Tour Schwarzes Meer 2011

Auf dem Velo von Tbilisi zur Krim und nach Odessa

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Schwarzes Meer 2011

Im Spätsommer 2011 von der georgischen Hauptstadt Tbilisi  über Pässe des Kleinen Kaukasus ans Schwarze Meer und weiter  am Meer nordwestwärts durch das ehemalige Ferienparadies Abchasien und die russische Riviera auf die (ukrainische) Krim und diese umrundend bis zur  Landenge; schliesslich per Bahn ins bunte Odessa :                   25 Etappen, total 2’456 km und 16’800 Höhenmeter

Einige Impressionen:

  • Von der georgischen Hauptstadt zum Schwarzen Meer: abseits der großen Verkehrsachsen und in den Bergen des Kleinen Kaukasus
  • Die georgische Schwarzmeer-Küste: Ferienparadiese und bedrohte Natur
  • Abchasien : Absurdistan, vom Krieg geprägtes einstiges Ferienparadies zwischen Kaukasus und Meer
  • Die russ. Schwarzmeer-Küste: Der Kurort Sochi will Olympia-Stadt werden, Sowjet-Nostalgie, Ferien-Region Russlands
  • Die (noch ukrainische) Halbinsel Krim: Côte d’Azur, Steppe, Berge und geschichtsträchtige Städte
  • Odessa : Ein bunter Gang durch die Jahrhunderte

Mehr Bilder zu Georgien (2011): Picasa-Album Georgien
. . . und auch noch Musik aus Georgien
das Vokal-Ensemble „Georgika“ mit einem Beispiel des polyphonen Gesangs, wie er in einer Festrunde erklingen kann:

Mehr Bilder zu Abchasien/Russsland (2011):  Picasa-Album Abchasien/Russland

Mehr Bilder zur Krim und Odessa (2011):  Picasa-Album Ukraine/Krim

Hier folgt der  ausführliche Reisebericht :

Tagebuch einer einmonatigen Velotour zwischen Tbilisi und Odessa

Tbilisi (Tiflis)

Mittwoch, 31. August (ohne Velo )

Der Flug mit Pegasus Airlines von Zürich über Istanbul nach Tbilisi hat bestens geklappt: guter Service ohne Luxus, günstiger Preis (Fr. 258.- + Fr. 60.- fürs Velo), und alles Gepäck inkl. in Schachtel verpacktes Velo einwandfrei angekommen. Am Flughafen in Tbilisi herrscht um 3 Uhr nachts Grossbetrieb; offenbar kommen viele Füge hier nachts an. Am Ausgang entdecke ich in der Menge einen Mann mit der Tafel für das SkyHostel, der mich hier abholen soll. Allerdings erwartet er auch noch 2 Israeli von einem späteren Flug. Mit deren Gepäck und meinem Velo ist sein Shiguli aber eindeutig zu klein. Kurzentschlossen organisiert er auf dem Vorplatz einen zweiten Fahrer für mich, und mit einigen Stricken gelingt es uns sogar, meine Fahrradschachtel auf dem kleinen Dachträger zu fixieren. In Tbilissi stoppen wir in einer dunklen Strasse inmitten von Erdhaufen und offenen Gräben und erreichen zu Fuss durch eine stockdunkle Passage schliesslich das Hostel, wo ich um halb fünf mein einfaches, aber sauberes Zimmer beziehe und gleich mal bis 11 Uhr durchschlafe.

Am Tag mache ich Bekanntschaft mit der internationalen Gästeschar: neben dem Paar aus Israel ein junger Iraner, der in Russland Holzhandel betreibt, aber wegen abgelaufenem Visum diesen nun von Tbilisi aus betreibt, eine junge Frau aus Moskau, die jeden Sommer einen Monat hier Ferien verbringt, und eine belgische Radfahrerin auf dem Heimweg von Australien. Mit ihrem Villiger-Velo war sie seit einem Jahr in Neuseeland und Australien und nun über Indonesien und via den Iran hier gelandet. Auf ihrem Programm steht nun eine Woche Kaukasus ohne Velo und dann Weiterfahrt durch die Türkei.

Auf meinem Programm steht heute Stadtbesichtigung. Bei Tag zeigt sich. dass in meiner Strasse sämtliche Werkleitungen neu erstellt werden und sich der dichte Verkehr mühsam zwischen Maschinen und Gräben hindurchzwängen muss. Über die Kura erreiche ich am gegenüber liegenden Westufer das eigentliche Zentrum der Stadt mit dem Rustaveli-Boulevard. Seit meinem ersten Besuch 1998 hat sich einiges verändert. Aus dem gigantischen „Iveria“-Hotel, in welchem damals wohl Hunderte Flüchtlingsfamilien aus Abchasien untergebracht waren, ist ein supermodernes Radisson-Hotel in Glas und Stahl geworden; die damals schon baufällig wirkende Hauptpost nebenan ist definitiv geschlossen, die gigantischen löffelähnlichen Tribünen-Bauten (damals vom Volk als“Andropovs Ohren“ benannt) sind verschwunden, das gemütliche Gartenrestaurant vor der Unterführung ist kahl und verlassen, ….dafür hat die Zahl von Souvenirläden, teuren Mode-Geschäften und Banken deutlich zugenommen. Den Freiheitsplatz (ehemaliger Leninplatz mit gleichnamiger Statue ..) beherrscht jetzt ein goldener St.Georg als Reiter auf einer hohen Säule. Per U-Bahn mache ich einen Abstecher zur Station Avlabari am Ostufer und einen Spaziergang zur riesigen

Tbilissi

Dreifaltigkeits- Kathedrale („Sviatoi Sameba“; angeblich die 3.-grösste Kathedrale der Welt!).Das 9 ha grosse Gelände umfasst auch ein Kloster und eine Theologische Hochschule und den Sitz des georgisch-orthodoxen Patriarchen. Die Kathedrale wurde 2004 fertiggestellt und vom Geschäftsmann Bidsina Iwanischwili finanziert, der ursprünglich den heutigen Staatspräsidenten Sakaschwili unterstützt hatte, ihn heute aber bekämpft und selber als Präsident kandidieren will, weshalb ihm die Regierung inzwischen Geldwäscherei vorwirft und auch die Staatsbürgerschaft aberkannt hat … das ist Georgien ! … Ich geniesse die grossartige Aussicht über die Stadt und den anschliessenden Gang durch enge Gassen und steile Strassen mit den typischen verschnörkelten Balkonen hinunter an die Kura mit den grossen Steinkuppeln und den reichverzierten Eingangsbereichen versetzen den Besucher am Gegenufer gefühlsmässig in den Orient. Leider reicht meine Zeit diesmal nicht für ein Bad, und so beschliesse ich den Rundgang durch die verwinkelten Strassen mit holprigem Kopfsteinpflaster und dichtem Abendverkehr zurück zum Freiheitsplatz und mit der U-Bahn zurück ins Marjanishvili-Quartier zu meinem Hostel. Nach den ausgedehnten Rundgängen und ohne Aussicht auf Gelegenheit, den eindrücklichen georgischen Gesang zu geniessen, drängt es mich nun auf den Start zur Schwarzmeer-Tour, weshalb ich beschliesse, schon am nächsten Tag die erste Etappe unter die Räder zu nehmen. Mit belgischer, iranischer und Moskauer Begleitung geniesse ich in einer lärmigen Restaurant-Halle ausgezeichnete Spezialitäten und guten Wein, alles grosszügig vom Holzhändler spendiert. Auf der Karte von Raphaèlle aus Belgien informiere ich mich am späten Abend noch über mögliche Nebenstrassen zu den bekannten verkehrsreichen Hauptstrassen mit den stinkenden Lastwagen. Und schliesslich funktioniert auch die Wasserversorgung endlich wieder einmal, so dass ich den Hauskomfort auch endlich nutzen kann.Tbilissi -Mzkheta – Gori (91 km)

 

Tbilisi – Mzcheta – Gori        ( 91 km )

Donnerstag, 1. September

Um halb acht schläft im Hostel noch alles, die Stadt scheint erst langsam zu erwachen. Gut für mich, denn so kann ich mit noch wenig Verkehr starten. Trotzdem nutze ich längs der Kura zu Beginn lieber noch den holprigen Fussweg, denn die motorisierten Frühaufsteher scheinen keine Geschwindigkeitslimiten zu kennen. Nicht immer ist die grösste Strasse auch die richtige, aber mit etwas Nachfragen gelange ich nach den Vorstädten schliesslich doch auf die Hauptstrasse gegen Mzcheta. Die Strasse ist sehr breit und lässt mir an der Randmarkierung reichlich Platz fürs Velo. Längs der Strasse stehen häufig Gemüse- und Obsthändler mit ihren hochbeladenen Autos neben einfachen Verkaufsständen. Nach 18 km verlasse ich die Schnellstrasse und erreiche auf der alten Verbindungsstrasse mit nur wenig Verkehr nach weiteren 4 km die Abzweigung nach Mzcheta. Da ich zeitlich gut drin bin, mache ich auch nochmals einen kurzen Besuch in dieser ehemaligen Hauptstadt des Iverischen Königreiches. Die Gegend um die Svetizchoveli-Kathedrale ist historisierend restauriert und wirkt mit den pseudo-griechischen

Die Kura bei Mzcheta

Verwaltungsgebäuden ziemlich steril. Neben dem Haupteingang döst ein alter Panduri-Spieler vor sich hin und begleitet damit seinen immer gleichen Gesang, sobald irgendwo ein Tourist sichtbar wird. Beeindruckend bleibt aber die Kirche aus dem 11. Jh. innerhalb der alten Festungsmauern, in welcher über Jahrhunderte die georgischen Könige bestattet worden waren. Die Mauern sind von den vielen Kerzen teils russgeschwärzt, das zentrale Ikonen-Bild ist in der Mitte durch die vielen Küsse der Wallfahrer kaum mehr erkennbar. Ich kaufe etwas Gebäck, Fruchtsaft, Yoghurt und Wasser als Wegproviant und nehme wieder die alte Hauptstrasse Richtung Westen flussaufwärts unter die Räder. Sie ist entgegen den Warnungen in Tbilisi sehr gut: mit Ausnahme von 5 km  durchgehend Belag und je länger desto weniger Verkehr. Dafür auch je länger desto weniger Bäume und bei zunehmendem Gegenwind bei bis zu 34 Grad heiss . In jedem Dorf hänge ich wieder eine frische Literflasche Wasser in die Halterung am Velo. Und in einem Dorf steckt mir ein Nachbar nach langer Unterhaltung auch noch gleich einen halben Liter Samogon (selbstgebrannter Wodka) zu, damit ich auch noch ein drittes Mal nach Georgien kommen solle. Ohne davon versucht zu haben rutsche ich auf der kurzen asphaltfreien Strecke im losen Schotter auch noch aus, aber abgesehen von kleinen Schürfungen bleiben Nachwirkungen für mich und das Velo aus. Ziemlich geschafft von der Hitze erreiche ich gegen 16 Uhr nach 90 km die Stadt Gori, Geburtsort von Josip Dshugashwili, dem späteren Stalin. Auf dem grosszügigen Stalin-Boulevard mit schönen Wohn- und Geschäftshäusern fahre ich bis zum Stalin-Geburtshaus mit dem grossen Museum. Hier ist aber alles verlottert und statt dem früheren monumentalen Standbild steht nur noch eine kleine Statue Stalins vor dem geschlossen wirkenden Museum mit dem daneben aufgestellten Eisenbahnwagen des ehemaligen Priesterschülers. Der riesige Platz im Stadtzentrum vor dem Rathaus wirkt ohne die 2010 bei Nacht und Nebel entfernte monumentale Stalin-Statue noch verlassener als sonst. Das grosse Intourist-Hotel nebenan ist nicht mehr in Betrieb, aber im Hotel Victoria als offenbar einziges offenes Hotel der Stadt finde ich für 80 Lari (etwa 40 Franken) ein grosses Zimmer mit Balkon und funktionierendem Bad. Höchste Zeit für eine Wäsche! Mit Chatschapuri, griechischem Salat (der sich als Pouletsalat mit etwas Tomaten und Gurken erweist) und viel kühlem Bier stärke ich mich für die morgige Etappe nach Borjomi und in die Berge des kleinen Kaukasus. Wenigstens wird es dort etwas kühler sein und zudem mit Wald auch wieder schattiger.

Gori -Khashuri – Borjomi     (88 km)

Freitag, 2. September  

Nachdem die Hotelleitung meine Zimmernachbarn erst gegen Mitternacht durch Gewaltandrohung dazu bewegen konnte, den dröhnenden Fernsehapparat mit Action- und Kriegsfilmen stillzulegen, fand ich doch noch genügend Erholung für die neue Etappe. Also wieder zuerst Proviant besorgen und dann westwärts aus der Stadt hinaus. Von den russischen Bombardierungen vor 3 Jahren habe ich bisher nichts mehr gesehen. Auf einer alten Strasse ohne Verkehr geht es zunächst gemütlich westwärts. Ein Schafhirt erklärt mir, dass diese Strasse aber nur noch bis zur neuen sehr verkehrsreichen Hauptstrasse gehe. Leider endet sie dann aber gut 100 m unterhalb, so dass ich das Velo mit 17 kg Gepäck eine steile Wiese hochschleppen muss. . Die schon teilgeöffnete Autobahn mündete nach 10 km auch wieder in eine schmale Hauptstrasse, so dass ich mich angesichts der vielen Lastwagen für die Abzweigung nach Kareli und von dort aus für die zwar längere, aber sicher ruhigere Nebenstrassse entscheide. Diese ist tatsächlich sehr ruhig, denn 3 km nach Kareli gibt es nur noch Schotter, und Autos würden auf dieser Schotterpiste sicher nicht freiwillig fahren. Dafür stoss ich gleich zu Beginn bei Samtsevrisi auf ein kleines Kloster und auf dem daneben liegenden Hügel eine kleine, leider geschlossene Kirche aus dem 7.Jh. mit angrenzendem Friedhof, wo im hohen dürren Gras die Gräber kaum mehr sichtbar sind. Ein wunderbarer Aussichtspunkt mit Blick über das Tal der hier stark mäandrierenden Kura. Glücklicherweise zeigen mir Arbeiter den richtigen Weg, denn Wegweiser und Ortstafeln sind in Georgien abseits der wenigen Hauptachsen offenbar unbekannt. Hier sind nur Einheimische unterwegs, und die wissen schliesslich, wo sie sind. Und so geht es durch die Ebene holprig weiter. In den wenigen Dörfern wechselt der Schotter gelegentlich mit Schlamm ab, denn in der letzten Nacht hat es wieder stark geregnet. Nach 25 km Schotter freue ich mich vor Khashuri trotz Aussicht auf starken Verkehr wieder so richtig auf den Asphalt. Glücklicherweise geht die Hauptverkehrsachse ab hier nordwestwärts weiter über Kutaisi zum Schwarzen Meer. Die Strasse zu meinem Tagesziel Borjomi dagegen führt mit mässigem Verkehr 7 km schnurgerade aus der heissen Ebene nun langsam ansteigend in ein idyllisches Tal mit Wald und angenehmen Temperaturen. Die Kura ist hier wieder ein wilder Fluss mit Stromschnellen, und jede Kurve bringt neue interessante Bilder. Qualmende Schaschlik-Buden am Strassenrand locken mit ihrem Duft, ich erwarte noch einige Steigungen und zwinge mich darum zum Verzicht. Borjomi kündigt sich als erstes mit einer grossen Quelle am Strassenrand an, über welcher auf einer riesigen Betonüberdeckung in noch knapp sichtbaren Reliefformen der Ruhm des bekannten  Mineralwassers verkündet wird, das bis 1989 in der ganzen Sowjetunion Verbreitung fand. Kurz nach halb fünf erreiche ich im hier nun engen Tal den Kurort. Hotels und Pensionen säumen die Hauptstrasse, aber viele scheinen geschlossen. Der Kurort, der einst die ganze Sowjetunion mit seinem Mineralwasser belieferte, rappelt sich erst langsam wieder auf. Auf der Tourist-Info erscheint erst nach einer halben Stunde wieder jemand, vermittelt mir aber nach meinen Wünschen gleich sehr freundlich eine Privatunterkunft in der Nähe, und die Vermieterin holt mich gleich hier ab. Inga Sergia wohnt mit Schwiegertochter Regina und dem 4-jährigen David in einer kleinen Wohnung. Der arbeitslose Sohn wartet bei den Schwiegereltern in Tbilisi auf Arbeit. Das Wohnzimmer der kleinen Wohnung wird zu meinem Schlafzimmer, das Velo hieve ich über die steile Treppe auf die kleine Veranda vor der Wohnung, wo es sicher sein soll. Nach einer kurzen Dusche in einem Verschlag auf der Veranda statte ich zur Besichtigung des „Mineralwasser-Parks“, dem historischen Freizeit- und Vergnügungszentrum dieses Bäderortes. Bilder rufen die Glanzzeit des Ortes um 1900 in Erinnerung, während einige der historischen Bauten offenbar seit Jahren geschlossen sind. Ein Teil der Vergnügungsanlagen ist verrostet, und aus dem erhofften Bad im neuen Badehaus wird heute auch nichts: geschlossen (wahrscheinlich „na remont“ wie so vieles in der ehemaligen SU). Trotzdem hat es sehr viele georg. Touristen. Immerhin sind offenbar verschiedene Restaurierungen geplant, und eine neuzeitliche Glas-und Stahlkonstruktion schützt die öffentlichen Mineralwasserbrunnen inmitten bunter Blumenanlagen. Bei einbrechender Dämmerung vergnügen sich Feriengäste mit Kindern auf den Spazierwegen und Spielplätzen. Mit einer wahrscheinlich aus den 60-er Jahren stammenden Seilbahn, die bei uns wohl schon seit 20 Jahren keine Bewilligung mehr erhalten hätte, wage ich auch einen kurzen Ausflug zum darüber liegenden Restaurant mit Aussicht, kehre aber bald wieder zurück, da mir Inga ein einfaches Nachtessen zubereiten will.n kleinen Tisch in der Küche serviert sie mir einen kräftigen Borschtsch, Früchte und Tee und erzählt aus ihrem Leben als ursprüngliche Chemikerin und spätere Bauingenieurin. Sie ist Russin und seit langem ohne Arbeit. Die sehr bescheidene Pension ergänzt sie mit gelegentlicher Zimmervermietung. Im Winter reicht das Geld meistens nicht zum Kauf des nötigen Brennholzes. Der Sohn war in Tbilisi am Konservatorium und machte anschliessend die Polizeischule. Als Untersuchungsbeamter sei ihm bei einem Überfall die Pistole gestohlen worden, worauf er entlassen worden sei und seither vergeblich neue Arbeit suche. Die Schwiegertochter lebe mit ihrem Sohn hier billiger als in der Hauptstadt. Und im übrigen seien die Politiker hier alle korrupt und der Präsident Sakashvili aus der kürzlich erfolgten Wahl nur durch Betrug und Bestechung als Sieger hervorgegangen. Beim einfachen Nachtessen erfahre ich im Laufe des langen Abends, was der Zerfall der SU für viele einfache Menschen bewirkte und immer noch bewirkt. Zum Ende des langen Abends spiele ich auf ihren Wunsch noch einige Zeit auf dem inzwischen etwas verstimmten Klavier in „meinem“ Zimmer. Die Unterkunft kostet 40 Lari (ca. 24 Franken), fürs Nacht- und Morgenessen will Inga nichts. Ich bezahle ihr trotzdem 50 Lari und scheine ihr damit seit einer

Borjomi: Blick aus der Seilbahn auf das Bäder-Viertel

Ewigkeit die grösste Freude zu machen.

Von der Tourist-Info habe ich erfahren, dass die Schmalspurbahn in den Wintersportort Bakuriani auch Velos transportiert. Ich ändere deshalb meine Pläne für den nächsten Tag: statt auf der Hauptstrasse direkt weiter Richtung Batumi will ich von Bakuriani aus (ca. 1700 m) über den Tskhratskharo-Pass (2450 m) nach Akhalkalaki in der Nähe der armenischen Grenze und von dort aus am folgenden Tag die berühmte Felsenstadt Vardzia besuchen.

 

Borjomi – Bakuriani – Akhalkalaki (57 km)

Samstag, 3. September

Nachts hat es stark geregnet, um 6 Uhr ist alles verhangen. Laut Tourist Info fährt ein Zug um 07.15 Uhr, der zweite um 14 Uhr. Aber um 7.15 kommt am Bahnhof kein Zug: Fahrplanwechsel; der einzige Zug fährt seit dem 1. September um 11 Uhr und hätte 3 Stunden für die 25 km lange Strecke. Damit wäre ich definitiv zu spät! Zusätzliche 850 m auf dem Velo mit Gepäck scheinen mir aber auch zu viel, aber vielleicht kann eines der herumstehenden Taxis mein Velo auch noch einladen. Und ausgerechnet derjenige Fahrer mit dem kleinsten Auto (und gesprungener Frontscheibe) will das gleich übernehmen! Mit vereinten Kräften können wir das Velo auch so durch die Hecktüre schieben, dass sein Schwerpunkt innerhalb des Autos bleibt. Für 30 Lari inkl. einem Abstecher zum in einem Seitental versteckten Kloster Kimotesubani führt er mich nach Bakuriani hinauf und zeigt mir dort den Beginn der Strasse, nachdem ich sein wiederholtes Angebot, mich für 20 Lari auch noch gleich auf den Pass hinauf zu führen dankend abgelehnt habe. Entgegen allen Infos am Bahnhof Borjomi und bei der Tourist-Info ist es natürlich nicht Asphalt, sondern Schotter mit Löchern ohne Zahl und nach dem vergangenen Regen auch mit viel Schlamm. Aber der Himmel ist jetzt tiefblau, also nix wie los!

Im Slalom geht es um viele Löcher, dazwischen auch mitten durch tiefe Pfützen aufwärts, zunächst durch Wald, dann durch offene Weiden an der Sonne. Nur ganz selten kommt mir ein Auto entgegen, entweder alte russ. Kleinlaster oder moderne Offroader. Nach 3 Stunden empfängt mich auf dem Khrazkaro- Pass (2540m) ein kühler Wind und die Polizei, die alles wissen will, meine Ausweise kontrolliert und alle meine Auskünfte und Daten in ein Kontrollbuch eintträgt. Auf meine Testfrage, woher die durch Warntafeln ersichtliche Pipeline komme, bekomme ich als einzige Antwort: „Auskunft geben verboten“ .Dabei hat mir ein Arbeiter bereits weiter unten bereitwillig erklärt, dass es sich um die mit amerikanischer Hilfe erstellte Leitung Baku (Aserbeidschan) – Ceyhan (Türkei) handelt. So ist Georgien!

Die Landschaft hat sich ab dem Pass schlagartig verändert: nach den tiefen Tälern mit viel Wald im Norden öffnet sich nach Süden eine fast waldlose Region mit sanften, oft vulkanartigen Hügeln und einzelnen tief eingeschnittenen Tälern. Eine Landschaft, wie ich sie aus Bildern von Armenien in Erinnerung habe. Schaf- und Ziegenherden mit berittenen Hirten erinnern an Kyrgistan, nur dass die Familien hier oben statt in Jurten in grossen aus Tüchern und Plastikplanen zusammengeflickten Zelten wohnen.

armenische Landschaft in Georgien

Auf der Weiterfahrt geht es mit wenig Gefälle in eine weite Ebene hinab. Die „Strasse“ ist so schlecht, dass ich oft kaum schneller als beim Aufstieg fahren kann und gelegentlich lieber quer über die Weiden abkürze. In der weiten Ebene tauchen erste verstreute Dörfer und einige Waldflächen auf, die mit ihren strengen Abgrenzungen deutlich als künstliche Aufforstungen zu erkennen sind. Im ersten Dorf sind Familien mit Eselkarren unterwegs, die Strasse versperrt eine knatternde und qualmende Dreschmaschine, die von Männern und Frauen mit frisch geschnittenem Weizen gefüttert wird.

Nach endlos scheinender Fahrt auf breiter Schotterspiste und schliesslich doch auch noch löchrigem Belag erreiche ich gegen 16 Uhr die Hauptstrasse am Paravani-Fluss bei Akhalkalaki und kann mich rechtzeitig in einer verlassenen Tankstelle vor einem Riesengewitter schützen. Da der Regen aber nicht enden will, verzichte ich für heute auf Weiterfahrt und Zeltnacht und fahre im Regen in die Stadt hinauf auf Hotelsuche. Nach Auskunft von zwei Polizisten soll es ja dort sehr viele Hotels haben. Das einzige (Art&Seg, ul. Mashtots 31), das ich nach mehrmaligem Nachfragen schliesslich finde, wirkt von aussen bei diesem Regenwetter recht heruntergekommen, ist im Innern aber stilvoll zurecht gemacht. 80 Lari scheint mir zwar viel, aber mangels Alternative sage ich zu. Das Zimmer ist geräumig, und nach gründlicher Erläuterung der dafür nötigen Tricks funktioniert sogar die WC-Spülung gelegentlich. Also Duschen, Wäsche machen und dann schnell auf einen Rundgang, bevor es dunkel wird. Die Stadt wirkt bei diesem Wetter trostlos, die vielen Marktstände sind schon abgeräumt, in den Strassen mit den riesigen Pfützen nur noch wenige Passanten, viele baufällige Häuser, die grosse armenische Kirche verschlossen. Auffallend sind die vielen armenischen Beschriftungen, die Statuen mit armenischen Inschriften und die dreisprachigen Strassenschilder: georgisch, armenisch, russisch. Im ursprünglich von Georgiern bewohnten Gebiet wurden nach dem russisch-türkischen Krieg 1829 Armenier aus der Türkei hier angesiedelt und die georgische Bevölkerung zog grösstenteils weiter nordwärts. Heute sind gut 90% der Bevölkerung ethnische Armenier. Neben den armenischen Schulen soll es aber immer noch je eine georgische und eine russische Schule geben.

Da kein anderes Restaurant zu finden ist, kehre ich mit etwas Zwischenproviant für den folgenden Tag ins Hotel zurück und lasse mir dort im leeren Restaurant die vom Wirt angebotene gebratene Forelle mit dem üblichen „Salat“ (Gurken- und Tomatenstücke, grüne Paprika, Salz) servieren. Und beim Einschlafen plätschert der verlöcherte Dachablauf vor meinem Fenster unnachgiebig weiter…

Akhalkalaki – Vardzia – Akhaltsikhe    (137 km)

Sonntag, 4. September

Am Morgen ist immer noch alles nass, dicke Wolken und Nebel dämpfen die Vorfreude auf den neuen Tag. Ein knappes Hotelmorgenessen, eine kurze Rundfahrt durch die erwachende Stadt, und um 8 Uhr geht’s in leichtem Nieselregen los. Hier auf rund 1700 m ist es noch bergig kühl, aber auf der Fahrt talabwärts neben dem rauschenden Paravani künden erste blaue Flecken doch schon wieder einen besseren Tag an. In den steilen Felswänden an den Talflanken sind immer wieder grössere und kleinere Öffnungen sichtbar, Reste von früheren Felsen-Wohnungen. Nur selten sieht man vereinzelte Häuser oder eher Hütten. Eine dieser kleinen Siedlungen ist mit einem alten Eisenbahnwagen als Brücke über den Paravani erschlossen. Das offenbar noch intakte Dach bietet zwar komfortablen Schutz, dafür erweckt der löchrige Boden keinerlei Vertrauen.

Bei der mächtigen Burg von Khertvisi muss ich mich entscheiden, ob ich den Aufstieg nach Vardzia wirklich auf mich nehmen will. Ausflugsbusse fahren nur ab Borjomi, und 17 km wieder aufwärts mit Gepäck lassen meine Motivation schrumpfen. Aber gerade im rechten Moment taucht eine Marschrutka auf, die ich stoppen kann. Der Fahrer ist einverstanden, auch mein Velo komplet  einzuladen, und so kann es eingeklemmt zwischen Velo und Sitzbank im VW-Bus einigermassen gemütlich losgehen. Unterwegs werden auch noch 8 Arbeiter auf den vorderen Sitzbank geklemmt, aber diese scheinen sich an meinem Platzbedarf gar nicht zu stören. Unterwegs zeigt der Fahrer noch seine Fremdenführer-Qualitäten und weist mich manchmal gleich mit beiden Händen auf ein Kloster oder alte Höhlen hin. Für bescheidene 3 Lari komme ich so nach 17 km in Vardzia an. Bereits vom Parkplatz aus ist die grosse Felswand mit den vielen aus und in den Fels gehauenen

Die Höhlenstadt Vardzia (12.Jh.)

Wohnungen dieser im 12. Jh. als Grenzfestung gegen Türken und Perser erbauten Höhlenstadt sichtbar. Auf einem Rundgang, teilweise durch steile dunkle Treppengänge und über ausgesetzte Terrassen kann ich viele dieser insgesamt noch gut 700 einzelnen Wohnhöhlen, Kirchen und Lagerräumen besichtigen. In einem Teil befindet sich immer noch ein bewohntes Kloster. Insgesamt eine sehr beeindruckende Anlage! In erfrischender Fahrt geht es auf dem Velo wieder zurück nach Khertvisi und weiter talabwärts gegen Akhalcikhe. Grosse Lastwagen kriechen in der Gegenrichtung bergaufwärts, vermutlich vor allem mit Ziel Armenien, denn diese Strasse ist die wichtigste Verbindung für das durch die benachbarten Länder Aserbeidschan und Türkei eingeschlossenen Binnenlandes. Ich bin froh, dass ich mit sehr wenig Verkehr in die Gegenrichtung fahren kann. Allmählich wird es nun flacher, zunehmend auch durch kleine Wälder, aber immer wieder geht es kurvenreich und eng zwischen steilen Bergen hindurch. Mehrmals wechselt feuchte Wärme mit kurzen Gewittern ab. Gegen 15 Uhr erreiche ich nach einer kurzen Steigung die Stadt Akhalcikhe und damit auch wieder meine ursprünglich geplante Route Borjomi – Batumi. Ein gewaltiger Wolkenbruch

verwandelt alle Strassen in kleine Bäche. In einer leeren Garage nutze ich die Zeit für ein Picknick und reinige mit einer alten Zahnbürste Kette und Zahnkränze vom Dreck der letzten Tage. Ein Mann gegenüber empfiehlt mir sein Hotel für die Nacht, aber ich möchte eigentlich noch weiter bis Zarzma vor dem Goderzi-Pass und erst dort im Zelt oder einer Privatunterkunft übernachten. So fahre ich nach 16 Uhr weiter und wundere mich erst nach einer guten Stunde, dass die Sonne zwischen den Wolken nun statt vor mir eben in meinem Rücken zum Vorschein kommt. Ein Vergleich zwischen einer alten Ortstafel und meiner Karte bestätigt leider den Verdacht: ich habe statt der Strasse gegen Batumi diejenige zurück Richtung Borjomi erwischt; irgendwo am Stadtrand musste ich eine Abzweigung verpasst haben, und Wegweiser sind hier eben wirklich eine Rarität. Also 25 km zurück und dann eben doch in besagtem Hotel übernachten. Mit dem „Mirage“ kann ich aber sehr zufrieden sein: kleine 2-Zimmerwohnung mit funktionierender Dusche für 50 Lari, Möglichkeit zum Veloreinigen im grossen Innenhof, und nach kurzem Stadtrundgang im dazugehörigen Restaurant für 16 Lari eine kräftige Fleischsuppe, den üblichen Salat, ein gutes Chatschapuri aus der Pfanne, 3 Glas Wein und kräftigen türkischen Kaffee. Also bestens gerüstet für den zweiten Anlauf Richtung Batumi!Akhaltsikhe – Goderzi – Batumi   (181 km)

Akhaltsikhe – Goderzi-Pass – Batumi    (181 km)

Montag, 5. September

Nach einem Morgenessen mit viel von dem scharfen einheimischen Käse geht es bei leichtem Nieselregen zum zweiten Mal los, und zuerst doch wieder auf der falschen Strasse. Nach der gestrigen Erfahrung frage ich aber rechtzeitig und finde so schon nach 500 m tatsächlich den richtigen Weg. Sonne und leichter Regen wechseln sich ständig ab. Wieder leichtes Auf und Ab, sehr wenig Verkehr, grösstenteils guter Belag. In Adigeni decke ich mich nochmals mit Fruchtsaft, Yoghurtdrink und Wasser ein. Im kleinen Laden serviert mir die Inhaberin an einem wackligen Tischchen einen türkischen Kaffee. Ja, dies sei die Strasse nach Batumi, kein Problem, wird mir nochmals bestätigt, also kein Problem. Aber schon hinter den letzten Häusern ist fertig mit Belag, statt dessen eine zwar breite „Strasse“, aber die Hälfte der Oberfläche besteht aus Wasserlöchern, der Rest aus einem Gemisch von Kies und Schlamm. Nach 6 km wird das Tal enger, die Strasse plötzlich steil. Dank der Steigung gibt es nun zwar keinen Schlamm mehr, dafür groben Schotter und tiefe Gräben. Ein alter Mann bestätigt mir, dass es sich bei den zwischen den Bäumen am Hang sichtbaren Häusern um Zarzma handelt, hier hätte ich wohl kaum eine Unterkunft gefunden, und zum Zelten hätte es auch kaum einen trockenen flachen Fleck gegeben. Die falsche Route am Vortag war also im Rückblick ein echter Glücksfall gewesen! In steilen Kurven geht es durch Wald aufwärts, das Fahren ist auf der ruppigen Strasse oft nur noch knapp möglich. Bei 2 Verzweigungen kann ich nur auf Grund von Fahrspuren vermuten, welches wohl die richtige Fortsetzung sein sollte, zum Glück aber immer mit Erfolg. Trotz aller Anstrengung fasziniert die Landschaft mit Wald, ganz seltenen Weiden und tief eingefressenen Bachgräben. Nach zweieinhalb Stunden lichtet sich der Wald und verstreute Häuser werden sichtbar: die weitläufige Sommersiedlung am Goderzi-Pass. Damit habe ich auch bereits die formell „autonome Republik Adscharien“ erreicht, die dank grossen Zugeständnissen im Gegensatz zu Abchasien und Süd-Ossetien heute wieder friedlich innerhalb Georgiens weiterbesteht. Viele der Häuser sehen aus, wie wenn sie den nächsten Sturm nicht überstehen würden, aber fast alle sind bewohnt. Auf der ganzen Strecke ab Zarzma habe ich 5 Autos angetroffen, die oft auch nur im Schrittempo vorwärts kamen. Auf der Passhöhe (2024 m) treibt mir ein kalter Wind dichten Nebel entgegen, und ich bin froh, mich in der gemütlichen Holzbaracke ausruhen zu können. Der Wirt empfiehlt mir ein „Borano“, eine fettreiche Bouillon mit grossen Klumpen des besonderen adscharischen Käses. Das ist wirklich sehr gut, auch wenn die Kinder am Nebentisch herzhaft lachen müssen, weil ich eben nicht so genau weiss, wie man das genau essen soll. Der vom Wirt offerierte Wodka heizt zusätzlich ein, so dass ich gegen 15 Uhr frisch gestärkt zur Abfahrt starten kann. Diese ist allerdings nur wenig erholsamer als der Aufstieg, denn der Strassenzustand erfordert grösste Konzentration und erlaubt auch hier oft nur Schrittempo, wenn ich nicht plötzlich im Strassengraben landen will. Allmählich häufen sich die Häuser, einzeln kleine Dörfer kleben an den steilen Hängen, und schlanke Minarette weisen auf die stark vertretene muslimische Minderheit und die osmanische Vergangenheit Adschariens hin. Erst nach 35 km treffe ich in Khulo endlich wieder auf gute Asphaltstrasse. Der Hauptplatz ist um halb sechs Uhr vollgestopft mit Marschrutkas, die die Arbeiter aus den Betrieben an der Küste heim bringen. Von hier an wird die Fahrt wieder zum Genuss, aber allmählich beginnt es zu dämmern. Zum Glück habe ich mit dem Nabendynamo vorzügliches Licht, so dass ich auch nach 20 Uhr mit guter Sicht auf die Strasse fahren kann. Ich möchte wirklich noch bis Batumi gelangen, um den folgenden Tag vollständig mit Besichtigen und Faulenzen geniessen zu können. Nochmals ein Zwischenhalt in Adscharis Kali mit Cola und Schokolade als Stärkung, und gegen 22 Uhr erreiche ich die Küstenebene und nach 6 km auf einer 4-spurigen Strasse das hell erleuchtete Batumi. Ein junges Paar erklärt mir den Weg zum Guesthouse an der Melikishveli 97, das ich in der dunklen Strasse über offene Leitungsgräben trotz fehlenden Hausnummern schliesslich nachts um elf Uhr auch finde. Weil das Wasser in der Dusche wegen den Bauarbeiten nicht funktioniert, hilft mir die Hausherrin mit einem Kessel heisses Wasser aus, und so kann ich wenigstens den groben Dreck abwaschen, bevor ich nach Mitternacht zufrieden einschlafe. Nach 181 km seit dem Morgen mit 1550 aufwärts und 57 km Schotter freue ich mich nur noch aufs Bett und das morgige Faulenzen.

Batumi

Dienstag, 6. September / zu Fuss und per Velo

Ein wohltuender Start in den Tag: Ausschlafen bis 9 Uhr, dann erst einmal gründliche Kleider-Wäsche und anschliessend Velo-Wäsche im Hof des einfachen Guesthouse. Dazu lasse ich mich vom Patron etwas über das aktuelle Adscharien aufklären: von der Autonomie ist kaum mehr etwas spürbar, seit dem Sturz des selbstherrlichen Präsidenten Abaschidse 2004 ist die Provinz praktisch mit den übrigen Provinzen gleichgestellt, der Präsident wird auf Vorschlag des Staatspräsidenten gewählt und Parlamentsbeschlüsse können von Tbilisi zurückgewiesen werden. Die zeitweiligen Grenzkontrollen zum übrigen Georgien bestehen nicht mehr, und vor allem die Küstenregion um Batumi boomt dank Investoren aus der Türkei und aus Deutschland.

Dies bestätigt denn auch meine Velo-Sightseeing-Tour durch die Stadt: überall moderne oder pseudogriechische Neubauten und viele exklusive

das moderne Batumi

Geschäfte, riesige Hotels (Sheraton, Radisson, Imperial, …), an der mehrerer Kilometer langen Strandpromenade mit separaten Bereichen für Flaneure und Velofahrer, Restaurants, Parks, bombastische Appartement-Blocks und Vergnügungsanlagen, am Abend in bunter Beleuchtung und mit lauter Musik. Als neueste Errungenschaft ist gerade auch ein gegen 100 Meter hoher Turm im Bau, der einfach die georgischen Buchstaben zeigt. Im Stadtzentrum gibt es wenigstens noch einen Bereich mit Gassen aus Kopfsteinpflaster und den hübschen 2-stöckigen Häusern aus früherer Zeit, aber auch hier drängen sich schon einzelne moderne mehrgeschossige Häuser dazwischen. Erholsam auch das alte Hafengebiet, wo am Quai Männer jeden Alters ihr Fischerglück versuchen.

Ich beziehe an einem Bancomat wieder 140 Lari für meine restliche Zeit in Georgien, beschliesse den Nachmittag in der Abenddämmerung mit einem Bad im 22 Grad warmen Meer lasse in beginnender Nacht noch die Ferienatmosphäre auf mich einwirken. Die Rückkehr im dichten Verkehr aus den von (georgischen) Touristen belebten Bereichen zu meinem Guesthouse in der dunklen Strasse ist trotz der kurzen Distanz wieder wie ein Schritt in eine andere Welt. Morgen geht es ja dann schon auf die letzte Etappe in Georgien (politisch hier absolut unkorrekt, aber wahr!)

Batumi – Poti – Zugdidi (141 km)

Mittwoch, 7. September    

Die Wasserversorgung funktioniert wieder mal nicht, also starte ich ungewaschen. Als Morgenessen genehmige ich mir in einer türkischen Bäckerei Schoko- und Vanillegebäck mit kräftigem Kaffee. Mangels Wegweisern folge ich einfach dem Hauptverkehr, lande aber vorübergehend doch noch in einem kleinen Dorf vor den dichtbewaldeten Berghängen. Die richtige Hauptstrasse direkt am Meer hat auf den ersten Kilometern sogar noch einen separaten Radstreifen direkt am Wasser, aber nach Adzankauri geht es auch hier aufwärts und schliesslich durch einen 600 Meter langen neuen Tunnel. Meine Freude, damit die Hügelkette elegant unterfahren zu haben erweist sich als Trugschluss, denn nach einer kurzen Strecke wieder flachen Strecke folgen wieder zwei kurze, aber steile Aufstiege auf der alten engen und kurvenreichen Hauptstrasse. Die Reste der zu sowjetischer Zeit bedeutenden Teepflanzungen von Chakvi, die schon 1998 nur noch teilweise gepflegt waren, sind nun total verwildert oder auch schon ganz umgegraben. In der letzten Abfahrt vor Kobuleti taucht am Strassenrand die Hinweistafel auf Petra-Tsikhe auf. Die von Kaiser Justinian im 6.Jh. gegründete Stadt Petra lag 50 m über dem steilen Ufer und beherrschte bis weit über das Mittelalter hinaus das östliche Schwarze Meer. Byzanz und die Perserreiche führten Kriege um diese Festung. Vom bis ins 19. Jh. wichtigen Handelsplatz sind nur noch imposante Mauerreste übrig, aber der Platz bietet eine grossartige Sicht über die hier beginnende riesige Küstenebene der Kolchis.

In Kobuleti mache ich kurz Kaffeehalt, und dann folgen dem Strand entlang zunächst luxuriöse, allmählich aber immer einfachere Hotels und

ein Vergnügungspark soll es werden . . .

Ferienhäuser zwischen häufig parkähnlichem Föhrenwald. Die Ferienregion lockt offenbar weitere Investoren an: in einer weiten Ebene entsteht ein riesiger Vergnügungspark, der wohl zu einem Disney-Land heranwachsen soll. Geld ist vorhanden, aber offenbar nicht dort, wo die wirklichen Probleme zu lösen wären ..

Zu meiner Freude folgt aber immer mehr wieder offene, unverbaute Landschaft, ab und zu ein träge sich zum Meer windender Fluss und nur selten einige Häuser. Eine riesige Plastik mit 3 mächtigen weissen Händen, die einen Mann zu bedrohen scheinen, kündigt die nahe Stadt Poti an. Entgegen meiner Meinung, dass damit wohl der „Angriff“ Russlands auf Georgien von 2008 symbolisiert werden soll, sei aber falsch; das Denkmal heisse „Die Welle“, gemeint seien Meerwellen (?), klärt mich in Poti ein Mann auf. Die wichtige Hafenstadt wurde 2008 ebenfalls bombardiert und vorübergehend besetzt, im Zentrum erinnert ein Denkmal an die Toten hier. Der grosse Hauptplatz mit dem Verwaltungsgebäude im russischen Stil wirkt baufällig, einige Häuser scheinen demnächst zu verfallen. Aber daneben ist ein modernes Stadttheater im Bau, und gegenüber beherrscht eine nicht ganz fertiggestellte Kopie der Alexander-Newski-Kathedrale von Sofia. Beim Picknick auf einer Parkbank nebenan unterhalte ich mich mit einem Mann: 58-jährig, Buchhalter, wie ein Viertel der Männer seit Jahren arbeitslos, enttäuscht von allen Politikern seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und deshalb den „guten Zeiten“ nachtrauernd, ohne Hoffnung auf bessere Zeiten aber irgendwie sich durchschlagend.

Um 14 Uhr geht es weiter auf der Hauptstrasse Richtung Kutaisi und Tbilisi; eine dank Alleebäumen schattige und trotz ihrer Bedeutung jetzt eher verkehrsarme Strasse durch weites Ackerland mit Mais, Kartoffeln, Gemüse und Obst. Nach knapp 20 km wähle ich in Chaladidi die Abkürzung nach Norden und habe die nächsten 15 km fast für mich allein. Die gute Asphaltstrasse durch wenige kleine Dörfer beherrschen Schweinen, Ziegen und Kühe, die sich weder durch mich noch durch die seltenen Autos aus der Ruhe bringen lassen. In Khobi stosse ich wieder auf die Hauptstrasse und erreiche nach 18 Uhr Zugdidi, die Hauptstadt des ehemaligen Fürstentums Mingrelien .Da die Schaltung wegen Dreckresten der vergangenen Etappen immer wieder spukt, lasse ich bei einer der vielen kleinen Autowasch-Anlagen zuerst einmal das Velo gründlich reinigen. Die beiden Burschen lassen es sich nicht nehmen, für die 3 Lari zum Schluss sogar noch eine Schaum- und Hochglanzbehandlung zu machen. Ein Taxifahrer macht mir eine Skizze zum Zugdidi-Hostel, das ich über dunkle Schotterstrassen nach einigen Umwegen schliesslich finde. Ein zweistöckiges Wohnhaus mit Garten, für mich im EG ein einfaches, gemütliches Zimmer und Zugang zu Küche sowie Dusche/WC mit Waschmaschine. Als Freund von Regina, der jungen Betreiberin taucht überraschend auch wieder Giorgi auf, den ich in Tbilisi schon als Eigentümer des dortigen Hostels kurz kennengelernt hatte. Er arbeitet offenbar bei der hiesigen Verwaltung und träumt als Hobby-Pilot mit eigenem Kleinflugzeug bereits von einer eigenen Fluglinie. Frisch geduscht mache ich mich zu Fuss ins Stadtzentrum auf zum empfohlenen Restaurant „The Host“ mit georgischen Spezialitäten. Es ist zwar sehr laut, aber das Essen vorzüglich und günstig. Neben mir ist ein Familientreffen im Gange, am anderen Tisch haben einige Burschen mit offenbar reichlich Geld ein Gelage. An allen Tischen fliesst vor allem auch viel Wodka, ohne dass aber Betrunkene auffallen. Sobald die Musik von World-Pop auf Einheimisches wechselt, machen auch viele Gäste in den traditionellen Tänzen mit. Ein unscheinbarer Bursche vom Nebentisch zeigt sich als wahrer Künstler und wirbelt unter Anfeuerung der Gäste auf dem Boden herum, dass man kaum mehr sieht, wo Arme und Beine sind. Schade, dass ich das nicht filmen kann! Zurück im Hostel beschliesse ich den Abend mit Giorgi und zwei Touristinnen aus Slowenien im gemütlichen Gemeinschaftsraum bei Wein und Wasserpfeife.

Zugdidi – Inguri (Grenze) – Zugdidi      (35 km)

Donnerstag, 8. September

Um 8 Uhr geht es los, zuerst ins Stadtzentrum zu Kaffee und Gebäck, dann eine kleine Stadtrundfahrt und schliesslich auf die Hauptstrasse Richtung Inguri-Fluss, der seit 1992 die faktische Grenze zur abtrünnigen Republik Abchasien bildet. Bis zum heutigen Ziel Suchumi sind es laut Strassenschild 103 km, ich muss mich also nicht beeilen. Im letzten Imbiss an der Strasse gebe ich noch die letzten Lari aus. Nach 9 km stehe ich am georgischen Kontrollposten. Zahlreiche Kleinbusse und vereinzelte Pferdefuhrwerke stehen bereit, um die Grenzgänger, die zu Fuss mit grossen Taschen von der anderen Seite kommen, weiter zu fahren. Ein grosser weisser Geländewagen mit dem EUMM-Logo zeigt auch die Präsenz der EU-Beobachterdelegation, deren Nutzen allerdings nur schwer zu verstehen ist. Alle Grenzgänger müssen sich am Schalter registrieren lassen. Ich erhalte nach Vorlegen meiner abchasischen Bewilligung und telefonischer Rückfrage innert 15 Minuten freie Fahrt. Vor dem Brückenbeginn versperren Betonblöcke die ungehinderte Fahrt für Motorfahrzeuge. Georgische Soldaten stehen offenbar gelangweilt

daneben. Ein grosser Revolver mit verknotetem Lauf ruft als Denkmal (offenbar bisher ohne viel Erfolg) zum Gewaltverzicht auf. Die vielen

Der Grenzübergang über den Inguri

Löcher im Belag der langen Betonbrücke über den Inguri sind von den letzten Regen noch voll Wasser, vorsichtshalber schiebe ich deshalb mein Velo lieber. Am ansteigenden Gegenufer versperrt eine Barriere die Strasse und lässt nur einen schmalen Durchgang zu einigen Baracken frei. Auf einem kleinen Zwischenhof stehen Männer in unterschiedlichsten Uniformen umher. Ein Mann mit Schirmmütze ist offenbar offizieller Beamter und verschwindet mit meinem Pass und der Bewilligung in einem Büro. Als Tourist bin ich hier offenbar eine Rarität; die übrigen Männer stehen um mich herum und inspizieren das Velo. Ein Dickwanst will meine Lenkertasche inspizieren und verlangt auch sofort, dass ich meine Mineralwasserflasche wegwerfe: sie ist georgisch angeschrieben! Schliesslich kann ich ihn dazu bringen, dass ich nur die Etikette wegreissen muss. Bei jedem Stück in der Lenkertasche verlangt er, dass ich es ihm schenken soll. Ich muss mich zwingen, ganz ruhig zu bleiben, denn gezeigter Ärger wäre wohl kontraproduktiv, und so erkläre eben möglichst ruhig und bestimmt jedesmal, wozu ich das unbedingt brauche: Feldstecher, Lupe, Schreibzeug, Handy, Sonnenbrille (diese nimmt er einfach und setzt sie einem offenbar leicht debilem Alten auf!). Absolut fasziniert ist er von meinem „Hunde-Schreck“: nachdem ich erklärt habe, wie man damit Hunde auf Distanz halten kann, nimmt er es und versucht es unter dem Gelächter der Anderen bei jedem der umherliegenden Hunde aus, bevor er mir endlich auch dieses wieder überlässt. Endlich kommt der Beamte wieder aus dem Büro, reicht mir den Pass und erklärt mir, dass ich umkehren müsse: die Einreisebewilligung sei wegen einer fehlenden Zahl in meiner Pass-Nummer ungültig! Alle Erklärungen meinerseits, weshalb dieser Fehler im Antrag geschehen sei und dass ja zum Antrag auch eine Kopie meines Passes mit der vollständigen Nummer beigelegen sei nützen nichts. Extra-Bezahlung funktioniert auch nicht, da die Bewilligung erst in Suchumi nochmals kontrolliert werde. Mir bleibt nichts übrig als zurück auf die georgische Seite. Am dortigen Posten werde ich wieder problemlos durchgelassen, nur die 3 EU-Beobachterinnen aus Schweden, Spanien und Georgien wollen genau wissen, was los sei und wer auf der abchasischen Seite die Grenze kontrolliere, Russen oder Abchasen, Militär oder Polizei, … Ich überlege schnell, wie es nun weitergehen könnte: zurück nach Batumi und von Trabazon (Türkei) aus mit dem Schiff nach Sotchi oder via Internet ab Zugdidi sofort wieder ein Einreisegesuch mit korrekter Passnummer stellen. Dies erfordert in der Regel aber 4-5 Arbeitstage und würde meine Planung auch vollständig auf den Kopf stellen. Trotzdem: möglichst schnell nach Zugdidi, vielleicht finde ich Regina noch im Hostel und kann sie um Unterstützung bitten.

Ich habe Glück, aber ihre Versuche, telefonisch oder über Internet Kontakt zum abchasischen Aussenministerium herzustellen misslingen vorerst, denn die direkten Verbindungen sind durch Georgien gesperrt. Auf der Verwaltung in Zugdidi erhält sie Bescheid, dass ich selber Schuld, sei, man gehe schliesslich auch nicht nach Abchasien! Auf Umwegen kann sie schliesslich doch einen Beamten in Suchum erreichen und ihm den Fall erklären. Offenbar hatte dieser auf Grund eines ersten mails auch schon versucht, mich telefonisch direkt zu kontaktieren, was aber ebenfalls wegen der Blockade nicht gelang. Am Nachmittag sei Konferenz, er werde dann versuchen, eine korrigierte Bewilligung zu erhalten – immerhin ein Lichtblick! So verbringe ich den Nachmittag mit Stadtbesichtigung und einem ausgedehnten Besuch des Dadiani-Palastes mit Kirche und ausgedehntem botanischem Garten. Der Palast wurde 1860 von einem Enkel der Schwester Napoleons erbaut, weshalb das dortige Museum auch zahlreiche Exponate zu Napoleon enthält, u.a. eine Totenmaske des berühmten Verwandten. Zurück im Hostel erwarte ich ungeduldig Reginas Heimkehr, und tatsächlich: vom Büro bringt sie mir die bereits ausgedruckte neue Einreisebewilligung, zudem mit der auf meinen Wunsch wegen der Verzögerung nun verlängerten Aufenthaltsdauer. Ich kann die geplante Tour also bereits morgen weiterführen! Darum nochmals ein Abend im „Host“ mit gutem Essen, nur heute leider ohne gute Musik. Die Burschen vom Vorabend empfangen mich schon wie einen Stammgast, und den Wodka kann ich heute nicht mehr ausschlagen, samt dem Orangensaft, mit welchem jedes Gläschen nach dem „Ex“ immer gleich hinuntergespült wird. Vor dem Schlafen verstaue ich meine Geldvorräte eng gerollt im Rohr des Velorahmens; nach den heutigen Erlebnissen an der Grenze will ich nicht riskieren, dass mir davon auch wieder „Geschenke“ abverlangt werden.

Zugdidi – Ochamchire – Suchum     (115 km)

Freitag, 9. September

Ich starte heute extra früh und bin bereits vor 8 Uhr wieder am georgischen Grenzposten. Hier erklärt mir der Offizier ausführlich, dass ich mit einem Stempel des Grenzübergangs nach Russland bei einer Rückkehr über diese Brücke ins Gefängnis kommen werde oder 2’000 Euro Busse bezahlen müsse, denn damit würde ich die „russische Besetzung georgischen Territoriums“ anerkennen, was in Georgien strafbar sei. Ich versichere ihm, dass ich vorerst nur Suchumi besuchen werde um dann vielleicht mit dem Schiff nach Sotchi oder Noworossijsk weiter zu reisen. Auf der abchasischen Seite kommt mir der Typ vom Vortag schon lachend entgegen und verlangt gleich wieder den Hundeschreck. Damit scheucht er wieder jeden Hund in Reichweite auf, bis schliesslich die Batterie zu Ende ist und er damit nichts mehr anfangen kann. Unterdessen warte ich im Zwischenraum unter den Augen eines freundlichen gelangweilten Soldaten geduldig auf die telefonische Zustimmung zur Weiterreise, aber die Beamten in Suchumi sind offenbar noch nicht an der Arbeit. Also könnte ich ja meine Eindrücke wenigstens aufschreiben; aber kaum habe ich mit Schreiben begonnen, springt der dicke Typ zu mir und will wissen, in welcher Sprache ich da schreibe. „Deutsch?“, ah ja, er könne deutsch. Er reisst mir das Noäzbüchlein aus der Hand, blättert tiefsinnig darin als ob er lesen würde und fordert mich dann auf, das zulesst Geschriebene auf russisch zu übersetzen. Ich fasle etwas vom gestrigen Museumsbesuch in Zugdidi, was ihn ziemlich bald langweilt. Mit deutlichem Hinweis auf zwei Überwachungskameras verbietet er mir irgendwelche Tätigkeit an diesem Ort. So kann ich nur warten und zuschauen, wie ein ständig rauchender Kerl mit dunkler Sonnenbrille, Kämpferhosen und über dem prallen Bauch gespanntem T-Shirt mit Kollegen herumalbert, Untergebene herumkommandiert und die am Tor wartenden Menschen anschnauzt, wenn sie nicht rechtzeitig und nur zu zweit zur Ausweiskontrolle vortreten. Nach einer Stunde kommt endlich der freundliche Beamte wieder und überreicht mir kommentarlos den Pass: ich kann weiter fahren.

Auf der Strasse durch lichten Wald und verwilderte Felder hindurch bricht der Belag auseinander, und das Fahren braucht grosse

Aufmerksamkeit. Aber es ist wenigstens weiterhin flach. Beim Bezirkshauptort Gali ist kaum zu erkennen, welche der zerfallenden Strassen in den Ort hinein und welche nur in einen Hinterhof führt. Erst als wieder nur Felder folgen, merke ich, dass ich am eigentlichen Ort schon vorbei bin. Dafür ist jetzt die Strass sehr gut, mit einem neuen Asphaltbelag. Eine blaue Tafel am Strassenrand zeigt, dass diese Strecke durch die UNOMIG, also die Beobachter-Mission der UNO für Georgien vor 4 Jahren instand gestellt wurde. Im Gegensatz zur EU können sich die UNO-Organisationen überall frei bewegen und stellen mit ihren vor allem russischen (kaum wirklich neutralen) Einheiten den Waffenstillstand sicher. UNHCR und Rotes Kreuz kümmern sich  um die mehrere zehntausende von Flüchtlingen und die in dieser östlichsten Provinz verbliebenen Mingrelen, die hier wie im angrenzenden georgischen Gebiet seit alters her die Mehrheitsbevölkerung bildeten. Immer wieder tauchen am Strassenrand Reste von einst wohl prächtigen Häusern und kleinen Fabriken auf, vielfach schon von dichtem Gras und Gestrüpp überwachsen. Dazwischen ab und zu Kühe, Pferde, Ziegen und Schafe, die sich selbst überlassen scheinen. Nach 50 km nehme ich die Abzweigung nach Ochamchire, um wieder einmal ans Meer zu gelangen. Hier bestehen ganze Quartiere nur noch aus verrostetem Eisen und Mauerresten. An einzelnen Häusern wurde der Wiederaufbau offenbar begonnen, vermutlich aber wegen fehlendem Kapital in Eigenleistung nur sehr schleppend weitergeführt. Am zerfallenden Quai mache ich zwischen bunten zerbrochenen Phantasie-Figuren Mittagspause. Nach kurzer Weiterfahrt muss

ehemaliges Prachtstück am Strand von Sukhumi

ich in der erdrückenden Mittagshitze in einem Bushäuschen trotzdem noch eine halbstündige Siesta einschalten. Immer wieder mal sehe ich am Strassenrand ein zerfallenes altes Denkmal aus georgischer Vergangenheit oder ein neueres Denkmal mit dem abchasischen Wappen, das an die (abchasischen) Opfer des Krieges erinnert. Nach dem Übergang über den breiten Kodori kündigt sich die Hauptstadt Suchumi erstmals mit dem Wegweiser zum Flugplatz an. Die Hänge des Kaukasus rücken allmählich näher, am Horizont werden weisse Bergkuppen sichtbar. Die Dörfer mehren sich, und gegen 17 Uhr komme ich nach 110 km in Suchum (nicht Suchumi, das ist georgisch!) oder Aqwa, wie die Hauptstadt auf abchasisch heisst, an. Mit kurzem Umweg durchs Zentrum finde ich auch das von Lonely Planet empfohlene Homestay. Vor dem Gang ins Aussenministerium zum Abholen des für die Wiederausreise benötigten Visums muss ich mich aber nach dringender Empfehlung der Wirtin umziehen, da ich in meiner Velobekleidung kaum eingelassen würde. Also blitzartig umziehen und wieder aufs Velo. Um 17Uhr 20 stehe ich vor dem Gebäude, dessen Büros laut Wirtin bis halb 6 geöffnet sein sollten. Aber oha, im Empfang erklärt mir der Wachhabende, dass alles geschlossen sei und erst montags um 8 Uhr wieder etwas zu haben sei. Verdammt, es ist ja Freitag, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht; also kann ich erst am Montag weiterreisen? Da ich am Sonntag aber ohnehin einen Ausflug zum Ritsa-See geplant habe, beschliesse ich, trotzdem am Samstag bis Gagra zu fahren und von dort am Montagmorgen eben irgendwie kurz nach Suchum zurückzukehren, um dann das Visum zu beschaffen. Ich kehre nach kurzer Rundfahrt in meine angenehme Unterkunft zurück, erledige die üblichen Abendgeschäfte, operiere in einer einstündigen Aktion das im Rahmen festhockende Geld mit geringem Schaden wieder heraus und beschliesse den Tag in einem nahen Gartenrestaurant bei lauter Musik zwischen Festgesellschaften und einer kräftigen Mamaliga (Maisbrei) mit feinem Brot, Tomaten-Gurken-Salat und kühlem Bier (150 Rubel, ca. 4 Franken)

Suchum – Gudauta – Gagra      (92 km)

Samstag, 10. September

Nachts hat es stark geregnet, aber um 8 Uhr morgens scheint schon wieder die Sonne und es ist schon 25 Grad. Ich besichtige zuerst die Stadt. Hier sind vom Krieg nur noch wenige Ruinen sichtbar. Im Zentrum sind hinter den gepflegten Uferpromenaden mit Palmen viele Gebäude schön restauriert Der Sitz des Präsidenten wirkt neben Hotelneubauten, Theater und Opernhaus fast bescheiden. Nur die bröckelnde Landungsbrücke und das riesige ehemalige Restaurant in Form eines grossen Schiffes wirken trotz mächtiger abchasischer Flagge trostlos. Ein besonderes Bijou ist der prächtige botanische Garten, ein Anziehungspunkt auch für die vielen russischen Touristen, für welche Abchasien nach wie vor zu den beliebten Ferienzielen gehört und die so auch eine der wichtigsten Einnahmequelle für die international kaum anerkannte Republik darstellen.

Um 13 Uhr starte ich wieder beim Guesthouse und durchquere die Stadt nochmals über den riesigen Markt mit seinen von Autos verstopften Strassen Richtung Westen. Wegweiser hat es nirgends, aber ich verlasse mich aufs Gefühl und lande damit nach einigen Kilometern schliesslich auf einer sich im Gebüsch verlierenden Schotterstrasse. Eine etwas bessere Strasse zweigt unter der Eisenbahnlinie bergwärts ab. Die gehe nach Gagra, meinem nächsten Ziel, erklären mir einige herumstehende Burschen. Sie können es nicht begreifen, dass jemand mit dem Velo reist, wenn er doch zu Hause tatsächlich auch ein Auto hätte. Die Strasse führt kurvenreich und in stetigem Auf und Ab über einige Bäche an wenigen Häusern vorbei und wird schliesslich so steil, dass ich absteige und ernsthaft an der Richtigkeit zweifle. Ich halte einen Kleinbus an, der mich gerade überholen will: Doch, doch, hier sei es schon richtig, ich solle einfach ihm folgen. Und so trampe ich auf der miserablen Strasse hinter dem vollen Kleinbus den Berg hinan. In den Steilstücken hält er immer wieder kurz an, bis ich aufgeschlossen habe; da und dort steigen

ehem. Busstation

Mitfahrer aus. Schliesslich zweigt er auf einer Kuppe zu einem Haus ab, der Fahrer erklärt mir aber zuvor noch den weiteren Weg. Und schon geht es wieder steil ein Bachbett hinunter, das zudem durch Holzschlag blockiert ist. Die auf einer nächsten Anhöhe beginnende Asphaltstrasse erweist sich auch wieder nur als gute Hofzufahrt, aber der richtige Weg geht wieder meerwärts. In einer engen Kurve kommt mir ein russischer Mountainbiker entgegen und erkundigt sich seinerseits nach dem Weg nach Suchum; jetzt soll plötzlich ICH der Ortskundige sein in dieser Wildnis! Nachdem er von meinem Ziel hört, entscheidet er sich aber doch eher, mich bis Novi Afon zu begleiten, wo er mit 3 Kollegen am Meer campiere. Auf allmählich wieder flacherem Weg erreichen wir schliesslich die Hauptstrasse, die von Suchum her  zunächst in Richtung Berge hoch führt und nicht der Küste folgt. Nach 30 km stelle ich bei Novi Afon auf Empfehlung meines Begleiters das Fahrrad inklusive Gepäck auf der Polizeistation ein und mache mich zu Fuss zur Besichtigung auf. Das erst im 19 Jh. von Mönchen aus dem griechischen Stary Afon (Athos) erbaute Kloster zählt zu den Hauptattraktionen Abchasiens. Der gelbe Gebäudekomplex mit den ockerfarbigen Portalbereichen und den glänzenden Riesenkuppeln an Abhang der bewaldeten Berge zieht Heerscharen von (russischen) Touristen an. Den Zugang über den steilen Weg säumen denn auch unzählige Verkaufsstände mit orthodoxen Devotionalien, Honig, getrockneten Kräutern, Nüssen, Blechbildern, Wein, .. Vom grossen Vorplatz aus erhält man über Zypressen und Palmen hinweg auch schöne Aussicht über die Küste. Nach ausgedehnter Besichtigung geht es gemütlich der Küste entlang weiter. Aber hinter Gudauta geht es wieder hügelig etwas ins Landesinnere. Ein Energieriegel aus meinem Notproviant hilft über den Hungerast hinweg. Nach dem Pzifi, der hier aus der engen Schlucht in die kleine Küstenebene mit dem berühmten Ferienort Pitsunda mündet, geht es nochmals an einigen düsteren Plattenbauten vorbei über einen Hügel. Mit einem als Denkmal aufgestellten Schützenpanzer mit abchasischen Wappen und Fahnen kündet sich mein Tagesziel Gagra an. Bei der Einfahrt dämmert es schon. Überall weisen kleine Tafeln vor den Häusern auf Ferienzimmer hin, aber ich stelle schnell fest, dass niemand an einem Einzelgast für nur 1 oder 2 Nächte interessiert ist. Lieber lässt man das Zimmer frei. Schliesslich finde ich doch eine gute Unterkunft (700 Rubel/Nacht) in einem Haus mit gedecktem Hof und Garten mit Bäumen. Der Hausherr serviert mir zum Empfang gleich gratis ein kleines Nachtessen inkl. Bier. Neben eigenem Wein verkauft er auch eigenen Cognac. Schade, dass eine solche Halbliterflasche in meinem Gepäck nach dem georgischen Wodka nicht auch noch Platz hat. Nach einem ersten Rundgang durch den Touristenrummel entlang der Uferstrasse geniesse ich zum Tagesschluss wieder die Ruhe des Gartens mit einem Baltika 8 (dunkles russ. Bier, kräftig).

Gagra – Ritsa-See – Gagra

Sonntag, 11. September   ( Ausflug im Kleinbus )

Es ist bedeckt bei 24 Grad, aber ich hoffe, dass ich am Ritsa-See oben auf 950 m.ü.M. nicht im Nebel stecken werde. Für 450 Rubel erhalte ich einen Platz in einer Marschrutka mit sehr ausführlicher Information auf dem ganzen Weg. Schon beim Beginn der Fahrt durch das enge Pzifi-Tal hinauf bin ich froh, dass ich heute auf das Velo verzichtet habe. Unzählige Kleinbusse, Cars und PW’s haben offenbar das gleiche Ziel, und vor dem Blauen See am Eingang zum Ritsa-Naturreservat stauen sich die Fahrzeuge. Die Fahrt durch die teilweise sehr enge Schlucht mit hohen

bei Stalin’s Datscha am Rita-See

Felswänden, an kleinen Wasserfällen vorbei in die weit hinauf mit Nadelwald bedeckten Berge hinauf ist sehr abwechslungsreich. Sie endet nach verschiedenen Zwischenhalten schliesslich am oberen Ende des leicht gestauten Ritsa-Sees bei den Datschen von Stalin und Chruschtschow. Eine Führung durch die zwei mit einem Zwischentrakt verbundenen „Ferienhäuser“ lässt nach dem Staunen über das Ausmass der Räume wegen der kalten Atmosphäre eher ein leichtes Frösteln zurück. Immerhin, die Aussicht von der gedeckten Veranda durch die Uferbäume auf den tiefblauen See, die Wälder und die Berge zeigen ein kleines Paradies. Beim kleinen Staudamm am unteren Ende des Sees ist es dank Verkaufsständen, Imbissbuden, Restaurants und lauter Musik mit dem Frieden wieder schnell vorbei. Nach einer Weindegustation und einem guten Gläschen Cha-Cha (= Grappa) sind wir um 17 Uhr wieder zurück in Gagra. Ein Abendbad im 25 Grad warmen Meer und ein Nachtessen im Freien mit Sicht auf die im Schwarzen Meer versinkende Sonne beschliesst den erholsamen Sonntag. Das Schaschlik, die gefüllten Auberginen und dazu die Flasche Rotwein „Tschegen“ zu Ehren des abchasischen Schriftstellers Fasil Iskander und seinen skurrilen Einwohnern aus dem Bergdorf Tschegen) setzen dazu den passenden Schlusspunkt.

Gagra – Psou (Grenze) – Sochi                  (70 km)

Montag, 12. September

Mein Gastgeber hat mir für die Fahrt nach Suchum empfohlen  eine Marschrutka zu nehmen. Sie seien wesentlich schneller als die grossen Linienbusse und meistens erst noch billiger. Um Viertel nach 7 Uhr stehe ich an der Hauptstrasse vorn. Eine Frau mit Ziel Gudauta hilft mir das richtige Fahrzeug anzuhalten. Schon nach 45 Minuten Fahrt steige ich auf dem Markt in Suchum aus und bin nach 20 Minuten Fussmarsch wieder beim Aussenministerium. Schon von aussen fällt mir auf, dass bei keinem der vielen Fenster Licht brennt. Im 2 Stock finde ich im dämmrigen Morgenlicht das Büro des konsularischen Dienstes, wo mir ein freundlicher Beamter mitteilt, dass er das Visum innert 5 Minuten machen könnte, aber leider gebe es in der ganzen Umgebung seit dem frühen Morgen keinen Strom. Er erklärt mir den Weg zur Bank, wo ich zunächst den Gegenwert von 20$ in Rubel zu bezahlen habe und dann mit der Quittung bei ihm wieder das Visum abholen könne. Erfreulicherweise hat die 400 Meter entfernte Bank Strom, so dass ich nach Bezahlung von 601 Rubel hoffnungsvoll zum Ministeriumsgebäude zurückkehre. Leider immer noch kein Strom, also warten. Irgendwo Kaffeetrinken gehen ist ohne Elektrizität ja auch nicht möglich. Die Beamten scheinen den Stromausfall zu geniessen, überall wird geplaudert und gelacht. Ein alter Mann sitzt mit mir im Korridor und erklärt mir, wie schwer heute das Leben sei, aber da könne man halt nichts machen, … Um 10 Uhr geht endlich das Licht an, und 10 Minuten später spaziere ich mit dem separaten Visum wieder aus dem Ministerium hinaus. Eine Marschrutka bringt mich zum Markt und von hier zum Bahnhof, von wo heute fast alle Fahrzeuge starten. Kurz vor Mittag bin ich wieder in Gagra und mache mich zur heutigen Velo-Etappe bereit. Der Hausherr serviert mir noch ein kleines Mittagessen, drei ältere Gäste, von denen einer früher Radrennfahrer gewesen sei, wollen noch gemeinsame Fotos machen, und kurz nach 13 Uhr geht es in leichtem Nieselregen wieder auf die Strasse.

Sochi

Der Verkehr ist etwas stärker. Für viele Touristen gehen die Ferien langsam zu Ende, sie fahren zurück nach Russland. Nach 25 km der steilen Küste entlang folgt die Ebene mit dem Grenzfluss Psou. Statt auf der breiten Hauptstrasse direkt zur Grenze wird der Verkehr auf einer Nebenstrasse über offenes Feld geführt. Nach einigen Sonnenstrahlen bricht ein Wolkenbruch los. Ich schiebe das Velo an den langen Autokolonnen vorbei, Pass und Visum griffbereit im Sack. Aber beim ersten Gebäude, das nach Zollposten aussieht, ist weit und breit kein Beamter zu sehen. Und schon bin ich auf dem engen Fussgängersteg neben der Strasse und gleich danach im russischen Zollgebäude. Den heutigen Ausflug nach Suchum hätte ich mir also sparen können – aber dann wäre womöglich doch ein abchasischer Grenzbeamter aufgetaucht, der mich ohne Visum nicht ausreisen lassen würde. Zwischen Fussgängern, die riesige mit Waren vollgestopfte Taschen mitschleppen, fülle ich auf einer Sitzbank die üblichen Formulare aus und kann dann mit Ziehen und Stossen mein Velo mit den Saccochen durch den engen Durchgang schieben – Ich bin wieder einmal in Russland angekommen.

Zum Glück hat der Regen nachgelassen, aber im stockenden Verkehr wird man dafür von den Lastwagen mit braunem Sprühregen geduscht. Bei Adler wird die Bauwut im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele von 2014 sichtbar: Überall ragen Krane inmitten riesiger Baustellen in den Himmel, der Verkehr wird kompliziert über halbfertige Strassen umgeleitet, bis ich schliesslich auf einer Autobahnauffahrt lande und dafür eine etwas ruhigere Strasse finde. Doch auch hier wird der Verkehr immer stockender, und immer häufiger steht einfach alles still. Ich schlängle mich zwischen und neben den Kolonnen langsam ins Stadtzentrum und erreiche um 18 Uhr endlich den Bahnhof. Hier kann ich mich bei den vielen mit einem Pappschild bewaffneten Frauen nach einer Unterkunft umsehen. Ich treffe die Wahl auf ein Zimmer in der Nähe für 1400 Rubel. Die Frau muss erst einen anderen Anbieter los werden, der ihr die „Beute“ streitig machen will, dann führt sie mich durch die vollgestopfte Unterführung hindurch, wo ich mit meinen Saccochen aufpassen muss, um nicht gleich alle Auslagen der vielen Händler herunter zu ressen. Auf der anderen Seite nimmt sie den Bus und beschreibt mir den Weg, wo sie dann am Strassenrand warten werde. Es ist ein Zimmer mit kleiner Küche und Dusche im Erdgeschoss eines kleinen Hauses. Aber offenbar wurde dies inzwischen schon an ein Paar mit einem Kleinkind vergeben. Die Vermieterin bietet mir dafür für 1900 Rubel eine grössere Wohnung mit Küche und Bad im Obergeschoss an. Da ich müde bin, stimme ich auch dem sofort zu. Nach der Veloreinigung im Hof und dem Duschen beginnt plötzlich mein Magen zu rebellieren, und nach mehrmaligen Brech- und Durchfall-Anfällen ist mir die Lust auf einen Restaurantbesuch gründlich vergangen. Aber irgendetwas muss ich essen, wenn ich morgen wieder aufs Velo will. So schleppe ich mich gegen Mitternacht schliesslich zu einem permanent offenen Laden beim Bahnhof und kaufe Suppe und Schwarztee. Zum Essen muss ich mich richtig zwingen, schlucke Kohletabletten, und den Rest der Nacht pendle ich zwischen Schlafzimmer und WC hin und her.

Sochi – Lazarevskoe               (79 km)

Dienstag, 13. September

Nach wenigen Stunden Schlaf wache ich um 7 Uhr auf und fühle mich erstaunlich wohl. Aber kaum stehe ich, knickt mein linkes Bein ein und schmerzt vom Oberschenkel bis zum Fuss hinunter. Ich liege sofort wieder ab und starte neue Versuche, aber immer mit dem gleichen Ergebnis. Velofahren ist so absolut undenkbar! Soll hier nun meine Tour schon zu Ende sein? Zwei Ponstan bringen nach einer Stunde etwas Linderung der Schmerzen, ich hinke in die Küche und versuche, Ordnung in mein ausgebreitetes Gepäck zu bringen. Schliesslich bin ich so weit, die Treppe hinunter steigen zu können und sogar das im Vorraum eingestellte Velo nach unten zu schleppen. Auf dem Velo ist der Schmerz im Bein etwas schwächer, also fahre ich langsam durch den schon wieder dichten Verkehr zum Hafen hinunter. Aus den Lautsprechern des nach dem Vorbild der Petersburger Admiralität erbauten klassizistischen Hafengebäudes werden ständig die nächsten Schiffe angekündigt. Neben Ausflügen zu den nahen Küstenorten verkehren Fähren nach Gagra, Batumi, Trabzon, Istanbul, Jalta, Odessa. Das wäre also notfalls auch noch eine Alternative, falls ich die Velotour hier abbrechen müsste. Aber erfreulicherweise zeigen die Ponstan-Tabletten immer deutlicher ihre Wirkung, und so kann ich nach der Hafenbesichtigung sogar schon fast schmerzfrei die über dem Hafen liegende Kirchenanlage besuchen. Eine wohltuende Oase der Ruhe in der lärmigen Stadt. Ich bin überzeugt, dass ich nun die Tour fortsetzen kann, also zurück zur Wohnung und packen!

im ständigen Auf und Ab

Kurz vor Mittag geht es mit voller Packung wieder los. Die Stadt zieht sich über verschiedene Hügel, und so beginnt bereits hier eine fast endlose Berg- und Talfahrt, dazu in starkem Verkehr mit vielen Lastwagen. Allmählich komme ich auch wieder in eher ländlich wirkende Gebiete, aber dazwischen tauchen immer wieder die grossen Sanatorien- und Hotelbauten dieser russischen Riviera auf. Ging ich bei der Planung noch davon aus, dass diese Küstenstrasse wegen ihrer grossen Bedeutung sicher ziemlich ausgeglichen angelegt sei, muss ich mich nun schnell eines besseren belehren lassen. Zwar hatte ich in GoogleEarth die Höhen kontrolliert und festgestellt, dass mich noch einige Übergänge mit bis zu 200 Metern Aufstieg erwarten würden, aber offensichtlich hatte ich mindestens die Hälfte übersehen. Zudem ist die Strasse in GoogleEarth ganz im Gegensatz zur Realität stark vereinfacht, d.h. gestreckt, eingetragen. Die Aufstiege sind zwar nicht besonders hoch, aber mit gut 35 Kilo (Velo + Gepäck) absolut genügend, um bei gut 30 Grad den Puls in die Höhe zu jagen und immer wieder zur Wasserflasche greifen zu müssen. Abschnittsweise ist die Strasse nur 2-spurig und sehr steil, dann folgen wieder breite 3-spurige Bereiche mit imposanten Kunstbauten, wo der Verkehr mit 120 Stundenkilometern neben meinem breiten Randstreifen vorbei donnert. Trotz den periodischen Anstrengungen kann ich die Aussichten geniessen: mal die bewaldeten Berge mit tief eingeschnittenen Tälern, dann wieder die weite Sicht über das tiefblaue Meer. Bis ich um halb sieben Lazarevskoe erreiche, habe ich 12 solche Übergänge geschafft. Mein ursprüngliches Ziel, Tuapse kann ich höchstens noch mit der Bahn erreichen, aber für die Fernzüge Sochi-Rostov-Moskau hätte ich frühzeitig reservieren müssen und die nächste regionale Elektritschka fährt erst um 21 Uhr. Die Unterkunftssuche in diesem auch mit 75 km Entfernung immer noch zu Sochi gehörenden Ferienort gestaltet sich trotz der vielen Hinweistafeln auf freie Zimmer noch schwieriger als in Gagra. Dank Hilfe eines Mannes, der gerade seine Werbetafel für Jeep-Ausflüge in die Berge wegräumt und fast eine Stunde lang herum  telefoniert, finde ich schliesslich doch noch eine Unterkunft beim Armenier Sergej Jasidshan. Seit 15 Jahren baut er sein Haus am steilen Berghang aus und hat nun neben 2 Wohnungen für seine inzwischen erwachsenen Kinder auch ein Nebengebäude mit 4 Gästezimmern fast fertig. Das Zimmer für 400 Rubel ist sauber, hier oben ist es ruhig, und zum Duschen und Waschen kann ich das grosse Badezimmer der Familienwohnung benutzen. Zu allem serviert er mir auch noch ein feines „Dabag“, einen feinen armenischen Reis mit Auberginen. den ich auf der halbfertigen Terrasse mit Aussicht über die bunten Lichter des Ortes und das dunkle Meer geniesse.

Lazarevskoe – Tuapse – Pshada       (149 km)

Mittwoch, 14. September

Da ich am Vorabend einen frühen Start zur heutigen Etappe angekündigt habe, ist auch Sergej bereits um halb sieben auf den Beinen und erwartet mich schon bald mit einem kräftigen türkischen (bei ihm natürlich: armenischen!) Kaffee und einen grossen Schoko-Riegel. Und da er findet, ich müsse heute ja viel Kraft haben, drängt er mir gleich noch einen zweiten auf. So bin ich um halb acht wieder auf der Hauptstrasse und froh über den morgendlichen Schatten, denn die Berg- und Talfahrt geht im Stile des Vortages gleich weiter. Auf einem der Übergänge fordert eine grosse Warnung die Automobilisten auf, vor der Talfahrt die Bremsen zu prüfen. Erst bei Magri, 25 km nach Lazarevskoe, kündet eine Tafel an, dass Sotchi hier endet. In Tuapse bin ich glücklich, dass es am Vortag nicht bis hierher gereicht hat: eine trostlose Industrie- und Hafenstadt mit grauen Plattenbauten, riesigen Tanklagern und qualmenden Fabrikkaminen. Nach weiteren Hügeln folgen bei fast jedem Meeranstoss wieder ruhigere Ferienorte mit langen Stränden. Bei Novomikhaylovsky signalisiert ein absolut hässliches flamingofarbiges Monument auf den Eingang zum grössten gesamtrussischen Kinderzentrum hin, in welches jährlich rund 200’000 Kinder aus ganz Russland kommen und hier als Auszeichnung für Erfolge im Lernen, Sport oder in der Kunst Ferien verbringen dürfen. Im Schatten der Bäume mache ich Siesta und unterbreche die Weiterfahrt kurz danach wieder, da der lange Sandstrand gleich unterhalb der Strasse zum Baden einlädt. Das mit den 2 Kabelschlössern an einem Eisengeländer befestigte Velo samt Gepäck kann ich dabei immer im Auge behalten.

Hinter Dshubga nimmt der Verkehr deutlich ab, denn der Hauptstrom biegt nach Norden Richtung Krasnodar und Rostov ab. Wesentlich ruhiger geht es für mich Richtung Noworossijsk weiter. Im Sonnenuntergang erreiche ich schliesslich den Pshadskij-Pass und bei einbrechender Dunkelheit um halb acht mein Tagesziel Pshada. Einige Männer an einem Marktstand zeigen mir den Weg zum „Hotel“: ein kleines Haus am Ende einer löchrigen Strasse, sozusagen am Ende der Welt. Die Inhaberin scheint recht erstaunt, dass überhaupt jemand hierher kommt, aber der zur Miete freie Hausteil hat saubere Zimmer, eine Küche und Bad mit separatem WC. Der von mir als Gaststube angenommene Raum erweist sich allerdings als privates Wohnzimmer der Familie. Nein, zu essen gebe es hier nichts, aber die Chefin gibt mir ein Pack Buchweizen und Salz, womit ich mir in der Küche selber ein Essen zubereiten könne. Ich ziehe es nach kurzer Ãœberlegung aber doch vor, einfachheitshalber im Dunkeln an einem noch beleuchteten Kiosk weiter vorne an der Strasse gekochte Eier mit einem Fleisch- und einem Käsebrot sowie Bier, Fruchtsaft und Trauben zu kaufen und mache mir so ein etwas ungewohntes Nachtessen.

Pshada – Noworossijsk – Anapa      (134 km)

Donnerstag, 15. September

Nach Morgenessen mit Tee, Konfibrot und Trauben bin ich kurz nach halb acht Uhr schon wieder unterwegs. Mehrfach habe ich am Strassenrand schon Werbung für einen „Dolmen-Park“, gesehen, nun folgt kurz nach Pshada ein grosser Wegweiser zu diesem Park. Bis Noworossijsk habe ich viel Zeit, also mal schauen, um was es da geht. Im Wald verstreut finden sich mehrere rund 2 Meter hohe Bauten aus 4 Steinplatten als Wände und einer mächtigen Steinplatte als Dach, in der Frontwand mit einem runden Loch (dem „Seelenloch“) oder einer bis zum Boden reichenden Öffnung. Die schwersten Platten sollen bis zu 30 Tonnen wiegen. Sie wurden vermutlich zwischen 2’000 und 3’000 v.Chr. errichtet und dienten als Grabstätten. Die Bezeichnung wurde von den aus der gleichen Zeit stammenden Steinbauten in der Bretagne übernommen. Diese Dolmen sind in der Region zahlreich, aber nur an wenigen Orten so gut erreichbar wie hier.

am Pshadskij-Pass

Mit dem Mikhaylovsky-Pereval (270 m) bringe ich den wohl letzten Pass in Russland hinter mich. Ein Denkmal auf der „Passhöhe“ erinnert an den „siegreichen Vormarsch der Roten Armee“ 1918 nach von Noworossijsk nach Tuapse. Nach 60 km öffnet sich der Blick auf die Bucht von Noworossijsk. Wuchtige Soldaten in Beton und eine blendend weisse Säulen-Galerie rufen die schweren Kämpfe im 2. Weltkrieg um diese wichtige Industriestadt in Erinnerung, die wie viele andere nach dem Krieg von Stalin als „Helden-Stadt“ ausgezeichnet wurde. Am Beginn der Stadt fährt man durch die riesigen Verlade-Anlagen der hier endenden Pipelines, welche Öl und Gas vom Kaspischen Meer durch den Nord-Kaukasus hier zu den Schiffen gebracht bringen. Erst nach 8 km erreiche ich das Stadtzentrum mit dem Fährhafen. An der breiten Hauptstrasse mit beidseitig 3 Fahrspuren und dazwischen einer den Fussgängern und Velofahrern vorbehaltenen breiten Allee stossen die unterschiedlichen Zeitzeugen der jüngsten Entwicklung Russlands aufeinander: der grosse Kulturpalast mit Säulen-Fassade, die Lenin-Statue mitten im grossen Platz, das riesige Bankgebäude aus Stahl und Glas sowie teure Schmuck- und Modegeschäfte. Und auf der grosszügigen Uferpromenade ein Torpedo-Boot aus dem Krieg gegenüber einer auf einem Delfin reitenden eleganten Frauenfigur, dazwischen Verkaufsstände für die neuesten Hits, die aus Lautsprechern über den Platz dröhnen.

Ausserhalb des wirklich schönen Zentrums dominieren die eintönigen Plattenbauten, Industrieanlagen und im Hintergrund die grossen Kalksteinbrüche. Da der Nachmittag noch vor mir liegt, verzichte ich nach einem kurzen Nickerchen auf der Uferpromenade auf diesen Übernachtungsort, um dafür noch Anapa zu erreichen. Auf breiter Strasse mit viel Verkehr geht es zur wirklich letzten Hügelkette hinauf, um kurz vor Verkhnebakansky auf eine ruhige Nebenstrasse westwärts abzuzweigen und durch militärisches Übungsgebiet , vereinzelte ehemalige Kolchosen und ausgedehnte Rebbaugebiete (Kuban-Weine) um 6 Uhr abends mein neues Ziel zu erreichen. Anapa ist neben Sotchi der beliebteste Badeort der russischen Schwarzmeerküste, wo die Sommersaison bis gegen Ende September dauert. Die Preise sind entsprechend hoch; im „Anapa Lazurnaya“, dem ersten richtigen Hotel auf meiner Reise, finde ich zentrumsnah ein sehr schönes Zimmer für 2’090 Rubel. Beim Waten im letzten Tageslicht im flachen Wasser am sandigen Strand erholen sich

Denkmäler in Novorossijsk

meine Füsse von den heutigen 134 Kilometern Nach dem Nachtessen in einem der unzähligen Freiluft-Restaurants durchstreife ich den fast endlos scheinenden Freizeitbereich mit Restaurants , Nachtklubs, Wein- und Bierschenken, Strassenkünstlern, Schiessbuden, Geisterbahnen und Karussells, so eine Art LUGA-Luna-Park, aber unendlich viel grösser. Überall spazieren Familien und Gruppen jeden Alters, aber im Gegensatz zu den bei uns bekannten Orten in dieser Art herrscht trotz reichlichen Gelegenheiten zum Alkoholkonsum eine absolut friedliche Stimmung. Den Höhepunkt erlebe ich zum Abschluss in einer inzwischen etwas stiller gewordenen Strasse mit einem einbeinigen Sänger, der mit seiner Gitarre die Lieder des sehr populären russischen Sängers Art Rosenbaum geradezu perfekt vorträgt. Für mich ein toller letzter Abend im russischen Teil meiner Schwarzmeer-Tour.

Anapa – Port Kavkaz – Kerch       (121 km)

Freitag, 16. September

Ab Anapa wird die Landschaft immer flacher. Auf der guten Strasse mit wenig Verkehr gibt es nur noch wenige meist langgezogene Steigungen und Abfahrten. Anstelle der Reben hat es nun immer mehr grosse Felder mit Tomaten, Melonen, Auberginen, Kartoffeln und Sonneblumen, die meisten nach der Ernte schon fast leer. Entlang der Strasse werden an Ständen die Produkte  direkt sack- und kistenweise an die Kundschaft verkauft. Kein Wunder, dass der Bursche an einem dieser Stände meine Nachfrage nach einer Melone und 3-4 Tomaten zunächst nicht begreifen kann. Die kleinste Melone, die ich finden kann, wiegt gute 2 Kilo und hat fast keinen Platz auf meiner Saccoche. Ihre erste Hälfte dient mir nach 50 km unter einem Baum als leckere Zwischenverpflegung und Durstlöscher, den Rest spare ich mir für die Fähre auf. Bei der Abzweigung nach Temrjuk beginnt die Tamanskij-Halbinsel, welche das Asovsche Meer vom Schwarzen Meer trennt. Ausser den Feldern sieht man auch immer mehr grosse Wasserflächen von jetzt im Herbst schon stark geschrumpften Flachseen. Ein alter Seitenarm des aus Tscherkessien kommenden Kuban verliert sich hier in Salzsümpfen. Beim letzten Ort Iljitsch (Lenins Vatername) beginnt eine schmale Nehrung und trennt das Naturschutzgebiet des Taman-Golfs von der Straße von Kertsch, welche Asowsches und Schwarzes Meer verbindet. Strasse und Eisenbahn enden nach 11 km in Port Kavkas mit dem Morevaksal („Meerbahnhof“).

Es ist erst knapp halb drei Uhr, die nächste Fähre wird um 4 Uhr starten. Für mich kostet die Überfahrt 250 Rubel inkl. 80 Rubel für das Velo, also knapp 7 Franken. Die Grenzkontrolle geschieht schnell und sehr einfach. Einige Lastwagen und sehr viele Personenwagen, vor allem russische Touristen, warten auf die Überfahrt. Die ukrainische Fähre ist schnell gefüllt, aber trotzdem geht es erst um halb fünf los. Mit dem Rest der saftigen Melone geniesse ich vom Obergeschoss den Wind und die Aussicht. Unterwegs müssen wieder Formulare für die Einreise ausgefüllt werden, aber die werden nach der knapp 20-minütigen Fahrt im Hafen Port Krim kaum angeschaut. Nach etwas mehr als 500 km Russland bin ich nun also in der Ukraine angekommen. Die Zeitverschiebung zu Mitteleuropa betröt hier nur noch 1 Stunde. Die Krim empfängt mich gleich wieder mit einem ersten Hügel und deutlich schlechterer Strasse als auf der russischen Seite. Nach 14 km komme ich im Zentrum von Kerch an. Da ich das im Reise-Know-how empfohlene günstige „Lazurny“ nicht finde, beziehe ich ein Zimmer im Hotel „Kerch“. Die Preise sind in diesem touristisch wenig bekannten Ost-Zipfel der Krim generell tief, und so ist mit 400 Grivna (rund 40 Franken) dieses teuerste Hotel der Stadt mit dem willkommenen Komfort für mich doch sehr günstig. In Nobelhotel mit der pompösen Eingangshalle komme ich mir in meiner Velokleidung zwar zunächst etwas fehl am Platz vor, aber das Personal stört sich auch nicht am staubigen Velo, das ich in einem Seitengang abstellen darf.

Kertsch

Ich beeile mich mit Dusche und Wäsche, um noch bei Tageslicht die Stadt zu erkunden. Als Aussichtspunkt lockt der Mithridatesberg, zu welchem eine im 19. Jh. von einem italienischen Architekten entworfene Treppe in 400 Stufen über verschiedene Zwischenplattformen hinaufführt. Mit dem Sonnenuntergang kann ich hier neben dem Obelisk zu Ehren der im Krieg Gefallenen die Stadt mit dem Hafen überblicken und am Horizont noch knapp das russische Ufer ausfindig machen. Brautpaare mit ihrer Begleitung lassen sich vor den um den Obelisk aufgestellten Geschützen photographieren. Ein kleiner blauer Rundturm und einige Mauerreste auf der Rückseite des Berges erinnern an die von 600 v.Chr. bis ins 4. Jh. bestehende Stadt Pantikapaion. Am Fusse des Hügels beginnt sammeln sich immer mehr Menschen. Heute ist der Festtag zur Erinnerung an die Befreiung der Stadt durch die Rote Armee. Im Krieg wurde die wegen ihrer strategischen Lage und den nahe gelegenen Erzvorkommen hart umkämpft und dabei in Schutt und Asche gelegt. Jetzt wird die Sieges-Armee mit Soldaten in alten Uniformen und mit historischen Waffen und Fahrzeugen sowie einer grossen Musik- und Tanzvorführung vor der Lenin-Statue gefeiert. Bis tief in die Nacht geht das Volksfest mit Jazzbands und russischem Rock und hämmernden Bässen weiter. Morgen wird es dann in der Einsamkeit am Asowschen Meer wieder ruhiger sein, bevor dann mit Feodosija in 2-3 Tagen wieder eine Stadt folgt. Aber  bei weiterhin 30 Grad wird der Schweiss auch ohne Berge fliessen!

Kerch – Leninske – Kap Kazantip      (89 km)

Samstag, 17. September

Nach dem Morgenessen schaue ich mir die Innenstadt zuerst einmal noch bei Tag an. Nach den umfassenden Kriegszerstörungen gibt es kaum historische Bauten. Eine der schönsten ist dabei die Johannes-Kirche aus dem 9. Jh, mit der kunstvoll restaurierten Steinkuppel. Besonders ins Auge sticht mir nach den grossen Feierlichkeiten vom Vorabend ein Denkmal gegenüber meinem Hotel, das an den Abzug der so gefeierten Armee 2005 erinnert.

Um 9 Uhr fahre ich durch die Stadt auf das leicht hügelige Plateau hinauf und auf der Hauptstrasse Richtung Westen. Einige meiner nächsten

unterwegs zum Kap Kazantip

Ziele sind auf einer grossen Distanztafel vermerkt: Feodosija 80 km, Jalta 285 km, Sewastopol 281 km, Yevpatorija 270 km. Allerdings werde ich mit meiner Kreuz-und-quer-Route einige Kilometer mehr zurücklegen müssen. Nach 33 km bin ich gespannt auf den in der Karte markierten türkischen Wall, der einst als Befestigung vom Asowschen bis zum Schwarzen Meer verlief, aber davon ist heute nur noch ein schwacher Graben sichtbar. Nach 50 km wähle ich eine Nebenstrasse nach Norden um heute Abend beim Kap Kazantip am Asowschen Meer zu übernachten. Nach einer einsamen Kirche mit verwildertem Friedhof mitten in der Steppenlandschaft überquere ich kurz vor Ostanine den Kanal, welcher Wasser aus dem Dnjepr über Hunderte von Kilometern durch die Krim bis fast nach Kerch bringt. Auf einer Schotterstrasse folge ich dem Kanal wieder nach Westen; mit dem Schotter ist es aber schon bald vorbei, statt dessen suche ich mir auf einer Erdpiste die besten Stellen zwischen teilweise tief eingegrabenen Radspuren. Ab und zu ein Motorrad oder im Schatten der spärlichen Gebüsche ein abgestelltes Auto, sonst nichts. Um wieder in Richtung Norden zu gelangen, wähle ich bald wieder einige Fahrspuren nordwärts. Einige Zeit geht es nur noch schiebend über eine steile Krete hinüber, aber in der fast endlos scheinenden Ebene dahinter ist wieder deutlicher ein Weg zu erkennen. Als Zeichen der Zivilisation quere ich auch noch eine Bahnlinie, aber dann zweigen die grossen Traktorspuren wieder nach Westen ab, und in die von mir gewünschte Richtung führt nur noch ein gewundener Fussweg. Immerhin ist er noch befahrbar, und die Landschaft mit den einsamen Baumstrünken und im dürren Gras noch blassblau leuchtenden Blumen hat ihren ganz besonderen Reiz Am Horizont sind die Silhouetten einer Ortschaft zu erkennen, also einfach weiter auf diesem Weg. Irgendwann taucht aber hinter einem Gebüsch-Saum der Aktaske-See auf, den ich nur auf einer sehr groben Schotterpiste umfahren kann. Ein Sturz wäre äusserst schmerzhaft, also schön langsam weiter. Irgendwann sehe ich durch die Büsche vor mir etwas rotes, und 5 Minuten später hole ich völlig überraschend drei Velofahrer mit Gepäck ein. Am Ende des Sees schliessen wir uns zusammen, denn sie haben das gleiche Ziel wie ich. Die drei Russen aus Moskau sind eine Woche lang auf einer Rundtour von Feodosija aus unterwegs. Sie haben als regelmässige Besucher der Krim zwar sehr detaillierte Karten, aber auch sie finden sich hier kaum mehr zurecht. Immerhin sehen wir in der Ferne nun auch den Klotz des 1978 begonnenen AKWs Shcholkine, dessen Bau nach Tschernobyl und großen Protestkundgebungen 1987 eingestellt worden war. Unmengen von Schrott wurden von den Anwohnern inzwischen zwar abtransportiert, aber der riesige Baukran ragt immer noch weit über das Gebäude hinaus. Auf Umwegen mit Sackgassen, u.a. auch zu einer riesigen Schutthalde, wo Rinder und Ziegen zwischen Plastik, Glasscherben und stinkendem Abfall ihr Futter suchen, finden wir schliesslich einen Weg in die seinerzeit für die Arbeiter des AKW erbaute Stadt. Nach den Hütten am Rand finden wir schliesslich doch noch eine freundliche Innenstadt und erholen uns bei einem feinen Borschtsch und nachfolgendem Fleisch-Eintopf mit kühlem Bier.
Den Strand finden wir aber dann wieder erst nach langen Umwegen auf verwinkelten Sandwegen. Ausser einer kleinen Strandbeiz gibt es nichts, und so suchen wir uns hinter der kleinen Düne ein Plätzchen für unsere Zelte. Im Sonnenuntergang erhole ich mich im flachen, warmen Wasser mit Aussicht auf die felsige Landzunge, welche Kap Kazantip abschliesst. Eigentlich wollte ich im nahen Restaurant etwas zum Essen holen, aber die Russen wollen ihre vor der morgigen Heimreise noch genügenden Vorräte teilen und laden mich zu ihrer Suppe mit Würsten und Brot ein. Um halb neun ist bei ihnen schon Nachtruhe, und ich geniesse die friedliche Stimmung und das Rauschen der Wellen. Leider steigt aber allmählich der Lärmpegel von einigen Burschen und Mädchen, die in der Nähe ihre Schaschlik am Feuer braten und mit zunehmendem Alkohol-Konsum auch ihre Techno-Musik immer lauter aufdrehen. Ich fürchte, dass meine OHROPAX dem nicht ganz gewachsen sein werden!

Kap Kazantip – Kamianske – Feodosija        (85 km)

Sonntag, 18. September

Nach Mitternacht ist es doch etwas ruhiger geworden, was mir einige Stunden Schlaf ermöglicht hat. In der Morgendämmerung glühen nur noch die letzten Reste des Grill-Feuers, dafür steigt die Sonne wie ein Feuerball aus dem Meer. Einer meiner russischen Kollegen schläft in seinem Schlafsack im Freien weiter, während die beiden anderen aus ihrem Zelt kriechen und zum Morgenbad starten. Sie werden hier noch den letzten Ferientag geniessen, bevor sie am nächsten Tag dann mit dem Zug aus Feodosija wieder ins schon herbstlich kalte Moskau zurückreisen. Um 8 Uhr fahre ich nach einem Farmer-Stengel als Morgenessen los und hoffe auf einen Morgenkaffee in Shcholkine, aber vergeblich: alles noch geschlossen. Also weiter. Erst nach 20 km finde ich in Kalynivka einen kleinen Laden, wo es neben meinem täglichen Proviant (Yoghurt, Mineralwasser, etwas Gebäck und Obst) auch endlich einen Kaffee gibt. Hier erkundige ich mich auch nochmals nach dem Weg entlang der Küste, der in meiner Karte nicht eingetragen ist, aber laut Auskunft meiner gestrigen Begleiter landschaftlich sehr schön und auch gut zu fahren sei. Sie haben nicht zu viel versprochen: nach einer kurzen Schotterstrecke führt zwar nur noch ein Erdweg weiter, dessen tiefe Fahrspuren mit gelegentlich sandigen Abschnitten volle Konzentration fordern, aber die Aussicht auf die felsige Steilküste mit Schwärme von Kormoranen und Möwen und das Meer mit allen Farben zwischen dunkelblau und türkisgrün ist wirklich grossartig. Landeinwärts unterbrechen nur wenige Baumreihen mit oft verkohlten Stämmen die dürren Grasflächen. Nach 20 km Einsamkeit und einem kleinen Sturz komme ich zu einigen halbzerfallenen Betonrohren: es sind die Lüftungen zum Wasserreservoir der direkt am hier endlich flachen Ufer gelegenen Siedlung Kamiansk.

Am Asovschen Meer

In der Ferne verschwindet die Arabatskaya Strelka, eine rund 90 km lange und oft kaum 100 m breite Nehrung. Bei Krim-Bikern gilt sie fast als Diplom, und über die „Strasse“ mit grobem Schotter und langen Sandabschnitten, zudem 70 km ohne jegliche Siedlung, findet sich in Internetforen zwischen Begeisterung und Horrorgeschichten so ziemlich alles. Meine russischen Kollegen wollten es mir schmackhaft machen, aber ich will ja auf der Krim weiterfahren und habe so eine gute Ausrede. Meine Fortsetzung hat es aber auch in sich: statt den direkten Weg gegen Süden wähle ich nochmals eine äzweigung und damit nochmals fast 25 km groben Schotter und Wellblechpiste mit nur einem einzigen kleinen gottverlassenen Dorf (L’vove). Aus einem Feld heraus schiesst mir ein Töffahrer entgegen und schreit mir aus seiner Staubwolke etwas zu. Tatsächlich, der schmale Erdweg führt mit einigen Kurven in die gleiche Richtung und ist viel angenehmer zu fahren als die eigentliche Strasse. Über ein letztes Stück löchrigen Asphalt gelange ich schliesslich bei Vladidlavivka endlich auf die Hautstrasse Dzhankoj – Feodosija. Die letzten 25  km bis Feodosija sind zwar auf guter Strasse mit mässigem Verkehr, aber auf die kleine Hügel und vor allem den starken Gegenwind könnte ich wirklich verzichten!

Das bekannte Jazz-Festival in dieser Stadt habe ich leider um eine Woche verpasst, stattdessen ist jetzt das „Wine Feodosija- Festival“, ein Riesenfest mit Musik und Variété. Von meinem Hotel gegenüber dem Bahnhof und der grossen Freilichtbühne komme ich so auch heute wieder in den Genuss von viel nervtötendem Techno-Gehämmer. Ich mache mich nach einer Dusche und kurzer Siesta deshalb lieber zu einem Spaziergang in ruhigere Gegenden auf und besuche die Ruinen der genuesischen Festung. Die im 6.Jh. v.Chr. von den Griechen gegründete Stadt wurde im 13. Jh. zur wichtigsten genuesischen Kolonie am Schwarzen Meer und mit 70’000 Einwohnern eine der grössten Städte Europas. Sie wurde erst 1454 von den Türken und Tataren erobert und danach als Kaffa zu einem der grössten Sklavenmärkte. Die Sklaven aus Polen und Russland wurden zu zehnt an eisernen Ketten zusammengeschmiedet und so zu Fuss hierher gebracht. Den griechischen Namen erhielt die Stadt erst wieder 1783 mit der russischen Eroberung durch Russland. Von der Pracht der genuesischen Festung ist nicht mehr viel zu sehen; sie wurde unter den Russen weitgehend als Baumaterial-Lager genutzt, innerhalb der verbliebenen Mauern befinden sich heute einige Wohnhäuser und Schuppen. Aber die Mauern und Türme aus gelben Steinblöcken wirken über dem tiefblauen Meer sehr malerisch, und bei der kleinen armenischen Kirche am Fuss der Festung in einem Minipark ist vom Trubel in der Stadt nichts mehr zu spüren. Auf dem Rückweg streife ich im Schatten der mächtigen Bäume die Wohnquartiere, in denen vor allem die verwinkelten Leitungen der Gas- und Wärmeversorgung auffallen. Besonders sehenswert ist die schlichte armenische Sarkis-Kirche aus dem 14 Jh., die an die romanischen Kirchen Mitteleuropas erinnert und im Gegensatz zu orthodoxen oder georgischen Kirchen kaum Schmuck aufweist. Wie viele Gegenden an der russischen und ukrainischen Schwarzmeerküste hatte auch diese Stadt seit dem 14.Jh. eine starke armenische Bevölkerung. Mit einem feinen gebratenen Lachs schliesse ich den abwechslungsreichen Tag ab und spaziere nochmals durch das lärmige Party-Treiben auf dem Hauptplatz. Was wohl der durch die grosse Bühne halb verdeckte Lenin dazu zu sagen hätte?

Feodosija – Stary Krym -Sudak – Privetnoje        (115 km)

Montag, 19. September

Um 7 Uhr sind auf dem Hauptplatz zwar schon die Putzequipen am Werk, aber Kaffees sind noch nirgends offen, und die vielen Imbissbuden erst langsam am Öffnen. Statt aus frischem Brot und gutem Kaffee besteht deshalb mein Frühstück aus einem Kabis-Chebureki (im schwimmenden Fett gebackene gefüllte Teigtasche) und einem kaffeeähnlichen Gebräu an einem dieser Stände. Um 8 Uhr geht es wieder weiter, zunächst wieder ins Landesinnere nach Staryi Krym, der ersten „Hauptstadt“ der im 14.Jh. in die Halbinsel eingefallenen Tataren. Damit geht es auch erstmals auf der Krim etwas in die Höhe, eine kleine Vorahnung zum Krimgebirge, welches die Südküste der Krim prägt. Anstelle durch braune Steppe fahre ich jetzt immer wieder durch Wald und Felder mit Reben oder umgepflügten Ãckern. Staryi Krym ist heute trotz seiner 12’000 Einwohner eher ein Dorf, in welchem die wenigen Sehenswürdigkeiten nur schwer zu finden sind. Das Krimtataren-Museum ist zwar ein schönes Gehöft, aber im malerischen Garten finde ich trotz Rufen und Klopfen niemanden, der mir die Räumlichkeiten öffnen könnte. Und auch zur Usbek-Khan-Moschee aus dem Jahre 1314 finde ich in einer der vielen unbefestigten Nebenstrassen erst nach mehrmaligem Hin und Her. Immerhin ist sie nicht verschlossen, so dass ich sie in Ruhe besichtigen kann. Nach einer Kaffeepause im verlotterten Stadtpark geht es darum schon weiter auf der stark befahrenen Hauptstrasse Richtung Simferopol, der heutigen  Hautstadt der Krim. Von 430 m geht es wieder auf 250 m hinab, und dann zweige ich nach Süden in ein enges Tal ab. Mit einigen teils sehr steilen Abschnitten führt die Nebenstrasse über einen kleinen Pass (460 m.ü.M.) wieder in nach Süden sich öffnende Täler und schliesslich in Sudak an die Küste zurück. Auch diese bedeutende Kurstadt hat eine grosse genuesische Vergangenheit, die sich in Form einer riesigen und teilweise schön rekonstruierten Festungsanlage äußert. Dieser Besuch ist sehr lohnend, und von der zwar offiziell nicht zugänglichen Felsenkuppe aus geniesse ich die Aussicht über die 100 m tiefer liegende Stadt und die steile Küste. Die kurvenreiche Strasse lädt zu einem Abstecher nach Novyi Svit ein, wo angeblich der beste Krim- Sekt hergestellt wird. Die Fahrt auf der engen Strasse um die vielen Kuppen herum ist ein echtes Highlight, wenn man sich nicht gerade vor Ausflugscars in Sicherheit bringen muss, die die ganze Strassenbreite für sich beanspruchen. Die Abfahrt zur malerischen Bucht und zur Degustation in der Kellerei spare ich mir aber, da es erstens sehr heiss ist und ich zweitens ja noch weitere „Pässe“ vor mir habe. Um halb fünf Uhr starte ich nach einem Zvieri mit Glacé, Gebäck und Fruchtsaft im Stadtpark Sudak zur restlichen Tagesetappe und bin schon nach kurzer Zeit wieder fast alleine unterwegs. Auch hier zeigt sich wieder: der Küste entlang heisst noch lange nicht, dass es auch flach weiter geht. Und aus den gemäss Karte vorgesehenen drei Übergängen werden schliesslich fünf, immer mit bis fast auf Meereshöhe eingeschnittenen Tälern dazwischen. Bei Einbruch der Dämmerung habe ich so bei meinem heutigen Ziel Privetnoje nach 116 km schon 1600 Höhenmeter hinter mir. Von den 2 in der Karte eingetragenen Zeltplätzen sehe ich nichts. Nach einem Anlauf zum nächsten Anstieg realisiere ich, dass ich mit diesen Steigungen bis zum nächsten Ort doch noch gut eine Stunde benötigen würde und kehre um. Irgendwo am langen Strand kann ich sicher mein Zelt aufstellen. Und über einen holprigen Weg komme ich im letzten Tageslicht auf einen Platz direkt vor dem Sandstrand, auf welchem noch knapp einige Zelt, Autos und eine Imbissbude. In einer einsamen Ecke fixiere ich mein Zelt so gut wie möglich mit Steinen. Das Bad spare ich mir für den Morgen auf. Dafür gibt es noch ein langes Gespräch mit Ukrainern aus Kiew, die ebenfalls hier zelten und von ihren Exkursionen in die Berge der Umgebung schwärmen. In der improvisierten Beiz stellt mir der Wirt noch eine heisse Fleichsuppe auf, und bei zwei grossen Glas Rotwein geniesse ich das Rauschen der Wellen in der mondlosen Sternennacht. Mein Zelt finde ich gegen halb elf Uhr trotzdem noch auf Anhieb.

Privetnoe – Alushta – Yalta       (77 km)

Dienstag, 20. September

Noch selten so gut geschlafen: keine schreienden Esel, keine kläffenden Hunde, keine hämmernden Techno-Beats …., dafür ein wunderbarer Tagesbeginn mit der hinter dem gut 30 km entfernten Landspitze des Urmany-Ustu aus dem Meer aufsteigenden Sonne. Das Morgenbad mit Sonnenaufgang tut gut und bereitet mich so richtig auf die nächsten Pässe vor. Vor den Weinfeldern in der kleinen Küstenebene besammeln sich die Arbeiter zur Traubenernte, während ich die kühlen Morgentemperaturen nutze, um möglichst schweissfrei den ersten Pass zu bezwingen. Erst nach zwei Stunden und zwei steilen Übergängen gibt es in Rybache etwas zu essen. Auf einer Terrasse über dem Strand verzehre ich 2 Blini mit Speck und decke mich nach einem starken Kaffee auf dem Markt wieder mit dem Tagesproviant ein. Schon nach wenigen Kilometer stoppe ich bei Malorichenskjie wieder. Die blendend weisse kleine Kapelle mit schlankem hohem Turm erweist sich als Niklaus-Kapelle, sozusagen der jüngere und vor allem auch reichere Bruder unserer Kapelle in Geuensee. Ein daneben liegende kleines Museum erinnert an die grösste Schiffskatastrophe der Sowjetunion. Im August 1986 wurde das Passagierschiff „Admiral Nachimov“ , das zwischen Odessa und Batumi unterwegs war, in der  Nacht trotz Windstille und klarer Sicht von einem Frachter unweit der Küste gerammt und riss 450 der 1230 Passagiere in die Tiefe.

Die Aussicht in die steilen Berghänge des Krim-Gebirges und auf das tiefblaue Meer entschädigen in den nächsten fünf Aufstiegen immer wieder für die literweise fliessenden Schweisstropfen. Alushta, das nächste grosse Tourismus-Zentrum der Krim-Riviera, hat ausser Sandstränden und riesigem Freizeit-Rummel nichts zu bieten, also gleich an den sechsten Aufstieg. Wenigstens sind die Berghänge jetzt weniger zerklüftet, so dass die hier sehr grosszügig ausgebaute Strasse schliesslich mehr oder weniger in der einmal erreichten Höhe von rund 300 Metern nur noch mässig auf und ab geht. Der Abzweiger Hurzuf lockt mich aber doch wieder in die Tiefe, denn neben dem bekannten Jugenddorf „Artek“ lockt auch die Aussicht, von hier mit einer Fähre direkt nach Alupka zu gelangen. Das grösste Jugendlager der Sowjetunion ist auch heute noch Ziel tausender Kinder und Jugendlicher, die hier die vielfältigen Anlagen und Lokalitäten für Weiterbildung, Sport und Freizeit nutzen. Ohne Ausweis ist eine Besichtigung aber nicht möglich. Das alte Hurzuf mit seinen orientalisch weissen, mit Schnitzereien verzierten Häuschen war früher ein Ort der Künstler. Puschkin, Gorkij, Mussorgskij, Tschechov und viele mehr lebten über kürzere oder längere Zeit hier. Heute ist es vor allem ein Modekurort der „Schönen und Reichen“ und wird auch schon durch einige klobige Hotels verschandelt. Wegen zuviel Wind verkehrt die Fähre leider nicht mehr, und den 25% steilen Wiederaufstieg über ein schmales Strässchen auf die Hauptstrasse hinauf schaffe ich nur noch Velo-schiebend! Meine Tagesbilanz erreicht damit auch heute wieder rund 1900 Höhenmeter.inmal mehr erst in der Dämmerung und damit auch im dichtesten Abendverkehr komme ich gegen 18 Uhr in Jalta an. Die Zimmervermittlungsstelle am Busbahnhof ist geschlossen, Personen mit Mietangeboten sehe ich im Gewühl auch keine, also suche ich auf eigene Faust selber eine Unterkunft. Im sehr zentral gelegenen Hotel „Krim“ finde ich für 360 Grivni ein Zimmer im 5. Stock und darf für 50 Grivni auch noch das Velo in einem abschliessbaren Zimmer verstauen. Da die dringend nötige Renovation bisher nicht erfolgt ist, gibt es keinen Lift, und irgendwie scheint alles zu wackeln, aber dafür lässt sich auch noch die ruhmreiche Vergangenheit ums Ende des 19. Jh. erahnen. Da schleppt man eben das Gepäck all die Treppen hoch und ertastet sich im obersten Korridor irgendwie den Lichtschalter. Ab 20 Uhr gibt es sogar zwei Stunden lang warmes Wasser, ebenso am Morgen von 7 bis 8 Uhr.

Statt der als sehenswert beschriebenen armenischen Kirche finde ich hinter einem riesigen Einkaufszentrum nur düstere Plattenbauten.-Quartiere. Auf der Ostseite ist der älteste Stadtteil mit seinen engen, aber kaum beleuchteten enge und steile Gässchen bis zum hell beleuchteten Jan-Chrysostomos-Glockenturm hinauf sehr stimmungsvoll. Auf der schönen Strandpromenade ist wie in all diesen Ferienorten ein Riesen Ramba-Zamba, bietet mir aber immerhin etwas Erholung und dazu gute Strassenmusikanten. Sonst hat Jalta nicht viel zu bieten, aber trotzdem sollen angeblich jährlich über 2 Millionen Touristen die Stadt besuchen. Für mich bleibt aber auch der Name Massandra in bester Erinnerung: im kleinen Ort oberhalb der Stadt ist eine der besten Kellereien, die den Krim-Wein berühmt gemacht hat und deren Produkt ich heute sicher nicht zum letzten Mal genossen habe.

Yalta – Ai Petri – Bachtschisaraij        (86 km)

Mittwoch, 21. September

Dafür ist am nächsten Tag die Weiterfahrt spektakulär. Während am Beginn der Strandpromende Lenin vom hohen Sockel unnahbar in die Zukunft blickt, erwarten mich am anderen Ende mit Gogol und Tschechov zwei etwas erfreulichere Berühmtheiten. Am Ende des ausgedehnten Meeres-Parks mit zahlreichen Sanatorien finde ich trotz fehlender Markierung den alten „Zarenpfad“, der durch Wald auf fast immer gleicher Höhe die folgenden Orte verbindet und mir die höher liegende Hauptstrasse erspart. So stosse ich auch auf den Palast in Levadya, wo 1944 die grosse Jalta-Konferenz stattfand, an welcher das Nachkriegs-Europa aufgeteilt wurde. Das Museum ist noch geschlossen, aber alleine das Äussere der blendend weissen Gebäude und der grosszügig angelegte gepflegte Park drum herum sind eindrücklich. Aus dem hinteren Teil des Parks führt der Zarenpfad weiter durch den Wald mit knorrigen Eichen, Buchen und Föhren. Ab und zu gerate ich auf eine Asphaltstrasse oder in eine Baustelle, aber irgendwo auf gleicher Höhe find ich schliesslich immer wieder den Pfad, der fast durchgehend mit dem Velo befahrbar ist. Am Morgen stosse ich glücklicherweise auch erst vereinzelt auf Fussgänger, die diesen tollen Panoramaweg ebenfalls geniessen wollen. Mitten in der Wildnis wird der Pfad auch durch eine 1843 erbaute Aussichtsrotonde mit einer mächtigen Säulenreihe unterbrochen. Kurz vor Haspra kündet eine alte Holztafel das wohl berühmteste Photo-Sujet der Krim an: das „Schwalbennest“. Der exponierte Felssporn wurde schon seit dem Altertum für Festungen und/oder Leuchttürme genutzt. Das erst 1912 von einem deutschen Öl-Industriellen an Stelle einer früheren Villa erbaute Schlösschen im Stil einer alten Ritterburg ist heute ein teures Restaurant, auf dessen Besuch ich gut verzichten kann. So verlasse ich den Zarenpfad erst bei Koreiz und steche nach Mizkhor ans Meer hinunter mit der stillen Hoffnung, dass die dort startende Seilbahn auf den Ai Petri auch mein Velo samt Gepäck aufnehmen wird. Aus eigener Kraft wären mir die 1200 Höhenmeter doch etwas zu viel. Der Wegweiser zu einer Seilbahn erweist sich allerdings als irreführend: es ist nur eine kleine Gondelbahn vom Strand ins Ortszentrum hinauf. Dank 3 Mountainbikern, die gezielt in eine Seitenstrasse flitzen, find ich schliesslich doch die richtige Station. Besonders vertrauenserweckend sieht das nicht aus, aber eine Portion Gottvertrauen gehört bei der Fahrt mit dieser nostalgischen Seilbahn auch dazu, und schliesslich erspart sie mir einige Liter Schweiss. Für 60 Grivna für mich plus 30 fürs Velo gelange ich über 2 Sektionen in der vollgestopften Kabine auf den felsigen Aussichtsberg hinauf. Und die Aussicht aufs Meer ist wirklich spektakulär! Ich geniesse sie auf der Restaurant-Terrasse direkt über dem Abgrund bei einer Schale Plov (usbek. Reiseintopf) mit frischem Lavash (Brot) und einer Flasche Kwas (leicht alkoholisches Brotbier). Die Touristenscharen wandern von hier zum nahen Hauptgipfel mit dem gänzlich unorthodoxen Gipfelkreuz (es soll einst einer italienischen Film-Equipe als billigerer Ersatz für einen Schweizer Gipfel gedient haben, wobei aber der Abbruch der Kulisse im Filmbudget vergessen gegangen sei …..) oder stehen für Pferde-, Kamel- und knatternde Quad-Ausritte an. Ganz im Gegensatz zur steilen Meeresseite dehnt sich nach Norden eine wellige Hochebene aus, die an die Jura-Freiberge erinnert. Nach einer Besichtigung der Tremola, die sich von Jalta auf den Pass windet, sowie einer anstrengenden und glücklicherweise erfolgreichen Tour zum Wiederauffinden meines vor lauter Schlaglöchern verlorenen Notizbüchleins geht es endlich nordwärts ins Landesinnere weiter. Zunächst einige Kilometer auf der Hochebene, und dann beginnt eine kaum enden wollende Genussfahrt talwärts durch immer dichteren Wald und kaum einer Auto-Begegnung. Nur vor dem Eingang zur „Grossen Schlucht“, einem sehr beliebten Wandergebiet, häufen sich die Fahrzeuge. Ich kreuze einige Velofahrer, teilweise auch mit Gepäck, und gratuliere mir jedesmal wieder, dass ich für diesen langen Weg die Gegenrichtung gewählt habe. 23 km nach der Hochebene komme ich im Talboden auf 300 m.ü.M. mit Sokolyne erstmals wieder in ein Dorf. Bis Tankove geht es fast  flach durch Wiesen und Wald weiter. Über dem Wald leuchten beidseitig bizarre Felsformationen und teils senkrechte Wände als Ränder mächtiger Tafelberge. Vom Talausgang nochmals 12 km auf einer grösseren Strasse komme ich um halb sieben Uhr in Bachtschysaraj an. Die heutige Stadt ist absolut unattraktiv. Erst mit der Zeit entdecke ich, dass das in den Touristenführern gerühmte jahrhundertelange Zentrum der Krim-Tataren rund 2,5 km weiter östlich an dem aus dem Krim-Gebirge kommenden Baches liegt. So dämmert es schon wieder, bis ich dort ankomme und die Unterkunftssuche starte. Eine Frau nimmt mich gleich in Beschlag und führt mich durch enge, kaum befahrbare Gassen und Wege zu ihrem Haus. Die von ihr angepriesene 3-Sterne-Unterkunft erweist sich als ein mit Wand- und Bodenteppichen überladenes Zimmer, das ich nur im Storchenschritt durch die vollgestopfte Küche erreiche. Für die „Dusche“ im Garten bringt sie mir 2 Kessel mit warmem Wasser, von der „Toilette“ hinter dem Haus spricht man lieber nicht. Aber nun wieder etwas anderes suchen will ich nicht, irgendwie gehört ja auch dies zum Reise-Erlebnis. Und schliesslich interessiert mich hier ja auch die Vergangenheit, die ich hier auch vor mir habe: die Frau ist Krim-Tatarin, und ihre Eltern waren 1942 wie alle Menschen dieses Volkes nach Kasachstan und Sibirien deportiert worden. Erst 1956 konnten sie zunächst in die Ukraine und 10 Jahre später auf die Krim zurückkehren, wo sich inzwischen neue Siedler niedergelassen hatten.

Beim Schaschlik in einem einfachen tatarischen Restaurant mit guten Massandra-Wein findet auch dieser Tag einen genussvollen Abschluss. Schliesslich lasse ich auch noch das endlose Geschwätz meiner Gastgeberin über mich ergehen, die mir alle Briefe und Karten früherer Gäste aus aller Welt zeigen will und vor allem immer wieder betont, wie viel teurer und trotzdem miserabel die nur 50 Meter weiter liegende Touristenbasis „Prival“, sei, die ich ja eigentlich gesucht hatte (!)

Bachtschisaraij – Inkerman – Sevastopol               (60 km)

Donnerstag, 22. September

Obwohl mich die Hausherrin fast zum Bleiben nötigen will, packe ich um 7 Uhr meine Sachen und starte zu den Besichtigungen. 2 km hinter dem Ort liegt in einem kleinen Seitental das Uspenskij-Felsen-Kloster aus dem 9. Jahrhundert, eines der ältesten Klöster auf der Krim, das auch unter der Tatarenherrschaft weiterlebte und heute ein vielbesuchter Wallfahrtsort ist. Nach dem Zugang über eine Freitreppe und ein Eingangsportal kommt man zum eigentlichen Kloster, von dessen Kirchen, Korridoren und weiteren Räumen in der steilen Felswand nur kleine Öffnungen zu sehen sind. Am Fusse der Felsen wird unterdessen an einer wesentlich grösseren Klosteranlage gebaut. Zwei Kilometer weiter hinten im Tal erreiche ich zu Fuss nach den Resten eines Derwisch-Klosters und eines muslimischen Friedhofes mit Chufut-Kale eine weitere Sehenswürdigkeit. Sie ist die am besten erhaltene der vielen Felsenstädte in diesem Gebiet und wurde vom 7. Jh. bis ins 19. Jh. bewohnt. Der Zugang ist nur durch ein schmales Tor möglich, doch nach einigen Kehren an dunklen Wohnhöhlen vorbei findet man auf dem Plateau die Reste mächtiger Bauten. Von der Periode als Hauptstadt des Krim-Khanats zeugen noch ein grosses Mausoleum und Reste einer Moschee. Als Bachtschysaraj zur Hauptstadt wurde, lebten vor allem die jüdischen Karäer hier, bauten es weiter aus und gaben den heutigen Namen (=“ jüdische Festung“). Neben in den Fels gehauenen Lager- und Werkstatträumen sind denn auch die beiden Kenasen (= jüd. Gebetshäuser) und das Wohnhaus des Gelehrten Firkovich, (der u.a. „nachweisen“ konnte, dass die jüdischen Karäer schon vor Christus auf die Krim ausgewandert seien und damit keine Mitschuld an der Kreuzigung gehabt hätten), gut erhalten. Von dem Felsplateau aus wird deutlich, wie das Wasser im Laufe der Jahrtausende die Täler in eine ursprünglich durchgehende Ebene eingeschnitten hat. Auf dem Rückweg kommen mir schon  immer mehr Touristengruppen entgegen, und entlang dem Weg stellen Verkäufer überall ihre Souvenirs zum Verkauf aus, dies sie in riesigen Taschen zu Fuss jeden Tag wieder hierher schleppen. Zum Glück bin ich vorher gekommen!

Als letzes besuche ich zurück in Bachtschysaraj den Khans-Palast, der mit seiner Pracht eindrücklich die einstige Macht und den Reichtum der Tataren zeigt. Schon der äussere Eindruck der reichverzierten Gebäude ist beeindruckend, und die ausgedehnte fachkundige Führung ist nie langweilig und erklärt sehr gut die Funktion und Bedeutung der reich ausgestatteten Räume und vieler kleiner Details. Trotz der vielen Touristen ein Ort zum Ruhen und Schauen. Ich mache meine Mittagspause mit kurzem Nickerchen im Schatten der mächtigen Bäume und starte um halb zwei zur heutigen Etappe nach Sevastopol.

Auf der Hauptstrasse Richtung Küste geht es zunächst sehr bequem und schnell vorwärts. Aber in Meeresnähe wird es leider doch wieder hügelig. Und obwohl Inkerman an der gleichen Bucht wie Sevastopol liegt, muss ich noch eine 10 km lange und zu Beginn sehr steile Schleife nach Süden machen, bevor sich mein Ziel mit einem gigantischen Bogen über die nun schon autobahnähnliche Strasse ankündet. Erst ab dem Bahnhof kann ich mich in dieser Grossstadt wieder einigermassen orientieren. Auch das Stadtgebiet ist sehr hügelig, und erst nach weiterem Nachfragen finde ich (schon wieder im dichten Abendverkehr!) den Weg zum Hotel Krim, das ich mir aus dem LonelyPlanet herausgeschrieben habe. Der 12-stöckige Bau mit 380 Zimmern ist ein typisches ehemaliges Intourist-Hotel mit dem unverkennbar sowjetischem „Charme“, und natürlich fliesst warmes Wasser ebenfalls nur zu den besonderen Stunden aus dem Hahn, der Lift funktioniert auf gut Glück, aber als moderne Errungenschaft verfügt es doch auch über einen grossen Internet-Raum, wo ich wieder einmal meine Eindrücke und Grüsse nach Hause schicken kann.

Bei einem ersten Rundgang über den Primorsky Bulvar und gutem Essen beschliesse ich, in dieser Stadt etwas auszuruhen, die Sehenswürdigkeiten zu geniessen und erst am Samstag zur letzten Etappe nach Yevpatorija (und dann irgendwie nach Odessa) zu starten. Nach inzwischen 2050 km kann ich diese Pause wieder einmal brauchen!

Sevastopol      (zu Fuss )

Freitag, 23. September

Das Velo habe ich auf dem bewachten Parkplatz eingeschlossen, heute ist velofrei (was ich, aber vielleicht auch mein Velo, sehr schätzen!). Um 8 Uhr gibt es im Speisesaal Morgenessen, auch das noch richtig sowjetisch: der Platz an einem 4-er Tisch wird zugewiesen, nach Abgabe des Bons bringt eine „Offiziant“ den Teller mit einer Portion Kascha (Buchweizenbrei), 2 Stück Brot, ein aus dem Eiswasser gefischtes Stück Butter, 2 Scheiben Schnittfleisch, 1 Stück Käse, eine Tasse Schwarztee und ein eingepacktes Schoko-Stück. Jeder isst schnell und verschwindet wieder wortlos. Ich muss jetzt zuerst einmal schauen, wie ich meine Reise fortsetzen will. Von Andi Reusser, der zwei Wochen zuvor von Odessa nach Feodosija mit dem Velo unterwegs war, habe ich die Bestätigung erhalten, dass vom Nordende der Krim bis Odessa die Landschaft recht monoton sei und das Fahren auf den geraden Raserstrecken langweilig und auch gefährlich sein könnte. Also will ich die verbleibenden Tage lieber nutzen, um auch die wenig bekannte Tarankhut-Halbinsel im Nordwesten der Krim zu erkunden, von der auch die Russen am Kap Kazantip geschwärmt hatten. Auf meiner Krim-Karte sind zudem von Feodosija und von Chornomorske an der Nordküste aus Schiffslinien nach Odessa eingezeichnet. Eine Kontaktperson, die ich von zu Hause aus gefunden hatte, sandte mir zwar ein e-mail, dass es keine solche Verbindung gebe,  aber ich hatte noch immer Hoffnung. Diese macht mir nun aber die Hafenverwaltung in Sewastopol zunichte, denn die zweimal wöchentlich zwischen Jalta, Sewastopol und Odessa verkehrende Schnell-Fähre hat seit Ende August Saison-Schluss. Also bleibt nur Bahn oder Bus. Am Bahnhof kann ich mir gerade noch den letzten Platz für den Nachtzug ab Krasnoperekopsk nach Odessa für Dienstagnacht sichern. Die Fahrt ist sehr billig: 88 Grivni (rund 9 Franken) für die achtstündige Fahrt. So bleiben mir 3 Tage für Yevpatorija und Tarankhut, und heute habe ich ausgiebig Zeit für Sewastopolgeschws erstes fahre ich mit dem Bus zu der etwa 3 km entfernten antiken Stadt Khersonesos auf einer Landspitze westlich der Stadt. Von der durch Griechen im 6.Jh. v.Chr. gegründeten Stadt sind viele Bauten noch sichtbar und rekonstruiert, weitere Ausgrabungen sind im Gange. Neben Stadtmauern, Häusern und Strassen sind vor allem die Reste einer Akropolis vor dem tiefblauen Meer sowie das weitgehend restaurierte Amphitheater sehenswert. Mitten in dem riesigen Areal steht die mächtige Vladimir-Kathedrale. In ihrer Nähe soll ursprünglich auch die Basilika mit dem Taufbecken gestanden haben, wo der Kiewer Grossfürst Vladimir sich nach der Eroberung der Stadt christlich taufen liess und damit das Christentum für die Kiewer Rus als Staatsreligion wählte. Reizvoller als der Prunkbau sind in der Nähe die Statue des Apostel Andreas, der auch hier gewirkt haben soll, sowie der hölzerne Glockenstuhl mit den vielen Glocken jeglicher Grösse, die die orthodoxen Mönche über Seile zu einem bunten Glockenspiel erklingen lassen.en Rest des Nachmittags verbringe ich wieder in der Stadt. Sewastopol ist trotz ukrainischer Selbständigkeit auch heute noch Zentrum der russischen Schwarzmeer-Flotte. Die Stadt hat wegen ihrer strategischen Bedeutung aber seit der Gründung vor 230 Jahren eine besondere Stellung und eine von Kriegen geprägte Geschichte. Im Krimkrieg (1854-56) wurde sie fast drei Jahre lang von Engländern, Franzosen, Italienern und Türken belagert und beschossen, aber nie erobert. Die danach völlig zerstörte Stadt wurde neu aufgebaut, aber im 2. Weltkrieg von den Deutschen wiederum weitgehend zerstört. Danach wurde sie ein drittes Mal nach dem vorherigen Stadtbild und mit fast allen Repräsentativ-Bauten aus der Zarenzeit rekonstruiert. Mit immer weiteren Restaurationen auch von alten Wohnhäusern, Kirchen, den blendend weissen Verwaltungsgebäuden (heute inzwischen zwar vielfach zu Banken umfunktioniert !) und den ausgedehnten Uferpromenaden und Parks ist die Stadt auch touristisch attraktiv. Die Monumente aus zaristischer und kommunistischer Zeit reihen sich nahtlos ins Stadtbild ein. Ich besuche auch das monumentale Panorama „Verteidigung von Sewastopol 1854“, einem Rundumbild von gut 20 m Durchmesser, das dreidimensional Szenen aus dem Belagerungskrieg zeigt. Es wurde vor dem Einmarsch der Deutschen abgebaut, mit Schiffen in Sicherheit gebracht und nach dem Weltkrieg wieder originalgetreu aufgebaut. Den Abend geniesse ich beim Gang zur „gräfischen Anlegestelle“, die extra für den Besuch durch Katharina II. erstellt worden war, und durch die Parks, wo die Männer an Tischen Schach und Domino spielen. Nach einem guten Nachtessen im „Traktir 1854“ (mit 2 Glas Massandra) erkundige ich auf dem Rückweg zum Hotel den morgigen Weg zur Artbuchta, von wo nach Fahrplan bereits um 7 Uhr bereits eine Auto-Fähre zum Nordufer der Bucht abfahren soll.Sevastopol – Saky – Yevpatorija          (106 km)

Samstag, 24. September

Nach einem morgendlichen Intermezzo im Hotel um ein kleines Tüchlein, das beim Aus-checken bereits als fehlend registriert worden war, erreiche ich die Artbuchta doch noch um 10 vor 7, aber ein Arbeiter klärt mich auf, dass der Fahrplan eben nicht immer stimme und die erste Fähre erst um 8 Uhr starte. Also nix wie los zum „Seehafen“ bei der Gräfischen Anlegestelle, und hier  komme ich gerade noch rechtzeitig für die kleine Personen-Fähre, auf der ich aber das Velo ebenfalls mitnehmen darf, da es am Samstag noch genügend Platz hat. Die Sonne geht während der zehnminütigen Fahrt erst auf, doch beim Landungssteg ist der Markt schon voll im Gange, und mit den Saccochen auf meinem Velo komme ich kaum zwischen all den auf dem Boden und auf kleinen Marktständen ausgebreiteten Früchten, Gemüse, Brote, Fleisch und Käse hindurch. Etwas ausserhalb der Stadt nehme ich an einer mit Mosaik geschmückten Bushaltestelle mein Frühstück mit Yoghurt, Brot und Wasser und starte dann definitiv Richtung Yevpatorija. Nach einigen bis etwa 120 m hohen Hügeln wird es immer flacher. Die Strasse ist gut, und ab Fruktove, wo die Strasse nach Bachtschysaraj und Simferopol abzweigt, gibt es auch nur noch mässig Verkehr .Nach den morgendlichen 17 Grad wird es trotz wolkenlosem Himmel tagsüber nur noch maximal 28 Grad warm. Ohne Gegenwind eine sehr angenehme Fahrt! Bei Mykolaivka verzichte ich auf die Hauptstrasse über Rozdolne und wähle die löchrige Strasse gegen Frunze. Dafür muss ich schliesslich auch noch 3,5 km Erdweg in Kauf nehmen, aber ich bin ja früh dran und habe Zeit. Punkt 12 Uhr komme ich in Saky an, wo mir sofort die vielen Invaliden auffallen. Der Schlamm aus den Salzseen der Umgebung und das bromhaltige Mineralwasser sollen eine heilende Wirkung haben, weshalb die Kleinstadt zu einem Kurzentrum wurde. Den Versuch, hier Zwischenverpflegung zu kaufen, gebe ich bald auf: der erste Laden schliesst wegen Warenanlieferung, und im zweiten Laden bringt mich das russische Verkaufssystem fast zur Verzweiflung: zuerst anstehen, bis man sehen kann, was man kaufen will, dann an der Kasse anstehen zum Bezahlen, dann mit dem Kassenzettel wieder anstehen zum Abholen des gekauften Produktes …. Da ruhe ich lieber auf einer schattigen Bank vor dem Stadthaus aus und begnüge mich mit einem meiner Farmer-Stengel.

Über eine 12 km lange Nehrung, leider nun mit Gegenwind, erreiche ich um halb 3 Uhr Yevpatorija. Im kleinen Hotel „Kosmos“ im Obergeschoss des schön renovierten Busbahnhofs will mir die Frau zwar zunächst kein Zimmer geben, da dies teuer sei und ich offenbar zu ärmlich aussehe. Erst nach längerer Erklärung scheint sie zu begreifen, dass ich wirklich hier das Zimmer will, vor allem wegen dem perfekten Bad mit Dusche. Und 250 Grivna für eine moderne kleine 2-Zimmerwohnung ist für mich nun wirklich ein „Schnäppchen“. Sogar das Velo darf ich hereinnehmen, das ich mit 2 Kabelschlössern in einem versteckten Winkel an den Dachablauf gebunden habe. Nach Meinung von 2 Polizisten, die hier Tag und Nacht patrouillieren, ist eben auch das viel zu riskant.

Yevpatorija ist eine wahre Multi-Kulti-Stadt: im alten Zentrum mit den ein- und zweistöckigen Häusern innerhalb der teilweise noch erhaltenen Stadtmauern hat es ein jüdisches, ein tatarisches, ein armenisches und ein russisches Quartier. Neben der nach dem Vorbild der Haga-Sophia um 1550 erbauten Dzhuma-Dzhami- Moschee, wo gerade eine Trauung stattfindet, steht die Nikolai-Kathedrale, das grösste orthodoxe Gotteshaus auf der Krim. Und wenige Strassen weiter stosse ich auf die Egiya-Kapay-Synagoge, die aber geschlossen ist. Von der armenischen Nikolai-Kirche sehe ich nur den Turm, ohne den Zugang in den engen Strässchen zu finden. Ich besuche dafür die um 1810 erbauten karäischen Kenasen mit den hellen Laubengängen zwischen den Gebäuden. Mitten unter der Laube erinnert ein goldener Adler an den Besuch durch Zar Alexander. Die beiden Kenasen sind die am besten erhaltenen Gebetshäuser dieser jüdischen Volksgruppe und auch noch regelmässig in Betrieb. Die Stadt ist aber auch der grösste Kurort der Krim, und so besteht ein grosser Teil der Stadt aus Alleen und Promenaden, die von Hotels und Pensionen gesäumt sind und auf denen an diesem schönen Spätsommerabend zwischen all den Ständen mit Attraktionen und Souvenirs mit dem Velo kaum ein Durchkommen möglich ist. Neben den neueren Bauten fällt an der Uferpromenade zwischen den hohen  Bäumen auch besonders ein Holzhaus mit geschnitzten Balkongeländern auf. Mit den quietschenden Trams, die mit maximal 20 km/h auf krummen Geleisen durch die Strassen rumpeln, fühlt man sich nach dem Lärm und den grellen Leuchtreklamen plötzlich um Jahrzehnte zurückversetzt. Ausserhalb des Tourismus-Klamauks gibt es in den Strassen kaum Licht, und so finde ich mein Hotel erst wieder nach längerer Irrfahrt. Kurz in einem nahen Restaurant etwas essen, Verpflegung für morgen einkaufen und vor Mitternacht in die Klappe. Morgen will ich bereits um halb 7 starten, um die Fähre bei Myrny um 8 Uhr nicht zu verpassen. Im LonelyPlanet heisst es, dass über die kleine Lücke in der dortigen Nehrung morgens um 8 Uhr und abends um 19 Uhr ein Boot fahre. Nach Auskunft meiner Vermieterin soll es das zwar gar nicht geben, aber auch die drei Russen am Kap Kazantip hatten mir versichert, das klappe, man müsse nur mit 50 Grivna winken. Mal sehen, ob das klappt, sonst gibt es eben einen grösseren Umweg ins Landesinnere.

Yevpatorija – Olenivka – Chornomorske       (181 km)

Sonntag, 25. September

Bei meinem Start kurz nach vor halb sieben Uhr ist es noch fast dunkel und mit 11 Grad empfindlich kühl. Der warme Faserpelz und der gute Nabendynamo bewähren sich bestens. Erst wenige Autos fahren mit Melonen und Trauben zum Markt in die Stadt, die Strassen sind noch fast leer. Ich halte ein Tempo von rund 25 km/h und bin um 07.40 Uhr wirklich schon in Mirny mit seinen grossen Wohnblocks aus der Zeit, als am nahen Donuzlav-See die Schwarzmeer-Flotte einen wichtigen Stützpunkt betrieb. Unterwegs bin ich kaum 10 Autos begegnet, und hier scheint in diesen Morgenstunden auch noch kaum Leben zu existieren. Am Ende des Ortes wechselt die vierspurige Allee plötzlich in eine auseinander brechende Betonstrasse. Beidseitig leuchtet rotes Moos in den halb ausgetrockneten Sumpfflächen. Am Beginn der Nehrung gibt es nochmals einige neuere Häuser und sogar 2 halbfertige Hotels. Sonst nur kläffende Hunde und ein Frühaufsteher, der mir verwundert nachschaut. Nach den letzten Häusern versperrt eine Barriere die Löcherpiste, und auf das Bellen eines Wachhundes kommt aus einer Baracke ein Soldat und fragt erstaunt, was ich hier suche. Eine Fähre?? – Gibt es hier nirgends. Auch mein näheres Nachfragen bringt nichts, ab hier ist nur noch militärisches Sperrgebiet ! – Offenbar hat die Ukraine den ehemals russischen Stützpunkt am See wieder in Betrieb genommen. Für mich bedeutet dies gut 50 km Umweg um in nur 8 km weiter zum anderen Ende der Nehrung zu gelangen. Aber der Zauber der Tarankhut hat mich gepackt, und so geht es halt 5 km zurück und dann gegen kräftigen Gegenwind 22 km weit bis zur Hauptstrasse Yevpatorija – Chornomorske zu trampen. Die windige Steppenlandschaft gibt mir einen Eindruck, wie eine Velotour durch Südrussland oder Kasachstan etwa sein könnte: so 1 -2 Tage noch faszinierend, aber dann nur noch Krampf! Ich mache mir das Leben mit guter Musik aus meinem i-Pod etwas leichter. Mit nur 4 weitläufigen Dörfern unterwegs bin ich um halb eins endlich wieder an der Küste. Wenigstens hatte ich die letzten 20 km wieder eher Rückenwind und der Frust macht wieder dem Genuss Platz. Ab Marine gibt es laut Karte nur einen kleinen Pfad der Küste entlang. Auf der Suche nach diesem kommt mir mitten im Ort ein Velofahrer mit Gepäck entgegen. Igor aus Kiew hat soeben während 3 Tagen das ganze Kap umrundet und ist total begeistert. Auf den folgenden 30 km werde ich für die bisherigen Strapazen tatsächlich reichlich belohnt. Auf mehr oder weniger deutlichen Wegspuren geht es der Küste entlang, die bald zu einem Steilufer wird, das in 20 bis 30 Meter hohen braunen, gelben und weissen Felsklippen in das tiefblaue Meer abfällt. Ab und zu begegne ich Radfahrern oder Automobilisten, die bei einem der seltenen Strandabschnitte campieren. Nackter Fels und Sandboden wechseln sich ab, aber langsam und mit vielen Photostops geht es vorwärts. Ausser zwei einsame Höfe und ein Leuchtturm zeugt nur eine Reihe von etwa 10 Meter hohen runden Betontürmen von Bautätigkeiten; vermutlich irgendeine militärische Anlage aus der Sowjetzeit. Es ist schon fast 16 Uhr, als ich mit Olenivka die westlichste Siedlung auf der Krim erreiche. Und wenn ich schon hier bin, will ich doch auch gleich noch die westlichste Landspitze sehen, also nach einigen frischen Trauben und Feigen im gleichen Stil weiter. Eine senkrecht aufgestelltes altes Torpedo steht als Landmarke auf der äussersten Landzunge. Eigentlich wäre es wunderbar, hier mit dem Zelt zu übernachten, aber ich habe weder Wasser noch etwas Essbares bei mir, und morgen Nacht fährt mein Zug nach Odessa. Also muss ich doch heute noch bis Chornomorske, und dafür kommt so spät nur noch die Strasse in Frage. Nach einem letzten Sturz in einer sandigen Spurrinne bin ich um halb sechs wieder bei Olenivka und schaffe es nach 25 Kilometern auf holpriger Asphaltstrasse ( und nicht ganz freiwilliger „Egalisierung“ meines bisherigen Tagesrekordes von 181 km ) genau mit einbrechender Dunkelheit zum Etappenziel Chornomorske. Entgegen meinen Erwartungen zeigt sich der Ort als eher verschlafenes Kaff, offenbar auch nur mit einem einzigen kleinen Hotel. Das „Jachont“ ist mit 350 Grivna zwar nicht billig, aber die grossen Zimmer mit Sicht auf Garten und Meer sind das Geld wert. Als erstes muss ich duschen und sämtliche Kleider und Gepäcktaschen gründlich ausklopfen und reinigen; seit der Tour entlang der Küste ist alles nur noch graubraun, und der feine Staub hat sich überall festgesetzt. Für den Swimming-Pool ist es doch schon etwas kühl, ich suche mir in dem dunklen Ort lieber noch ein Lokal für ein gutes Nachtessen aus. In einem einzigen Lokal hat es noch Gäste, weil hier gerade eine Geburtstagsparty abgeht. Auch hier geht es nicht lang, bis ein Gast mich in ein Gespräch verwickelt und mir auch von sich erzählt: Pavel arbeitet 11 Monate in der „grössten Tagbau-Grube der Welt“ (1 km tief) als Fahrer eines Erz-Transporters und im Sommer erholt er sich hier auf seiner Datscha bei Wandern und Fischen; zwar immer im Dreck, aber gut bezahlt, und von den Politikern sind ohnehin alles Halunken. Und einmal mehr höre ich, wie früher eben doch alles noch besser gewesen sei, und mir wird auch einmal mehr bewusst, wie privilegiert wir Westeuropäer sind …

Chornomorske – Sterekhushe – Krasnoperekopsk          (128 km)

Montag, 26. September

Bei Tageslicht bekommt jetzt auch noch das Velo seine Reinigung, und nach dem guten Morgenessen mit Bliniy geht es tatsächlich „wie geölt“ ostwärts weiter. Zudem ist die Strasse deutlich besser und doch ohne Verkehr, es ist flach und es windet auch nicht. Nach 18 km mache ich in Mizhvodne eine Znüni-Pause. Die Touristensaison ist unterdessen zu Ende, deshalb sind in der blumengeschmückten und den Fussgängern vorbehaltenen Hauptgasse die vielen Restaurants und Geschäfte auch um 10 Uhr noch geschlossen. In einer schönen Gartenbeiz bekomme ich wenigstens 2 starke Kaffee für 20 Grivna. Auf meine 100-Grivna-Note bekomme ich neben einem 50-er Schein 30 1-Grivna-Münzen, denn Wechselgeld in Noten ist häufig Mangelware. Die folgenden 40 km geht es wieder durch endlose abgeerntete Felder mit vereinzelten Hecken und Baumreihen. In Steregusche komme ich zum letzten Mal direkt ans Meer und möchte deshalb auch nochmals schwimmen. Im Dorfladen kaufe ich meine Zwischenverpflegung und lasse mir dabei wieder einmal den Abakus erklären, der in vielen Läden immer noch anstelle von Taschenrechner oder Registrierkasse in Gebrauch ist. Der Strand ist total verlassen, im leichten Wind quietscht eine rostige Schaukel, die ersten 20 Meter im flachen Wasser stapfe ich über einen Teppich von angeschwemmtem Seegras. Aber das Bad im immer noch 19 Grad warmen Wasser ist nach der eintägigen Fahrt sehr entspannend. 25 km weiter werden ab Rozdolne die Felder wieder grün. Ein ausgedehntes Kanalsystem sorgt hier für intensive Bewässerung und ermöglicht Gemüseanbau und Futtergras. Offenbar erfordert diese Intensivwirtschaft aber auch grosszügige Schädlingsbekämpfung, denn ich entkomme nur knapp einer Nebelwolke aus einem tieffliegenden Kleinflugzeug.

Ab Vorontsivka ist es vorbei mit der Ruhe. Auf der Hauptstrasse von Simferopol nach Cherson herrscht dichter Verkehr mit sehr vielen riesigen Lastwagen. Und nachdem ich bisher fast immer eher überbreite Strassen mit reichlich Platz für mein Velo angetroffen habe, hat diese wichtige Strasse auf langen Abschnitten geradezu schweizerische Dimension: 2 Fahrbahnen und ausserhalb der Randmarkierung höchstens einen halben Meter Asphalt. Sobald im Rückspiegel ein Lastwagen auftaucht, weiche ich deshalb auf den groben Schotterstreifen nebenan aus. Offenbar treffe ich ausgerechnet auf den letzten Kilometern meiner Tour noch die gefährlichsten Abschnitte an. Um 17.45 Uhr kündet die Betonwand mit der Inschrift Krasnoperekopsk und den grimmigen Betonköpfen eines Arbeiters, eines Soldaten und eines Bauern das Ende der Velofahrt an. Aus den geplanten 110 km sind schliesslich 128 km geworden. Bei einer kleinen Autowäsche lasse ich das Velo für die Bahnfahrt gründlich reinigen und fahre zum nahen Bahnhof. Ein trostloses einstöckiges Gebäude, im Innern ein ebenso trostloser Wartsaal mit einigen vor sich hin dösenden Reisenden, hinter dem hohen Schalter irgendwo eine Beamtin. Eigentlich habe ich noch mit einem Nachtessen in einem Restaurant gerechnet, aber beim modernen Busbahnhof in der Nähe ist das Restaurant geschlossen, der Markt ebenfalls, und wo es in der dahinter liegenden Stadt so etwas gebe kann mir auch niemand sagen. Also kaufe ich im Minimarkt Käse, Brot, Bier und ein Schokoladebrot als Dessert und picknicke im Wartsaal, während nebenan eine Obdachlose vor sich hin schnarcht. Mein Zug ist für 23.15 Uhr angesagt. Die Züge sind sehr lang und das Perron nur gerade vor dem Stationsgebäude schwach beleuchtet. Um genau zu wissen, wie das mit dem Einsteigen dann wohl funktionieren wird, beobachtete ich bei zwei früheren Zügen die Wagenreihenfolge. Die Wagennummern sind im Dunkeln kaum sichtbar, und deshalb merke ich mir einfach, wo jeweils Wagen Nr. 16 stillsteht. Punkt 23 Uhr stehe ich mit für den Transport parallel gestelltem Lenker bereit, um dann samt Gepäck ohne Probleme schnell über die kleine Leiter in den schmalem hohen Eingang der Waggons zu gelangen. Als das lange Ungetüm endlich ganz still steht, stelle ich mit Schrecken fest, dass ich vor Wagen Nr. 4 stehe -, dieser Zug ist umgekehrt nummeriert!! Also sofort auf dem dunklen Perron etwa 200 m weiter nach vorn, aber mit verstelltem Lenker und schwerer Saccoche geht das nicht so schnell. Und bei Wagen 13 setzt sich der Zug schon wieder langsam in Bewegung ….. Ich sehe mich schon eine Nacht hier zu verbringen, um dann irgendwie am Morgen mit dem Bus nach Odessa zu gelangen. Also schreie ich  einfach los und hämmere an mit der freien Faust an den Wagen. Zu meiner Erleichterung bremst der Zug nach langen Sekunden nochmals, so dass ich mit Hilfe einer Bediensteten meine teilweise heruntergefallene Ware samt Velo wenigstens in den Wagen 13 schaffe. Und während der Zug weiterfährt, kämpfe ich mich zuerst mit dem Gepäck und dann mit dem Velo durch die engen Gänge und im Wagen 16 schliesslich zwischen den offenen Pritschen mit schlafenden Gästen hindurch, bis mich ein Kontrolleur anhält: hier ist mein reservierter Platz, aber das Velo, für welches ich in Sewastopol extra Zuschlag bezahlt habe, ist überall nur im Weg, und ein Gpäckabteil gibt es nicht. Schliesslich nehme ich das Vorderrad ab und kann es mit den 2 Kabelschlössern irgendwie in der Zwischenplattform so aufhängen, dass die Türen nicht vollständig blockiert werden. Die Operation dauert mindestens eine halbe Stunde und bringt mich tüchtig ins Schwitzen. Aber wenigstens bin ich im Zug, und die paar Schürfungen nehme ich gerne in Kauf. Kurz nach Mitternacht kann ich mich auch noch auf die reservierte Pritsche legen, während es rundum schnarcht und der Zug gleichmässig über Mikolaiv Richtung Odessa rattert.dessa        (definitiv zu Fuss)

Dienstag – Donnerstag,      27. – 29. September

Ab halb sieben beginnen die Passagiere aufzustehen, die Bettwäsche dem Wagenchef abzugeben und die Pritschen hochzuklappen: aus dem Schlafwagen wird wieder ein Reisewagen mit offenen 6-er Abteilen und Längsbänken. Und aus den Pyjama- Figuren werden wieder elegant gekleidete Damen und Herren, die im dichten Gedränge irgendwie eine Morgentoilette zu Stande bringen. Die letzte Stunde geht es nur noch als Bummelzug durch die Vororte von Odessa. Um 8 Uhr 10 ist Endstation meiner Reise. Ich warte, bis alle ausgestiegen sind und kann nun wirklich in aller Ruhe auspacken und auf dem Perron gemütlich das Velo wieder zusammensetzen. Es ist tatsächlich noch alles da!

Mit dem Velo schlängle ich mich durch das Verkehrschaos vor dem Bahnhof. Für 26 Franken finde ich im „Zentralnaya“ ein Hotelzimmer, zwar (wie hier früher üblich) mit Etagendusche und -WC, aber ruhig und dem Namen entsprechend doch mitten im Zentrum. Von hier aus flaniere ich nach ausgiebigem Duschen 2 Tage lang kreuz und quer durch die Stadt und suche die Highlights dieser traditionsreichen Stadt auf: die direkt benachbarte Deribavskaya, die „Ausgangsmeile“ und das eigentliche Herz der Innenstadt mit Restaurants, Kaffees, Luxus-Geschäften, der den italienischen Galerien nachgebauten  „Passage“ mit hohem Glasdach,den Primorsky Bulvar mit den mächtigen schattenspendenden Allee-Bäumen vor den klassischen Verwaltungs-Gebäuden, das Denkmal des Herzogs de Richelieu, der als Statthalter im Auftrag von Katharina II die Stadt nach der Gründung durch seinen Landsmann de Ribas zur Blüte brachte, und die von hier zum Hafen hinunter führende breite Potemkin-Treppe, welche durch Eisensteins Film zu Weltruhm kam; den blendend weissen Woronzow-Palast mit Aussicht über den Hafen und den modernen Passagierhafen (Morevoksal) mit dem schlichten Denkmal für die Frau und das Kind des verabschiedeten Seemanns; die Alte Börse (1835), heute Sitz des Stadtparlaments, und die Neue Börse (1899), heute Konzertsaal der Odessaer Philharmonie mit Platz für über 1’000 Besucher: die 1887 fertiggestellte Oper, die als eines der schönsten Gebäude dieser Art gilt: reich verzierte Häuser aus der Blütezeit vor der Revolution und aus der Zwischenkriegszeit; viele sind als Architektur-Denkmäler gekennzeichnet, und auch neue Häuser werden aufwändig im Stil der Vergangenheit gebaut

Parks mit ruhigen Ecken zum Verweilen und Geniessen, …

Die Abende widme ich der Kultur: am Dienstag besuche ich eine Aufführung der Oper „Füst Igor“ von A. Borodin; ich bin zwar keineswegs Opernfreund, aber schon nur was bei dieser Aufführung dem Auge geboten wird, ist den Eintritt mehr als wert, dazu wirklich eine tolle Aufführung vor meiner Loge im 2. Balkon aus für 100 Grivna (10 Franken!) Am Mittwoch zum Liszt-Jubiläum ein kommentierter Klavier-Abend mit dem Pianisten-Paar Ilja und Olga Scherbakov: absolut faszinierend, und auch das für nur 30 Grivna

Am Mittwoch gilt meine Hauptsorge zunächst dem bevorstehenden Velo-Transport nach Zürich. In einem Velogeschäft möchte ich mir eine ausgediente Transportschachtel besorgen, aber die mir von Velopassanten in den Strassen angegebenen Adressen finde ich nicht. Endlich finde ich doch noch einen Roller- und Biker-Shop, aber Schachteln haben sie im Moment keine. Eine junge Verkäuferin Irina telefoniert aber sofort zu einigen anderen Geschäften und erhält schliesslich von einem Geschäft draussen  in einer Vorstadt positive Rückmeldung. Da der Weg dorthin mit Bus und Marschrutkas nicht einfach ist, begleitet sie mich gleich selber dorthin und anschliessend mit dem Tram auch zurück zum Hotel. Dazu erhalte ich von ihr wertvolle Tips für günstige Einkäufe. Für diese 2 sehr hilfreichen Stunden will sie nichts, und nur mit Mühe kann ich ihr wenigstens die Fahrkosten und eine Portion „Warenki“ und ein Glas „Kompot“ bezahlen. Die mit Früchten gefüllten Ravioli in Vanille-Sauce und der erfrischende Früchte-Mix sind beliebte ukrainische Spezialitäten. Als letzte kulinarische Exkursion besuche ich nach dem Klavierabend nochmals ein georgisches Keller-Restaurant und versuche Lammfleisch-Eintopf und eine weitere Chatschapuri-Variante, diesmal adscharisch (mit einem halbrohen schwimmenden Ei in der Mitte. Und dazu gehört natürlich auch wieder guter (georgischer) Wein. Ein zufriedener Abschluss der Schwarzmeer-Tour!

Am Donnerstagmorgen verwende ich eine ganze Stunde, um mein Velo mit guter Polsterung zu verpacken und die Schachtel mit einer ganzen Rolle Scotch zu verkleben. Irina hat mir am Vortag auch bereits ein günstiges Taxi mit genügend Platz für das grosse Gepäck bestellt. Es bringt mich um 11 Uhr für 140 Grivni zum Flughafen. Saccoche und Veloschachtel lasse ich mir nochmals verkleben, bezahle im LOT-Büro die 381 Grivni für das Velo und gebe die letzten 70 Grivni im Duty-free-Shop für einen Krim-Cognac aus. Der zwingt mich zwar beim Umsteigen in Warschau zu einem neuen Check-In, wo ich auch die Lenkertasche mit dieser Flasche als Gepäck aufgeben muss, aber als Souvenir ist sie mir das wert. Pünktlich um 19 Uhr lande ich wieder in der Schweiz, diesmal trotz 7 Kilo weniger Lebendgewicht auch völlig unversehrt.

Ich bin glücklich und dankbar, dass auch diesmal wieder alles bestens und unfallfrei geklappt hat. Und dass ich nach einer solchen Tour immer wieder zu lieben Menschen heimkehren und hier immer noch unbesorgt das Leben geniessen darf.


 

…. und wie immer zum Schluss: die BILANZ

  • In Zahlen: während 145 Stunden über 23 Tage verteilt:  2’456 Strecken- und 16,8 Höhen-km im Sattel in 4 Ländern
  • auf Asphalt, Beton, ÜÃœberresten von Beidem, Schotter, Kies, Sand, Dreck, ……..   keine einzige Panne, einige Stürze, aber kein Unfall (in Krasnoperekopsk mit viel Glück!)

Viele interessante Begegnungen und Gespräche:

  • mit der jungen Moskauerein, die jeden Sommer einen Monat in Tbilissi Ferien macht, weil es hier viel interessanter ist als in Moskau
  • mit meinem Gastgeber in Batumi, der (wie viele andere ! ) Sakhashvili zum Teufel wünscht und glaubt, dass sich der Präsident nur dank der Unterstützung durch die Amerikaner auch nach gefälschten Wahlen an der Macht halten kann
  • mit meiner Gastgeberin Regina in Zugdidi, die die Schuld am Abchasien-Krieg weitgehend auf georgischer Seite sieht und auch in Süd-Ossetien (2010) Sakhashvili als ersten Angreifer betrachtet
  • mit dem jungen Petersburger, der jeden Sommer mit Freunden 2 Wochen in Abchasien am Strand zeltet und täglich Bike-Touren unternimmt
  • mit Georgiern und Abchasen zum Abchasien-Konflikt: als ob man von zwei völlig verschiedenen Welten sprechen würde …
  • mit dem gastfreundlichen Armenier Sergej, der sich an die goldenen 80-er Jahre erinnert, als vor dem Fall der Berliner Mauer Tausende von Deutschen die Sommerferien hier verbrachten
  • mit Sascha aus Moskau, ehemaliger Berufsmilitär, der heute für die Zeugen Jehovas unterwegs ist und mit seinen zwei Freunden jedes zweite Jahr irgendwo zwischen dem arktischen Karelien und dem subtropischen Schwarzen Meer 1-2 Wochen auf dem Velo unterwegs ist
  • mit den ukrainischen Touristen, die am Strand von Privetnoje in einfachsten Verhältnissen zelten und die Ruhe und die Wanderungen in die unwegsame Umgebung geniessen
  • mit der Tatarin Schura, die in Bachtschisaraij ihr ärmliches und chaotisches Haus als Touristenunterkunft anbietet ( und gelegentlich offenbar Erfolg hat …)
  • mit dem ehemaligen Jukos-Ingenieur in Odessa, der in der Sowjetzeit als Abteilungsleiter in die halbe Welt (inkl. der Schweiz) zu Fach-Tagungen reisen durfte und nach der Privatisierung und dem Verkauf ganzer Abteilungen dieses Staatsbetriebes mit 55 Jahren vor dem Nichts stand
  • mit dem früheren Oberst der Sowjet-Armee, der lange Jahre in Kuba, Angola und vor allem Afghanistan lebte und heute trotz seines guten Lebens in Odessa an einen kommenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine glaubt und dann sofort als Ukrainer gegen die Russen kämpfen würde
  • mit den vielen Menschen unterwegs, die mir die fehlenden Wegweiser ersetzten und vor allem nicht begreifen konnten, weshalb ein Mann mit einem Auto zu Hause mit dem Velo in die Ferien geht
  • mit all den vielen Menschen, die auch die Sowjetunion bewusst erlebt hatten und mit ganz wenigen Ausnahmen rückblickend die damals „gute Zeit“ ohne Arbeitslosigkeit, mit für das wenige genügend Geld und einer gesicherten Altersvorsorge der heutigen „Freiheit“ mit Arbeitslosigkeit, reichem Konsum-Angebot ohne Geld, dies auch zu nutzen und Aussicht auf völlig ungenügende Pension vorziehen würden

Immer genau dann, wenn es Schwierigkeiten hätte geben können, tauchte irgendjemand auf, der die Lösung hatte, oder ein glücklicher Zufall half mir weiter

Insgesamt waren es vier eindrückliche Wochen in einer Gegend, die mich seit dem ersten Besuch in Georgien 1998 immer wieder angezogen hat. Mein damaliges Vorhaben, irgendwann einmal mit dem Velo das Schwarze Meer zu umrunden, ist zusammen mit dem Abschnitt Donaumündung – Varna 2009 zu einem grossen Teil realisiert. Ob ich allerdings auch den türkischen Abschnitt realisieren will, ist sehr ungewiss, denn im Gegensatz zu den bisherigen Abschnitten ist dieser Teil recht kahl und die Strasse der Küste entlang dürfte sehr starken Verkehr aufweisen.

Und wie eigentlich alle bisherigen Velotouren im Osten und Süden würde ich auch diese Tour jederzeit wieder machen – aber es gibt ja noch viel zu entdecken und zu er-„fahren“.

Vollständige Bilder-Zusammenstellung unter

  • Georgien: https://picasaweb.google.com/100936285236581376857/2011SchwarzesMeer1Georgien#
  • Abchasien / russ.Küste: https://picasaweb.google.com/100936285236581376857/2011SchwarzesMeer2AbchasienRussland#
  • Krim und Odessa: https://picasaweb.google.com/100936285236581376857/2011SchwarzesMeer3UkraineKrim# 39
  • Nützliche Infos (neben internet, GoogleEarth, ….)

Reiseführer:

  • Georgien: Unterwegs zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer (Trescher Verlag)
  • Georgien (ReiseKnowHow)
  • Georgia / Armenia / Aserbeijan (Lonely Planet) on-line auch Länderweise verfügbar!)
  • Internet http://abkhazia.travel/en/abkhazia
  • Die russische Schwarzmeerküste: Unterwegs zwischen Sotschi und Anapa (Trescher Verlag)
  • Die Krim (ReiseKnowHow) inkl. Kurz-Info Odessa
  • Die Krim. Faszinierende Orte und Landschaften auf der südlichen Krim (Gaasterland Verlag)
  • Von Odessa bis Kertsch (Wostok Reiseführer) 10 Jahre alt, aber mit viel Hintergrund-Info

Einreise – Bestimmungen:

  • Für Georgien und die Ukraine (Krim) genügt der Reisepass
  • Abchasien: http://www.mfaabkhazia.net/en/visa per internet hier vorhandenes Formular ausfüllen und elektronisch inkl. Passkopie und Foto einsenden. Innert 5 Arbeitstagen(wenn man Glück hat) folgt eine schriftliche Einreisebewilligung, mit der man die Grenze passieren darf und dann in Suchum das für die Wieder-Ausreise erforderliche eigentliche Visum gegen 20$ abholen kann
  • Russland: erforderliche „inladung“ . z.B. http://www.visatorussia.de/de/russianvisa.nsf/visa_support.html wird innert 1 – 2 Tagen nach Bezahlung zugestellt (30 $) Visa-Antrag (CH): http://www.consulrussia.ch/visa.htm Antrag persönlich in Bern abgeben und Visum nach ca. 3 Wochen abholen (58 Fr.) Geduld !!

Sprachen:

  • Georgisch, Wort für Wort (Kauderwelsch-Sprachführer, ReiseKnowHow)
  • Russisch, Wort für Wort (Kauderwelsch-Sprachführer, ReiseKnowHow)

Hintergrund:

  • Kaukasus / Verteidigung der Zukunft (folio) 24 Autoren auf der Suche nach Frieden
  • Pulverfass Kaukasus: Konflikte am Rande des russ. Imperiums (Ch.Links)
  • Georgien, ein Paradies in Trümmern (Aufbau Verlag) nicht mehr aktuell, aber interessant
  • Abchasien: Kaukasuskrieg 2008, Abchasen, Massaker von Sochumi 1993, … (Bucher Gruppe)
  • Abkhazia: Empty land, Promised land, Forbidden land (The Sochi Project) eine ausgiebige Erkundungsreise 2010 mit Photoimpressionen
  • Internet: http://www.mfaabkhazia.net/en/front_page
  • Odessa Transfer: Nachrichten vom Schwarzen Meer (Suhrkamp) 13 literarische Reportagen

Literatur

  • Fasil :Iskander: Sandro aus Tschegem (u.a.) (Fischer) + diverse weitere Bücher mit Geschichten aus Abchasien: witzig,sarkastisch!
  • Clemens Eich: Aufzeichnungen aus Georgien (Fischer)
  • Philip Marsden: Im Land der Federn (Klett-Cotta)
  • Isaac Babel: Geschichten aus Odessa (ISBN 3-518-22151-5)
  • Janet Skeslien Charles: Mond über Odessa (Bertelsmann)

 

 

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