

Albanien Reise Handbuch (reise.com)

div. DuMont-Führer

Sprachführer:

Serbisch, Wort für Wort (Kauderwelsch-Sprachführer, ReiseKnowHow)

Albanisch, Wort für Wort (Kauderwelsch-Sprachführer, ReiseKnowHow)

Hintergrund – Information:

Noel Malcolm: Geschichte Bosniens (Fischer Verlag)

Johann Georg Reissmüller: Der Krieg vor unserer Haustür (DVA)

Christian Kind: Krieg auf dem Balkan (Verlag NZZ)

Wolfgang Libal: Das Ende Jugoslawiens, Chronik einer Selbstzerstörung (Europaverlag)

Christian Kind: Krieg auf dem Balkan; der jugoslawische Bruderstreit (NZZ)

Christine von Kohl: Albanien (Verlag C.H.Beck)

Literatur:

Ivo Andrić Die Brücke über die Drina

Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo (btb)

Miljenko Jergović: Sarajevo Marlboro

Miljenko Jergović: Das Walnusshaus

Saša Stanišić : Wie der Soldat das Grammofon repariert

Vesna Goldsworthy: Heimweh nach Nirgendwo (Verlag Deuticke)

Bato Tomasevic:Montenegro: Eine Familiensaga im Jahrhundert der Konflikte (Campus )

Ismail Kadare : Der zerrissene April

Ornela Vorpsy: Das ewige

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