paarios

Carpe Diem

DONAU 2009

von Budapest zum Schwarzen Meer
. . .  und weiter bis Varna           Dnau09-52

Nach verschiedenen früheren Abschnitten zwischen der Donau-Quelle und Budapest war ich neugierig auf die Fortsetzung dieser „Flussfahrt auf dem Lande“. Im Herbst 2009 war es soweit:

Eine Reise
durch 5 Länder
zwischen Rückständigkeit und Aufbruch in die Moderne
zu bekannten und unbekannten historischen Städten und Stätten
mit vielen interessanten Begegnungen
durch Städte, Dörfer, Steppen, Wälder,
in 26 Etappen
über knapp 2’500 km
in 150 Stunden Fahrt

Hier geht’s zur vollständigen Bildstrecke : Picasa-Album DONAU 2009

 

. . . und hier zum ausführlichen Bericht von unterwegs :

 

 

Mit dem Fahrrad von Budapest zum Schwarzen Meer
2. September – 2. Oktober 2009

  • Berichte von unterwegs

 

1. September, Dienstag

Morgen geht’s endlich los! Anhand der Karten Donauradweg 1 : 100’000 (1), der Karte Schwarzmeerküste Bulgarien 1: 130’000 (2) sowie diverser Infos aus dem Internet (3) habe ich mir einen Reiseplan von Budapest zur Donaumündung und der Küste entlang südwärts bis Varna zurechtgelegt: Total 2’170 km innert 31 Tagen, davon 24 Velo-Tage, 2 Tage Hin- und Rückreise, 5 Tage für Besichtigungen, Ruhe und Reserve. Nachdem ich mich aus Berichten früherer Reisender überzeugen konnte, dass man auf der ganzen Strecke im Laufe des Tages irgendwo/ irgendwann auch warmes Essen finden kann, lasse ich die Kochutensilien zu Hause und nehme nur für alle Fälle Zelt, Matte und leichten Schlafsack mit. Zudem habe ich für alle 5 zu durchreisenden Länder Geld in der jeweiligen Landeswährung dabei. Ein letztes Bad im immer noch sommerlich warmen Sempachersee, und nun nur noch das Velo transportbereit machen. Vom Velohändler habe ich eine Wheeler-Schachtel erhalten, um mein Fahrrad für den Transport sicher verpacken zu können. Nach den letztjährigen schlechten Erfahrungen beim Flugtransport von St.Petersburg nach Zürich will ich mindestens auf der Hinreise nicht schon Schäden einfangen. Aber beim Einpacken am späteren Abend folgt schon die erste Überraschung: Mein Aarios ist auch ohne Vorderrad zu gross für die Schachtel. Also Schachtel aufschneiden und dann die Lücken mit viel Klebband wieder sichern. Immerhin geht das ganze Paket doch noch in meine Transportbag hinein, so dass ich auch noch eine Hand für die Saccoche frei haben werde. Jetzt ist wirklich alles bereit!

(1) Donau Radweg: von Budapest bis zum Schwarzen Meer, Huber /gtz, (updated 2009)

(2) ReiseKnowHow: bulgarien schwarzmeerküste (2005)

(3)  V.a. unter www.donau-info.org

2. September, Mittwoch

Die zweite Überraschung folgt am Flughafen Zürich. Mit SWISS hätte der Velo-Transport gemäss der neuen Tarifliste Fr. 115.- gekostet. Malev betätigte auf telefonische Anfrage, dass sie nur 30 Euro (bezahlbar beim Einchecken) verrechnen, weshalb ich den Flug nach Budapest dort buchte. Mit 21 Kilogramm in der Transportbag wurde der Tarif aber nun verdoppelt, und für die Bezahlung vor Ort nochmals Fr. 50.- dazu geschlagen: Fazit: Totalkosten von rund Fr. 145.-, während ich bei SWISS erst noch gratis eine ausgezeichnete Transportschachtel zur Verfügung gehabt hätte, für welche ich lediglich hätte den Lenker ausrichten und die Pedalen entfernen müssen. Man hat eben nie ausgelernt! Neben dem Ausgang des Flughafengebäudes in Budapest

Start Flugplatz Budapest
Start Flugplatz Budapest

beginne ich in aller Ruhe mit dem Zusammensetzen meines Drahtesels. Mitten in diese Ruhe kommt aber Polizei und schickt mich zu einer Treppe in 50 m Distanz. Also erst mal das Gepäck hinüberschaffen, dann das halbfertige Velo …; aber das ist schon nicht mehr erlaubt: das ganze Gebiet wird von Polizisten abgesperrt, Zugang verboten! So kann ich nur eine halbe Stunde warten, ein Auge auf das Gepäck, das andere auf mein einsames Velo, bis irgend ein VIP durch die Halle zu einer wartenden Wagenkolonne geführt wird und wegbraust. 2 Stunden nach meiner Ankunft kann ich endlich mit der Velotour beginnen. Es ist schönes Wetter und mit 35 °C offensichtlich hier immer noch Hochsommer. Die Abfahrt vom Flugplatz Ferihegy 2 in Budapest ist etwas abenteuerlich, da hier alles nur für Autos eingerichtet ist (Schnellstrassen oder Autobahn, jedenfalls überall Fahrradverbote!), aber über Sackgassen und betonierte Entwässerungsgräben gelange ich schliesslich doch auf normale Autostrassen. Mit Durchfragen finde ich auch noch heraus, wo ich überhaupt bin, und erreiche ab Gyal nach 20 km sogar auch endlich bei Rakocziliget den ersten Donau-Seitenarm und auf der anderen Seite die langgezogene Csepel- Insel. A propos Durchfragen: Bei den meisten Personen, die ich unterwegs in Ungarn treffe, ist ausser ungarisch keine Sprache Dnau09-2bekannt; und wer ausser den Ungarn kann schon ungarisch! So kommt gleich von Beginn an mein zu Hause vorbereitetes „Reisewörterbuch“ mit den allerwichtigsten Fragen und Antworten zur Anwendung. Im Flugzeug habe ich den ungarischen Teil nochmals repetiert, und mit Unterstützung der Hände gelingt letztlich sogar ein ausreichendes gegenseitiges Verstehen. Auf verkehrsarmen Strassen oder  unbefestigten Uferwegen durch Felder, kleine Wälder, Ferienhaus-
Siedlungen und einzelne Ortschaften erreiche ich vier Stunden nach dem Start die Kleinstadt Rackeve, etwa 40 km südlich Budapests. Da  mich weder das zum Thermalbad gehörende Hotel noch das vornehm wirkende Schlosshotel ansprechen, folge ich schliesslich einer kleinen Hinweistafel im Zentrum zum „Oazis Park Motel“ unweit des Zentrums: sehr einfach, aber i.O, und der Chef des kleinen Familienbetriebes spricht sogar deutsch. Im einzigen noch offenen Restaurant im Ort finde ich beim griechischen Wirt schliesslich auch noch ein kleines Nachtessen  und kann den Tag um 22 Uhr müde, aber zufrieden beschliessen.

3. September, Donnerstag

Dnau09-11Nach einer kurzen Rundtour durch Rackeve stärke ich mich mit einem Tejfölös Langos (grosser Brühteigfladen mit Smetana) und 2 Espressi für den Start in die 2. Etappe. Ich  freue mich einmal mehr über die günstigen Preise: 700 Forint (ca. 4 Franken), und alles auch sehr gut! Auf guten Asphaltstrassen mit wenig Verkehr geht es durch Makadan die Südspitze der Csepel- Insel.  Am Ufer der Rackeve-Donau sind überall Zelte und Wohnwagen von Hobby-Fischern, die ganze Batterien von Fischerruten aufgestellt haben. Über die Tassen-Schleuse, die diesen Donau-Arm zurückstaut,  erreiche ich das „Festland“ und gleichzeitig erstmals die eigentliche Donau. In der Fortsetzung bietet sich als Route meistens der Dammweg an. Dabei weist der Schotterweg immer wieder sandige Stellen auf, die dem Velo jegliche Führung nehmen. Mehrere Male kann ich Stürze nur knapp verhindern,  dafür zerkratzen mir die Pedale schon beide Beine recht giftig. Die vereinzelten Abschnitte mit Asphalt bieten nur kurze Erholung. Nach 12 km ziehe ich ab Dunavecse deshalb meistens die nächstgelegenen Strassen dem Dammweg vor: ebenso schön, einfach ohne Donau, aber auch fast ohne Verkehr. Einziges Problem bleibt die Hitze, so 33 – 35 Grad, und dazu oft noch etwas Gegenwind. Da hilft nur viel trinken. In meinen Getränkehaltern  stecken auf der ganzen Tour eine Pet-Flasche mit Mineralwasser und die Getränkeflasche mit wechselndem Fruchtsaft, immer mit etwas Salz angereichert als isotonisches Getränk. Von Solt bis Dunapataj dient die alte  Verbindungsstrasse neben der verkehrsreichen neuen Hauptstrasse als bequemer und äusserst grosszügiger Veloweg. Ein kurzes Nickerchen am Rande eines riesigen Sonneblumenfeldes bei Ordas gibt mir wieder Kraft für die die Weiterfahrt nach Kalocsa, laut Führer die „Hauptstadt der Gewürz-Paprika“. Tatsächlich säumen unterwegs immer wieder kleinere Flächen mit Paprika den Weg, aber sonst dominieren in diesen endlosen Ebenen doch Mais- und Sonneblumenfelder die Landschaft. Beide Kulturen  sind aber um diese Jahreszeit nur noch braun, da die Ernten unmittelbar bevorstehen. Mein Zeitplan sieht für den Samstag das riesige Naturschutz gebiet des Donau-Drava-Nationalparkes an der Grenze zu Kroatien vor, aber der Wetterbericht meldet für diesen Tag Regen. In Foktö (laut Tafel am Ortseingang Partnergemeinde von Tuggen!) beschliesse ich deshalb, auf Paprika zu verzichten und stattdessen gleich noch bis Fajsz weiterzufahren, wo gemäss Karte ebenfalls ein Hotel und ein Restaurant zu finden sein sollten. Und wegen der Aussicht auch gleich nochmals auf den Dammweg. Zwar sehr schön, dazu wunderbare Abendstimmung, aber wegen häufigen Sandabschnitten auch etwas mühsam nach dem langen Tag. Bei der Einfahrt in Fajsz nach 19 Uhr dämmert es schon. Ein kleines Dorf mit

Paprika-Land!
Ungarn ist Paprika-Land!

meist ein- und zweistöckigen Häusern, nur im Zentrum, in der Nähe der Kirche, gibt es einige grössere und auch neuere Gebäude. Da und dort ein kleiner Laden oder ein Handwerksbetrieb, nur 2 Lokale sichtbar, die ein Restaurant vermuten lassen, von einem Hotel gar nichts zu sehen.. Aber an der Kreuzung zur Kirche ist doch eine Anschrift: „Hotel Tourist“, zwar alles geschlossen, aber daneben eine Tafel mit 2 Telefonnummern, die ich anwähle, nachdem ich in meinem vorbereiteten Ungarn-Wortschatz nochmals repetiert habe, wie man nach einer Unterkunft fragt. Und tatsächlich klappt die Verständigung: nach 15 Minuten fährt ein Auto vor, und eine Frau öffnet mir das Haus, erklärt geduldig (alles nur ungarisch) die Einrichtungen inkl. Küche, entschuldigt sich für die nur kalte Dusche und lässt mir nach Bezahlung der 2‘500 Forint (ca. 14 Franken) den Schlüssel. Die „Restaurants“ im Ort haben nur Getränke, also zuerst einmal duschen und Wäsche machen und dann ein kleines Abendpicknick in der gemütlichen Laube im Hof. Als Dessert dann noch einen Bummel durch die dunklen Strassen mit den unsichtbaren Löchern, ein Bier und einen Espresso in einer kleinen Billard-Beiz und schliesslich tiefer, ungestörter Schlaf.

 

4. September, Donnerstag
Um halb acht abends ist hier schon stockdunkel und tote Hose, dafür wird es um halb sechs schon hell, und Läden öffnen auch schon so früh. Also zuerst den Tagesproviant (Fruchtsaft,
Yoghurt-Drink, Gebäck) einkaufen, einen Abstecher zur imposanten Kirche (geschlossen), vor welcher 2 Frauen auf dem Boden sitzen und in stoischer Ruhe das Unkraut zwischen  den Pflastersteinen ausrupfen. Zunächst geht es wieder 7 km auf dem Donaudamm mit viel Sand weiter. Unterwegs ein Hirte mit seiner 40-köpfigen Kuhherde (Simmentaler Fleckvieh?). Hier begegne ich auch erstmals Radtouristen ein deutsches Paar, auf dem Weg von Belgrad nach Budapest. Der Donau-Radweg ist in diesem Gebiet sehr gut signalisiert,  und unterwegs gibt es regelmässig auch wieder Infotafeln in ungarisch, englisch und deutsch zu den verschiedenen Ortschaften und deren Sehenswürdigkeiten. Der Duna-Drava-Nationalpark auf der  anderen Donauseite ist leider nicht aufgeführt, aber ich wähle trotzdem bis Baja diesen Umweg. Das Info-Zentrum samt Restaurant an dessen nördlichem Zugang beim Balaton-Donau-Kanal (Si?) ist zwar geschlossen, da die Sommersaison offenbar schon ganz abgeschlossen ist. Und dort, wo gemäss Karte die Strasse direkt in den Park hineinführen sollte, ist auch nur eine breite Schneise ohne Wegspur sichtbar. Aber mit kurzem Umweg gelange ich doch noch auf den asphaltierten Dammweg, der mittels Schranken für Motorfahrzeuge gesperrt ist, und am Eingang dazu kann ich mir auch endlich Dnau09-20einen Morgenkaffee genehmigen. Es folgen 20 km gemütliche und einsame Fahrt auf dem Damm, der den Nationalpark mit seinen ausgedehnten Auenwäldern vom Hinterland abgrenzt. Offenbar wird ein Teil der Wälder immer noch genutzt; eine alte Schmalspurbahn beliefert ein grosses Holzdepot bei Pörböly. Ab hier bis zur Donau (7 km) muss ich die stark befahrene Hauptstrasse benutzen. Mit der gelben Regenjacke und blinkendem Rücklicht mache ich mich möglichst gut sichtbar, und mit regelmässigen Blicken in den Rückspiegel bin ich jeweils frühzeitig vor den grossen Lastwagen gewarnt. Die bunte Altstadt von Baja mit den fast österreichisch anmutenden Häuserzeilen und teilweise verkehrsfreien Strassen lädt zu entspannter Erholung ein. Saftiges Obst und süsses Hefegebäck verzögern dafür meine Weiterfahrt. Nach Süden, jetzt wieder auf dem offiziellen Donau-Radweg Euro-Velo Nr. 6. Hier weist der Donaudamm über weite Strecken Asphaltbelag auf, da er auch als Ortsverbindungsstrassen dient. Nach ausgedehnter Mittagspause am steilen Donauufer vor Dunafalva erreiche ich um 14 Uhr den Landungssteg bei Papret, wo mir gerade die Fähre nach Mohacs vor der Nase wegfährt. Dafür gibt es Zeit für ein gemütliches Bier .Für 345 Forint (1 Person, 1 Velo) geht es schliesslich mit der Fähre zur südlichsten Stadt Ungarns hinüber. Ausser der Erinnerung an 2 historische Schlachten gegen das Osmanische Reich scheint mir die Stadt Mohacs nicht viel Sehenswürdigkeiten zu bieten. Da zudem noch gut 3 Stunden Tageslicht zur Verfügung stehen, setze ich mein Dnau09-100verbleibende ungarisches Kleingeld in Zwischenproviant um und starte um 16 Uhr Richtung kroatische Grenze. Statt der direkten Hauptstrasse erwische ich aber zunächst mangels Wegweisern die Nebenstrasse mit Umweg über Kölked, habe dafür aber 8 km fast verkehrsfrei. Die Hauptstrasse Mohacs – Osijek ist aber so breit und übersichtlich, dass die gelegentlich mit über 100 km vorbeibrausenden Lastwagen auf dem Weg zur Grenze auch nicht besonders gefährlich werden. Ein Grenzzaun mit alten Wachttürmen ist zwar noch sichtbar aber eine kurze Grenzkontrolle gibt es beim Übergang Udvor nur noch auf ungarischer Seite. Die grosszügigen Parkplätze und Tankstellen von früher sind leer und verlassen. „Üdvözöljuk“ – Willkommen auf Ungarisch steht auf einer grossen Tafel zum Eintritt nach Kroatien; das kommt einem ja eher mongolisch vor. Da ist mir das „Dobrodoshli“ auf Kroatisch doch etwas vertrauter; immerhin bin ich jetzt für einige Zeit im Bereich slawischer Sprachen, wo ich mich notfalls sicher auch mit etwas russisch verständlich machen kann. Auffallend auf kroatischer Seite ist die sehr gute Signalisierung des Donau-Radweges („Ruta Dunav“). Schon nach 1 km kann ich die Hauptstrasse wieder verlassen und fahre auf guten Nebenstrassen nach Sonneblumen- und Maisfelder und ausgetrocknete Wiesen an malerischen Kirchen vorbei durch kleine Dörfer. Auffallend ist vor allem der vollkommen andere Baustil: An Stelle der kleinen farbigen Häuser von Ungarn sieht man hier nun vielfach schmucklose, z.T. unverputzte Backsteinhäuser, die mich an Bilder aus dem Kosovo erinnern. Offenbar werden viele Häuser nur so weit gebaut, bis sie bewohnbar sind, und auf Ästhetik wird kaum Wert gelegt, oder fehlt einfach das Geld? Vermutlich ist aber auch eine der noch immer wirksamen Folgen des Jugoslawienkrieges. Bei der imposanten Kirche Peter und Paul (leider geschlossen)
auf freiem Feld über einem alten Donauarm bei Topolje schalte ich nochmals einen kleinen Zwischenhalt ein. Seit Mohacs wechselte der bisher immer flache Horizont im Süden und Westen in eine Hügellinie, und nach Draz geht es nun erstmals auf dieser Tour mit etwa 10% aufwärts. Zwar nur gut 80 m Höhendifferenz, aber nach 115 km und bei immer noch gut 30 °C geht das mit 16 kg hintendrauf ganz schön in die Beine! Nach einem leicht gewellten Plateau mit vielen Reben geht es steil hinunter Richtung Donau. Ein kleiner Wegweiser „Tourist-Info“ (ver)führt mich in eine lange Seitenstrasse und an deren Ende zu einem gigantischen Kriegsdenkmal aus dem 2. Weltkrieg und einem modernen Restaurant. Von einer Tourist-Info hat hier zwar niemand eine Ahnung („das ist wohl noch von früher einmal“), aber immerhin betätigt mir das Personal, dass es an der Donau ausserhalb von Batina eine Unterkunft wie in meiner Karte vermerkt gebe. Statt des langen Wegs zur Hauptstrasse zurück wähle ich den steilen Fussweg, der durch Wiesen und zuletzt im Zick-Zack mitten in das Städtchen Batina hinein führt. Die Leute machen noch Einkäufe oder geniessen das Feierabendbier vor den Häusern. Einzelne halbverfallene Häuser erinnern aber immer noch daran, dass der jetzt so friedliche Ort im Dreiländereck 15 Jahre früher monatelang von der serbischen Donauseite her beschossen worden war. Die Grenze ist hier wieder offen aber viele Leute können die Wunden nicht vergessen, wie ich in den nächsten Tagen wiederholt feststellen werde. In der Dämmerung gelange ich durch einen Auenwald auf die kleine Donau-Insel Zeleni Otok („grüne Insel“), wo in den Bäumen direkt am Hauptarm der Donau eine ganze Reihe von Ferienhäuschen auftauchen. Von einigen sind auch heute noch nur Brandruinen aus dem Krieg zu sehen, aber die meisten sind (wieder) intakt und jetzt zum Ende der Ferienzeit auch Dnau09-103bewohnt. Eines ist das Gästehaus von Josip Takac: ein einladender Bungalow mit praktisch eingerichteten Zimmern, einer grossen Wohnküche und einem schönen gedeckten Sitzplatz zur Donau hin. Josip spricht deutsch und stellt mir sogleich ein Bier auf: tut das gut nach dem langen Tag! Meistens sind seine Gäste Hobby-Fischer, die hier in ihren Ferien Hecht, Zander, Wels oder Weissfische fangen: Aber heute sind es zufälligerweise gerade wieder einmal Radfahrer. Gerhard aus Deutschland, im 2. Anlauf unterwegs von Budapest ans Schwarze Meer (im Jahr zuvor mitten im Sommer bei 38 °C hier abgebrochen) und Jennine aus London, auf dem Weg von Budapest über Novi Sad und Sarajevo nach Dubrovnik („vow!“). Ich lasse es mir nicht nehmen, zuerst einmal trotz nicht gerade einladender Farbe ein Bad in der Donau zu nehmen und folge den andern erst bei vollkommener Dunkelheit zum nahegelegenen Strandrestaurant. Bei ausgezeichnetem Fisch und Weisswein tauschen wir gegenseitig die bisherigen Raderfahrungen aus. Und schliesslich tritt auch noch eine Slavonija Band mit Bass, Akkordeon, den 5-saitigen Gitarren und Mandolinen auf. Wahrscheinlich um uns Touristen eine Freude zu machen, versuchen sie es zunächst mit alten Schlagern, was eher peinlich klingt. Aber als sie mit den heimischen Melodien loslegen, geht doch noch so richtig die Post ab, und das erleichtert uns auch den Kontakt zu einigen einheimischen Gästen. Nur ungern kehre ich um 23 Uhr zu Josips Haus zurück, aber der Blick aus dem Bett direkt auf die stille Donau mit dem Vollmond darüber ist ein wunderbarer Abschluss dieses schon wieder langen Tages.

 

5. September, Samstag

Dnau09-104Nach einem heftigen nächtlichen Gewitter beginnt der Morgen mit 15 °C ungewohnt kühl und zudem auch windig, also zuerst einmal aus dem warmen Bett wieder den Blick auf die Donau geniessen. Josip serviert heissen Nescafé, und ich packe alles wetterfest ein. Gerhard und Jennine wollen zunächst einen Abstecher auf die serbische Seite machen, ich entscheide mich für die Route durch den Naturpark „Kopacki rit“ und hoffe auf baldige Wetterbesserung. Josip warnt mich noch vor den in dieser Zeit brünstigen Hirschen, die dabei recht aggressiv sein sollen. . Der Naturpark Kopacki rit ist die Fortsetzung des Donau-Drava Naturparks in Ungarn und eines der größten und wichtigsten erhaltenen Sumpfgebiete in Europa. Zu diesem Gebiet gehören auch mehrere Flussarme und Seen in der Nähe der Donau. Die Fläche des Naturparks beträgt 17‘700 Hektar, von denen 8‘000 Hektar dem spezifischen zoologischen Reservat gehören und unter strengem Schutz stehen. Der leichte Regen hat bereits wieder aufgehört, erste blaue Flecken lassen auf baldige Besserung hoffen. Die ganze gut 32 km lange Strecke verläuft auf einem Damm. Auf den ersten Kilometern begegne ich noch einzelnen Autos und Fischern, die hier an den alten Donauarmen ihr Hobby pflegen, aber schon bald gibt es nur noch Natur pur. Aus den undurchdringlichen Auenwäldern auf der Donauseite tönt immer wieder das Brüllen eine Hirsches, von den offenen Wasserflächen dazwischen fliegen bei meinem Herannahen immer wieder grosse Schwärme von Silberreihern und Graugänsen auf. Auf der Dammrückseite wechseln Wald und Magerwiesen ab. Ich unterbreche die Fahrt immer wieder, um Blumen zu betrachten und Vögel zu beobachten. Längere Zeit schaue ich einem jungen Wildschwein bei der Futtersuche zu, 2 Fasane fliegen nur 20 Meter vor mir weg. Der Weg ist zu Beginn noch asphaltiert, aber auf weiten Strecken ist es ein einfacher Schotterweg oder sogar nur Gras, doch im Allgemeinen ebenfalls gut zu befahren. Einzige radfahrerische Herausforderung ist ein etwa 5 km langer Abschnitt, der offenbar gerade neu gekoffert, aber noch nicht fertig eingewalzt worden ist: der grobe Brechschotter ist fast so schlimm wie Sand, aber zudem noch äusserst spitzig. Offenbar wurden hier die Arbeiten wegen dem Wochenende gerade unterbrochen. Die in der Karte eingetragenen grossen Wasserflächen des Kopacki rit sind wegen der anhaltenden Trockenheit dieses Jahres stark geschwunden und werden wohl erst mit den Frühjahrshochwassern wieder in Erscheinung treten. Bei Kopacevo kehre ich wieder in die Zivilisation und ab Bilje auch wieder in den Verkehr zurück. Ein separater Radweg führt der Hauptsrasse entlang zur Brücke über die Drava. Die ebenfalls im Jugoslawienkrieg zu trauriger Berühmtheit gelangte Stadt Osijek am Südufer wird dominiert durch die riesige Festungsanlage, welche die kleine Altstadt mit malerischen Plätzen und Gässchen, aber auch einigen verlotterten Gebäuden umgibt. Die modernen Trams scheinen daneben wie aus einer anderen Welt. Nach einer Besichtigungstour einen Dnau09-114ausgezeichneten Espresso, und natürlich auch hier wieder dazu feines Gebäck, mal süss, mal mit Käse, geht es auf der Hauptstrasse, aber wohl dank Wochenende mit nur mässigem Verkehr ostwärts weiter und über eine kurze Steigung bei Dalj wieder an die Donau. Um 18 Uhr erreiche ich total 100 km das durch die 3-monatige Belagerung und schliesslich Eroberung zu
trauriger Berühmtheit gelangte Vukovar: eine schöne Stadt mit vielen noch an die Habsburgerzeit erinnernden Häusern, aber überall auch mit unzähligen Erinnerungen an den Krieg. Mitten in der Stadt stehen noch Ruinen mit zerschossenen Fassaden, aus denen inzwischen Gebüsche wachsen. Besonders eindrücklich der riesige Wasserturm auf der Anhöhe am südöstlichen Stadtausgang, der als Mahnmal auch in diesem Zustand erhalten bleiben soll. Als Kontrast zur Ruine des einst prächtigen Stadttheaters gleich nebenan ein 4-stöckiges Geschäftshaus aus Glas und Stahl. Neben dem grossen Kreuz mit Kränzen am Bootshafen erinnert auch eine Gedenktafel an die 5000 Deportierten, von denen nach dem Krieg und dem 1997 eingesetzten Wiederaufbau längst nicht mehr alle zurückgekehrt sind. Und nur 800 m entfernt über die Donau lebten die Serben in Frieden. Kriegsveteranen legen einen Kranz nieder und lassen sich photographieren. Ich frage mich nur, was inzwischen in Vukovar mit den Serben geschehen ist, die auch schon vor dem Krieg als Minderheit hier wohnten….. Im Hotel „Dunav“ am Hauptplatz finde ich für 290 Kuna (ca. 60 Franken) ein schönes Zimmer mit Aussicht über die Stadt. Beim anschliessenden Spaziergang stosse ich auch wieder auf Jennine aus London, die am Stadtrand ein Privatzimmer gefunden hat. Das Nachtessen im nur schwach besetzten Strandrestaurant wird so für mich auch etwas abwechslungsreicher. Mangels Internet lasse ich mir den Wetterbericht für die nächsten Tage immer mal wieder von zu Hause durch sms zustellen. Für die nächsten Tage ist er wieder sehr gut, wenn auch für meinen Geschmack immer noch zu sommerlich. Aber ich darf ja wirklich nicht klagen.

 

6. September, Sonntag

Am Sonntag starte ich nach einem kurzen Rundgang an die Donau hinunter um halb neun weiter nach Süden. Die etwa 50 m über der Donau liegende Ebene ist nur leicht gewellt, wird aber bei jedem Dorf und manchmal auch dazwischen von tief eingeschnittenen Bächen durchbrochen, Für mich bedeutet das immer wieder eine kurze rassige Abfahrt, dann aber auch immer
wieder ein steiles Bergstück aufwärts. Allmählich beginne ich diese 8%-Gefälle-Tafeln zu hassen, da sie unweigerlich auch wieder 8% Steigung verheissen. In den Dörfern sieht man den überall noch die traditionellen einfachen Häuser der Kleinbauern: die etwa 6 – 7 m breite, oft im Giebelfeld verzierte Fassade direkt am Wegrand, etwa 12 – 15 m lang, auf der ganzen sonnigen Längsseite eine Veranda zum durch Mauern und ein Eisentor von der Strasse abgetrennten Hofplatz, die Haustür direkt von der Strasse zur Veranda, von wo aus man in die einzelnen Räume gelangt. Einige Häuser mit kyrillischer Inschrift im Giebelfeld sind wahrscheinlich von Serben, und es fällt auf, dass gerade diese Häuser meist verfallen sind. Bei einem Besuch in einem solchen verlassenen Haus finde ich in den Räumen denn auch nur am Boden verstreute Kleider und zerbrochene Möbelreste. Auch dies Kriegsspuren? Neben Mais- und Sonneblumenfeldern treffe ich immer häufiger auf Reben und grössere, meist neue Obstanlagen. In Ilok, dem letzten Ort vor der Grenze, ist denn auch wie fast überall in dieser Woche Weinfest, eine Art Winzerfest, das aber schon eine ganze Woche dauert. An diesem Wochenende ist der Abschluss, der ganze Ort ist auf den Beinen. Ein älterer Herr (also wahrscheinlich so 2 Jahre älter als ich) spricht mich an, und nachdem wir italienisch als gemeinsame Sprache entdeckt haben, erklärt er mir eine ganze Stunde lang Geschichte und Kultur der Gegend, von den ersten Siedlern vor 3000 Jahren über die Ungarn, Türken, Deutschen bis hin zu den Serben und der EU. Von den Türken zeugen im Park der grossen Festungsanlage noch zwei gut erhaltene kleine Bauten: ein Grabdenkmal und ein Badehaus. Unterhalb Ilok folgt die seit Batina zweite und auch letzte Brückenverbindung aus Kroatien über die Donau, hier in die serbische Stadt Dnau09-200Backa Palanka. Im Kroatienkrieg war die auf 3 Seiten von Serbien umgebene Stadt Ilok währen 4 Jahren serbisch besetzt. Ich bleibe für die Weiterfahrt am Südufer und komme so nach 4 km auf und ab an die serbische Grenze. Die angekündigten Formalitäten bleiben aus, lediglich ein Stempel im Pass, und weiter geht’s auf verkehrsarmer Strasse durch Wein- und Obstgebiete. Auffallend, wie hier nun im Gegensatz zu Kroatien keine Kriegsruinen sichtbar sein, dafür gibt es in fast jedem Ort noch die teils skurrilen Heldendenkmale aus kommunistischer Zeit. In Banostor stoppe ich beim Weinfest am Donau-Ufer und werde prompt schon angesprochen und zu  Maraschino- und Zwetschgenwein eingeladen. Mit russisch und einigen wenigen Brocken serbisch aus dem Kauderwelschsprachführer kann ich mich recht gut verständigen. Beschwingt geht es weiter. Die in der Karte vorgeschlagene Variante über die 300 m höher liegende Hügelkette des Nationalparks Fruska Gora spare ich mir und fahre direkt nach Beocin. Die Fährstelle über die Donau finde ich nur mit Nachfragen, Hinweistafeln fehlen vollständig. Die Fähre besteht aus einer einfachen Plattform für etwa 10 PW und wird seitlich von einem kleinen Kutter gestossen. Sie fährt jede Stunde, und Dnau09-205die 15-minütige Überfahrt nach Futog koste für mich mit Fahrrad 30 Dinar (ca. Fr. 1.60). Am nördlichen Ufer rostet neben der Fährstelle das Gerippe eines ehemaligen Passagierschiffes vor sich hin. Auf dem Dammweg Richtung Novi Sad sind an diesem Sonntag viele Spaziergänger und einige Radfahrer unterwegs. Nach der Querung der grossen Brücke wird es für mich schwierig: die Fortsetzung Richtung Belgrad ist signalisiert, aber wo geht es in diesem Verkehr zum Stadtzentrum, wo nach meinem Verzeichnis auch einige günstige Hotels zu finden sein sollten? Schliesslich finde ich endlich die Altstadt mit der grossen Fussgängerzone, aber keine der gesuchten Adressen. Ein kroatischer Velofan bietet mir Hilfe an, und fast gleichzeitig taucht wieder Jennine auf, ebenfalls auf Suche nach der gleichen Adresse. Mein Helfer fragt sich überall durch, Jennine haben wir wieder aus den Augen verloren, und schliesslich finden wir anstatt der gesuchten Unterkunft (dort ist nur eine Baustelle) das äusserst gemütliche Hotel Fasan in einer kleinen Seitenstrasse. Ein schöner Innenhof und eine sehr ansprechende Speisekarte laden zum Nachtessen am gleichen Ort ein, aber ich will im letzten Tageslicht zuerst noch etwas die Stadt erkunden. Hier stosse ich bei einem der unzähligen Strassenbeizli schon wieder auf Jennine, und so gibt es schliesslich im Hof des „Fasan“ auch heute wieder ein unterhaltendes Nachtessen zur Musik einer einheimischen Hochzeitsgesellschaft.

 

7. September, Montag

Die Hauptstadt der Vojvodina ist nach Belgrad die zweitgrösste Stadt Serbiens. 1999 wurden sämtliche Donaubrücken sowie wichtige Industrie- und Rundfunkanlagen durch die Nato zerstört; die Brückenruinen blockierten die Donauschiffahrt bis 2005. Heute erinnert im Stadtbereich nichts mehr daran: Novi Sad ist eine wunderbare, sehr lebendige Stadt mit grosser Fussgängerzone und vielen Gebäuden aus der k&k-Zeit. Der grosse Hauptplatz (Freiheitsplatz) wird von einer riesigen Kirche mit buntem Turmspitz und vom Rathaus dominiert. Als Dnau09-214Kontrast dazu auf einem anschliessenden Platz das moderne Serbische Nationaltheater. Sehenswert auch die grosse Synagoge (leider geschlossen), die allerdings nur noch an Festtagen durch die kleine verbliebene jüdische Gemeinde genutzt wird und daneben als Konzertsaal dient. Die vielen Sehenswürdigkeiten verzögern meinen Start bis nach 11 Uhr. Bei der Fahrt über die Donaubrücke kann ich der imposanten Petrovaradin-Festung auf der anderen Seite nicht wiederstehen, und so trampe ich über steiles Kopfsteinpflaster auch noch zu dieser Sehenswürdigkeit hinauf. Dieser Vauban-Bau war im 17. Jh. die grösste Festung Europas. Von der Plattform aus biete sich eine gute Aussicht über Novi Sad und die Donau. Auffallend der Uhrturm mit dem grossen Stundenzeiger und dem nur kleineren Minutenzeiger: So konnten die Schiffer die Zeit schon von weitem gut ablesen. Wegen all den Sehenswürdigkeiten beginnt meine Weiterfahrt schliesslich erst in der grössten Mittagshitze. Die Mittagszeit hat aber auch den Vorteil, dass der starke Verkehr auf der eher schmalen Strasse bis Sremski Karlovci gerade etwas abgenommen hat. Eine kurze Rundfahrt durch diese sehr schöne Kleinstadt mit grossen Kirchen und vielen Blumen, aber dann folgen in praller Sonne 4 km Aufstieg von der Donau (ca. 80 m.ü.M.) auf 280 Meter hinauf. Gemäss Karte sollte ich auf einer Nebenstrasse von hier aus wieder gut 100 m hinunter nach Cortanovci und anschliessend gleich wieder eine Steigung überwinden. In der Karte ist ein offenbar alter Weg (Beli Breg) als direktere Verbindung sichtbar, also entscheide ich mich für diese Variante Eine Pfirsichverkäuferin am Strassenrand erklärt mir, dass man dort gut mit dem Pferd reiten könne, aber mein Drahtesel wird das wohl auch schaffen. Momentan ist des wichtigste, von dieser nun plötzlich schmaleren Hauptstrasse mit den grossen Lastwagen und dem steilen Betonrand möglichst schnell weg zu kommen. Der Beli Breg erweist sich anfänglich als halbverwachsener Weg mit grobem Kopfsteinpflaster, dann als Schotterpiste und im offenen Feld schliesslich als buckliger Feldweg. Kaum zu glauben, dass ich hier unterwegs nach Belgrad bin! Durchgeschüttelt stosse ich nach 4 km aber doch wieder auf die markieret Route in Form einer guten Strasse. Der Gegenwind durch die 20 km lange Ebene ist kräftig genug, mich ständig zu bremsen, aber zu schwach, um zu kühlen. Trotzdem entscheide ich mich in Novi Slankamen zu einem Abstecher an die Donau hinunter nach Stari Slankamen. Die mächtigen Dnau09-217Lösswände sind voll Löchern, wahrscheinlich verlassene Nesthöhlen von Bienenfressern. Schade, dass diese bunten Vögel schon wieder unterwegs nach Süden sind. Ausser der als Kurbad genutzten Salzwasserquelle und dem Donauufer gibt es in diesem verträumten Ort nichts besonderes zu sehen, den Glacé-Halt verschiebe ich auf später, und so folgen eben schon wieder 100 m Steigung zurück auf die Hauptroute. Fahrtrichtung und Wind haben etwas gewechselt, und so geht es nun endlich lockerer und fast verkehrsfrei durch Felder mit Obst, Reben, Mais und Sonneblumen und ab und zu kleine Dörfer weiter. Allmählich macht sich die Stadtnähe durch zunehmenden Verkehr bemerkbar. Den erhofften direkten Weg der Donau entlang gibt es auch nach Meinung diverser Einheimischer nicht, so dass ich wohl oder übel den offiziellen Radweg über Batajnica wählen muss, und das heisst nun wieder Hauptstrasse Novi Sad – Belgrad. Es ist mittlerweile etwa 18 Uhr, also voller Abendverkehr. Zum Glück wird dieser ab und zu durch ein Lichtsignal unterbrochen, so habe ich immer mal wieder etwa eine Minute Ruhe. Aber sonst rollt neben mir fast pausenlos der motorisierte Verkehr. Auf diesem Abschnitt ist man nur mit Schielen halbwegs sicher: ein Auge linker Spiegel, ein Auge rechter Spiegel, ein Auge auf die Strasse wegen Löchern, ein Auge auf den Gegenverkehr wegen überraschenden Überholmanövern, die Ohren dazu nach hinten…–irgendwie geht das auch so nicht auf. Lastwagen und Busse fahren manchmal so nahe vorbei, dass ich schliesslich den linken Seitenspiegel einklappe. Erleichtert komme ich in der Dämmerung in den grossen Parkanlagen von Novi Beograd an finde schliesslich auch die richtige Brücke über die Save und hinein nach Belgrad. Und im dichten Fussgängertreiben auf der Knjas Mihailov Strasse finde ich zudem einen hilfreichen Serben, der mich zu Fuss eine Viertelstunde zu einem guten Hotel unweit des Zentrums führt. Statt der 35 Euro pro Nacht gemäss Liste aus der Donau-Info im internet kostet es zwar nun tatsächlich 62 Euro. Wahrscheinlich liegt dies an der eben erst abgeschlossenen Erneuerung. Das Bad ist nun so modern, dass ich mich statt zu duschen zuerst nochmals an die Rezeption hinunter begeben muss, um Instruktionen für deren Bedienung zu holen. Mein Fahrrad kann ich in einer Nische des Speisesaals abstellen. Ein erster Rundgang durch die pulsierende Fussgängerzone gibt Vorfreude auf den Ruhetag in dieser Stadt. Aber zuerst kommt die grosse Wäsche, und dann in einem Strassenrestaurant eine gute Pizza inmitten von Basketballfans, die lautstark den Match der Nationalmannschaft um den Einzug in den EM-Final verfolgen (Serbien gewinnt, die Welt ist in Ordnung).

8. September, Dienstag

Dnau09-222Den Tag habe ich mir ganz für Erholung und Sightseeing reserviert. Mit einer Stadtrundfahrt bekommt man am schnellsten eine Übersicht. Als einziger Gast wird die geführte 2-stündige Rundfahrt zu einer eigentlichen Privatführung mit sehr netter Führerin und vielen Informationen. Belgrad ist abgesehen von schlimmen Hochhäusern in den Aussenquartieren sehr schön. Neben der pulsierenden Innenstadt mit den modernen Geschäften, grossen Fussgängerzonen und zahlreichen Gebäuden aus dem frühen 20. Jahrhundert faszinieren vor allem die gewaltige Festungsanlage Kalemegdan, die Donau und Save überwachte, das Parlamentsgebäude, das Rathaus, das Ivo Andric Museum, die grossen Parks sowie die mächtige St.Sava Kirche. Deren Bau wurde 1931 neben der bisherigen Kirche begonnen, bis heute aber immer wieder durch Kriege unterbrochen. Das monumentale Gebäude im Stile der Hagia Sophia von Konstantinopel soll nun aber demnächst fertig werden und mit Platz für 10‘000 Besucher die grösste orthodoxe Kirche werden. Auf Grund der hervorragenden Akustik wird es bereits heute an hohen Festtagen für musikalische Feiern genutzt. Erste Muster der mit Goldmosaik geschmückten Kuppeln können bereits bewundert werden. An die NATO-Bombardierungen 1999 erinnern heute noch einerseits die Ruinen von Milosevics Villa und des ehemaligen Verteidigungsministeriums, andererseits die aus Furcht vor Anschlägen zubetonierten Fenster der Dnau09-227amerikanischen Botschaft. Auf der Rückfahrt ins Zentrum begegnen wir plötzlich einem Tram im vertrauten Grün des Basler „Drämmli“; tatsächlich, die Inschrift an der Seite bestätigt, dass die Stadt Basel eine Anzahl dieser immer noch elegant wirkenden ausgedienten Kompositionen der Stadt Belgrad geschenkt hat. Auch ein kleines Zeichen europäischer Integration! Nach gutem Essen mit Wein und natürlich einem, nein zwei Gläschen Slivovic (total 1850 Dinar, ca. 32 Franken) in einem der zahlreichen Beizli in der Kralja Petra spaziere ich nochmals durch die ausgedehnten Anlagen des Kalemegdan. Neben den eindrücklichen Mauern und Toren aus frühserbischen und türkischen Zeiten, von denen aus man die besten Ausblicke über Stadt und Umgebung hat, gefällt mir der weitläufige Park mit diversen Ständen, vielen Spaziergängern, Schachspielern und einer Ausstellung mit grossformatigen Photos serbischer Landschaften und Dörfer des Photographen Dragoljub Zamurovic. Sie machen mich erst recht gwundrig auf all das, was es auf meiner Weiterfahrt noch zu entdecken geben wird. Eigentlich wäre Belgrad auch einmal ein lohnendes Ziel für einen Städte-Ausflug. Morgen geht es wieder aufs Land hinaus. Ich freue mich trotz vieler Steigungen auf diesen ganz unbekannten Abschnitt, mit viel Natur und hoffentlich weiterhin so angenehmen Menschen. Mit bisher 588 km ab Budapest habe ich schon beinahe einen Viertel der Reise gemäss meiner Planung.

9. September, Mittwoch

Von Belgrad verabschiede ich mich am Mittwochmorgen mit einer 12 kilometrigen Ehrenrunde Richtung Smedrevo, da ich im dichten Morgenverkehr nirgends einen Wegweiser nach Dnau09-233Pancevo, das heisst über die Donaubrücke finde. Überhaupt hat es eher wenig Wegweiser, man muss hier wohl schon Insider sein. Die Donaubrücke selbst hat zum Glück auch einen knappen Fussgängerbereich, denn hier donnern pausenlos Busse und Lastwagen drüber. Ich wähle dann auf der anderen Seite auch lieber den Dammweg als auf dieser Strasse bis Pancevo zu fahren. Statt Radweg scheint es sich aber vielmehr um eine verwilderte Wiese zu handeln. So geht es also durch mehr als kniehohes Kraut weiter, aber zum Glück hat es nirgends Brennesseln! Auf dem hinter dem Damm verlaufenden Erdweg geht es bald deutlich bequemer. Aber dafür muss ich das Velo mit allem Gepäck dann eine steile Böschung hinauf und über die Leitplanken der Schnellstrasse hissen, um doch noch die richtige Einfahrt nach Pancevo zu finden. Pancevo selbst hat trotz riesiger Industriegebiete wie fast alle Orte ein schönes Zentrum mit ausgedehnter Fussgängerzone, Park und Spielplätzen. Aber auch hier finde ich die Ausfahrt wieder erst mit Nachfragen (nicht zum letzten Mal!). Durch das riesige Industriegebiet (vor allem Petrochemie, deshalb auch massive Bombardierungen 1999; überall (Photoverbot) mit 4-spuriger Strasse gibt es auch einen separaten schönen Veloweg, doch der Verkehr ist so schwach, dass ich ihn kaum benutzte. Mit kurzen Zwischenhalten zum Kaufen von Gebäck (sehr fein !!) , Yoghurtdrinks und Fruchtsäften in den kleinen Orten komme ich um 14 Uhr über die Hauptstrasse nach Kovin, wo ich realisiere, dass die zweitletzte Fähre in Stara Palanka ja schon um 16 Uhr fährt. Ich versuche nach der kurzen Mittagspause deshalb 1 Stunde lang, diese doch noch zu erreichen, da es um 19 Uhr schon dunkel wird. Schliesslich siegt aber doch noch die Vernunft, ich habe ja Ferien! Also geniesse ich wieder die Fahrt durch das nächste Naturschutzgebiet, das bis an den Donau-Theiss-Kanal unweit der rumänischen Grenze reicht. Auf dem holprigen Damm dem zur Hälfte mit Wasserpflanzen bedeckten Kanal entlang erreiche ich schliesslich den Fährort Stara Palanka: 4 – 5 Beizen, 1 Hotel, ein Dutzend Häuser und fast keine Leute. Die nächste Fähre fährt um 18.15 Uhr, also wieder Zeit für ein Bier, einen (türkischen) Kaffee und zum Nachführen meiner Reisenotizen. Hervorragenden Kaffee gibt es hier überall, in grösseren Orten Espresso, sonst türkisch, jeweils für etwa 1 Franken. Ich Dnau09-237habe wohl selten so viel Kaffee getrunken wie hier auf der Reise. Die Fähre, die so gegen halb sechs von Ram auf der anderen Seite ankommt, ist einmal mehr ein Unikum. Eine grosse schwimmende Plattform mit groben Eichenbalken; an beiden Enden kann ein Teil abgesenkte werden, und zum Auf- und Abfahren wird schnell mit der Schaufel etwas Schotter zurechtgelegt. Geschoben wird das Ganze von einem kleinen Kutter, der seitlich mit 2 Drahtseilen befestigt ist. Die Überfahrt über die hier fast 3 km breite Donau, gemeinsam mit einem Auto, einer Fussgängerin und einem Velofahrer dauerte gut 20 Minuten und kostete mir 200 Dinar (etwas Fr. 3.50). Da es schon dämmerte, fahre ich in Ram mit der türkischen Festung gleich los und werde auf dem Hügel mit einer phantastischen Aussicht über die flussaufwärts unendlich breite Donau belohnt. Flussabwärts wird es zum Eisernen Tor enger, und auf der Ostseite beginnt bereits Rumänien. Für die letzten Kilometer montiere ich erstmals Licht, da es schnell dunkelt und ich für die wenigen Autofahrer doch rechtzeitig sichtbar sein wollte. Den Srebrno Jezero (Silbersee, aber nicht der von Karl May!) sehe ich dann eben nicht mehr deutlich, finde aber im gleichnamigen Ortsteil von Veliko Gradiste ein perfektes Zimmer (ca. 16 Euro) und in einem Restaurant für 12 Euro auch ein Nachtessen mit Salat, feinem Grillfleisch, Wein, Bier und Kaffee. Serbien tschuttet derweil gegen Frankreich in Belgrad unentschieden, aber mir als Laie gefallen die Serben viel besser!

 

10. September, Donnerstag

Heute hole ich zum Start erst einmal die Besichtigung der Gegend nach. Ein riesiges Erholungsgebiet mit Camping, Restaurants und Imbissbuden überall, Strand, Bootshafen, und Fischer Dnau09-244an jedem Donau-Meter. Ein perfekter Ort für geruhsame Ferien im Spätsommer, denn Leute hat es nur noch wenige. In Veliko Gradi‰te 3 km weiter scheint gerade der ganze Ort auf den Beinen zu sein, denn eingekauft wird hier alles auf dem täglichen Markt, zu welchem die Bauern aus der Umgebung kommen. Eine Farbenpracht sind nur schon alle die Früchte und Paprika. Ich decke mich wieder mit Gebäck und Obst ein, geniesse 2 Espressi und Süssgebäck, und los geht’s. Gut 20 km lang habe ich die kleinen Strassen zwischen den wenigen Ortschaften fast für mich allein, dazu immer wieder Aussicht über die Donau zum rumänischen Ufer. Nach Golubac, wo der Verkehr etwas dichter wird, erscheint an den steilen Hängen eine riesige Burg. Jerinin Grad ist eine mittelalterliche Burg, zu deren neun Türmen die Türken 1480 noch einen zehnten hinzufügten. Der imposante Komplex beherrschte früher den ganzen Verkehr auf und neben der Donau. Mit der Einstauung der Donau durch den 1972 erstellten 35 m hohen Damm „ Djerdap I“ 100 km weiter flussabwärts liegen die untersten Anlagen immer noch knapp über dem Wasserspiegel. Schiffe hat es auf dem ganzen Wasserweg seit Budapest eigentlich erstaunlich wenige, manchmal wirkt die Donau stundenlang verlassen. Dafür zielen ab und zu riesige Lastenzüge mit Anhängern im Schrittempo durch die 3 Tordurchgänge der Burganlage (einer sogar mit Kurve), das müssen wirklich Könner sein. Glücklicherweise hält dieser Engpass wohl auch einige Chauffeure von dieser Route ab, so dass ich trotz guter Strasse diesen wunderbaren Donau-Abschnitt richtig gemütlich geniessen kann. Ab Golubac befinde ich mich nun bis zum Staudamm hinunter auch im riesigen Nationalpark Djerdap/Eisernes Tor, der auch die rumänische Seite („Portile de Fier“) einschliesst. Ich bin zeitlich gut dran, und deshalb schalte ich an einem kleinen Bachdelta einen Halt mit Picknick, Bad und Kaffee ein. Erstaunlicherweise ist die Donau hier mindestens optisch etwa so klar wie der Sempachersee, obwohl es in Ungarn und Kroatien eher eine braune Sosse schien. Wahrscheinlich ermöglicht der riesige Stausee des Dnau09-249Djerdap- Dammes 80 km weiter unten schon eine genügende Absetzung und Selbstreinigung. Den Fischen und Vögeln scheint es jedenfalls auch wohl zu sein, denn überall entlang der Strasse haben Fischer mit 3 – 10 Angelruten ihre Autos, Zelte oder Wohnwagen aufgestellt. Da nach Dobra ein Abschnitt mit diversen Tunnels folgt, montiere ich nun wieder meine Blinklichter hinten und vorne. Weniger zum Sehen, als zum Gesehenwerden. Denn prompt kommt meistens gerade in einem der zwar meist kurzen 13 Tunnels ein Auto oder Lastwagen, und seit ich gesehen habe, wie viele Fahrer die linke Hand „handy-bedingt“ am Ohr haben, bin ich noch vorsichtiger. Das Freilicht-Museum Lepenski Vir mit den Ausgrabungen aus 8000 Jahren ist leider geschlossen. Nach kurzer Rast wähle ich ab hier die schmale alte Strasse, die mit ständigem auf und ab, aber interessanter Aussicht in die die Schlucht der Boljetinska Reka hinunter und auf der Gegenseite in Serpentinen wieder steil hinauf zur Hauptstrasse zurückführt. Nach einem Pass mit 150 heissen Höhenmetern sehe ich in der Distanz um 16 Uhr schon das heutige Tagesziel Donji Milanovac. Ich mache deshalb vor Stara Re‰kovica gleich noch einen Abstecher und klettere nach rassiger Talfahrt von der Donau her nochmals 150 ein Bergsträsschen hoch zu einer Freilicht-Galerie. Es ist ein Garten auf einem wunderbaren Bergausläufer mit Rundsicht, und zur Begrüssung wird mir schon ein selbstgebrannter Honig- ·livovic serviert. Ich bedanke mich, indem ich auch hier wieder einen Kaffee nehme, denn das Bier behalte ich mir für den Abend vor. Die Abfahrt geht auch so rassig genug, aber für ein zweites Donaubad reicht die Zeit eben nun doch nicht mehr. In Donji Milanovac gibt es seit 2 Monaten ein perfektes Info-Zentrum, das mir sofort sehr kompetent Empfehlungen für die Unterkunft gibt. Ich werde sogar abgeholt und zu einer Einzimmerwohnung in einem kleinen Block gebracht. Alles i.O. ruhig, nahe am Zentrum, und das für umgerechnet rund 10 Euro. Und im Infozentrum hat es erst noch sehr billiges internet, also gleich wieder einmal nach Hause melden, wie es so gegangen ist. Damit habe ich mir auch das nächste gute Essen wieder verdient. Mangels Begleitung wünsche ich mir dazu nun selber „Prijatno“ (en Guete)! Das Kriegsdenkmal vor dem Info-Zentrum macht mir einmal mehr bewusst, wie wenig wir im „Westen“ von dieser Region wissen. Die Inschrift erinnert an den Krieg von 1912 – 1918, aber der 1. Weltkrieg hat doch erst 1914 begonnen? Mein Nachfragen lehrt mich, dass im Balkan aber seit ausgehendem 19. Jahrhundert immer wieder Krieg war (Serben gegen Österreich-Ungarn, Bulgaren gegen Serben, Bulgaren gegen Rumänen, Griechen gegen Bulgaren, alle gegen die Türken,…), so insbesondere auch die beiden Balkan-Kriege 1912 – 1913, in unseren Geschichtsstunden offenbar nie der Rede wert: In unserem Bewusstsein befinden eben immer noch wir uns im Zentrum Europas und begreifen nicht recht, weshalb der Begriff Zentraleuropa die Region Slowakei/Ungarn meinen soll. Meine Velotour wird zu einer eigentlichen Horizont-Erweiterung auch in übertragenem Sinne … Von meinem ehemaligen Kollegen Sepp Blum, der über Caritas in Bulgarien auch ein Landwirtschaftsprojekt betreut, habe ich soeben Adressen erhalten. Wenn möglich werde ich also dann in Bulgarien in einigen Tagen auch das noch näher anschauen.

11. September, Freitag

Nach 10 Tagen „auf Achse“ nehme ich mir zuerst einmal etwas Zeit und unterziehe Kette und Zahnräder bei der Schifflände einer gründlichen Reinigung. Diese lohnt sich, denn nun geht es wieder ohne störende Knarr- und Schleifgeräusche auf guter Strasse weiter. Mit den ersten Tunnels nördlich von Golubinje beginnt der zentrale und absolut schönste Abschnitt des Eisernen Tores: zuerst der Grosse Kazan, dann der Kleine Kazan, dazwischen das Becken von Dubova. „Kazan“ soll aus dem türkischen stammen und Kessel bedeuten. Und tatsächlich fliesst die Donau hier zwischen hohen Felswänden und bis zu 700 m hohen Bergen, vor der Einstauung wohl auch noch recht tosend. Die breite Strasse steigt der Bergflanke entlang mit Tunnels und

Dnau09-260
im „Eisernen Tor“

kurzen Brücken allmählich bis gut 200 Meter über den Fluss. Auf rumänischer Seite ragen die Felsen des Sugarul Mare mit den Ponicova-Höhlen fast senkrecht aus dem Fluss, so dass dort die Strasse einen Umweg über einen kleinen Pass machen muss. Am unteren Ende dieser ersten Felsenge ist denn auch die mit rund 150 Meter schmälste Stelle der Donau im rumänischen Abschnitt. Im grossen Kazan wird das erste, dank der glänzenden Zinkblechdaches unverkennbar rumänische Kloster Mraconia sichtbar. Ich bin trotz der insgesamt etwa 14 Tunnels froh, auf der serbischen Seite zu fahren. Am rumänischen Ufer herrscht relativ starker Verkehr, insbesondere auch Lastwagen, immer wieder hat es Baustellen, und die meisten Strassenböschungen leuchten noch hell hervor und zeigen ihre frische Verwundung. Hier in Serbien ist es geruhsam: wenig Verkehr, meistens PW (seltsamerweise fast immer gleich 2 hintereinander), dazu Vegetation fast immer direkt bis zur Strasse, ab und zu ein grosszügiger Rastplatz mit Tischen und Bänken, sogar manchmal auch schattenspendenden Sonnenschirmen. Und als Kuriositäten bizarre Reminiszenzen aus dem Tito-Jugoslawien: zuerst ein gewaltiges Beton- Ei, dessen Oberfläche im Laufe der Jahre abgeplatzt und in der Zwischenzeit mit Graffiti geschmückt ist, dann eine an einer Eisenkonstruktion über das Steilufer hinausragende Metallkugel (ein ehemaliges Schiffahrtssignal?). Und im grossen Kazan schliesslich auf der Gegenseite wieder die erst vor 10 Jahren von einem reichen Amerikaner finanzierte in den Felsen gehauene gut 20 Meter hohe Fratze des Daker-Königs Decebal, der im 1.Jh. das damalige rumänische Reich erfolglos gegen die Römer verteidigt hatte. Auf dem Golo Brdo erreiche ich mit 280 m.ü.M. den höchsten Punkt. Anstelle der steilen Bergflanken folgen wieder beidseits der Donau sanfte Hügel. Ein einsamer Strand bei Tekija ruft nach den schweisstreibenden Aufstiegen geradezu wieder zu einem erfrischenden Bad, bevor nach einer scharfen Biegung der Donau in der Ferne der Djerdap I Staudamm sichtbar wird. Der Damm bildet auch die erste Verkehrsverbindung nach Rumänien hinüber. Eine zweite und letzte besteht erst wieder 75 km weiter flussabwärts bei der Staustufe Djerdap II. Der Grenzverkehr hier oben ist aber sehr gering: wenige PW’s, ab und zu ein Lastwagen. Auf der rumänischen Seite stauen sich unterdessen die Lastwagen vor einer Baustelle beim Damm auf gut 2 km Länge. Photographieren ist auch hier wieder streng verboten. Schon der Versuch, 100 m unterhalb des Dammes einen Blick auf die Schleusen zu ergattern, wird von der Zentrale aus mit scharfen Pfiffen und wildem Winken abgeblockt. Irgendwie ist es doch unverständlich, können doch Bilder des Bauwerkes jederzeit aus dem Internet heruntergeladen werden. Es erinnert mich stark an die Grenze Kaliningrad/ Litauen, wo ich ein Jahr zuvor Photos von der Grenze auf meiner Kamera wieder löschen musste Es ist wohl noch nicht das letzte Mal …. Das Städtchen Kladovo macht bei meiner Einfahrt um 15.30 Uhr einen verschlafenen Eindruck. Fast alle Geschäfte sind noch geschlossen. In der kleinen Fussgängerzone gleich beim Ortsbeginn finde ich schliesslich ein Restaurant, wo ich mir ein Bier genehmigen kann. Auf der gepflegten Uferpromenade an der Donau erinnert ein einfaches Denkmal daran, dass hier 1940 der Sammelplatz für Juden aus Österreich und Mitteleuropa (!) zum Weitertransport in die Konzentrationslager gewesen ist. Da ich mir die grosse Donauschleife ersparen, aber dennoch die Reste der Trajan-Brücke anschauen will, fahre ich doch noch Richtung Kostol weiter, um das in der Karte eingezeichnete Hotel auf dem Weg dorthin zu finden. Das Hotel PlaDnau09-272ya scheint geschlossen, doch auf das Läuten hin öffnet mir doch ein freundlicher alter Mann; das Haus ist wie so vieles im Umbau, aber dazwischen findet sich doch ein sauberes Zimmer, und mit spezieller Instruktion kann ich in der Dusche-Baustelle schliesslich auch meistens die richtigen Hahnen bedienen. Kurz das Gepäck deponieren und dann gleich vor der Dämmerung noch zu der Sehenswürdigkeit hinausfahren. Über einen holprigen Feldweg komme ich zum römischen Brückenpfeiler, der mit einem kleinen Damm gegen die Donau geschützt ist. Etwas weiter oberhalb des Ufers befinden sich auch ausgedehnte Mauerreste eines römischen Legionärslagers. Während ich inmitten eines fast ohrenbetäubenden Froschkonzertes meine Bilder mache, taucht auf dem Weg ein weiterer Velo-Tourist auf, zum ersten Mal seit Batina am 4. September: Philipp aus Neuhausen hat die Donau von Wien her abgefahren, blieb aber zuletzt immer auf der rumänischen Seite bis zum Staudamm Djerdap II und beendet die Tour nun wieder Donau aufwärts hier in Kladovo, um am nächsten Tag mit dem Bus nach Belgrad und von dort aus mit dem Zug am Sonntag über Zagreb und Wien nach Zürich zu fahren. Gemäss seinen Angaben ist die jenseits der Donau vor allem durch Fabriken und Kamine sichtbare Stadt Dobreta-Turnu Severin recht schön und hat zudem ein umfangreiches archäologisches Museum. Bei einem ausgedehnten Nachtessen mit Cevapcici, grossem Salat, Bier, Wein und Mineral (alles für 950 Dinar) in Kladovo können wir bis Mitternacht Erfahrungen austauschen. Der halbstündige Fussmarsch zurück zu meinem „Hotel“ kommt mir anschliessend zur Verdauung und zum Verarbeiten des Alkohols sehr zu Gute.

 

12. September, Samstag
Nach dem üppigen Nachtessen kann ich gut auf ein Morgenessen verzichten, und so geht es um halb neun Uhr nach dem Kauf von Mineralwasser ab Kladovo gleich auf der Hauptstrasse weiter Richtung Süden, und das heisst zunächst einmal mit langem Anstieg und Gegenwind 120 m aufwärts. Wahrscheinlich liegt es am Slivovic, dass mir dieser Anstieg wie ein Pass vorkommt. Aber die nächsten 25 km geht es dann wieder locker und sogar mit leichtem Rückenwind weiter. Gelegenheiten zu einem Kaffeehalt gibt es auf der ganzen Strecke kaum; nur gerade bei einer Tankstelle ausgangs Grabovica stimmen die Kartenangaben tatsächlich. Bei Slatina kann ich die Hauptstrasse verlassen und auf einem schmalen Strässchen meist direkt dem Ufer entlang fahren. Ab und zu einige Ferienhäuschen, eine Galerie von Fischerruten, die auf Fische warten, dazwischen wieder totale Wildnis mit beidseitig Wermut, Akazien und Essigbäumen, deren Äste weit in den Weg hineinragen. Im verschlafenen Mihajlovac fülle ich meine Flasche Fruchtsaft nach, und dann geht es im gleichen Stil auf einem Schottersträsschen weiter. Hier kann ich bei abgelegenen Ferienhäuschen auch mein Anti-Hundegerät testen, und es wirkt (meistens) wirklich nicht schlecht. Und wenn es nicht wirkt, haben diese Hunde wohl von ihrem eigenen Gekläffe schon einen Gehörschaden. Absteigen und erst in sicherer Distanz wieder fahren ist im Zweifelsfalle aber immer am sichersten! Im übrigen scheint es in all diesen Ländern wohl annähernd so viele Hunde wie Menschen zu geben, denn fast bei jedem Haus entlang der Strasse lassen hinter dem Zaun irgendwo ein oder gleich mehrere Hunde ihr Gebelle los. Hunde, welche hingegen irgendwo der Strasse entlang trotten, zeigen meistens nicht das geringste Interesse am Velofahrer. Sie sind ja wie ich auf den Strassen unterwegs …. Vor Prahovo wird der Staudamm Djerdap II sichtbar, über den man zur bereits rumänischen Insel Ostrovu Mare und in die Walachei gelangt. Ich verlasse hier die Donau für eine Weile, denn im Grenzbereich zu Bulgarien gibt es hier keine direkte Verbindung. Nach 8 km mit ständigen kurzen Auf- und Abfahrten (bei 33 °C schon schön anstrengend) auf ziemlich monotoner Landstrasse erreiche ich mit Negotin die letzte serbische Stadt auf meiner Tour. Über das Stadtzentrum mit grossem Platz und Parkanlage schallt Chormusik. Sie kommt aber leider nur aus grossen Lautsprechern, die am Rathaus aufgehängt sind. Ein alter Mann erklärt mir, dass an diesem Wochenende gerade die „Mokranjãevi Dani“ sind, die jährliche nach dem serbischen Komponisten Stevan Mokranjac benannte musikalische Feier. Live-Konzerte sind aber leider nur am Abend. Dafür komme ich in den Genuss einer Balkan-Hochzeitsmusik: vor der Kirche hat sich ein Quintett mit Trompete, Saxophon, 2 Bass und Pauke aufgestellt, dass das Hochzeitspaar mit feurigen schrägen Rhythmen und sehr laut empfängt und danach auch durch die Stadt zum Hochzeitsessen begleitet. Nach der Verwertung meiner letzten Dinar für eine feine Yoghurt-Glacé verlasse ich diese hübsche Stadt. Am Stadtrand stosse ich auch zum erstem Mal auf eine grosse Zigeunersiedlung: neben und zum Teil auf dem Sportplatz eine Ansammlung von Hütten aus Holz, Blech und Plastikbahnen. Dank dem trockenen Spätsommer macht sind die Fahrspuren dazwischen fest, aber nach längerem Regen dürfte hier wohl nur noch Sumpf sein. Da inzwischen dunkle Wolken aufgezogen sind, wähle ich den direkten Weg zur Grenze. Und auf dem letzten Kilometer zwingt mich tatsächlich ein kurzer Schauer noch, Regenhose und Regenjacke hervorzuholen. Der grenzüberschreitende Verkehr zwischen Serbien und Bulgarien ist offenbar sehr klein, denn auf der ganzen Strecke nach Bregovo (Bulgarien) begegne ich gerade mal 3 Radfahrern und 2 PW’s. An der Grenze verabschiedet sich der serbische Donauradweg mit einer sympathischen Tafel: „You are leaving Serbia. Don’t cry because it’s over – smile, because it happend! We wish your bike always to have tires full of air, and chain Dnau09-275always ready to transfer your dreams to roads and paths. Have a nice rolling in beautiful Bulgaria.” Leider fehlen auf bulgarischer Seite die bisher so vertrauten blauen Radweg- Wegweiser. In Bregovo finde ich die Strasse über Balej nach Novo Selo erst nach Umwegen und mit Nachfragen. Aber schön ist es wirklich, wenigstens ausserhalb der Ortschaften. Schon auf den ersten Kilometern begrüsst mich der landestypische Esel am Strassenrand, etwas weiter spazieren gemütlich die Kühe auf der Strasse, und gegen Abend stosse ich in jedem Dorf auf die heimkehrenden Schaf- und Ziegenherden. Die Dörfer sind sehr einfach, oft armselig. Im Gegensatz zu Serbien, Kroatien und Ungarn sind mindestens in diesem Gebiet die Kirchen häufig kaum sichtbar und meist in ziemlich baufälligem Zustand. Als geographische Orientierungshilfen dienen sie daher kaum. Auffallend sind andererseits die in jedem Kaff vorhandenen grosszügigen, zwar meistens recht verlotterten Zentrumsplätze mit Verwaltungsgebäude und Kulturhaus oder Bibliothek. Und unterwegs immer wieder Tafeln, die auf irgendein Entwicklungsprojekt der EU hinweisen, mit Beschrieb, Nutzniesser, Geldsumme und Beginn- sowie Abschlussdaten. Dnau09-302Eigenartigerweise sehe ich bei einzelnen dieser Schilder trotz Abschlussdatum 2008 ausser dieser Tafel weit und breit nichts, das irgendeine Investition bezeugen würde. Die Schattenseiten der vordergründigen Idylle zeigen sich sehr schnell ebenfalls: Bereits beim ersten Zwischenhalt in Novo Selo werde ich von einem kleinen dunklen Buben (wahrscheinlich Roma) hartnäckig um einen Lew (ca. 80 Rappen) angegangen. Dass ich ihm einige meiner Biscuits gebe, ist ihm nicht genug, und mein russisch versteht er überhaupt nicht. Ob es in Bulgarien wohl doch nicht so klappt damit, wie ich mir erhofft hatte? Ein kurzer Testkauf im Dorfladen beruhigt mich aber doch wieder: zwar etwas harzig, wahrscheinlich etwas so, wie wenn ein Bayer mit einem Lötschentaler verhandeln müsste … Da die Zeit knapp wird, erspare ich mir die nächste Donauschleife und wähle ab Florentin die direkte Strasse Richtung Vidin. Das bedeutet zwar wieder kurze Aufstiege, aber schmackhafte kleine Trauben ab Stock unterwegs geben die nötige Energie. Bei der Einfahrt nach Vidin auf 6-spuriger Autostrasse „à la russe“ (d.h. mit vielen Löchern) zwischen 8 – 10-stöckige Plattenbauten dämmert es bereits. Wo ist das Zentrum? Erst nach einem Umweg ins trostlose Industrieviertel finde ich den richtigen Weg. Ein Taxichauffeur empfiehlt mir das Hotel Dunav, das sich als gute Wahl erweist. Duschen, Wäsche machen Nachtessen suchen. Vorerst fallen mir nur die bunt beleuchteten „Casinos“ an jeder Ecke auf: offenbar sind Spielautomaten gross im Kurs. Dagegen gibt es kaum noch irgendwo ein Internet-Café; mit der Einführung von wifi in jedem mittleren Hotel und in Stadtzentren haben sie die Kundschaft fast vollständig verloren. Schliesslich finde ich ganz in der Nähe eine Pizzeria für ein gemütliches Essen. Und da ich irgendwo kurz vor Vidin den 1000. Kilometer erreicht habe, gehört heute auch ein guter Wein dazu.

13. September, Sonntag
Vidin zeigt sich heute bei einem kurzen Spaziergang doch wesentlich hübscher als bei der gestrigen Einfahrt. Da es leicht regnet, lasse ich das Gepäck vorläufig im Hotel und starte nach dem Frühstück zuerst einmal zu einem Abstecher ans nahe Donauufer. Ein Schweizer Passagierschiff liegt gerade vor Anker, Touristengruppen und Familien spazieren auf der Uferpromenade. Info-Tafeln weisen auf die historische Vergangenheit der Stadt hin: Hauptstadt des alten Bulgarenreiches (13. Jh.), im Osmanischen Reich kulturelles Zentrum und wichtigster Handelsplatz an der Donau, Frontstadt zum Habsburger Reich, im 20. Jh. bedeutender Industriestandort. Zahlreiche Tafeln in arabischer Schrift erinnern an die lange türkische Herrschaft. Eine monumentale Säule und daneben mit roter Dnau09-312Farbe verschmierte Soldatengruppe zeigen, dass auch die kommunistische Ära noch nicht weit weg ist. Am Ende des Promenadenbereiches liegt Baba Vida, ursprünglich ein Beobachtungsturm an der Donau, der von Bulgaren und Türken allmählich zu einer mächtigen Festung ausgebaut wurde. Auf dem Weg zurück zur Altstadt taucht zwischen den mächtigen Bäumen des Stadtparks eine zerfallene Fassade mit Bogenfenstern auf: die Ruinen der einst bedeutsamen Synagoge. Weitere Sehenswürdigkeiten: das Istanbuler Stadttor (eines von 13 noch erhaltenen Toren), der grosse Hauptplatz mit Stadtverwaltung, Konzertsaal, kommunistischen Denkmälern und klassischen Häusern des ausgehenden 19. Jh. Die St.Dimitar Kathedrale ist nach der Newski Kathedrale von Sofia die grösste Kirche Bulgariens. Nach Abschluss des Gottesdienstes werden beim Ausgang gerade grosse Becher mit heisser Suppe und einem kleinen Brotlaib dazu verteilt. Und auch hier werde ich wieder von Bettlern angegangen. Zurück im Hotel konsultiere ich am Empfang im Internet zuerst nochmals des Wetter: Sonntag Regen, Montag bis Mittwoch Wolken mit nur 15°C. Ich starte trotzdem und kann bereits am Stadtrand das Regenzeug wieder versorgen. Dank dem Sonntag hat es auf der E79 in Richtung Sofia nicht sehr viel Verkehr, vor allem nur wenige Lastwagen. Ein 69-jähriger Radfahrer auf dem Weg zu seinem Wochenendhäuschen begleitet mich die ersten 10 Kilometer. Trotz dem Verkehr fährt er ständig neben mir und wir unterhalten uns in einem Gemisch von englisch und russisch. Er gibt mir auch nützliche Tips für die Weiterreise und warnt eindringlich vor Zigeunerkindern. Ab Dunaveci lasse ich ihn im Verkehr alleine weiterziehen und nehme wieder die Strasse der Donau entlang. Sie ist gesperrt (Remont!), da sie gerade total erneuert wird, aber in den meisten Abschnitten fehlt nur noch der letzte Belag, und so habe ich nun über weite Strecken eine tadellose Strasse ganz für mich allein. Nur ab und zu ein PW aus einem der kleinen Dörfer, ein Arbeiter, der an irgendeinem Durchlass werkelt (der Sonntag ist nur für öffentliche Betriebe verbindlicher Feiertag, Privatfirmen sind da recht frei), ein mit Maisstauden beladener Eselkarren oder ein alter Mann, der mit seinem Fahrrad frische Laubäste für seine Dnau09-305Tiere nach Hause stösst. Wie schon in Serbien kündet sich der kommende Winter auch hier durch frisch abgeladene Holzhaufen vor den Häusern an. Da und dort packen Frauen die gelben Maiskolben aus den Blättern und füllen mit diesem Vorrat die grossen gedeckten Gitterbehälter neben den Häusern. Die Häuser sind klein, recht sauber, meist mit den kleinen halbrunden Ziegeln gedeckt. Vielerorts sind Paprikaschoten in langen Girlanden zum Trocknen aufgehängt. Kurz vor Arcar sollten in Donaunähe eigentlich die erst vor 50 Jahren entdeckten Ruinen der römischen Siedlung Ratiaria zu sehen sein. Weil nach dem Zusammenbruch des Kommunismus aber das Geld für staatliche Unterstützung fehlte, wurde das Gebiet trotz Verbot durch Private so gründlich umgegraben, dass vom angeblich immensen Reichtum nichts mehr übrig blieb. Angeblich seien in Arcar seither einige prächtige Häuser entstanden. In Arcar überhole ich einen kleinen Leichenzug: voran 2 Burschen mit einem Kreuz und einem Laib Brot, dahinter der Priester, dann ein kleiner Pferdekarren mit dem offenen Sarg und dahinter die Trauernden in ihren unterschiedlichsten Alltagskleidern. Von der Kirche tönen in regelmässigen Abständen je ein Dutzend Glockenschläge, bis der Trauerzug darin verschwindet. Derweilen schlendert ein Polizist in Kampfanzug mit seinem Gewehr gelangweilt auf dem Platz umher und hat keine Ahnung, weshalb die Glocken läuten. Die von meinem morgendlichen Begleiter angekündigten Zigeuner treffe ich erst im Aufstieg am Dorfausgang. Auf das Gejohle reagiere ich nur mit kurzem Winken und fahre stur weiter. In Dobri Dol entschliesse ich mich zu einem Abstecher zum Dobridolski Manastir. Nach knapp 5 Kilometern durch ein einsames Seitentälchen mit einem kurzen Schlussaufstieg endet das Strässchen auf einem kleinen Platz. Rechts ein verfallener Landwirtschaftsbetrieb, im steilen Hang über dem Platz eine hübsche kleine Kirche und drüber hinter Bäumen der Klosterkomplex mit Gästehaus. Dnau09-351Im Garten davor schaufeln drei Mönche einen Graben für frische Leitungen (auch am Sonntag!), sonst ist alles still. Ich bin offenbar im Moment der einzige Besucher, und so kann ich mich auch in der kleinen Kirche in aller Ruhe umsehen und Photos machen. Ich überlege mir kurz, ob ich hier übernachten soll, aber entscheide mich dann doch für die Weiterfahrt, um eventuell mehr Zeit für einen Abstecher ins Donaudelta zu haben. Bei der Rückfahrt zur Hauptstrasse lasse ich mir die Inspektion eines Lastwagenwracks am Wegrand nicht nehmen. Pneu ohne Profil, Dach durchlöchert, Motorhaube nur noch zur Hälfte, statt Zündung und Schalter einige einfache Elektrodrähte, aber wie die frischen Fahrspuren beweisen offenbar noch immer im Einsatz! Vor Lom endet die Strasse in einer Baustelle mit Erdhaufen und offenen Gräben. Statt der angezeigten Umleitung den Hang aufwärts folge ich lieber einer offensichtlich ortskundigen Radfahrerin und komme so nach Cross-ähnlichem Parcours in Lom an. Der erste Eindruck ist nicht vielversprechend: Strassen und Häuser mit Spuren des Zerfalls, mittendrin schlafende Hunde, Industriebrachen im Gebiet des Hafens. Weiter oben jedoch stosse ich auf ein schönes Zentrum mit grosszügigem Platz, klassizistischen Häusern und Strassenrestaurants. In der verkehrsfreien Slavianska geniessen Alte und Junge den sonnigen Spätsommertag auf Parkbänken und beim Spiel. Nochmals Mineralwasser tanken, denn angesichts der braunen Hügel auf der andern Seite des Flüsschens Lom dürfte wieder einmal tüchtig schwitzen angesagt sein. Dass gerade in diesem Aufstieg die Strasse immer noch die alte Pflästerung aufweist, macht das Fahren auch nicht einfacher. Auf der Hochebene beginnt aber guter Asphaltbelag, so dass es doch wieder gemütlich mit leichtem Rückenwind weiter geht. Auf den ausgedehnten Feldern sind riesige Mähdrescher an der Sonneblumenernte, dahinter werden bereits wieder mit 8-Scharen-Pflügen die verbleibenden Stengel unter gegraben. Die grossen Lastwagen übernehmen die Ernte direkt auf den Feldern. Die immer dunkler werdenden Wolken im Westen stellen mich vor die Wahl, rechtzeitig einen Unterstand mit Kaffee zu suchen oder auf Fluchterfolg zu spekulieren. Das sehr mangelhafte Beizenangebot in Kovachica und der immer kräftigere Rückenwind sprechen trotz inzwischen wieder „russischer“ Strasse für Tempo, und so entkomme ich dem aufziehenden Gewitter knapp noch. Einfach immer gut voraus schauen, um die teils tiefen Schlaglöcher rechtzeitig zu entdecken. Untrügliche Hinweise liefern Autos, die jeweils Slalom oder gerade ganze Strecken auf der falschen Seite fahren. Vor Kozloduj häufen sich die Hochspannungsleitungen, dazu ist gemäss Tafeln am Strassenrand das Photographieren verboten. Jetzt weiss ich auch, weshalb mir dieser Name irgendwie schon bekannt vorkam: Hier ist das erste und bisher einzige AKW Bulgariens, das aber durch diverse Störfälle schon zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat. Auch hier werde ich auf dem ganzen Weg bis fast ins Zentrum von den Hunden mit Gebelle begrüsst. Ein freundlicher Passant führt Dnau09-325mich zu einem kleinen Hotel, aber zu meiner Überraschung ist alles besetzt, obwohl an den bisherigen Orten die Unterkünfte halb bis ganz leer gewesen waren. Die freundlichen Hotelbesitzer klären mich aber schnell auf: im September finden die jährlichen Kontrollarbeiten am AKW statt, zu welchen Spezialisten aus Deutschland und Russland kommen. Diese hätten praktisch alle Hotelzimmer in der Stadt belegt. Sie vermitteln mir aber einen Freund, der gerade ein Guesthouse einrichte und mir ein Zimmer für 25 Lewa zur Verfügung stellen könne. Zudem könne er mich gleich hier abholen. Und während ich noch warte, bringt mir der Hausherr ein Kilogramm weisse und rote Trauben, frisch aus seinem Weinberg, als Verpflegung für unterwegs. Eine kurze Fahrt hinter dem Auto durch die schlecht beleuchteten Strassen, aus Furcht vor Löchern noch mit der Taschenlampe in der Hand, und dann kann ich ein soeben fertig gestelltes Zimmer mit prima Bad beziehen. Nach einem kleinen Irrweg durch dunkle Plattenbauten finde ich ein einfaches Restaurant mit reichhaltiger Speisekarte. Nach dem Essen klärt mich ein bulgarischer Umwelt-Spezialist bei einer Flasche Bier über das AKW auf. Er ärgert sich vor allem über die EU, auf deren Druck vier von den sechs Reaktoren abgestellt werden mussten. „Alles ist bestens gewesen, nichts als Hysterie und eigene Interessen des Westens!“ Er ist Angestellter beim AKW…

14. September, Montag

Nach zwei guten Espressi in einem Strassencafé starte ich um 9 Uhr zur nächsten Etappe. Die Strassen werden auch hier schon am frühen Morgen von Strassenwischerinnen gereinigt. Es fällt mir immer wieder auf, wie sowohl in Serbien als auch hier selbst in kleinen Orten viel Personal für Unterhalt und Reinigung an Strassen und in Pärken eingesetzt wird. Sicher auch eine gute Massnahme gegen die Arbeitslosigkeit. Die direkte Strasse ist gesperrt, da sie nur für Zubringer zum AKW benutzt werden darf. Am Umweg über die Umfahrungsstrasse stehen wieder überall Tafeln mit Photographierverbot. Ich schaue mir dann die Anlage im Internet an! In Glozhene finde ich den Weg nach Mizija einmal mehr nur durch Nachfragen. Bei der Brücke über Dnau09-327die Ogosta scheint dann aber doch kein Durchkommen mehr möglich. Grosse Erdhaufen versperren die Strasse, auf der alten Betonbrücke sind Arbeiter beschäftigt. Wieder einmal „remont“, aber alles ohne Vorwarnung. Während 3 Männer im Bach unten mit Ruten und Schaufeln ein Pferd zum Weitergehen drängen, überklettere ich mit dem Velo die Erdhaufen und dränge mich an den Baumaschinen vorbei auf die andere Seite Nochmals 2 Kilometer grober Schotter und Staubwolken der Lastwagen, und dann bin ich in Mizija endlich wieder auf einer normalen Strasse. Vor Orjahovo komme ich wieder an die Donau zurück. Ab und zu begegne ich nun grossen Lastwagen, denn in Orjahovo ist die erste grosse Fährverbindung zwischen Rumänien und Bulgarien; gegenwärtig werden die Terminals mit EU-Unterstützung massiv ausgebaut. Auch die Strasse von Mizija her ist wohl aus dem gleichen Grund ganz neu gemacht, denn die direkte Verbindung durch den Ort Orjahovo wäre wohl für die grossen Lastwagen zu steil. Sie führt mit gut 16% Steigung in von der Donau in das Ortszentrum hinauf. Ausser einer schönen Kirche und einem halbfertigen Hotelturm gibt es nicht viel zu sehen. Umso schöner ist die Aussicht über die Dnau09-357Donau und bis weit nach Rumänien hinein, die sich auf der Weiterfahrt nach Leskovec immer wieder bietet. Dort drüben wäre alles flach und einfach, während hier am Rande eines 150 bis 200 m über der Donau liegenden Plateaus die Strasse ständig auf und ab führt, Aber trotz aller Mühen ist es hier dafür auch abwechslungsreicher. Und so bezahle ich nach einer gemütlichen Fahrt durch Wiesen und kleine Wäldchen ab Ostrov für diese Abwechslung auch wieder einmal mit viel Schweiss, finde aber zur Belohnung einmal mehr ein schönes Picknickplätzchen mit Aussicht und Gelegenheit für ein Nickerchen im dürren Gras. Gestärkt und ausgeruht kann ich danach auf der teilweise doch recht löchrigen Strasse weiterfahren. In Krushovene schaue ich einem kleinen Buben zu, der mit Hingabe Boxen trainiert, indem er eine an einer Schnur aufgehängte leer Waschmittelflasche als Punchingball benutzt. Den Dorfplatz ziert hier zur Abwechslung statt der üblichen Kriegsdenkmäler ein stilisierter Betonpfeil neben einem alten Düsenflugzeug. Dem Flüsschen Iskur entlang geht es wieder Richtung Donau. Die steilen Löss- Wände neben der Strasse sind löchrig wie ein Emmentaler-Käse: wahrscheinlich sind dies Höhlen von Bienenfressern. Schade, dass diese bunten Vögel schon wieder unterwegs nach Afrika
sind. In der Abzweigung kann ich einmal mehr ein Beispiel der kommunistischen „Volks“-Kultur bestaunen: Eine junge Familie (Mann, Frau, kleines Kind) strecken einen Zweig in die Höhe. Was aus der Distanz noch elegant wirkt, zeigt sich aus der Nähe schon recht baufällig. Die schlanken Betonfiguren werden durch die rostenden Armierungseisen gerade noch knapp zusammengehalten. Im Dorf Bajkal selbst stosse ich auf kleinere Exemplare dieser Figuren, bei denen einzelne Dnau09-344Betonteile bereits abgefallen sind. Die Strasse endet hinter dem Dorf auf einem Parkplatz direkt an der Donau. Arbeiter erstellen aus grossen Tanks irgendeine Art Schiff. Das in der Karte bezeichnete Hotel Bajkal ist ein hübsches Restaurant mit grosser Terrasse und daneben 4 Pavillons mit je 2 Zimmern. Ein netter Bulgare hilft mir gleich bei der Reservation und spendet mir dazu auch noch das erfrischende Bier. Er ist Solar-Spezialist aus Sofia und kommt regelmässig hierher, um den Bau seines Ferienhauses in der Nähe zu leiten und zu überwachen. Er hilft mir auch weiter, mein bulgarisches Wörterverzeichnis noch etwas zu ergänzen und empfiehlt mir, das Velo ins Zimmer zu schliessen, da am späten Abend immer Burschen aus dem Dorf hier ihre Biere nähmen. Im Sonnenuntergang genehmige ich mir vor dem Essen noch ein Bad in der gut 22 Grad warmen Donau. Die Abendruhe wird nur kurz durch zwei Männer gestört, die mit ihrem Motorboot zum Fischen fahren. Auf der Terrasse geniesse ich noch lange den Blick auf den dunklen Fluss, bis die lärmige Dorfjugend eintritt und ich mich in mein Häuschen verziehe.

 

15. September, Dienstag

Im Restaurant ist um 8 Uhr noch alles still, also auch kein Kaffee. Vor dem Dorfladen ist grosser Betrieb: sauber gekleidete Schulkinder warten mit einem Lehrer auf den Bus, Frauen sind mit Taschen unterwegs und Männer plaudern an Tischen vor dem Eingang. Drinnen gibt es jedoch nur abgepacktes Süsszeug oder alte Biscuits. Ich lasse mir wenigstens ein Kaffee ähnliches Getränk servieren, den der Ladenbetreiber mit Nescafé in einem kleinen Kaffeeautomaten zubereitet. Wie konnte ich bisher nur immer von diesen wirklich guten Espressi schwärmen! Ich tröste mich mit der Hoffnung auf später und trampe los. Bereits an verschiedenen Orten habe ich Info-Tafeln gesehen, die in Zusammenhang mit Tourismus- Empfehlungen (ein Gemeinschaftsprojekt von Bulgarien, Rumänien und der EU) auf „Ulpia Escus“ hinwiesen. Ich mache deshalb in Gigen einen Abstecher und gelange auf einer holprigen Strasse den spärlichen Wegweisern folgend und an aggressiven Gänsen vorbei schliesslich zu einem umzäunten Feld mit ausgedehnten Mauerresten. Nichts deute darauf hin, dass diese Ausgrabungen zu den Denkmälern des UNESCO-Weltkulturerbes gehören. Eine Tafel am Gittertor nennt die Eintrittspreise: 1 Lew pro Person, 3 Leva fürs Photographieren. Aber weit und breit kein Mensch. Also steige ich über das Gitter und erkunde das Gelände auf eigene Faust. Es sind die Reste einer Römerstadt aus dem 2. Jh. mit einem intakten Strassenstück, unzähligen Säulenresten, Bädern, Befestigungstürmen, Tempel- und Hausruinen. In der Nähe war offenbar auch ein Übergang über die Donau in die Provinz Dacia (Rumänien). Die Weiterfahrt durch das „Cerno Pole“ (dunkles Feld) ist recht monoton und gibt mir Zeit, über Chancen all dieser nun so stark propagierten Eco-Tourismus-Projekte in dieser Gegend zu grübeln: ein breites Echo wird das kaum je finden, bestenfalls gibt es 2 – 3 Familien eine bescheidene Erwerbsmöglichkeit, aber ich habe ja auf dem ganzen bisherigen Abschnitt in Bulgarien noch keinen einzigen Touristen angetroffen. Und auch die Landwirtschaft bietet wohl nur noch wenigen Familien ein Auskommen. Die gewaltigen Gegensätze werden mir immer wieder bewusst, wenn neben den kleinen Eselskarren – oft noch mit Metallreifen – ab und zu ein gewaltiger Mähdrescher auftaucht, der die gesamte Strassenbreite beansprucht. In Dabovan wage ich einen nächsten Kaffee- Versuch. Der Kaffee ist wenigstens wieder richtig türkisch, aber nach dem Essen der gleichzeitig gekauften Choco-Biscuits kann ich nur hoffen, dass die damit gewonnene Energie den Schaden für meinen Magen wettmachen wird. Gleich tüchtig mit Mineralwasser spülen! Ab Somovit folgt wieder eine kurze „Bergstrecke“, von der ich mich bei einem gemütlichem Picknick am Feldrand erhole. Und in Nikopol komme ich um 14 Uhr doch endlich noch zu meinem ersten richtigen Espresso des Tages. Auch hier gibt es wieder eine mit EU-Hilfe erneuerte Fährverbindung zur rumänischen Industriestadt Turnu Magurele (dt. früher Grossnikopol). Eine Säule zum 600-jährigen Jubiläum erinnert an die grosse Schlacht von 1396, als hier die Türken ein ungarisch-französisch-rumänisches Kreuzfahrerheer schlugen und sich damit für fast 500 Jahre im heutigen Bulgarien festsetzten. Mit der grossen Festung am Rande des die Stadt hoch überragenden Plateaus war Nikopol bis ins 18. Jh. eines der größten militärisch-administrativen Zentren sowie ein wirtschaftliches, geistliches und politisches Zentrum. Sie wurde in den verschiedene russisch-türkischen Kriegen umkämpft und schliesslich 1877 von den Russen eingenommen und zerstört. Heute erinnern nur noch Reste der Shismanov- Festung, die Dnau09-366Ruine einer byzantinischen Kirche und auf einer Anhöhe östlich der Stadt ein Denkmal zu Ehren Zar Alexanders II als Befreier an diese wichtige Vergangenheit. Aber auch hier findet sich nirgends ein Hinweis, wie man zu dieser Festung gelangt, die doch in den Eco-Tourismus-Prospekten als besondere Sehenswürdigkeit aufgeführt ist. Auf kurviger Strasse erreiche ich wieder die gut 150 m höher liegende Ebene und dann in leichtem auf und ab durch riesige abgeerntete Sonnenblumenfelder und wenig gepflegte Reben und Obstbäume weiter. Mit einer langen Abfahrt von 230 m.ü.M. gelange ich in Bjala Voda wieder in die hier breite Donau-Ebene auf rund 20 Metern Meereshöhe hinab. In Dekov sitzen einige Männer am Strassenrand bei einem Bier. Ich erkundige mich bei ihnen nach der Adresse der Kooperative Utro, welche von der Caritas Schweiz unterstützt wird. Zu meinem Erstaunen kenne sie sogar deren Leiter Pavel
Arrabitchev, den mir mein Kollege Sepp Blum als Kontaktperson angegeben hat. Auf einem handgezeichneten Ortsplan können sie mir auch den Standort des Betriebes angeben, aber jetzt um 17 Uhr sei schon niemand mehr erreichbar. Ich fahre also zuerst einmal nach Belene hinein. Von aussen ein Kaff wie jedes andere, aber im Zentrum mit fast parkartiger Fussgängerzone, Cafés, Geschäften und dem modern anmutenden Hotel „Energy“. Vor dem grossen Bürogebäude nebenan auf einer grossen Tafel die Abbildung des künftigen Kernkraftwerkes, dessen Bau aber nach dem Baubeginn 1987 seit 1990 stockt und dessen Fertigstellung seither je nach aktueller Regierung wieder weitergeführt oder endgültig abgebrochen werden soll. Immerhin ereignete sich 1977 im gleichen Gebiet ein mittleres Erdbeben. Nachdem die Suche nach einer einfacheren Unterkunft trotz tatkräftiger Unterstützung durch einen den Feierabend geniessenden Arzt zu keinem Erfolg führt, entscheide ich mich doch für dieses Nobel-Hotel und beziehe eine Suite mit grossem Wohnzimmer, Schlafzimmer und Dusche/WC für 68 Leva (ca. 53 Franken) inkl. Morgenessen. Aber auch im Nobel-Hotel der AKW-Betreiberin fällt die Mischbatterie der Dusche auseinander, was mein Vertrauen in die hiesige Atom- Energie nicht gerade stärkt. Eine telefonische Kontaktaufnahme mit dem Betreiber der PK „Utro“ („Morgen“) ist nicht möglich, es folgt immer eine Ungültig-Meldung. Die Empfangsdame des Hotels kennt jedoch seine Privatadresse gleich in der Nähe. Dort meldet sich aber niemand, und erst beim dritten Anlauf in Begleitung ihrer Tochter, die in Deutschland Archäologie studiert, meldet sich an einem Fenster seine Frau und verspricht uns, ihm bei seiner Heimkehr meine Telefonnummer zu geben. Den Rest des Abends verbringe ich auf der Terrasse des Restaurants Energy in Gesellschaft von zwei Paaren und erlebe in den langen Diskussionen die unterschiedlichen Einstellungen zur jüngeren Entwicklung Osteuropas: für drei von ihnen überwiegen trotz dem zunehmenden Auseinanderdriften der Gesellschaft die Fortschritte der neuen Freiheiten, für den Vierten (einen Russen) war doch die alte Zeit besser. Nach einiger Zeit meldet sich auch Pavel Arrabitchev am Handy und gesellt sich noch zu einem Bier an den Tisch. Leider versteht er aber kaum russisch, so dass wir uns nur mit Hilfe der übrigen etwas verständigen kann. Aber ich verabrede mich für den nächsten Tag zu einer Besichtigung des Betriebes „Utro“ mit ihm.

 

16. September, Mittwoch

Nach dem Morgenessen stehe ich wie abgemacht um halb neun vor dem Hotel, aber der versprochene Lada kommt auch um 9 Uhr noch nicht. So beschliesse ich die Weiterfahrt am gleichen Tag, aber zuerst doch mit einem kurzen Abstecher zu diesem Betrieb. Den Ortsplan vom Vortag habe ich noch knapp im Kopf, und nach einem Zickzack auf unbefestigten Wegen und Dnau09-363bedrohlichen Hunden stehe ich tatsächlich vor einem Gittertor mit der Bezeichnung „PK Utro“. Pavel begrüsst mich, als hätte er schon lange auf mich gewartet. Zu sehen gibt es allerdings nicht besonders viel: Lagerhäuser mit Sonneblumenkernen (Ertrag ca. 300 kg/Are), die gerade mit Schaufeln umgeschichtet werden, Lagerhäuser mit Weizen, eine Ansammlung von Landmaschinen. Einige davon wurden offenbar durch Caritas Schweiz finanziert. Ein Teil der Betriebsfläche werde „ökologisch“ bewirtschaftet, was sich aber bei den Erlösen nicht auswirke. Ich bezweifle, wie lange dieses Eco- Label tatsächlich Bestand haben wird! Da es weiter nichts zu besichtigen gibt, starte ich nach einer Stunde zur Weiterfahrt. Während ich das Velo bereit mache, schneidet Pavel von den Reben noch mindestens 2 kg Trauben ab, von denen ich auf der Weiterfahrt immer wieder esse, bis ich den Rest wegen Beschwerden schliesslich wegwerfen muss. Die Radroute führt am einen Damm entlang, hinter dem an einem kleinen Seitenarm der Donau die grosse Belene- Insel liegt. Bis zum Ende der kommunistischen Ära war hier das grösste Arbeitslager für politische Gefangene. Bis 1962 sollen hier Tausende an Hunger und Schwäche umgekommen sein. Heute existiert in der Nähe von Belene noch ein Gefängnis, doch die mit Wiesen und Auenwäldern bedeckte Insel ist heute vor allem als Naturschutzgebiet mit angeblich 170 Vogelarten bekannt. Über das Besucherzentrum in Belene ist auch ein beschränkter Zutritt möglich. Auf halber Strecke versperrt das etwa 3 km2 grosse AKW-Gelände die direkte Weiterfahrt Hinter dem hohen Zaun fallen vor allem die grossen verlassenen Krane auf; auf den Parkplätzen stehen nur wenige Autos, auf den Bahngleisen einige Güterwagen, die Zeit steht hier offenbar still. In bin froh, endlich wieder auf dem Weg dem Damm entlang ohne diese gespenstische Aussicht weiterfahren zu können. Bei Svishtov erreiche ich den südlichsten Punkt der Donau. Die Stadt ist sehr schön und vor allem auch sehr vital, wahrscheinlich wegen den höheren Schulen inklusive einer Hochschule für Wirtschaft und Finanzen mit sehr vielen jungen Leuten. Besonders schön: der freistehende Uhrturm, die Dreifaltigkeitskirche, die Plastik mit den behütenden Händen, … Jetzt um die Mittagszeit sind Strassen, Fussgängerzone, Restaurants und Parks voller Leute. Ich finde gerade noch einen Platz, um etwas Trinken zu können. Nur wenige Kilometer weiter folgt eine weitere Sehenswürdigkeit. Die Reste des riesigen römischen Legionärslagers Novae aus dem 1. Jh. , das allmählich zu einer Stadt mit Kirchen ausgebaut wurde und bis ins 7. Jh. bewohnt war. Mehrere Info-Tafeln geben Auskunft über die Bedeutung der einzelnen Gebäude. In Novgrad verpasse ich die Abzweigung und lande nach kurzem, steilen Aufstieg auf dem Dorfplatz vor einer grossen Lenin-Statue. Im zweiten. Anlauf finde ich doch noch die Nebenstrasse und komme über eine Brücke in eine völlig andere Landschaft: Keine Hochebene mehr, sondern ein ständiges Auf und Ab. Die Strasse steigt über dem Flüsschen Jantra ständig höher, das sich teilweise fast senkrecht in die Hügellandschaft eingefressen hat. Die schöne Aussicht macht wenigstens das Schwitzen etwas erträglicher, doch immer kommt wieder eine Kurve mit Aussicht auf noch eine Steigung, dann eine kurze Abfahrt und schon wieder die nächste Kuppe. Aber auf der ganzen gut 10 Kilometer langen Strecke bis Cenovo kaum ein Auto. Ab hier beginnt leider starker Lastwagenverkehr, offenbar wird er wegen Bauarbeiten auf der Hauptachse Pleven – Ruse jetzt hier durchgeleitet. So weiche ich auf den langgezogenen Anstiegen jeweils lieber auf das Bankett aus, wenn im Rückspiegel wieder der nächste Lastwagenkonvoi naht. Die Dörfer liegen hier weit auseinander, dafür hat ein Mann neben der Strasse einen kleinen Getränkestand eingereichtet, auf den er mit Getränkebüchsen und Radkappen jeglicher Art aufmerksam macht. Auch er kann nur den Kopf schütteln über so komische Touristen, die das Geld für ein Auto haben, aber statt damit bequem zu reisen sich mit einem Fahrrad abquälen. Die letzten Kilometer für heute kann ich dann wieder ohne geniessen. Mit einer letzten Abfahrt und nochmals 100 Meter Aufstieg, aber in fast parkartiger Landschaft erreiche ich bei Sonnenuntergang das Dorf Dve Mogili und finde hier am Dorfausgang auch ein einfaches Hotel inklusive Nachtessen und gutes Bier. Die heutigen 100 km sind ganz schön in die Beine gegangen, und so freue ich mich auf die kommende kurze Etappe bis Ruse. Allerdings möchte ich dabei auch einen Teil der Lom-Schlucht erkunden, zu dem ich im Internet nur wenig zuverlässige Information gefunden habe. Nach Auskunft meiner Wirtin gibt es dort keinen Weg, in der Karte ist einer eingezeichnet – also einfach mal ausprobieren!

17. September, Donnerstag

Die nächtliche Erholung ist nur teilweise gelungen. So von Mitternacht bis gegen 5 Uhr kläfften 2 Hunde scheinbar unermüdlich. Wahrscheinlich schlafen die dann den ganzen Tag. Während Dnau09-378ich mich im Hof am Tisch noch mit mitgebrachten Knusperstengeln etwas stärke, bringt mir die Wirtin überraschend ein Morgenessen kalten gekochten Peperoni und Schinkensandwich. Das ist ja schon einmal ein guter Start. Die Abzweigung zu den Orlova-Grotten übergehe ich, aber der nächste Wegweiser zur angeblich mittelalterlichen Stadt Cherven weckt meine Neugier trotz der Aussicht, von der Lom-Schlucht eventuell wieder 200 Meter auf der Abfahrtsstrecke hinauf schwitzen zu müssen. Und gelohnt hat es sich auf jeden Fall! Das heutige Dorf Cherven wird erst kurz vorher sichtbar, es liegt auf beiden Seiten des Lom tief im Tal. Schon von weiter her ist aber über einer Flussschlaufe ein Turm sichtbar. Er ist einer der 2 Stadttürme der ehemaligen Stadt aus römischer und byzantinischer Zeit, die praktisch uneinnehmbar auf dieser Felskuppe stand. Die Stadt war bulgarischer Bischofssitz und widerstand sowohl den Mongolen als auch den Truppen aus Byzanz; sie wurde erst Ende des 14. Jh. durch die Türken erobert und zerstört. Vom Parkplatz am Ende einer guten Strasse steige ich auf Treppen hinauf. Neben der fast vollständigen Stadtmauer sind noch Grundmauern von zahlreichen Kirchen aus verschiedenen Jahrhunderten, Bädern, Residenzen und Wohnhäusern erhalten. Zurück auf dem Parkplatz treffe ich auch erstmals wieder Touristen, ein Paar aus Frankreich, die mit dem eigenen Kleinbus einen Monat Bulgarien bereisen. Von ihrem Rundgang her bestätigen sie mir auch, dass mindestens auf den nächsten 2 Kilometern ein Weg verläuft, der auch befahrbar sein sollte. Während der nächsten Stunde fahre ich auf Wegspuren, die sich immer mal wieder in den einzelnen Wiesenabschnitten fast verlieren durch ein wunderbares Tälchen zwischen zerklüfteten Felswänden dem Flüsschen entlang. Zum Glück hat es lange nicht geregnet, denn sonst wäre wohl alles nur Morast. Bei Koshov werden die natürlichen Höhlen auch noch als Viehställe und Scheunen genutzt, und einzelne scheinen sogar noch gelegentlich als Unterkünfte zu dienen. Ab hier scheint ein Weiterkommen aber wirklich unmöglich. Nach widersprüchlichen Antworten von Dorfbewohnern muss ich einen eigenen Versuch in einer Schafweide schliesslich abbrechen und wohl oder Dnau09-382über die steile Strasse wieder auf die Hauptstrasse hinauf unter die Räder nehmen. Die erneute Abfahrt zum Lom lasse ich mir in Ivanovo jedoch nicht nehmen, denn hier sollen die schönen Felsenklöster sein. Das Info-Zentrum ist geschlossen, die einst gut ausgebaute Strasse samt Strassenbeleuchtung scheint langsam zu zerfallen. Ein einziges Auto steht am Ende beim Picknickplatz mit Informationstafel, ein kleiner Wegweiser zeigt zu einer Treppe, und etwa 50 Meter höher ist im Fels ein Stück Holzfassade mit einem Fenster zu sehen. In den natürlichen Felshöhlen des der Karstfelsen errichteten Mönche und Einsiedler im 12. bis 15. Jh. insgesamt über 40 verschiedene Sakralräume und Einsiedeleien, die bis Ende des 17. Jh. bewohnt wurden. Die meisten können aber nicht besucht werden; momentan ist diese „Kirche der Heiligen Gottesmutter“ als einzige zugänglich. Ein Führer erklärt vier jungen Bulgaren gerade die noch sehr frisch wirkenden farbenprächtigen Fresken an Decken und Wänden. Sie zeigen teilweise auch eine interessante Perspektive. Nach Information des Führers kommen nur wenige Touristen hierher. Er bestätigt auch meinen ersten Eindruck bei der Ankunft: verschiedene neuere Einrichtungen und Info-Tafeln seien auch schon wieder mutwillig beschädigt oder gar zerstört worden. „Die Leute leben immer noch im Geiste des Kommunismus und haben kein Verantwortungsbewusstsein!“ Von diesem Kloster führt ein Fussweg zu einem Felssporn, der einen weiten Ausblick über dieses wilde Tal gibt. Ein Weg von Koshov durch das Tal hierher existiere übrigens, aber er ist auch von hier aus in den dichten Bäumen nicht auszumachen. Ich fülle an der Handpumpe meine Flasche wieder mit kühlem Wasser fahre wieder die 150 Meter zur Hauptstrasse hoch. Obwohl es schon spät ist, besuche ich bei Basarbovo das 1,5 km ausserhalb liegende St. Dimitar Felsenkloster. Es stammt aus dem 15. Jh. und wurde auch in der 1. Hälfte des 20. Jh. noch ausgebaut. Heute ist es ein Wallfahrtsort mit einem kleine Park am Fusse der Felsen. Über einen kurzen Abschnitt der Schnellstrasse erreiche ich schliesslich Ruse. Da Wegweiser fehlen, folge ich einem einheimischen Radfahrer und finde so die Strasse zum Bahnhof und von dort aus der grössten Strasse folgend auch das Zentrum mit dem riesigen Freiheitsplatz. Ein modernes Stadthaus, Brunnen mit wechselnder Farbbeleuchtung, viele Bäume, eine „antike“ Freiheitsstatue auf einer Säule, auf einer Seite des Platzes ein moderner Geschäftskomplex („Donau Handels Zentrum“), auf der andern Seite eher klassizistische Bauten mit Hotels und Restaurants. Nach der Befreiung von der türkischen Herrschaft wurden gegen Ende des 19. Jh. viele Häuser und öffentliche Gebäude gebaut, die in der Architektur dem Stil der österreichisch-ungarischen Hauptstadt Wien ähnelten. Ich erkundige mich bei 2 Männern nach einem guten und nicht zu teuren Hotel. Sie verweisen mich auf das „Danjub Plaza“ gleich in meinem Rücken und wollen aber vor allem alles über mein woher und wohin wissen. Obwohl der eine selbst ein Fahrrad bei sich hat, ist es für die Männer kaum verständlich, weshalb ein Schweizer ausgerechnet in diesem Gebiet mit dem Velo reist. Noch kurioser erscheint es ihnen, dass so einer auch noch russisch spricht. Immerhin ermöglicht uns dies eine längere Unterhaltung, so dass ich schliesslich erst bei völliger Dunkelheit das Hotel aufsuche. Nach ausgedehntem Rundgang durch die belebten Strassen der Umgebung mit Glacé- und Imbissständen, Cafés und vielen Läden sowie die parkartige Donaupromenade mit Schnellimbissen und Ständen ruhe ich mich schliesslich im „Tschiflika“ aus. Dieses Restaurant in traditionell bulgarischen Stil hat ein reiches Angebot von Spezialitäten, leider ist aber die dargebotene Live-Musik schmalzig und sehr laut. Im Hotelgarten des Danjub Plaza hätte ich ebenfalls gut und bulgarisch essen können ohne Musik-Kitsch.

18. September, Freitag

Bereits am Abend hat es zu regnen begonnen, und heute Morgen nieselt es und ist kühl. Wie an den meisten Orten beginne ich auch hier nochmals mit einer Stadtrundfahrt auf zwei Rädern. Es gibt immer noch eine interessante Strasse oder einen schönen Park zu entdecken. Zum Verlassen der Stadt benutze ich die Fussgängerzone der Aleksandrovska- Strasse und anschliessend den ausgedehnten Jugendpark mit Alleen und Statuen. So muss ich erst nach 3 Kilometer auf die vierspurige Strasse durch die Industrie- Vororte einmünden. Der Gestank von Industrie und Lastwagen ist penetrant und auf Dauer kaum auszuhalten. Zum Glück nimmt der Verkehr ab der Abzweigung zur „Freundschaftsbrücke“ (Übergang nach Rumänien) und nach den grossen Industriearealen vor Marten aber doch deutlich ab. Statt nun Kilometer um Kilometer auf der geraden Hauptstrasse abzuspulen, möchte ich die in der Karte eigentlich als Hauptroute bezeichnete Variante entlang der Donau wählen. Sie ist zwar als schlecht befahrbare Strecke eingetragen, aber nachdem sich die Wegqualität vor Ort auf meinen bisherigen Etappen häufig besser als gemäss Karte erwiesen hat und ich in Kirgistan selbst Bachbette befahren habe, sollte dies für mein „Aarios“ ja kaum ein Problem sein. In Sandrovo besorge ich mir noch den Tagesproviant und komme auf einer kleinen Strasse zum Uferwald der Donau. Eine grosse Tafel wirbt für eine Ferienhaussiedlung, die hier 35 identischen Häuschen um einen künstlichen See herum entstehen soll. Bei einem alten Ferienheim ist es mit der guten Strasse zu Ende. Zielstrebig biege ich auf den Waldweg ein, der hier der Donau zu folgen scheint. Arbeiter, die an einer Zufahrt zu einem Haus in den Bäumen arbeiten, blicken kurz verwundert auf, als ich zwischen den tiefen Fahrspuren vorbei fahre. 100 Meter weiter gibt es aber kein Durchkommen mehr. Büsche und kleine Bäume lassen den Weg nur noch erahnen. In meinem Glauben an die Radweg-Karte lasse ich das Velo stehen und erkundige zu Fuss die Fortsetzung. Aber es kündet sich keine Besserung an, und zudem habe ich innert kurzer Zeit Dutzende von Mückenstichen. Also nochmals zum Waldeingang zurück und ein neuer Versuch auf einer andern Waldschneise, aber auch hier mit dem gleichen Resultat. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zurück nach Sandrovo und zu fahren und die Reise mit neben dem Autoverkehr fortzusetzen. Dnau09-394Aber der Verkehr ist nicht mehr dicht, die Strasse recht gut, und der leichte Rückenwind macht diese geraden Strecken auch etwas erträglicher. Ich will nur möglichst schnell diesen Abschnitt hinter mich bringen, auf dem die Baustellen die grösste Abwechslung darstellen. In Tutrakan wird es endlich wieder etwas interessanter. Auf einer steilen Seitenstrasse komme ich in die „Unterstadt“, wo sich als angeblich einzigem Ort in Bulgarien noch ganze Gruppen der alten Fischerhäuser erhalten konnten. Tutrakan war früher eines der bedeutendsten Fischfangzentren an der unteren Donau. Einige der Häuser wirken mit ihren schiefen Fassaden und den alten Ziegeldächern wie aus einer anderen Zeit, aber das Gewirr von Elektrodrähten zu jedem Haus zeigt, dass sie alle noch bewohnt sind. Sehr schön ist auch der kleine Platz an der Hauptstrasse mit dem blauen ehemaligen Gouverneurshaus und einer kleinen Statue von General Panteley Kiselov („Befreier der Dobrudscha“), der 1913 die Stadt von der rumänischen Besetzung befreite. Es ist erst 15 Uhr; ich muss entscheiden, ob ich nach 68 km an diesem schönen Ort übernachten soll oder gleich bis in das rund 60 km entfernte Silistra weiter fahren soll. Dabei will ich ja wieder nicht die Hauptsrasse benutzen, sondern die Donau-Variante, welche gemäss Karte wieder „schlechte“ Abschnitte aufweisen soll. In Berichten im Internet wird die Strecke zwischen Preslavec und Garvan gar als unpassierbar geschildert. Die Erfahrung vom Morgen schreckt mich dennoch nicht ab, die Neugier ist stärker. Also los, und zuerst einmal gerade steil hinauf bis ich wieder die grosse Umfahrungsstrasse erreiche. Nochmals kurz zögern bei der Abzweigung nach Pozharevo, aber die Aussicht auf schon wieder stundenlange Hautstrassen macht mir den Entscheid einfach. Zudem bin ich in Tutrakan zum aller ersten Mal in Bulgarien auch noch auf einen Radwegweiser gestossen, und auch hier sind nun beide Varianten sehr gut signalisiert, das muss ja gut gehen. Und die Strasse ist entgegen der Kartensignatur sogar sehr gut, nur dass es halt gleich steil hinunter, aber auch wieder steil hinauf geht. Radwegweiser hat es nun ständig wieder, auch ohne Abzweigungen und wenn es sie gar nicht bräuchte. Offenbar wollen die Verantwortlichen hier etwas gut machen! Ab einem schönen Aussichtspunkt auf die Donau nach Dunavec ist es dann aber vorbei. Nicht nur mit dem Belag, sondern auch mit Wegweisern. Der Weg besteht aus einem hohen Mittelstreifen und zwei oft tiefen Fahrspuren, auf denen mir die Äste entgegenschlagen. In einzelnen Abschnitten bestehen die Spuren aus einem groben Steinbett, so dass es mich fast aus dem Sattel rüttelt, dann folgen wieder Wasserlöcher. Ich geniesse dazwischen die wenigen sandigen Abschnitte, wenn sie wenigstens festgefahren sind und die Räder nicht gerade wegrutschen. Für einen Biker sicher ein Genuss, aber für mein Aarios mit Gepäck doch auch recht anstrengend. Und immer mal wieder eine Verzweigung, aber natürlich weit und breit kein Wegweiser. Meine bisherige Erfahrung, dass im Zweifelsfalle immer der obere Weg der richtigere sei, erweist sich hier als 50% falsch, und so erlebe ich einige Abschnitte auf Hin- und Rückwegen. Und doch- eine landschaftlich wunderbare Strecke in völliger Einsamkeit. Mitten drin kriecht zudem plötzlich eine grosse Schildkröte vor mir über den Weg, und das entschädigt doch schon für einiges. Aber langsam wird die Zeit knapp! Sobald ich wieder am Preslav Teich die ersten Häuser und eine gute Strasse erreiche, hat es auch schon wieder Wegweiser. In Mal?k Preslavec geht es mit Hundegebell und wildem Gänsegeschnatter auf einer zerfallenen Pflastersteinstrasse steil hinauf bis zu einem letzten Bauernhof. Ein Wegweiser weist irgendwo neben die Gebäude, und dann beginnt wieder das Ratespiel auf offenem Feld. Ich habe offenbar auf Grund der Himmelsrichtung diesmal richtig gewählt, denn nach zwei Kilometern Erdweg taucht im nächsten Tal wieder ein Dorf auf. Unterwegs in der hier endlos scheinenden Weite nur ein Hirte mit drei Hunden; seine Kuhherde frisst auf den abgeernteten Äckern noch das Unkraut ab. Ich bin einmal mehr froh, dass der Herbst so trocken ist; nach einem rechten Regen wären diese Wegabschnitte wohl nur glitschiger Morast und auf 2 Rädern kaum befahrbar. Ab Garvan erhole ich mich wieder auf einer besseren Strasse, zwar auch wieder mit rechter Steigung vor der verdienten Abfahrt, aber dafür folgt hinter Popina nochmals eine geballte Ladung aller bisherigen Hindernisse: dichter Wald, Verzweigungen ohne Wegweiser, steile Abfahrten, Sumpflöcher, grober Schotter, steil hinauf ……. und wie zum Hohn auf der endlich erreichten Strasse in Sichtweite des Dorfes der vermisste Hinweis: „Vertren 1,7 km“ . Wenn die Wegweiser schon dort sind, wo man sie nicht nötig hätte, so liefern sie wenigstens genaue Distanzangaben. Bis zu welchem Haus wird da wohl jeweils gemessen?? Es dämmert schon stark, aber ich will vor der Dunkelheit noch Sreb?rna erreichen und eventuell dort statt in Silistra übernachten. Eine Hotel sollte gemäss Karte dort zu finden sein, aber bis zum Dorfzentrum kann ich nirgends einen Bancomat entdecken, und ich habe nur noch 7 Leva. Also muss ich wohl oder übel doch noch bis Silistra durchziehen, und das auf einer Hauptstrasse! Ich montiere Vorder- und Rücklicht
und nehme dazu eine zweite Lampe in die Hand. Noch gut 15 km, das sollte ja keine Sache sein. Aber es beginnt schon wieder mit Hindernissen: die Strasse bis zum Dorfausgang ist gesperrt, „ remont „ (Baustelle)., und da es hier offenbar nur Ortskundige die Strasse benutzen, ist auch keine Umleitung signalisiert. Ich fahre mit meiner kleinen Lampe auf der dunklen Strasse zwischen Erdhaufen und Vorgärten, bis ich merke, dass neben mir ein Graben verläuft. Offenbar wird auch die Kanalisation erstellt. Und tatsächlich folgt jetzt ein Quergraben nach dem andern, immer nur mit einem schmalen Brett für die Fussgänger überbrückt. Das Fahrrad hat nicht gleichzeitig Platz, und so balanciere ich zuerst einmal über ein gutes Dutzend wacklige Bretter, bis ich endlich die Hauptrasse erreiche. Die Hauptstrasse hat zum Glück keine Schlaglöcher, und der Verkehr ist Dnau09-399nur noch schwach. Wenn sich ein Lastwagen nähert, mache ich immer mit der Handlampe winkend auf mich aufmerksam. Die Strasse scheint endlos. Gemäss meinem Kilometerzähler sollten jetzt Aydemir und dann Silistra auftauchen, aber statt dem bleibt meine Strasse auf der Höhe und will kein Ende nehmen. Komme ich an eine Kreuzung mit einem Wegweiser nach links: „Silistra 6 km“. Offenbar bin ich auf eine in meiner Karte noch nicht existierende neue Umfahrungsstrasse geraten und habe in der Dunkelheit die Abzweigung auf die alte Strasse als direkten Weg verpasst. Es scheint, dass mir heute nichts erspart werden soll! Nach nochmaligem Werweissen an einer nächsten Verzweigung erreiche ich um 21 Uhr doch endlich das moderne Zentrum von Silistra mit Wellness-Hotels und Nobelrestaurants. Nicht gerade, was ich gesucht habe, und zudem könne mir auch Einheimische in diesem Stadtteil keinen Bankautomaten zeigen. Immerhin erhalte ich einen guten Tip für ein eher passendes Hotel im unteren Stadtbereich in einem Wohnquartier. Auch hier ist der Bancomat zwar seit 20 Uhr geschlossen, aber das Nachtessen kann ich morgen mit dem Hotelzimmer zusammen bezahlen, und für Getränke reicht mein Geld gerade noch. Und nach diesem langen Tag mit 155 km jeglicher Art und 9,5 Stunden Fahrzeit habe ich sicher die zwei grossen Bier verdient!

19. September, Samstag

Zuerst natürlich wieder Leva beziehen, und dann nach dem Morgenessen die kleine Stadtbesichtigung. An der Donau ist offenbar jeder grössere Ort römischen Ursprungs, und so begegne ich auch hier unmittelbar neben einem modernen Einkaufszentrum und dem Stadtpark Stadtmauern und Befestigungen aus dieser Zeit. Aus der jüngeren Vergangenheit ist eine schöne Dnau09-401Moschee mit einem schlanken Minarett in albanischem Stil erhalten. Leider ist sie dringend restaurationsbedürftig und deshalb geschlossen. Durch das Fenster kann man die Innenausschmückung auf Grund der wenigen Reste nur noch erahnen. Heute wäre in Silistra am Abend ein grosses Fest mit viel Musik, aber mein Wunsch nach Erkundung des Donaudeltas ist inzwischen stärker, und so beschliesse ich, vorläufig noch keinen Ruhetag einzuschalten. Der Grenzübergang nach Rumänien am Stadtrand wirkt recht verlassen. Nur im bulgarischen Häuschen sitzt ein junger Beamter, der mir immerhin auf meinen Wunsch sowohl den bulgarischen als auch den rumänischen Stempel in den Pass macht. Seit beide Dnau09-402Länder in der EU sind, scheinen diese Grenzposten recht überflüssig zu sein. Ein rostiger Zaun steht zwar noch, aber allmählich scheint er zu verfallen. Die rumänische Seite unterscheidet sich vorerst vor allem in der Strassenqualität von Bulgarien: statt Asphalt oder Beton weist diese Hauptstrasse vorerst noch durchgehend die alte Pflästerung mit Buckeln und Mulden auf, was das Fahren sogar in der Ebene mühsamer macht. Beidseits der Strasse sind grosse Rebanlagen, und am Strassenrand tauchen immer wieder kleine Stände auf, wo Frauen, Männer oder Kinder die frischen Trauben direkt ab Feld verkaufen. Neben den vielen Dacia (die rumänische Lizenzausgabe der franz. Renault, vor allem R16) sind sehr viele Pferde- und Eselwägelchen unterwegs. Ab Ostrov mit weitem Blick über die 80 Meter tiefer liegende Donau-Ebene geht es zwischen Donau und dem flachen Bugeac- See hindurch wieder steil hinauf zum von weit her sichtbaren Kloster Dervent. Das dem Apostel Andreas geweihte Kloster stammt ursprünglich aus dem 9. Jh. und wurde an der Stelle erbaut, wo der Apostel mit seinem Stab eine Quelle entspringen liess, nachdem er vom Predigen durstig geworden war. Das erste Kloster wurde 1036 von den Petschenegen zerstört Das heutige Kloster wurde erst in den neunziger Jahren nach langem Unterbruch wieder in Betrieb genommen und hat als Wallfahrtsort grossen Zulauf. Vor dem Eingang mit den geschnitzten mächtigen Holztoren muss ich mich zuerst der bettelnden Frauen und Kinder entledigen. Im kleinen Park drinnen befinden sich neben der typischen Kirche mit zwei Türmen und verzinkten Blechdächern ein grosses Gästehaus und ein Laden mit religiösen Souvenirs, von geschnitzten Kreuzchen über Ikonen-Täfelchen bis zu DVD’s und Heiligenstatuen. Die Besucher und Besucherinnen holen sich in der kleinen Kapelle bei einem Priester kleine Zettelchen für ihre Gebetswünsche und Dnau09-504geben diese in der Kirche einem anderen Priester, bevor sie die zuvor gekauften Kerzen anzünden. Für die Verstorbenen kommen die Kerzen in ein Becken unmittelbar über dem Boden, für die Lebenden in ein solches auf Brusthöhe. Ich genehmige mir im Garten hinter der Kirche zwischen alten Steinfiguren ein kleines Picknick und nehme dann den Rest des steilen Aufstiegs unter die Räder. Es ist kühl, windig und manchmal kommen einige Regenspritzer, aber trotzdem komme ich recht schnell wieder ins Schwitzen. Die nächsten 40 km verläuft die Strasse über leicht gewellte Ebenen mit ausgedehnten Feldern und kürzeren Abschnitten mit lockerem Wald, immer so 100 bis 180 m.ü.M, dazwischen kurvige Abschnitte durch kleine Tälchen um die 15 bis 50 m.ü.M. In den wenigen Dörfern weist meist nur gerade die Hauptsrasse einen verlöcherten Hartbelag auf, die Seitenstrassen sind unbefestigt. Auf den Strassen Esel- und Pferdekarren, klapprige Autos, Hunde, Gänse, Enten. Auffallendste Schmuckstücke der Dörfer sind die renovierten oder neu erstellten Kirchen mit ihren glänzenden Blechdächern. Zudem begrüsst jedes Dorf den Ankömmling auf grossen Tafeln mit „Bine a?i venit“ (Herzlich willkommen) , dem Dorfnamen und dem Zusatz „Comuna Europeana“; dasselbe wiederholt sich am Dorfausgang mit „Drum bun“ (gute Reise). Auf weiten Strecken sind die Strassen beidseitig mit Nussbäumen gesäumt. Überall sind ganze Familien unterwegs, die mit langen Stecken die Nüsse herunter schlagen und riesige Säcke für den Wintervorrat füllen. Sicher für die Bevölkerung ein höchst willkommener Nutzen dieser Alleen! Der Weinbau hat hier offensichtlich auch eine längere Tradition. Auffallend sind die stark terrassierten Hänge mit allerdings vielfach verwilderten Rebanlagen. Daneben säumen die Strasse aber immer wieder riesige eingezäunte flache Rebflächen. Bei den meisten handelt es sich um mit EU-Mitteln finanzierte Neuanlagen. Es mutet doch etwas seltsam an, wenn man diese grossen Investitionen sieht und sich gleichzeitig erinnert, dass in Frankreich grosse Rebflächen wegen Überproduktion umgegraben und stillgelegt werden. In der Landwirtschaft scheint das gleiche wie in der Industrie zu passieren: im Westen Anlagen schliessen und Arbeitsplätze abzubauen, im neuen Osten beides neu aufbauen; im Westen die Arbeitslosigkeit steigern, im Osten reduzieren, und wenn es dann hier auch teurer wird, wird die ganze Produktion ins nächste Land verlagert…. In B?neasa kaufe ich saftige Birnen und eine Flasche Orangensaft. Beides kann ich sehr gut im durch meinen Reservereifen auf der Saccoche gebildeten Korb verstauen. Ab Ion Corvin geht die Hauptstrasse weiter direkt nach Constanta am Schwarzen Meer (ca. 100 km) , aber ich will weiter der Donau bis ins Delta folgen. ist es aber wieder einmal Zeit für einen Kaffee. Die wackligen Stühle vor dem kleinen Restaurant am Strassenrand sehen zwar nicht gerade einladend aus, und drinnen ist es sehr laut: Eine Gruppe Roma an einem Tisch, junge offenbar angetrunkene Männer, Frauen, Kinder, an einem Tisch in einer anderen Ecke ein offensichtlich betrunkener Alter. Die Roma- Männer können sich offenbar nur schreiend unterhalten. Die Wirtin bereitet mir einen türkischen Kaffee. Sie scheint die Situation erstaunlich im Griff zu haben; das sei hier immer so. Ich ziehe es vor, Dnau09-513meinen Kaffee draussen zu trinken, wo ich auch das Fahrrad unter Kontrolle habe. Die mit Kleinkindern bettelnden Frauen versuche ich möglichst gar nicht zu beachten: So lange die Männer drinnen ständig wieder ein Bier holen, ist ja wohl noch Geld vorhanden … Möglichst schnell weiter! Am Dorfausgang Richtung Aliman fallen mir über der Strasse die kleinen farbigen Hütten auf, offenbar von Roma. Ich halte kurz nach den letzten Hütten für einen Schnappschuss an. Während dem Photographieren merke ich, wie bei einer der Hütte ein kleines Mädchen aufspringt und schon die Strasse herauf eilt. Möglichst schnell weg, sonst habe ich wieder eine Bettelei vor mir. Wegen der Steigung bin ich aber zu wenig schnell, und schwups hat die Kleine die Granini-Flasche von meiner Saccoche gerissen und spurtet wieder zurück; alles andere ist angebunden, sonst wäre ihre Beute sicher noch grösser geworden. Ion Corvin wird so zum ersten Lehrstück im Umgang mit Leuten unterwegs. Bei Aliman wechselt der Alleen-Bestand vorübergehend von Nussbäumen zu Pappeln, die aber als Bauholz und Brennmaterial wahrscheinlich auch schon wild abgeholzt werden. Von dem in der Karte eingezeichneten grossen See ist fast nur noch ein Schilfmeer sichtbar, wohl auch eine Folge des trockenen Sommers und Herbst. Landschaftlich ist die Strecke aber sehr schön. Nach Dnau09-511nochmals drei steilen Aufstiegen (die zugehörigen Abfahrten machen eben weniger Eindruck!) taucht im Tal der Donau-Schwarzmeer-Kanal auf. Der 64 km lange Kanal wurde ab 1949 mit Tausenden von Zwangsarbeitern begonnen und nach längerem Unterbruch erst 1984 fertiggestellt. Er verkürzt den Weg ans Schwarze Meer um ca. 250 km. Trotz der offenbar grossen Bedeutung ist im Moment auch hier kein Schiff zu entdecken. Bedrohlich wirkt im Hintergrund aber der monumentale Komplex des einzigen rumänischen Kernkraftwerkes. Eine neuere Hochbrücke („Heilige Maria – Brücke“!) führt über den Kanal in die an einem Hang liegende Stadt Cernavoda. Das Zentrum und mögliche Unterkünfte finde ich auch hier erst wieder nach mehrmaligem Nachfragen. Im offenbar recht neue Hotel Daria am nördlichen Stadtrand unweit der Donau finde ich ein gutes Zimmer für 104 Leu (ca. 38 Franken) und in einem traditionellen Restaurant in der Nähe für 42 Leu (inkl. Wein) zudem ein feines Nachtessen. Nur schade, dass auch hier nachts immer irgendwo einige Hunde bellen müssen.

20. September, Sonntag

Der Tag beginnt auch hier mit der Besichtigung der Umgebung. Das Gelände um die moderne Hafenverwaltung wirkt wie so vieles hier total verlottert, aber es gibt von hier schöne Aussicht auf die Donau und die beiden gewaltigen Brücken weiter flussaufwärts: die erst vor kurzem fertig gestellte Betonbrücke der Autobahn Bukarest – Constanta und daneben die kunstvolle Eisenkonstruktion der Eisenbahnbrücke von 1895 des franz. Ingenieurs Saligny. Ein weitere Besuch gilt der orthodoxen Constantin und Elena- Kirche, in direkter Nachbarschaft zur römisch-katholischen Kirche. Vor dem geschnitzten Tor suche ich einen Platz, um mein Velo mit Gepäck abstellen zu können, aber da kommt auch schon eine ältere Frau lächelnd auf mich zu: ich solle mir keine Sorgen machen, sie schaue schon, dass nichts weg komme. Drinnen stehen dichtgedrängt die Gottesdienstbesucher, mehrheitlich Frauen, in mit Wandmalereien und Ikonen reich geschmückten Raum. Während der mit viel Litanei ist auch ein ständiges Kommen und Gehen, unablässiges Bekreuzigen, Küssen der Ikonen, Entzünden von Kerzen, Abliefern von Gebetszettelchen … . Nach zehn Minuten ziehe ich die kühle Morgenluft den Weihrauchwolken vor und suche eine Kaffee- und Einkaufsmöglichkeit. Auf dem Marktplatz bereiten die Bauern aus der Umgebung erst ihre Stände vor, während an den Fischständen schon Hochbetrieb herrscht. Brot finde ich noch nirgends, aber etwas weiter weg gibt es in kleinen Läden frisches feines Süssgebäck, und auf einer Bank vor dem Zentral-Park mit Heldendenkmal und Haubitzen stärke ich mich so für die nächste Etappe. Eine eigentliche Hauptstrasse ist nirgends ersichtlich, und so finde ich den Weg aus Cernavod? wiederum nur mit Nachfragen. Steil aufwärts, und dann fühle ich mich schon wieder in tiefster Provinz. Die Friedhöfe liegen in den Donauländern fast immer abseits der Dörfer (eventuell ein Überbleibsel der langen türkischen Herrschaft?). Derjenige vor Seimeni mit seiner wunderbaren Aussicht über die Donau lädt geradezu zum Verweilen ein, für mich zwar lieber zeitlich begrenzt. Statt gemäss Karte in den Ort hinab zu stechen ziehe ich die auf der Höhe verlaufende Strasse vor, auch wenn sie in der Karte fehlt. Es wird wohl auch so noch genügend zu schwitzen geben! Auf den Wegweisern ist aber nun nur immer wieder Nicolae angegeben, und dahin will ich keineswegs. Die erwartete Abzweigung nach Dun?rea scheint nirgends zu kommen. Auf einem Weinfeld neben der Strasse sehe ich eine Gruppe bei der Traubenernte, also mal wieder fragen, bevor ich zu weit bin. Ich stelle das Velo an den Strassenrand und stapfe durch das Feld. Eine Frau springt mir auf mein Rufen schon entgegen. „Ja ja, gut, gut!“ wiederholt sie auf meine Frage immer wieder. Aber damit ist es keineswegs erledigt. Mit dem Zeigfinger klopft sie sich immer wieder in die ausgestreckte offene andere Hand: „Leu, Leu !“ Sie will unbedingt Geld von mir und verfolgt mich
hartnäckig bis zur Strasse zurück. Mein „Nu, nimic“ nützt da gar nichts . Schliesslich nehme ich 3 Lei aus er Tasche und will sie ihr geben, um endlich Ruhe zu haben, aber sie lehnt empört ab: 10 Lei will sie! Ich steige schnell aufs Velo und trete in die Pedale, während sie lamentierend hinterher schreit. Mir wird bewusst, dass es sich bei der Gruppe offenbar auch um Roma handelt, die wohl hier als Taglöhner arbeiten. Wieder etwas gelernt an diesem Tag, und auf der Weiterfahrt achte ich bei jeder Begegnung darauf, ob es sich um rumänische Bauern oder um Roma handelt. Die Bauern unterwegs sind immer freundlich, winken oder rufen im Vorbeifahren und geben auch sehr hilfsbereit Auskunft. Getrübt wird der strahlende Sonntag mit idyllischer Landschaft, meist guter Strasse und wenig Verkehr nur durch den Dnau09-528kräftigen Nordostwind, gegen den ich auch in flachen Strecken mit kaum mehr als 12 km/h ankomme. Erholung bieten einzig die kurzen Abschnitte mit etwas lockerem Wald. Ich nutze deshalb jede Gelegenheit für einen kurzen Halt, in Capidava mit Besichtigung der mächtigen Ruinen einer byzantinischen Festung, in Topalu mit einem Kaffee mit einem russisch sprechenden Rumänen, der mich eindringlich vor Dieben warnt. Seine immer wiederholte Einladung zu einem gemeinsamen Cognac lehne ich angesichts der noch bevorstehenden Strecke ab, bezahle ihm aber gerne sein Glas und erfülle damit sicher auch seinen momentan grössten Wunsch. In Ghind?resti fällt bei der Einfahrt eine mächtige neue Kirche auf, daneben eine kleinere zweite Kirche, wahrscheinlich ein neues Kloster, aber alles ist noch geschlossen. Ich benutze den Garten hinter dem Zaun, um von der Strasse her unbemerkt in Ruhe picknicken zu können. Die wenigen alten Grabsteine tragen alle kyrillische Inschriften und sind auch mit den russisch-
Dnau09-532auf Beute. Langsam tuckert ein Motorschiff flussaufwärts und schiebt zwei mit Kies beladene Kähne vor sich her. Der ideale Platz zur Entspannung nach diesem Tag. Auf dem Rückweg
mache ich einen Umweg über das Zentrum, aber auch hier sehe ich nirgends ein anderes Hotel oder auch nur ein Restaurant. Neben der grossen Kirche mit dem kleinen Park davor fallen nur die vereinzelten Häuser mit den reich verschnörkelten Zinkblechdächern auf: es sind „Paläste“ von arrivierten Roma, die damit ihren Reichtum zur Schau stellen, gemäss Information aus einem diesen Bauten gewidmeten Buch aber oft gar nicht selber darin wohnen. Statt Restaurants gibt es der Hauptstrasse entlang eine Unzahl von kleinen Läden und Imbissbuden, wo sich die Leute vor allem mit Alkohol eindecken. Ich ziehe das Essen in der Pensiune vor und erhalte hier nach der klassisch rumänischen ciorba burta (Kuttelsuppe) ein zähes muschi de vit? (Rindsfilet) mit bestem salat ardet (Paprika- Salat) und kühlem Bier. Das ganze wird abgerundet durch einen Espresso und ein kleines Gläschen Pflaumenschnaps (?uic? mic?), und all das für 35 Lei (12.50 Franken). Das Leben hier ist (für Touristen!) wirklich billig!

 

21. September, Montag

Der Herbst macht sich bemerkbar: morgens um acht Uhr ist es nur 6 – 8 °C, dazu leichter Wind. Ich kann nun die Armlinge und Beinlinge samt Jacke gut überziehen. Zunächst nochmals eine kurze Strecke mit Lastwagenverkehr zurück auf der gestrigen Einfahrt, aber dann geht es wesentlich ruhiger Richtung Tulcea, und nach 10 km zweige ich wieder nach Norden Richtung Donau ab und treffe kaum noch auf ein Auto. Zunächst über Hügel und durch kleine Tälchen, bald aber fast auf Flusshöhe am Fusse der angrenzenden Hochebene entlang rolle ich dem MDnau09-537acin-Arm der Donau entlang. Erfreulicherweise wurden offenbar gerade dieses Jahr lange Strassenabschnitte erneuert, so dass ich meine Aufmerksamkeit nicht ständig überall lauernden Schlaglöchern widmen muss. Und so zwischen 10 und 11 Uhr wird es jeweils auch schon wieder sommerlich war. In Ostrov sieht es unterhalb der Strasse wie nach einem Krieg aus: Von früher sicher hübschen farbigen Häuschen stehen nur noch Mauerreste unter eingebrochenen Dächern in verwilderten Gärten. Aber ein Einheimischer erklärt mir, dass dies die Spuren der letzten grossen Überschwemmungen (2006) sind. Nun würden alle Häuser auf der Flussseite geräumt und die Bewohner auf die höher gelegene Seite des Dorfes umgesiedelt. Allerdings sehe ich nirgends neue Häuser, wahrscheinlich fehlt für diesen Teil der Aktion das Geld (oder es gehört zu den von der EU wegen Korruption gesperrten Krediten?). Die Mittagspause mache ich heute in Traian am Dorfbach zwischen schnatternden Gänse- und Entenschwärmen im Schatten einer grossen Weide. Auf dem Weg zurück zur Arbeit treiben die Bauern ihre Fuhrwerke statt über die Brücke durch den Bach, was den Eseln und Pferden Gelegenheit zum Trinken und ihnen selbst zu einem Schwatz mit den Kollegen gibt. Bei der Weiterfahrt bis Cerna kommt leider der Ausgleich zum gemütlichen Morgen: zwischen den Schlaglöchern finde ich kaum noch die Strasse, und zudem hebe ich auch wieder den Wind gegen mich. Ab Cerna bin ich wieder auf der Hauptstrasse H?r?ova – Gala?i mit deutlich besserer Qualität. Nach einem langgezogenen Aufstieg auf 160 m.ü.M. öffnet sich eine grosse Ebene, die gegen Nordosten durch die bizarren kleine Berge des M?cin- Naturreservates begrenzt wird. Unten treffe ich auf grosse Ziegen- und Schafherden, die von Hirten über die steppenartigen Felder getrieben werden. Nur noch ganz Dnau09-553vereinzelt gibt es hier Reben in durch hohe Zäune geschützten modernen Pflanzungen. In meiner Planung hatte ich auch den in der Karte vermerkten Campingplatz vor Macin als mögliche Übernachtung vorgesehen. Es wäre überhaupt der einzige Campingplatz auf der rumänischen Strecke. Vor Ort erweist er sich aber als verwildertes Areal, auf dem nur einige rostige Einfriedungen und Reste von Hütten dank einer verblichenen Inschrift deren früheren Zweck erahnen lassen. Und von den zwei kleinen Seen in unmittelbarer Nähe ist von einem nur noch ein flacher Sumpf zu sehen. Statt direkt Richtung Tulcea und ins Delta weiter entscheide ich mich in M?cin doch für den Umweg über Gala?i, das bis zum Abend eigentlich noch zu erreichen sein sollte. Bis zur Fährstelle in Sm?rdan verläuft die Strasse wieder dem Nebenarm der Donau entlang, Auenwälder und offen Wasserflächen auf der einen Seite, eine weite fast baumlose Ebene auf der anderen Seite. In Smardan schaffe ich es gerade noch auf eine kleine Fähre mit PW’s, die mich für 1 Lei (36 Rappen!) hinüber nach Br?ila bringt. Im dichten Abendverkehr neben Autos, die mit 100 und mehr Stundenkilometer an mir vorbei rasen bringe ich die 16 km bis zum bereits von weitem sichtbaren Gala?i hinter mich. Erst zuletzt weitet sich die Strasse auf eine 4-spurige richtungsgetrennte Schnellsttrasse auf, aber im eigentlichen Stadtbereich finde Dnau09-621ich mich auch so nur schwer zurecht. Einmal mehr bereue ich bitter, dass ich mir keine Stadtpläne der wichtigeren Orte besorgt habe. Obwohl mir schon hier alles wie ein Zentrum vorkommt, geht es im stockenden Verkehr immer noch weiter. Ein erster Versuch für ein Hotelzimmer scheitert: vor dem grossen Hotelkosten im russischen Intourist-Stil kommt mir ein Wärter entgegen: geschlossen, kein Hotel mehr (dafür irgendwelche zwielichtig wirkende Büros), aber „ im Zentrum“ würde ich gute Hotels finden. Also einfach wieder in den Verkehr, bis ich schliesslich bei einbrechender Dunkelheit um 19 Uhr das Hotel „Galati“ finde. Zwar mit 205 Lei für Rumänien schon teuer, aber das Zimmer im 5. Stock mit Balkon ist ruhig und bietet Ausblick über die Donau Richtung Delta. Das Velo kann ich in der Eingangshalle unter der Treppe abstellen. In einem ersten Rundgang erforsche ich die nahe Altstadt mit Universität, griechischer Kirche, Theater und anschliessend die Uferpromenade, wo ich auf der vergeblichen Suche nach einem nicht ganz leeren Restaurant in einem belebten Pub mit einer Live-Band lande und mir zur Musik eines rumänisch-italienischem Cantautore wieder einmal eine Pizza genehmige.

22. September, Dienstag

Was mir gestern im Schein der Strassenbeleuchtung bereits einen interessanten Eindruck gemacht hat will mich heute Morgen nochmals bei Tageslicht besichtigen. Eine Säule mit dem Wolf Dnau09-561und den beiden kleinen Romulus und Remus darunter bezeugt die von den Rumänen so eifrig beschworene Verwandtschaft mit den Römern, mit welcher sie sich von den umliegenden slawischen Völkern abheben wollen. Viele Gebäude in diesem Stadtteil stammen aus dem frühen 19. Jh. und zeigen noch den Reichtum der damaligen Herrschaften. Die Stadt war bis zur Eröffnung des Donau-Schwarzmeer-Kanals wichtigster Umschlagplatz an der Donau und ist heute noch Sitz der .beiden Verwaltungen für die Schiffahrt der unteren (mit Meerschiffen befahrbaren) und der oberen Donau. Als Frontstadt wurde sie während der russisch-türkischen Kriege wiederholt stark beschädigt, entwickelte sich aber im Laufe des 20. Jh. auch zu einer bedeutenden Industriestadt. Das bei der Anfahrt von weitem mit rauchenden Kaminen auffallende Industrieareal westlich der Stadt gab mir bereits am Vortag einen eher sowohl optisch als auch sensorisch eher unangenehmen Eindruck davon. Von 100‘000 Einwohnern um 1930 hat sich die Bevölkerung bis jetzt mehr als verdreifacht, während die Zahl der damals noch starken Minderheiten von Russen, Ungarn, Griechen und Deutschen um 90 % abgenommen hat. An die damals grosse griechische Bevölkerung erinnert heute noch die grosse griechisch-orthodoxe Kirche. Der mit einem Fünftel grösste Bevölkerungsanteil der Juden von damals ist mittlerweile fast ganz verschwunden. An die jüngere Geschichte erinnert das Denkmal zur Revolution von 1989, die sich ja im Nachhinein eher als inszenierter Staatsstreich herausstellte.. Eines der eindrücklichsten Baudenkmäler ist das Gebäude der Schiffahrtsverwaltung, wo Dnau09-563nebeneinander klassisch-rumänischer Baustil mit verziertem Zinkblechdach, kommunistisch-monumentaler Betonbau der 70-er Jahre und die Moderne mit Glas und Stahl zu sehen sind. Und in der schönen Uferpromenade, die ich auf dem Weg zur Fähre benutze, überraschen immer wieder andere abstruse Plastiken und Monumente „moderner“ Kunst in Form von irgendwelchen rostigen Metall- oder bunten Betongebilden. Die Überfahrt auf der Fähre ermöglicht nochmals eine Gesamtansicht auf diese interessante Stadt. Ab Zaclau am Ostufer der seit Braila wieder vereinigten Donau führt die Strasse wieder durch eine fast menschenleere, jetzt im Herbst fast steppenartige Ebene mit vereinzelten Wasserflächen und kleinen Wäldern. Der Verkehr kommt durch die Fähren bedingt nur schubweise. Auf halber Strecke nach Garv?n weist ein Wegweiser nach links zu drei als Kloster bezeichneten neueren Gebäuden. Da es nur 200 Meter sind, will ich mir dies einmal näher anschauen. Auf dem holprigen Weg muss ich einem jungen bärtigen Mann in grauem T-Shirt und mit schwarzer Kopfbedeckung ausweichen, der mit einem alten Traktor hier Erde transportiert. Auf dem Platz vor der kleinen Kirche stehen ein klappriger Kombi. Als ich das Velo abgestellt habe, steigt aus einem eben angefahrenen Dacia ein junger Priester und begrüsst mich auf Englisch. Es ist Vater Justin Pricop aus Galati, der Abt dieses erst im Jahre 2000 begonnenen Klosters Dinogetia mit 6 Mönchen, die nun alle am Bau mitarbeiten und im Moment draussen pickeln und schaufeln. Als provisorisches Geläute sind an einem kleinen Holzgestell vorläufig zwei alte Schiffsglocken aufgehängt. Die Kirche ist erst provisorisch, aber die fertige Glocke für den Turm steht im Gras schon bereit. Finanziert wird das ganze Kloster aus Spenden, was mir in diesem armen Land erstaunlich und fast schon etwas absurd erscheint. Aber die Kirche hat hier offensichtlich eine gewaltige Renaissance. Dies zeigen einerseits die vielen neuen Kirchen und Klöster, aber auch die grosse Anzahl von jungen Priestern, Mönchen und Nonnen. Nach der kommunistischen Periode besteht nun ein riesiges Nachholbedürfnis. Vater Justin zeigt sich sehr erfreut über Besuch aus der Schweiz. Er hatte beim Studium in Bukarest auch einen reformierten Schweizer Pfarrer als Lehrer weilte auch schon im Tessin in den Ferien. Ich frage ihn, weshalb ich in diesem Gebiet Rumäniens kaum mehr auf Roma Dnau09-570gestossen sei: „ Die Dobrudscha ist viel zu hart für Roma, hier überlebt man nur mit Arbeiten“. Zum Abschied gibt er mir nach einer Besichtigung der Kirche noch einen Sack mit Zwischenverpflegung mit. Es sei nicht viel, nur was sie selber eben so zu essen hätten: frisches Brot, drei harte Eier, eine halbe Wurst, ein grosses Stück Käse, zwei Äpfel. Eigentlich brauche ich nichts, aber ich nehme es dankend entgegen, denn es scheint hier wirklich von Herzen zu kommen. Kurz hinter dem Kloster tauchen in der Ebene auch die Ruinen von Dinogetia auf, einer befestigten Stadt aus drakischer und römischer Zeit. Trotz deren grosser Bedeutung fehlen aber jegliche Hinweistafeln, und auch eine Zufahrt ist nicht sichtbar. Der Tourismusförderung stehen hier noch viele Aufgaben bevor! Am Rand der Donauebene geht es nun wieder ständig auf und ab, in kleine Tälchen hinein und wieder hinaus. In Isaccea sehe ich erstmals wieder eine Moschee. In der Dobrudscha gibt es noch verschiedene Orte mit einem starken türkischen Bevölkerungsanteil aus der jahrhundertlangen Herrschaft des Osmanischen Reiches. Auf dem sauberen Dorfplatz mache ich Schatten grosser Platanen Mittagsrast mit Kloster-Picknick und schaue den Kindern in Schuluniformen auf dem Schulweg zu. Alles scheint hier viel sauberer zu sein als auf den ersten Rumänien-Etappen. Die Dobrudscha scheint wirklich einen besonderen Menschenschlag zu prägen. Die untere Donau hatte ich mir wegen der geringen Meereshöhe bisher immer als flach vorgestellt. Der Eindruck wurde durch das Fehlen von Höhenangaben im rumänischen Teil der Velokarte noch bestärkt. In Wirklichkeit ist nun hier aber kaum etwas beständiger als die fast endlose Wiederholung von kleinen, aber ermüdenden Steigungen. Auf einer Höhe vor Somova treffe ich auf eine Ansammlung von Männern und Frauen am Rande der grossen Weinfelder. Ihre Wägelchen sind bis zum Rande mit Trauben gefüllt, die von hier auf Lastwagen umgeladen werden sollen. Ich schaue mir die Trauben an und frage nach dem Preis, aber der Mann winkt lachend ab. „Nichts, nur nehmen!. Und die Frau drängt mir gleich noch mehr auf, obwohl meine Plastiktasche schon voll ist. Nach einer Photo mache ich mich frisch gestärkt und aufgestellt auf den letzten Abschnitt bis Tulcea. Die Einfahrt beginnt wieder mit einem stinkenden Industriegebiet und holprigen Strassen, aber die Innenstadt ist trotz dichtem Verkehr wieder einladend. An der breiten Uferpromenade liegen dicht nebeneinander moderne und alte Ausflugsboote mit bunter Beleuchtung. Nur die riesigen Hotels scheinen nicht so ganz zu meinem Budget zu passen. Die Tourist-Info ist bereits seit 17 Uhr geschlossen, und die verschiedenen Tips von angefragten Passanten sind auch wenig hilfreich. Ich versuche es deshalb einmal bei einem der vor Anker liegenden Hotelboote, doch alles scheint Dnau09-582geschlossen. Auf einem daneben liegenden Bootssteg klärt mich ein Mann auf, dass diese Schiffe nur für ganze Gruppen seien und fordert mich gleichzeitig zu einem Delta-Ausflug auf seinem Schiff auf. Da ich so etwas ohnehin vorhabe, lasse ich mich ausführlicher informieren: Ganztagesausflug in die kleinen Seitenarme, mit Mittagessen, alles zusammen 160 Lei, Abfahrt 9 Uhr morgens. Ich behalte mir den Entscheid für den nächsten Tag vor, nehme aber sehr gerne seinen Tip für ein günstiges Hotel in der Nähe an. Nach kurzen Irrfahrten finde ich schliesslich das sehr angenehme Hotel Europolis mit sauberem Zimmer und (erstmals seit Belgrad!) uneingeschränkt funktionierender Dusche. Das Velo kann ich in der Werkstatt eines Arbeiters im Hinterhof einschliessen. Den schönen Abend nutze ich noch zu ausgedehnten Spaziergängen – über den gossen Platz zwischen Präfektur , Einkaufszentrum und der mächtigen Reiter –Statue des Mircea cel Batran, wo Kinder sich noch bis spät in die Nacht im Lichte des ständig seine Farben wechselnden Wasserspieles vergnügen und die Alten auf den Bänken diskutieren – auf der Uferpromenade mit der dunklen Donau vor der hellbeleuchteten Kirche im gegenüberliegenden Stadtteil Tudor Vladimirescu Die Touristensaison ist offenbar schon vorbei. Viele Restaurants sind geschlossen. Im einzigen hier noch offenen Betrieb kann ich kurz vor Küchenschluss noch bestellen und etwas ungemütlich als letzter Gast des Tages noch essen.

23. September, Mittwoch

Heute ist Ausflugstag. Bei der Tourist-Info stelle ich fest, dass das gestern erhaltene Angebot für den Delta-Ausflug sehr günstig ist, also los! Mit einem flachen Motorschiff mit Bänken und Sonnedach starten wir den Hauptarm der Donau hinunter und biegen nach rund 6 km in einen kleinen Seitenarm Richtung Norden ab. Unsere Gesellschaft besteht aus zwei rüstigen bald Dnau09-60870-jährigen Französinnen, die per Bahn und Bus Rumänien bereisen, einem rumänischen pensionierten Marine-Offizier, der einigermassen französisch spricht, mit Frau, einem jungen spanischen Paar, dem Deutschen Marek, der in Tulcea einen Metallurgie-Kurs absolviert, und mir. Der russische Schiffsführer steuert das Boot nun stundenlang durch dichten Auenwald, weite Schilfflächen und kleine Seen. Ab und zu treffen wir auf Fischer, die in einem Zelt oder einer einfachen Hütte hier den ganzen Sommer verbringen. Aber ständig sind am Ufer oder auf den mächtigen Bäumen Vögel zu beobachten: Kraniche, Silberreiher, Kormorane, Schwäne, alle Arten von Enten…. Besonders schön ist es, wenn die mächtigen Vögel mit langsamen Flügelschlägen vor uns wegfliegen. Leider sind keine Pelikane mehr zu sehen; diese seien bereits Ende August wieder Richtung Afrika zurückgeflogen. Nach gut drei Stunden legen wir an einem einfachen Steg fest. Eine Familie betreibt hier eine einfachste Gaststätte und bewirtet uns unter einem Blätterdach ausgiebig mit Fischsuppe, Fisch gebraten mit Kartoffeln und Gemüse, Weisswein und Tuica. Nebenan blühen Sträucher in allen Farben. Bei diesem Wetter eine richtige Idylle ! Im Frühjahr ist die Donau jedoch bis zu zwei Metern höher, und dann gibt es hier nur Sumpf und Wasser. Der Dnau09-586Schiffsführer vertreibt sich die Zeit mit Fischen, aber obwohl es sichtbar wimmelt von Fischen geht ihm keiner an die Angel. Wahrscheinlich ist das natürliche Nahrungsangebot hier besser als sein Köder. Um 16.40 Uhr landen wir nach zweistündiger Rückfahrt wieder zufrieden in Tulcea. Die 160 Lei für diesen Ausflug in ein Kerngebiet der riesigen Biosphäre Donau-Delta haben sich absolut gelohnt. Nach einem Bier mit Marek pilgere ich noch zum Unabhängigkeits- Denkmal hinauf, von dem man eine wunderbare Aussicht über Stadt und Hafen hat. Für morgen nehme ich mir einen Tagesausflug mit dem Schnellboot nach Sulina zum Kilometer 0 der Donau vor. Gemäss Fahrplan gibt es eine Abfahrt um 12 Uhr und eine Rückfahrt um 18 Uhr. Da habe ich am Morgen ja noch Zeit, eines der Museen zu besuchen. Nach dem reichhaltigen Mittagessen brauche ich heute kein Nachtessen. Aber die feinen Süssigkeiten in einer Bäckerei sind doch zu verlockend, dafür büsse ich nachher mit krampfartigen Magenschmerzen, die sich nur mit einem Tuica halbwegs mildern lassen.

22. September, Donnerstag

Ich starte den Tag mit einem Besuch des gleich hinter dem Hotel liegenden Marktes und geniesse mit Augen und Nase die Vielfalt von Obst und Gemüse an den unzähligen Ständen im Freien. Die Stände mit Fisch, Fleisch und alle Milchprodukte dagegen sind in einer grossen Halle. Mit frischgebackenen knusprigen Sesamringen ergänze ich das spärliche Morgenbuffet im
Hotel. Sicherheitshalber reserviere ich mir im Hafen jetzt schon meinen Platz für Sulina und will auch gleich die Fahrt zurück lösen. „Am Abend fährt kein Schiff zurück, erst am nächsten Morgen um 7 Uhr“. Also sofort zurück zum Hotel, packen, und bezahlen. Es reicht vor der Abfahrt trotzdem noch für einen Besuch des Ethnologischen Museums, das Lebensweise und Brauchtum der zahlreichen Volksgruppen in dieser Region an Hand historischer Aufnahmen und rekonstruierter Wohnräume zeigt: Bulgaren, Mazedonier, Türken, Russen, Ungarn, … Die Fahrt nach Sulina kostet 45 Lei, für das Fahrrad, das mit dem Gepäck Dnau09-636auf dem Dach festgebunden wird, muss ich nichts bezahlen. Das Tragflächenboot fährt mit schätzungsweise 60 km/h den Hauptkanal hinunter mit einem Zwischenhalt in der kleinen Siedlung Crisan. In Sulina kommt sofort ein Mann auf mich zu und bietet mir Privatunterkunft an. Weshalb auch nicht, anstatt zuerst ein Hotel zu suchen? Aber zuerst muss ich das Fahrrad mit Gepäck herunter holen, was hier ohne Steg gar nicht so einfach ist. Christian übernimmt das sofort für mich, und dabei geht meine Alu-Flasche bereits in der Donau baden und schwimmt gemütlich Richtung offenes Meer davon. Beim dritten Versuch weiter unten könne wir sie aber ab einem festgebundenen Boot doch noch knapp retten. Christian führt mich mit seinem Bike zum kleinen Haus einer Tante, wo im vorderen Teil offenbar drei Zimmer regelmässig vermietet werden. Als er mir das Badezimmer im hinteren Teil zeigt, schrecken wir im davor liegenden Wohnzimmer mit laufenden TV erst mal einen schlafenden Mann auf. Badewanne und WC wackeln bedenklich. Ich sage trotzdem zu und nehme mir vor, im Notfall wohl eher das Klo im Garten und den dortigen Wasserhahn zu benutzen. Zum Schlafen reicht mir das kleine Zimmerchen, das ich mit einem Vorhängeschloss abschliessen kann. Auf dem Weg zurück zum Hafen zeigt mir Christian auch noch den Weg zum Strand („ ganz nahe, nur 5 Minuten mit Velo“) und den alten Leuchtturm im Ort, der heute als kleines Museum dient. Den Eintrittspreis muss ich nicht bezahlen, er kennt die Leute und führt mich nach kurzer Diskussion an der Kasse hinauf zur alten Lampe mit den zentimeterdicken Spiegeln. Rund um den Leuchtturm sind teilweise noch Häuser der englischen und deutschen Beamten erhalten, die im 19. Jh. diesen Hafen zeitweise verwalteten. Christian ist hier geboren und aufgewachsen und betätigt sich als Maler und Lebenskünstler mit allerlei kleinen Geschäften. Die Bilder seiner kleine Ausstellung hier unterscheiden sich immerhin wohltuend von dem sonst überall zu sehenden Kitsch. Er bietet mir auch einen Ausflug zu einer Kolonie überwinternder Pelikane an, aber dafür reicht mir die Zeit hier nicht. Bei einem Bier erzählt er mir auch anschaulich, wie er in der Jugend mit dem Vater im Sommer gefischt und im Winter die im Eis festgefrorenen Schwäne gejagt hat. Bei einer Arbeitslosigkeit von über 50 % sind viele Leute auch heute wieder auf diese Selbstversorgung angewiesen. Die überall anzutreffenden Fischer bestätigen dieses Bild. Zum Abschluss des kleinen Rundganges durch den letzten Ort an der Donau gehört auch noch ein Dnau09-640photographisches Souvenir der Kilometertafel „0“ am gegenüberliegenden Ufer. Auf der Donau gemessen bin ich hier nun also 1‘650 km von meinem Ausgangspunkt Budapest entfernt. Auf Strassen, Wegen und Pisten durch die weitere Umgebung der Wasserstrasse habe ich bis zum 120 km stromaufwärts liegenden Tulcea inzwischen 2‘054 km „er- fahren“. Im Garten meiner Unterkunft esse ich unter verkrüppelten Apfelbäumchen die Reste meines Kloster-Picknicks und wehre dazu ständig die Katzenschar ab, die begierig jede Wursthaut aufschnappt und sogar den nach Wurst riechenden Plastik stibitzt. Der anschliessende Abstecher zum Strand endet vorerst einmal in der totalen Wildnis mit zerfallenem Holzhaus und Autowrack. Der Fahrweg zurück ist so sandig, dass ich trotz festgefahrenen Traktorspuren das Velo zwischendurch schieben muss. Im zweiten Anlauf erreiche ich über eine halbfertige Strasse den menschenleeren Strand und nehme trotz kühlem Wind noch ein kurzes Bad im etwa 22-grädigen Meer. Der Friedhof auf dem Weg zurück dokumentiert ebenfalls eindrücklich die internationale Vergangenheit des Ortes, der früher die gesamte Donauschiffahrt kontrollierte. Neben rumänischen und russischen Grabsteinen hat es ganze Bereiche mit griechischen, deutschen und englischen Grabinschriften. Ein wackliger Leichenwagen mit weissen Holzengeln vervollständigt das nostalgische Bild des Ortes. Ein komisches Kratzgeräusch am Velo veranlasst mich zu einer genaueren Kontrolle, und tatsächlich: Beide Reifen sind wieder mit diesen stachligen Holzfrüchtchen gespickt die mir vor 2 Jahren in Italien eine zweistündige Reparatur beschert hatten. Mit den Fingernägeln klaube ich sorgfältig alle diese Igel sowie die bereits abgebrochenen Spitzchen aus dem Gummiprofilen heraus. Einmal mehr bin ich froh über meine beiden Schwalbe Marathon Reifen, jeder andere wäre wohl nicht erst hier schon mehrfach vor den spitzen Pflastersteinen, Scherben und Dornen kapituliert. Aber so bleibt auch mein Abstecher in die Wildnis ohne Folgen. Zum Nachtessen befolge ich den Rat von Michael und komme so wieder zu gutem Essen Nur schade, dass es im Freien nun doch schon zu kühl ist und abends der schöne Garten deshalb schon geschlossen ist. Im Hinblick auf die heutige Unterkunft habe ich das Toilettenzeug auch gleich mitgenommen und besorge diese Geschäfte ebenfalls hier, bevor ich durch die dunklen Karrwege wieder mein Kämmerchen aufsuche.

24. September, Freitag

Es dämmert um halb sieben morgens erst, aber auf dem Weg zur Donau sind schon überall Leute unterwegs. Fast alle gehen zum grossen Kursschiff, das bis Tulcea etwa dreieinhalb Stunden braucht. Michael hat mir am Vortag bereits wieder einen Platz auf dem Nave rapide mit Starzeit 06.50 Uhr reserviert (unter dem Namen Elvetia, das ging am einfachsten). Diesmal verlangt der Kapitän für mein Fahrrad 10 Lei extra. Auch diese Schnellboot ist wieder bis auf den letzten Platz besetzt mit Leuten, die nach Tulcea zum Einkaufen oder zur Arbeit fahren. Von „schnell“ kann aber diesmal nicht die Rede sein. Die Fahrt zieht sich in die Länge, denn mehrmals unterwegs stellt der Motor ab und das Nave rapide gleitet kilometerweit wieder meerwärts, bis irgendwann der Motor wieder anspringt bis zur nächsten Panne. Die Leute scheinen sich dies aber bereits gewohnt zu sein, und jetzt begreife ich auch, weshalb am Vortag bei meinem Billetkauf so viele Leute eben erst an Land gingen, obwohl das Schiff nach Fahrplan längst hier sein sollte. So treffen wir eben auch heute wieder mit einstündiger Verspätung ein. Zuerst
einmal einen guten Kaffee, und dann geht es wieder auf meiner Route weiter Richtung Murighiol. Ich bin froh um die zwei vergangenen Ruhetage, denn auch hier geht es trotz Meeresnähe gleich wieder hügelig weiter. Erst ab Mahmudia wird es endlich flacher. In Murighiol stosse ich erstmals seit Serbien wieder auf Radtouristen. Das deutsche Rentnerpaar macht praktisch die gleiche Route wie ich von Budapest bis Varna, nimmt sich dafür aber 7 Wochen Zeit. Sie erkundeten das Delta mit dem Rad, indem sie von Sfintu Gheorghe her mit dem Fahrrad nach Sulina wollten und dazu die Räder vier Stunden durch Sand schieben mussten und zudem von einer Polizeipatrouille als Schmuggler verdächtigt wurden. Das Naturerlebnis dagegen war eher mager In der Gegend von Arighiol sind Traktoren mit hochbeladenen Anhängern unterwegs. Auf den Feldern stehen überall die weissen gefüllten Kartoffelsäcke und die roten Säcke mit Zwiebeln. Aus der Distanz sieht es aus, als ob Störche oder Kühe in Reih und Glied stehen würden. Neben den grossen geschnitzten rumänischen Holzkreuzen stehen hier nun auch ab und zu russisch-orthodoxe Kreuze mit dem zweiten schrägen Balken am Strassenrand. In Sarichoi ist auch die Ortstafel kyrillisch angeschrieben. In Dnau09-659vielen Ortschaften des Deltas sind die russischstämmigen Lipovenen als starke Minderheit vertreten oder bilden sogar die Mehrheit. Nach dem langen flachen Abschnitt folgt in Enisala erstmals eine kräftige Steigung an der mittelalterlichen Burgruine Heraclea, die hier die weite Ebene mit dem riesigen Razim-See überblickt. 4 km weiter folgt auf die bisher stets recht gute Strasse einer der schlimmsten Abschnitte auf dieser Donau-Tour. Zuerst erscheint unterhalb der Strasse eine Art Kläranlage, dann tauchen oberhalb hinter rostigem Gitterzaun mit Stacheldraht dunkle Betonbauten auf. Ich vermute einen verlassenen Militärstützpunkt, aber da sehe ich weiter vorne einige neuere Gebäude mit Flaggen, und im gleichen Moment stürmt auch schon eine Meute schwarzer Schäferhunde wild bellend auf mich los. Irgendwo pfeift jemand, aber die Hunde rennen mir trotzdem knurrend und bellend nach. Ich fahre langsam weiter und knipse mit meinem Hundeschreck- Gerät nach allen Seiten, bis ich endlich an der Anlage vorbei bin. Inzwischen bin ich auf einem Strassenabschnitt, der nur noch rudimentär als solcher zu erkennen ist: von der ehemaligen Betonstrasse sind nur noch Bruchstücke vorhanden, den grössten Flächenanteil nehmen die Löcher ein. Zudem geht es noch ständig aufwärts. Als mir auch noch ein Schützenpanzer entgegenkommt ist alles klar: die Strasse führt mitten durch ein offenbar immer noch militärisch benutztes Übungsgelände. Eine Tafel auf der Anhöhe bestätigt dies schliesslich auch noch: „Babadag Trainig Area“. Und dieses reicht sogar noch viel weiter. Bis kurz vor S?lcioara ist die Strasse von Panzern massiv beschädigt. Ich nutze jede kleine Möglichkeit, um mit dem Velo auf das sandige Bankett auszuweichen. Selbst die wenigen PW’s unterwegs fahren auf längere Strecken lieber parallel zur Strasse auf den Feldern, wo sich allmählich bereits eine einfache Erdpiste gebildet hat. Nach einer letzten Steigung erscheint gerade bei untergehender Sonne vor mir das heutige Tagesziel Jurilovka mit ebenfalls wieder kyrillischer Ortstafel. Im einfachen Hotel finde ich auch das einzige Restaurant hier. Nach dem Essen mache ich einen kleinen Streifzug durch das Dorf. Die Strassen werden nur vom Licht einzelner Häuser spärlich beleuchte und sind auch hier wieder voller Löcher und Hindernisse. In einer offenen Halle sitzen Gruppen von Männern laut palavernd beim Bier, sonst gibt es nur noch zwei kleine geöffnete Läden. Ich besorge mir zum Dessert eine Packung Baklava, ein klebrig-süsses Blätterteiggebäck, das ich von früheren Reisen als sehr gut in Erinnerung hatte. Ein Mann neben mir bestellt ein Pivo (Bier, russisch) und protestiert laut, als ihm die Verkäuferin ein Bere (Bier, rumänisch) gibt. Er trinke nie Bere, sondern immer Pivo ! Im Gespräch mit ihm erklärt er mir, dass hier 80 % der Leute von zu Hause her russisch sprächen und rumänisch nur in der Schule und mit den Behörden benutzen müssten. Jurilovka war ursprünglich eine reine Lipovenen-Siedlung. Also kaufe ich mir hier nun auch ein „Pivo“, obwohl auf der Flasche unverkennbar „Bere“ angeschrieben ist.

25. September, Samstag

Dnau09-664Jurilovka wird in Reiseführern als Fischerort beschrieben, deshalb mache ich mich am Morgen zuerst einmal auf zum Hafen. Dieser entspricht aber gar nicht meinen Erwartungen. Auf der einen Seite am Kiesstrand 5 – 6 kleine Motorschiffe, auf der anderen Seite etwa zwei Dutzend kleine Boote mit Rudern oder Aussenbordmotor. Das Areal vor der grossen Fischfabrik ist leer, alles ist still. Über dem Eingang ist auf den Resten einer grossen Tafel mit EU-Wappen zu lesen, dass hier 2004 2 Mio. Euro investiert wurden, aber der Wärter im Wachhäuschen betätigt, dass die Fabrik geschlossen ist. Einige Fischer machen nun ihre kleine Boote bereit und tuckern durch das Schilf auf den nur durch einem schmalen Dünenstreifen vom offenen Meer abgetrennten Flachsee hinaus. Sie fischen momentan für ihren Eigenbedarf. Bei einem Kaffee auf der Terrasse meines Restaurants komme ich später mit zwei Einheimischen ins Gespräch, die den Tag hier mit Cognac beginnen. Von ihnen erfahre ich, dass die frühere staatliche Fischfabrik privatisiert sei und der Besitzer sie bis auf weiteres geschlossen habe, da sie zu wenig rentierte. Damit haben alle Fischer hier ihren bisherigen Abnehmer verloren und sind faktisch arbeitslos. Ach du schöne Marktwirtschaft! Die grosse Kirche von Jurilovka wird renoviert. Während auf dem halbfertigen Dach gebohrt, gehämmert und genagelt wird, findet drinnen der Morgengottesdienst statt. Zu stören scheint dies niemanden. Die Frauen können mit ihrem Wechselgesang zur Liturgie des Priesters den Baulärm doch noch übertönen. Ab dem nächsten Ort Visina wird die Strasse endlich wieder gut. Dazu habe ich erfreulicherweise Rückenwind und kann so ohne Anstrengung mit gut 25 km/h fahren. In Baia mit seinen grossen Getreidesilos an der Bahnlinie stosse ich auf die Hauptstrasse Tulcea – Constanta und damit erstmals seit zwei Tagen wieder auf stärkeren Verkehr. Doch schon 9 km weiter habe ich wieder eine Provinzstrasse fast für mich alleine. Da das Tagesziel Constanta um halb zwölf Uhr nur noch 50 km entfernt liegt, mache ich auch einen 7 km langen Abstecher zum antiken Histria, der wohl bedeutendsten archäologischen Fundstätte an diesem Küstenabschnitt. Die Funde aus griechischer und römischer Zeit sind in einem grossen und recht modernen Museum ausgestellt und umfassen Säulen, sehr kunstvolle Statuen und Figuren, Gedenktafeln, Schmuck und Werkzeug des täglichen Gebrauchs. Auf dem grossen Areal sind neben den massiven Stadtbefestigungen mit Resten von Häusern und Tempeln auch noch gut erhaltene Reste der Bäder zu besichtigen. Histria war von der griechischen Gründungszeit um 700 v.Chr. bis in die spätrömische Zeit um 700 n.Chr. ein wichtiger militärischer und Handelsstützpunkt am Schwarzen Meer. Ab Corbu macht sich allmählich die Nähe zu Constanta Dnau09-678bemerkbar. Mehr Geschäfte, grössere Häuser, viele Werbetafeln längs der Strasse, viel mehr Verkehr, und in der Ferne auch schon grosse rauchende Industrieanlagen. Sie liegen an der Mündung des kleineren, nördlichen Astes des Donau-Schwarzmeer-Kanals . Bei dessen Schleusen führt meine Route glücklicherweise vom dichten Lastwagenverkehr weg auf den langen Uferstreifen von Mamaia. Zuerst findet sich noch etwas Wald und Wiesen, aber je näher Constan?a rückt, um so wilder scheint die unkontrollierte Bauwut um sich zu greifen, zunächst mit Einfamilienhäusern von betonierten Baracken bis zu Pseudo-Villen, dann aber immer mehr bis zu 10 Stockwerken hohe Wohnsilos in lila, blau, gelb, grün und pink. Die bisher 2-spurige Strasse wird zur 6-spurigen Strasse zwischen Nobelhotels, Clubs, kleinen Parks und ab und zu noch ein Wohnblock. Ich nutze noch eine letzte Gelegenheit für ein Bad am fast endlosen Sandstrand. Er ist voll von Spaziergängern, aber kaum jemand badet noch. Die Sommersaison scheint vorbei zu sein, viele Hotels sind auch bereits geschlossen. Erfrischt fahre ich nach einer Stunde weiter. Ich bin eigentlich schon lange in der Stadt, aber Wegweiser zum Zentrum oder zum Hafen sehe ich nirgends, so dass ich mich auf das Gefühl verlassen muss, welche von den Kreuzungen in der Velokarte denn vor Ort nun die Richtige sein sollte. Und da das Gefühle eben nicht immer stimmte, erreiche ich erst mit Zickzack und durch einige Einbahnstrassen schliesslich um halb sechs den alten Stadtkern auf der Halbinsel zwischen dem modernen Handelshafen und dem Touristenhafen mit Strand.. Aus der offenen Peter und Paul Kathedrale tönt stimmungsvolle Chormusik. Grund genug, sofort das Velo hinter den grossen Parkbäumen ab zu stellen, die dunkle Regenhose und die graue Windjacke über zu ziehen und einzutreten. Es handelt sich um eine Hochzeitsfeier, wie alle orthodoxen Gottesdienste mit sehr langer und weitgehend musikalischer Liturgie. Der kräftige männliche Chorgesang, der die ganze Kirche füllt, stammt von einem Dutzend junger Männer, die in einer Seitennische im Chorgestühl sitzen alle Handlungen der fünf Priester begleiten, die abwechselnd einzeln oder auch wieder gemeinsam die Zeremonie leiten. Das Brautpaar trägt Kronen, einmal tanzt die ganze Gruppe um den Altar, natürlich wird auch ständig gefilmt und geblitzt, aber da alle Leute stehen, fällt dies nicht so stark auf. Ich mache ohne Blitz und möglichst verdeckt einige Photos und geniesse vor allem den vollen Chorklang. Nach einer kurzen Rundfahrt stosse ich auf der Suche nach einem Hotel plötzlich auf die beiden Französinnen vom Delta-Ausflug. Aus ihrem französischen Reiseführer können sie mir ganz in der Nähe ein Hotel empfehlen, und so finde ich das einfache, aber sehr zentral gelegene Hotel „Tineretului“. Da ich einen gemütlichen Tag vor mir habe, leiste ich mir heute zum Nachtessen an der Piata Ovidiu auch gleich noch einen guten Wein.

27. September, Sonntag

Heute ist wieder ein reiner Besichtigungs- und Ruhetag, das heisst viele Besichtigungen, aber immer gemütlich. Und da fast alle Sehenswürdigkeiten im Gebiet des historischen Stadtkerns Dnau09-683iegen, bleibt es ein Ruhetag trotz grossem Programm: * Die zentrale Mosche „Karol I „ Ursprünglich aus dem Jahre 1813, im Laufe der Balkankriege zerstört, wurde sie 1910 als erste Eisenbetonkonstruktion Rumäniens wieder erbaut. Der Boden ist mit einem der grössten türkischen Teppiche in Europa bedeckt. Sie ist am Wochenende für Besucher geöffnet. Das Minarett kann bestiegen werden und bietet einen ausgezeichneten Rundblick über Stadt und Hafen. Sehr schön ist die nächtliche Beleuchtung des Minaretts. * Die römisch-katholische Kirche „St. Anton“ Beim ersten Anblick der weiss umrandeten Mauern aus braunem und gelben Backstein glaubt man sich in Italien zu befinden. Sie ist denn auch die Kopie einer Kirche in Padua. Das Glockengeläute aus den Lautsprechern ist wohl auch in Padua aufgenommen worden. * Das Casino Das 1910 erbaute Casino im Zentrum der breiten Promenade galt lange als Wahrzeichen der Stadt. Erbaut von vom franz. Architekten Renard erinnert es denn auch stark an Bauten in Paris aus der Jahrhundertwende. Aus der Nähe wirkt es ziemlich sanierungsbedürftig. Leider ist gar keine Innenbesichtigung möglich. * Die Strandpromenade Einfach spazieren, die Aussicht geniessen, die Menschen beobachten, an einem der Stände eine Brezel oder eine Glacé essen, einem Strassenmusiker zuhören, …. Hier ist bis spät abends alles unterwegs. * Der genuesische Leuchtturm Von einer Handelsgesellschaft 1860 zur Erinnerung an die Kaufleute aus Genua erstellt, die im 13. Jh. bis hier Handel trieben. * Das historische Museum Eine Besichtigung dieses im klassischen rumänischen Stil erbauten Museums am zentralen Ovid-Platz (die Statue des hier in der Verbannung lebende römische. Dichter steht auf einer hohen Säule in der Mitte des Platzes) lohnt sich für jeden, der diese Balkan-Region etwas kennen lernen will. Anhand von informativen Karten und den zugehörigen Exponaten kann man 5000 Jahre Geschichte erleben. Leider sind nur die älteren Abschnitte auch mit französischen oder englischen Informationen versehen, während für die letzten zwei Jahrhunderte die Texte aus dem rumänischen mit Hilfe von französisch und italienisch nur in groben Zügen verstanden werden können. Und 1939 hört hier die Geschichte leider ganz auf, wo es doch erst recht interessant geworden wäre. Ich erkundige mich deshalb bei der Dnau09-690Empfangsdame, ob da bald eine Ergänzung komme. „Nein, dafür hat man nichts vorgesehen; der Direktor will nicht:“ ?? – Die jüngere Geschichte ist hier noch keineswegs aufgearbeitet …. * Der Hafen Als achtgrösster Hafen Europas und grösster Hafen am Schwarzen Meer kaum überblickbar und nur aus der Distanz zu besichtigen * Der „Parcul Arheologic“ Ein grosser Stadtpark mit Spielplätzen vielen Bäumen, einem grossen Kino, und überall Amphoren, Säulen, Statuen und steinerne Inschriften aus der griechischen und römischen Blütezeit der Stadt. * Das römische Mosaik Ein beim Bau einer Eisenbahnlinie entdeckter Gebäudekomplex mit Lagerräumen und Marktplatz und einem grossen teilweise noch erhaltenen Mosaikboden. * Das nationale Opern- und Ballett-Haus Mit grossem Stadtpark und dem Spielpavillon der Senioren, die hier Backgammon und ein mir unbekanntes Brettspiel mit hölzernen Zahlentäfelchen spielen. * Das moderne Einkaufszentrum in der Fussgängerzone „Stefan cel Mare“ mit McDonalds und lauter exklusiven Kleider-, Schuh- und Schmuckboutiquen * Die griechische Kirche (sehr düster), die armenische Kirche (geschlossen), die an den Aussenwänden bunt bemalte Kirche „Anbetung der Hl. Jungfrau“ (sollte wohl eine modernere Variante der reich bemalten Bukovina- Kirchen sein), …………. Zum Schluss geniesse ich einfach nochmals den Sonnenuntergang in den Uferfelsen beim Casino, ein Nachtessen in einem türkischen Restaurant inkl. interessantem Gespräch mit Einheimischen, und auf dem Rückweg zum Hotel versuche ich mich noch bei rassiger Balkanmusik kurz in einem der vielen Gruppentänze einer grossen Festgesellschaft.

28. September, Montag

Zuerst zur Post für die letzten Postkarten, und hier finde ich auch endlich eine Karte 1 : 300‘000 der rumänischen Küste, da meine Velokarte in Constanta endet. Draussen muss ich aber leider feststellen, dass sie eher weniger Inhalt als die Euro-Cart „Rumänien“ (1 : 800‘000) und nur einfach grösser gedruckt ist. Für 6 Lei konnte ich ja nicht viel mehr erwarten … Ich fahre ich wieder einmal im dichten Morgenverkehr weiter, vorerst auf 6-spuriger Strasse am Hafenviertel vorbei nach Süden. Bei Agigea führt die Hauptstrasse mit einer modernen Dnau09-723Schrägseilbrücke über den südlichen Arm des Donau-Schwarzmeer-Kanals, aber auch hier ist kaum Schiffsverkehr zu sehen. Eigentlich habe ich heute als Ziel nur Vama Veche kurz vor der bulgarischen Grenze, etwa 80 km ab Constanta. Ich wähle deshalb den Umweg über Techirghiol, das gemäss meiner neuen Karte sowohl ein schönes Kloster als auch ein interessantes Museum haben soll. Von beiden finde ich in natura keinerlei Hinweise, dafür ist der Ort selber sehr malerisch an einem Flachsee („der grösste Salzwassersee Rumäniens“) gelegen und gibt sich mit Promenade und Parks offenbar sehr Mühe um Feriengäste. Die Hauptstrasse Richtung Bulgarien ist gut ausgebaut und breit, aber ausser in den wenigen Ortschaften gerade und ziemlich monoton. Zum Glück kann ich nach Cotinesti abzweigen; von hier aus sollte es bis Mangalia eine kleinere Küstenstrasse geben. Vorerst finde ich aber am Dorfausgang nur ein grobe Schotterpiste, immerhin mit einem Wegweiser zu einem Kloster in der richtigen Richtung. Nach 3 km taucht direkt vor dem Ufer eine kleine Häusergruppe auf: das Frauenkloster ………., auch noch mitten im Bau. Aber die kleine Wiese ist ein schöner Platz für mein Picknick unter den wenig freundlichen Blicken einer Oberin. Auf das Risiko, irgendwann über offenes Feld fahren zu müssen, fahre ich auch der Schotterpiste weiter südwärts und erreiche tatsächlich an kleinen Seen und alten Ferienheimen vorbei nach einiger Zeit auch wieder eine richtige Strasse und eine Ortstafel: „Olimp“. Es ist der erste einer Kette von „Ferienressorts“, die sich nun in immer engerer Folge bis Mangalia zieht und wohl wegen der astronomischen Preise alle nach Himmelsgestirnen benannt sind: Neptun. Jupiter, Venus, Saturn, … Hotelkästen noch und noch, die meisten geschlossen (die Sommersaison ist vorbei), und die wenigen gebliebenen Feriengäste wirken entsprechend eher verloren. Immerhin hat es schöne Parkanlagen, und auch die Strasse ist gut. In Mangalia selbst ist in der Stadt noch Grossbetrieb, aber am Strand reiht sich Sanatorium an Sanatorium, und auf der Mole sind alle Beizen und Stände längst geschlossen. In einer kleinen Bäckerei kaufe ich mir knusprige Mohnbrezeln an einer Schnur aufgeknüpft und feines Blätterteiggebäck direkt aus dem Ofen. Nach Mangalia ist es schnell vorbei mit der Touristen-Atmosphäre. Eine Schiffswerft, einige Schiffe der Kriegsmarine oder Küstenwache, Industrie. Der Ortsname „2.Mai“ passt irgendwie dazu und erinnert an den vergangenen osteuropäischen Sozialismus. Mama Veche schliesslich ist auch ein eher trostloses Kaff. Am Strand sieht es zwar nach irgendeinem Hotel aus, aber einladend wirkt es von der Hauptstrasse her gar nicht. Es ist auch erst 16 Uhr, und so beschliesse ich die Weiterfahrt nach Bulgarien. Bis zur Grenze sind es noch 2 km, und laut Reise-Know-How – Karte sollte es ja bereits 2 km hinter der Grenze auch schon wieder ein Motel geben. Ein Grenzverkehr scheint hier kaum zu bestehen, es ist kein einziges Auto Dnau09-801unterwegs. Am Grenzübergang lasse ich mir im Pass wieder den rumänischen und den bulgarischen Stempel machen. Mein Versuch, den Übergang auch photographisch fest zu halten, wird jedoch sofort abgebrochen: „Photographierverbot!“ Auf meine Frage nach dem Grund bekomme ich nur zur Antwort, das stehe im rumänischen Gesetz; offenbar hat dieses spätestens seit dem EU-Beitritt unsinnige Verbot auch noch niemand hinterfragt, oder die weitere Anwendung gibt den Grenzbeamten einfach noch ein wenig Machtgefühl. Zu diskutieren gibt es auf jeden Fall nichts. Die Strasse ist auf bulgarischer Seite wieder deutlich schlechter. Drei Töfflifahrer aus Dänemark auf dem Weg nach China überholen mich, sonst gibt es weiterhin kaum Verkehr. Dort, wo gemäss Karte das Motel sein sollte, gibt es weiterhin nur abgeerntete Felder und Gebüsch. Laut Karte ist die nächste Unterkunft erst bei Shabla, etwa 25 km entfernt. Vor Durankulak gibt es beim Info- und Vogelbeobachtungszentrum am See auch Zimmer zum Mieten, aber es ist alles geschlossen. Um halb sechs Uhr erreiche ich Shabla. Im Ortszentrum sehe ich zwar als Hotel angeschriebene Gebäude, aber wie schon der erste Blick vermuten lässt sind sie geschlossen, und dies wahrscheinlich nicht erst seit kurzem. Ein Mann bei der Gemeindeverwaltung bestätigt mir, dass es hier kein offenes Hotel gebe und auch das in der Karte eingezeichnete Hotel beim Leuchtturm 6 km weiter sei geschlossen. Aber einen Campingplatz gebe es tatsächlich, der sei vielleicht noch offen. Ich kaufe deshalb noch schnell Proviant für Nacht- und Morgenessen und fahre zuversichtlich auf der Nebenstrasse Richtung Meer. Der in der untergehenden Sonne blendend weisse Leuchtturm steht zwischen einer kleinen Häusergruppe und einer düsteren Baracken- und Hüttensiedlung. An der Abzweigung zur Häusergruppe steht tatsächlich eine Hinweistafel für ein Hotel und Restaurant. Bei den Häuschen ist im Näherkommen nur schwer zu erkennen, ob sie noch nicht ganz fertig oder schon am Verfallen sind, jedenfalls scheint auch alles ausgestorben zu sein. Von einem Campingplatz aber ist weit und breit nichts zu sehen. In den verwinkelten Karrwegen finde ich schliesslich einen Mann, der an seinem Haus arbeitet. „Ja ja, das Hotel gibt es, nur um zwei Ecken weiterfahren, das ist sicher offen!“. An einem der Häuser finde ich tatsächlich die kleine Hoteltafel, aber alles ist geschlossen, aufs Klopfen antwortet niemand, und zum Übernachten macht es auch sonst keineswegs an. Also zurück zur Strasse und den Campingplatz suchen. „ Ja, der ist da oben, kurz zurück Richtung Shabla und dann rechts abzweigen“ laute die Auskunft eines alten Mannes, der mir auf einem klapprigen Velo entgegenkommt. Ich interpretiere einen Feldweg als diese Abzweigung und stehe schliesslich vor einem umzäunten Gelände mit Häuschen in Schutz einiger Bäume. Das Gittertor ist mit zwei Raketen verziert, ein kleines Tor nebenan steht offen, aber niemand ist zu sehen. Ich vermute, Dnau09-803dieser Campingplatz sei auf einem verlassenen Militärgelände und klopfe bei der ersten Hütte hinter dem Eingang an. Heraus kommt ein Uniformierter mit vorgehängtem Gewehr, das Militärgelände ist keineswegs verlassen. Ja, es gebe da irgendwo einen Campingplatz , aber der sei wohl beim Shablensko Jesero (also etwa 5 km entfernt!). Da es schon einnachtet, ziehe ich es vor, irgendwo weiter an meiner Strecke einen verdeckten Platz für mein Zelt zu suchen. Im Halbdunkel entdecke ich auf der Weiterfahrt wieder Hütten unter Bäumen hinter einem rostigen Zaun; ein Tor lässt sich leicht öffnen, und diesmal sieht es tatsächlich wie eine leerstehende Feriensiedlung aus. Hier zwischen den Bäumen kann ich sicher gut das Zelt aufstellen. Bei einem der entfernteren Häuschen brennt Licht, sicherheitshalber will ich mich dort zuerst erkundigen Ich störe den Mann drinnen gerade beim Nachtessen vor seinem Fernseher, aber er ist sehr freundlich. Zelten könne ich hier nicht, aber es gebe einen schönen Zeltplatz am Shablensko Jesero, der sei vielleicht offen. Endlich realisiert er, dass ich nicht mit dem Auto unterwegs bin und empfiehlt mir, das Zelt etwa 2 km weiter vorne bei einem Kriegsdenkmal am Meer aufzustellen. Unterdessen ist es dunkel, und ich kann das Denkmal im Mondschein im offenen Feld mehr erahnen als wirklich sehen. Zwei Autos stehen noch in der Nähe, in den Felsen am Ufer hoffen Fischer immer noch auf Beute. Im Schutz einiger kleiner Gebüsche stelle ich direkt neben dem Denkmal das Zelt auf und erlebe dabei die letzte Überraschung des Tages: Statt der Matte habe ich zu Hause die Velo-Bag eingepackt, die in einer ähnlichen Tasche steckt! Als behelfsmässige Schlafunterlage lege ich nun eben alle verfügbaren Kleidungsstücke aus meinem Gepäck aus. Aber als Krönung diese Tages kann ich schliesslich auf dem Denkmalsockel im Schein des Vollmondes mit Aussicht auf das glitzernde Meer zum Rauschen der Brandung und in inzwischen absoluter Einsamkeit endlich mein improvisiertes Nachtessen geniessen. Fast zu kitschig? Ja, aber natürlich und nichts Künstliches.

29. September, Dienstag

Dnau09-804Leicht gerädert schaue ich um 6 Uhr aus dem Zelt und erlebe ein Wunder von einem Sonnenaufgang. Die Sonne steigt direkt aus dem Meer und der Himmel wechselt langsam von dunkelblau über feuerrot und gelb bis ins hellblau. Und bereits stehen auf den Felsen wieder die ersten Fischer. Es ist noch empfindlich kalt. Mit Zelt abbrechen und packen wärme ich mich nur knapp auf, und das Morgenessen nehme ich heute nur stehend ein. Beim Wegfahren entdecke ich die grosse Tafel, gemäss welcher das Campieren hier unter Androhung von Sanktionen verboten ist. Wie gut, dass es bei meiner Ankunft schon dunkel war! In den Feldern beidseits der Strasse sehe ich immer wieder meist rostige Tanks von ca. 50 m3 Inhalt. Schliesslich taucht beim kleinen Dorf Kamen Brjag auch eine langsam wippende Pumpe auf: Hier wird mit vielen kleinen Bohrungen Öl gefördert und von Zeit zu Zeit mit Tankfahrzeugen abgeholt. Allmählich wird es wärmer, aber die Strasse steigt nun ständig leicht an, und ein konstanter Gegenwind erschwert die Fahrt zusätzlich. Vor Kavarna stosse ich wieder auf die Hauptstrasse, aber auch hier mit nur wenig Verkehr. Die leicht gewellte Ebene liegt hier jetzt etwa 180 m.ü.M. In Balcik verspricht die Karte einige Sehenswürdigkeiten, die einen Abstecher lohnen. Von der Umfahrungsstrasse geht es immer steiler hinunter in eine mediterran anmutende Landschaft. Der an der steilen Küste liegende Teil von Balcik ist stark belebt und hat viele kleine Geschäfte, einige Hotels, einen kleinen Hafen mit Promenade und nur ein einziges störendes Industriegebäude. In einer Seitenstrasse stosse ich sogar noch auf einen „market MiGROS“ Eine Tafel weist auf den griechischen Cybele Pontia Tempel hin, dessen Reste erst vor einigen Jahren bei einer Baustelle entdeckt wurden und deshalb nun zwischen halbfertigen Betonwänden steht. Ein besonderes Schmuckstück ist die Moschee mit ihrem eleganten Minarett und dem kleinen Friedhof mit schönen Grabtafeln. Ein junger Mann, der die Moschee gerade schliessen will, stellt sich als Gehilfe des Iman heraus. Er öffnet mir nochmals, lässt mich trotz Velohose und Leibchen für nur 1 Lev statt der angeschriebenen 2 Leva eintreten und erklärt mir das Innere inkl. einzelne Seiten aus dem aufgelegten Koran. Für mich sind es vor allem sehr dekorative Photo-Sujets. Da der Mann einige Zeit in Deutschland gearbeitet hat, spricht er recht gut deutsch. Etwa 20 % der Bevölkerung seien Moslem, aber den fünfmaligen Gebetsruf darf er trotz Minarett wegen der Nachbarschaft nur im Innern der Moschee machen. (Das erinnert mich ein wenig an die bevorstehende Minarett- Abstimmung…) . Balcik illustriert auch Teile der Geschichte Bulgariens der letzten 150 Jahre. Die ursprünglich türkische und tatarische Bevölkerungsmehrheit wurde nach der Dnau09-811Unabhängigkeit Bulgariens zwischen 1878 und 1913 von Bulgaren und Griechen verdrängt und die meisten Griechen später ebenfalls vertrieben. Von 1913 bis 1940 gehörte die Stadt zu Rumänien. Die rumänische Königin Maria war von der Lage Balciks begeistert und ließ dort ein kleines Schloss und einen Botanischen Garten anlegen. Beides sind heute stark besuchte Touristenattraktionen. Für mich geht es nach der Mittagspause am Hafen wieder steil hinauf und dann in ständigem auf und ab ca. 100 Meter über der steilen Küste mit immer bester Aussicht weiter, bis die Batova Ebene mit ihrem grossen Wald auftaucht. Hier beginnt nun aber auch definitiv die eigentliche Tourismuszone der bulgarischen Schwarzmeerküste mit dem ersten auch international bekannten Ferienort Albena mit breitem Sandstrand und riesigen Hotelburgen. Ab Kranjevo auf der gegenüberliegenden Seite der Ebene folgen sich die schon bestehenden Hotel und die Werbung für neuere, noch luxuriösere Projekte immer weiter, bis mit Zlatnj pjasaci („Goldstrand“) das nächste Tourismuszentrum folgt. Innert weniger Jahre dürfte wohl der letzte Meter dieser wunderbaren Steilküste verbaut sein. Ein nochmaliges gemütliches Bad im Schwarzen Meer kann ich hier vergessen. Ich lasse deshalb meinen Plan, in Vinica nochmals zu übernachten fallen, um lieber gleich noch heute bis Varna zu fahren. Die letzten 12 Kilometer der Reise zwingen mich aber nochmals auf die vierspurige Hauptstrasse mit dichtem Verkehr Erleichtert komme ich schliesslich um fünf Uhr in der verkehrsfreien Knias Boris Strasse an. Im abendlichen Gewimmel frage ich mich ergebnislos nach einem nicht teuren Hotel durch: hier sei alles sehr teuer, aber beim Bahnhof gebe es eine Touristeninformation. Im Innern des malerischen Bahnhofgebäudes finde ich diesen Service in einem kleinen Büro. Statt eines günstigen Hotelzimmers für 80 Leva bietet er mir auch ein Zimmer in einer Privatwohnung für 25 Leva an. Mit der Anzeige von 2‘481 km erreiche ich schliesslich um 17.40 Uhr den Endpunkt für mein treues Aarios , das mich nun einen Monat pannenfrei durch den Balkan getragen hat. Die alte Frau Savescova dort versteht zwar nur bulgarisch, aber bis ich mich in dem umfunktionierten Wohnzimmer eingerichtet habe kommt auch die russisch sprechende Tochter heim, die mir alle Informationen und auch nützliche Tips für die endgültige Abreise in 2 Tagen gibt. Ein erster Rundgang durch das nahe gelegene Zentrum der Stadt weckt die Vorfreude auf die nächsten Tage hier. Der fast die ganze Nacht anhaltende Verkehr und der Lärm vom nahen Hafen kann nach einem feinen Nachtessen dank Ohropax diese Freude nicht beeinträchtigen.

29. September / 1. Oktober, Dienstag / Mittwoch
Diese zwei Tage habe ich ausgiebig Zeit, die Stadt zu erkunden und mich wieder in das 21. Jahrhundert zurück zu finden. Am ersten Tag noch mit dem Velo,Dnau09-818 am zweiten dann zu Fuss mache
ich Rundtouren zum Hafen, durch den ausgedehnten Meeres-Park und zu den vielen Plätzen, kleinen Parks, Kirchen, Märkten und Beizen. Das sehenswerte Puppentheater ist leider ausverkauft, Theatervorstellungen für mich wohl kaum verständlich und Konzerte erst wieder am Freitag. Am Mittwochabend besuche ich deshalb im nostalgisch anmutenden „Dramatischen Theater“ einen Ballettabend mit „Straussiade“ und „Triade“. Obwohl absolut kein Ballett-Fan begeistert mich nach dem recht klamaukigen Strauss-Querschnitt die mit einfachsten Mitteln, aber sehr ausdrucksstarke „Triade“ zu Musik aus Chopins Klavierkonzert. Dass die Musik nicht live ist, stört nur anfänglich; schlimmer sind die deutschen Touristen, die sich nach Aufmachung und Benehmen wohl hier eher an einem Bierfest oder Fussballspiel wähnen. Von den vielen Sehenswürdigkeiten nur eine kleine Auswahl: * Bahnhof und Post: 2 sehr schön restaurierte Gebäude aus dem frühen 20. Jh., deren Ansicht man auch von einem der Kaffees im angrenzenden kleinen Park aus geniessen kann * Marine- Museum: ein etwas skurril anmutendes Freilichtmuseum mit Booten, Flugzeugen und diversen Geschützen aus dem letzten Krieg gegen die Türken bis zum Ende des Sozialismus * Die mächtige Himmelfahrts- oder Mutter Gottes-Kathedrale mit reichen Malereien * Das Museum der Stadt Varna mit sehr freundlicher, engagierter Führerin * Das Ethnographische Museum in einem im ursprünglichen Stil restaurierten Holzhaus * Die römischen Thermalbäder mit noch fast erhalten gebliebenen Gebäudeteilen. ….und natürlich einfach flanieren, in einem Dnau09-842Biergarten ein Sagorka trinken, an einem Stand Glacé oder feines Gebäck kaufen, auf dem Markt unbekannte Früchte versuchen, …………. Am Mittwoch besorge ich mir in einer Fahrrad-Werkstatt (Knias A. Battenberg) für 5 Leva eine Fahrrad- Schachtel und verpacke sorgfältig mein Aarios für den Rückflug. Für Freitagmorgen 6 Uhr bestelle ich ein Taxi, wegen der grossen Schachtel sollte es unbedingt ein Kombi sein. Den letzten Abend beschliesse ich nach vielen Spaziergängen kreuz und quer durch die Stadt im Hof des Uciuritje gegenüber dem Ethnographischen Museum ab mit einem hervorragenden Nachtessen: Gefüllte Paprika mit Feta und Gurken als Vorspeise, danach einen reichhaltigen Spiess (Ciuciurucia ) mit vielen Zutaten, Wein, Raki und Kaffee

 

 

2. Oktober, Freitag

Dnau09-849Punkt 6 Uhr steht ein gelbes Taxi vor dem Haus, aber nicht der erwartete Kombi. Kein Problem, meint der Fahrer und steckt die riesige Kartonschachtel in den Kofferraum: natürlich ragt die Hälfte noch heraus, also einfach die Saccoche drauf legen, und schon geht’s los. Ich zittere bei jeder Bodenwelle und bei jeder Kurve, aber das befürchtete Rumpeln bleibt tatsächlich aus. Am Flughafen werden eben erst die Schalter geöffnet. Ich lasse mir zur Sicherheit die Fahrradschachtel für 15 Leva noch grosszügig mit Plastik und Scotch-Bändern zusätzlich einpacken. Die Saccoche wiegt 16 kg, die Schachtel lässt sich wegen der Grösse nicht wägen. Statt der erwarteten Extra-Kosten wird mir zur freudigen Überraschung gar nichts in Rechnung gestellt. Die negative Überraschung mit Malev in Zürich wird hier durch Bulgarian Air sehr positiv verdrängt. Mit Umsteigen in Sofia komme ich um 11 Uhr schliesslich nach genau einem Monat wieder in Zürich an: Zufrieden, voll guter Erinnerungen, dankbar für alles ohne Zwischenfälle Erlebte. Mein kleines Notizbuch für unterwegs hat noch genau eine Seite leer, sonst ist alles vollgeschrieben. An jedem dieser 31 Tage konnte ich mir mindestens einmal sagen, wie gut es mir doch geht, dass ich all das sehen und erleben darf. Für mich war es grossartig! Und irgendwann dann kommt wieder die Frage: wohin das nächste Mal?………

 

.. und die Bilanz? Zu den Ländern:

* Ungarn: flach, windig, friedlich und heiter, schöne farbige Gebäude Leute indifferent, auf dem Land spricht der Durchschnittsungar nichts ausser ungarisch . Radroute meist gut signalisiert; Strassen gut, Uferwege ohne Belag sandig und auf Dauer etwas monoton; Ausweichrouten auf wenig befahrene Landstrassen möglich.. * Kroatien: flach bis hügelig schöne Altstädte, sofern ohne Kriegsschäden, viel Obst und Weinbau, leicht hügelig. Leute offener als in Ungarn Radroute gut gekennzeichnet, lange Abschnitte auf Strassen mit meist mässigem Verkehr Serbien: hügelig, sehr viel Natur und ökologische Landwirtschaft mit sehr gepflegten Feldern, schöne Stadtzentren, sehr einfache Dörfer. Leute freundlich, sehr offen, interessiert.. Radroute gut gekennzeichnet, ausser im Grossraum Belgrad meistens auf Nebenstrassen mit wenig Verkehr * Bulgarien(Norden): hügelig mit viel Natur, abwechslungsreich, schöne Städte und ärmliche Dörfer. Leute freundlich, hilfsbereit, interessiert; Kontakt mit Roma am besten vermeiden! Radroutenmarkierung fehlt noch fast überall. Z.T. sehr schlechte Strassen oder abschnittsweise viel Lastwagenverkehr. * Rumänien: bis weit ins Delta hinaus ebenfalls noch hügelig! Ausser in den wenigen Städten eher ärmliche Dörfer mit geringer Infrastruktur. Leute freundlich, hilfsbereit; Kontakt mit Roma am besten vermeiden! Radrouten teilweise markiert, Wegweiser generell eher zu wenige. Strassen von sehr schlecht bis ausgezeichnet.

Zu den Zahlen:

Die ganze Reise war wieder einmal ein phantastisches Erlebnis! Es war eine Reise nicht nur durch verschiedene Länder, sondern auch durch die Zeiten: Einerseits moderne Stadtzentren, gepflegte historische Bauten, kolossale Hotelkomplexe und Einkaufszentren, andererseits die riesigen Gebiete mit endlosen Feldern und Brachland, mit weit auseinander liegenden Dörfern ohne feste Strassen, und unterwegs mehr Eselkarren als Autos….. Und obwohl die Donau auf 1650 km Länge nur gerade 100 m Gefälle aufweist, ist die Radroute ab der ungarischen Grenze bis weit ins Donaudelta hinaus hügelig bis fast bergig. Mit Gepäck machen auf die Dauer auch schon kurze Aufstiege zu schaffen, zumal wenn sie gerade innerorts auf den schlechtesten Wegstücken und in Begleitung von kläffenden Hunden und schimpfenden Gänsen überwunden werden müssen. Dazu kommt auf den flachen Teilstrecken häufig noch der Wind, und meistens nicht aus der gewünschten Richtung. Aber jeder Tag bringt auch mindestens ein interessantes Erlebnis, Sei es Schildkröten auf der Strasse, Sackgasse in eine sumpfige Wildnis, Begegnungen mit Schäfern oder EDV-Spezialisten, diebischen Zigeunerkindern, Landschaften wie im Wilden Westen, …. Der Donauradweg ab Budapest erschliesst eine unbekannte, aber interessante und zu Unrecht häufig auch etwas verrufene Region Europas. Die Strecke wird aber sicher auch nach vervollständigter Signalisierung und aktualisiertem Kartenmaterial kaum einmal viele Besucher erhalten; den meisten Touristen wird sie dafür zu anstrengend erscheinen. Die anderen aber können das Reisen um so mehr geniessen. Und wer je die Gelegenheit hat, diese Gegenden zu besuchen, dem kann ich nur sagen: es lohnt sich und ist ganz sicher ein Gewinn!

 

 

 

 

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